Sa, 16. Oktober 2010

Berliner Philharmoniker
Andris Nelsons

Baiba Skride

  • Alban Berg
    Violinkonzert »Dem Andenken eines Engels« (37:11)

    Baiba Skride Violine

  • Dmitri Schostakowitsch
    Symphonie Nr. 8 c-Moll op. 65 (01:12:56)

  • kostenlos

    Baiba Skride und Andris Nelsons im Gespräch mit Stanley Dodds (20:00)

Im Mittelpunkt dieses philharmonischen Konzerts steht die nachrückende Musikergeneration mit gleich zwei Debüts. Die Geigerin Baiba Skride hat sich auf zahlreichen CDs als zugleich impulsive und scharfsinnige Künstlerin empfohlen. Andris Nelsons wiederum wurde vom Tagesspiegel bereits als »größte und schönste Hoffnung am internationalen Dirigentenhimmel gefeiert« – eine Einschätzung, die der neue Chefdirigent des City of Birmingham Symphony Orchestra mit viel bestaunten Debüts an der Wiener Staatsoper, an der Met und zuletzt bei den Bayreuther Festspielen zu bestätigen scheint.

Trauer und Verzweiflung, formuliert in der Musiksprache des 20. Jahrhunderts – das ist die inhaltliche  Klammer der beiden Werke des Abends. Wobei es im einen Fall um ein persönliches Unglück geht, im anderen um die globale Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Am Beginn steht Alban Bergs Violinkonzert mit dem Untertitel »Dem Andenken eines Engels«. Gemeint ist damit Alma Mahlers Tochter Manon Gropius, die im Frühjahr 1935 mit nur 18 Jahren starb. »Ich will brieflich nicht versuchen, dort Worte zu finden, wo die Sprache versagt«, schrieb Berg an Alma Mahler, »aber dennoch: eines Tages mag Dir aus dem Violinkonzert das erklingen, was ich fühle, und wofür ich heute keinen Ausdruck finde.« Seine Erschütterung hat Berg nicht daran gehindert, an seinen kompositionstechnischen Ansprüchen festzuhalten und mit diesem Werk das erste zwölftönige Violinkonzert der Geschichte vorzulegen.

Auch in Schostakowitschs Achter Symphonie, die in der zweiten Hälfte unseres Konzerts erklingt, verbindet sich eine fein austarierte Textur mit überwältigender Ausdruckskraft. Das 1943 vollendete Werk reflektiert die Brutalität des Krieges ebenso wie das Trauern der Menschen. Sogar der leere Pomp militärischer Aufmärsche wird in diesem vielgestaltigen Panorama aufgegriffen und mit einer messerscharfen Parodie entlarvt.

 

Subjektive und kollektive Leidenserfahrungen aus dem 20. Jahrhundert

Alban Bergs Violinkonzert und Dmitri Schostakowitschs Achte Symphonie

Zwischen Alban Berg und Dmitri Schostakowitsch gibt es bei allen Unterschieden doch auch Gemeinsamkeiten. Der »Neutöner« Berg berief sich in seinen Kompositionen immer wieder auf klassische Formen; Schostakowitsch war einer der letzten Komponisten des 20. Jahrhunderts, der Symphonien im großen Stil schrieb. Berg und Schostakowitsch hatten ein großes Vorbild: Gustav Mahler. Bergs Wozzeck, mehr noch Lulu und Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk sind »Seelenverwandte«: Berg geht mit der Wahl des wedekindschen Sujets (Lulu) abgründigen Seiten der bürgerlichen Gesellschaft des Fin de Siècle nach; Schostakowitsch macht in seiner Oper nach Nikolai Leskows Novelle eine Ehebrecherin und Gattenmörderin zur »Heldin«. Schließlich haben Bergs Violinkonzert und Schostakowitschs Achte eine besondere Gemeinsamkeit: Sie entstanden aufgrund gravierender Erfahrungen mit individuellem Leid (bei Berg: Tod eines geliebten Menschen) und kollektiver Deprivation (bei Schostakowitsch: Leiden eines Volkes im Zweiten Weltkrieg).

Leicht verständlich und hoch kompliziert

Mit dem Violinkonzert von Alban Berg verhält es sich eigentümlich paradox. Einerseits gilt es als »leicht verständlich«, erschließt sich dem Hörer fast unmittelbar – nicht der Normalfall für ein Werk der Neuen Wiener Schule. Andererseits handelt es sich um eine hoch komplizierte Komposition, minutiös durchorganisiert, und nicht leicht aufzuführen. Zur Ambivalenz trägt ein Weiteres bei: Dieses erste streng zwölftönig komponierte Solokonzert steht unüberhörbar in der klassischen Tradition. Berg bezieht tonale Reminiszenzen in die Komposition mit zwölf Tönen ein, darin unterscheidet er sich von Schönberg und Webern.

Der äußere Anlass zur Komposition war ein Auftrag des aus der Ukraine stammenden amerikanischen Geigers Louis Krasner (1903 – 1995), der Berg im Frühjahr 1935 bat, ein Konzert für ihn zu schreiben. Zum äußeren Anlass kam ein innerer: Am 22. April 1935 starb Manon Gropius, Alma Mahlers 19-jährige Tochter aus der kurzen Ehe mit Walter Gropius, an Kinderlähmung. Berg, ein Freund des Ehepaars Mahler-Werfel, war tief erschüttert; er unterbrach die Arbeit an seiner Oper Lulu und begann wenige Tage später am Wörthersee die Komposition des Violinkonzerts – mit dem Vorsatz, »Wesenszüge des jungen Mädchens [Manon] in musikalische Charaktere umzusetzen«. Er schrieb wie im Fieber, ja »wie ein Rasender« (Mitteilung an Anton Webern) und vollendete das Konzert nach nur vier Monaten am 15. Juli 1935; vier Wochen später lag die Partitur in Reinschrift vor.

Das Konzert besteht aus zwei Sätzen, die ihrerseits zweiteilig gebaut sind (Andante – Allegretto, Allegro – Adagio). Das dreiteilige Andante kann als Charakterisierung der jungen Manon Gropius gedeutet werden. Eigentümlich, fast irritierend ist der Beginn: Der Solist streicht sehr zart und zögernd über die leeren Saiten der Geige, als ob er sich und sein Instrument einstimmen wolle. Ohne Unterbrechung folgt ein Scherzo mit zwei Trios (Allegretto) – mit Walzer- und Ländler-Anklängen (Reminiszenzen an Mahler) und der Kärntner Volksweise »Ein Vogerl auf’m Zwetschgenbaum«, freundlich, heiter gestimmt. Der zweite Satz »schildert« Krankheit und Tod der Manon Gropius. Im Allegro kulminiert das Geschehen, erreicht das Konzert überhaupt seinen dramatischen Höhepunkt mit einem fast brutalen Ausbruch des Orchesters, unterbrochen von der Kadenz der Violine. Daran schließt sich das Adagio an mit dem zunächst in den Holzbläsern intonierten Choral »Es ist genug« aus Johann Sebastian Bachs Kantate »O Ewigkeit, du Donnerwort«, der zweimal variiert wird. Am Ende schwingt sich die Violine in gleichsam transzendente Höhen, ins Immaterielle auf, ist noch einmal der Beginn des Konzerts zu hören – es herrscht ein traurig-schmerzlicher Ton, man hört ein »Bild des Abschieds« (Willi Reich) mit vielleicht doch auch versöhnlichen Zügen.

Requiem für die Opfer des Kriegs

Programmatisch darf man die Symphonie Nr. 8 c-Moll op. 65 verstehen, die Dmitri Schostakowitsch in nur 40 Tagen im Sommer des Jahres 1943 während eines Arbeitsaufenthaltes im Haus des sowjetischen Komponistenverbandes in Iwanowo schrieb. Das Werk entstand zu einem Zeitpunkt, da sich die Wende im Krieg abzeichnete: Stalingrad war freigekämpft, die Rote Armee hatte mit der entscheidenden Offensive gegen die deutschen Truppen begonnen. Ist die größtenteils im belagerten Leningrad komponierte Siebte Symphonie, die Leningrader, ein Werk des Protests gegen die deutschen Invasoren, das siegesgewiss endet, so »handelt« die Achte überwiegend von den Auswirkungen des schrecklichen Kriegs, dem großen Leid, dass er über die Menschen in der Sowjetunion brachte. Doch hat sie neben unüberhörbar traurigen und resignativen Zügen auch verhalten positive und visionäre. Schostakowitsch betonte in einem Interview, das Werk spiegle seine Gedanken, Gefühle und Seelenzustände in Verbindung mit den freudigen Nachrichten über die ersten Siege der Roten Armee. Zugleich habe er versucht, die Nachkriegsepoche vorwegzunehmen. Die ideell-philosophische Konzeption seiner Symphonie charakterisierte er mit den Worten: »alles Dunkle und Schändliche wird vergehen; alles Schöne wird triumphieren.«

Die Moskauer Uraufführung der Achten Symphonie durch das Staatliche Symphonieorchester der UdSSR unter Leitung von Jewgenij Mrawinskij am 3. November 1943 im Rahmen der Feierlichkeiten zum Jahrestag der Oktoberrevolution war ein großer Erfolg. Die Meinungen der Kritiker waren indes geteilt. Die einen warfen dem Komponisten neben konstruktiven Mängeln programmatische vor – wie »expressionistische Verschrobenheit«, das »Überwiegen düsterer Farben« und die Zeichnung des Bildes »eines müden, vom Krieg gebrochenen Menschen« im Finale. Andere betonten die Größe des Werks. Es sei »ein großartiges Dokument, das von unseren komplizierten und schweren Zeiten erzählt« (Schostakowitsch-Biograf Iwan Martynow), ein »episches Lied von tragischem Inhalt und von der grenzenlosen Fähigkeit des menschlichen Herzens, Leid zu ertragen« (Komponist Boris Assafjew).

Formal erinnert Schostakowitschs Achte an Symphonien Mahlers. Sie besteht aus drei symmetrisch angelegten »Abteilungen«. Dem ersten Satz entsprechen in ihrer zeitlichen Ausdehnung die ineinander übergehenden Sätze 3 bis 5. In der Mitte steht das kurze (etwa 7 Minuten dauernde) Allegretto. Den Beginn der Symphonie bildet ein ausgedehntes Adagio mit einem rufartigen Motto der Streicher, auf das ein dunkel getöntes Geigenthema antwortet. Die Exposition ist größtenteils den Streichern und Holzbläsern anvertraut, sie symbolisieren den Ton des Leids. Die dramatische Durchführung ist polyfon, am Ende des Satzes wird es sehr dissonant. Das folgende Allegretto ist ein Scherzo in Rondoform, marschartig, aggressiv, mit grotesken Zügen. »Hinter der effektvollen Exzentrik verbirgt sich ein tiefer Sinn: Die Bilder des Bösen werden auf einen grotesken, satirischen Hintergrund projiziert« (Lew Danilewitsch). Vor allem der Mittelsatz Allegro non troppo mit seiner »Marcatissimo«-Figur steht für die Unmenschlichkeit des Kriegs. Rhythmisch erinnert er an die Form der Toccata, die Melodik ist bewusst einfach und – nicht erst durch das Gassenhauer-Thema der Trompete – banal. Auf seinem gewaltigen Höhepunkt mündet er in das Largo, einen ruhig-friedvollen, meditativen Satz, für den Schostakowitsch die Form der Passacaglia wählte. Das Finale Allegretto steht zwar in der lichten Tonart C-Dur, verbreitet aber keine affirmativ-positive Stimmung. Dagegen sprechen unter anderem die kammermusikalischen Passagen, der Einbruch der »kriegerischen« Thematik aus dem Kopfsatz sowie der Schluss – klein besetzt und pianissimo.

Helge Grünewald


Andris Nelsons wurde als Kind einer Musikerfamilie in Riga geboren. Er begann seine Laufbahn als Trompeter im Orchester der Lettischen Nationaloper sowie als mit diversen Preisen ausgezeichneter Sänger (u. a. Großer Lettischer Musikpreis für herausragende Leistungen). Nach Abschluss eines Studiums in Riga wurde er Schüler von Alexander Titov in St. Petersburg; seit 2002 wird ervon Mariss Jansons unterrichtet. Von 2003 bis 2007 war Andris Nelsons Musikdirektor der Lettischen Staatsoper, im Folgejahr übernahm er in gleicher Funktion das City of Birmingham Symphony Orchestra, mit dem er Mitte September 2009 auch beim musikfest berlin 09 in der Philharmonie auftrat. Ebenfalls 2009 beendete der Künstler eine Tätigkeit als Chefdirigent der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford. In der vergangenen Spielzeit leitete Andris Nelsons Aufführungen am Royal Opera House Covent Garden, an der Metropolitan Opera New York sowie an der Wiener Staatsoper und wurde von allen drei Häusern zur weiteren Zusammenarbeit eingeladen. Bei den Bayreuther Festspielen debütierte er in diesem Sommer als Dirigent einer Neuproduktion des Lohengrin in der Regie von Hans Neuenfels. Zu den internationalen Spitzenorchestern, bei denen Andris Nelsons in der Vergangenheit bereits gastierte, zählen das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Staatskapelle Berlin, das Philharmonia Orchestra London und das Tonhalle-Orchester Zürich. In Konzerten der Berliner Philharmoniker ist er nun erstmals zu erleben.

Baiba Skride stammt aus Lettland, wuchs in einer Musikerfamilie auf und begann das Violinstudium in ihrer Geburtsstadt Riga. Von 1995 an unterrichtete Petru Munteanu sie an der Hochschule für Musik und Theater Rostock, 2001 gewann sie den Ersten Preis beim Concours Reine Elisabeth in Brüssel. Inzwischen gastierte Baiba Skride bereits bei Orchestern von Weltrang wie dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Gewandhausorchester Leipzig, dem London Philharmonic Orchestra und dem Tonhalle Orchester Zürich; bei den Berliner Philharmonikern gibt sie in diesen Konzerten ihr Debüt. Zu den Dirigenten, mit denen Baiba Skride zusammenarbeitet, zählen Paavo und Neeme Järvi, Kirill Petrenko, Simone Young, Donald Runnicles, Mario Venzago, Thierry Fischer, sowie Andris Nelsons und Mikko Franck. Wichtigste Partnerin bei den kammermusikalischen Aktivitäten der Geigerin ist ihre Schwester, die Pianistin Lauma Skride, mit der sie als Duo seit vielen Jahren in aller Welt große Erfolge feiert. Das Usedomer Musikfestival – in diesem Spätsommer Baiba Skrides Heimat Lettland gewidmet – hat sie als »Artist in Residence« verpflichtet. Die Künstlerin spielt die »Wilhelmj« genannte Violine von Antonio Stradivari aus dem Jahr 1725, eine großzügige Leihgabe der Nippon Music Foundation.

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