Arcadi Volodos spielt Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1

Sa, 18. Dezember 2010

Berliner Philharmoniker
Neeme Järvi

Arcadi Volodos

  • Nikolai Rimsky-Korsakow
    Suite aus der Ballett-Oper Mlada (19:10)

  • Peter Tschaikowsky
    Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 23 (43:48)

    Arcadi Volodos Klavier

  • Sergej Tanejew
    Symphonie Nr. 4 c-Moll op. 12 (45:56)

Tschaikowskys Erstes Klavierkonzerten ist ein Werk, in dem gewaltige Popularität und reiche musikalische Substanz glücklich miteinander verschmelzen. Hans von Bülow, Solist der Uraufführung von 1875 und späterer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, urteilte: »Die Ideen sind so originell, so edel, so kraftvoll, die Details so interessant. Die Form ist so vollendet, so reif, so stilvoll - in dem Sinne, daß sich Absicht und Ausführung überall decken.« Jetzt führen die Berliner Philharmoniker und Neeme Järvi das Werk mit dem russischen Pianisten Arcadi Volodos auf.

Volodos hat 1997 mit einer Solo-CD von halsbrecherischer Virtuosität für Aufsehen gesorgt. Drei Jahre später folgte seine erste Aufnahme mit Orchester: ein Mitschnitt seines Debüts bei den Berliner Philharmonikern mit Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 3. Die englische Zeitschrift Gramophone befand damals, Volodos' Interpretation sei von »kaltblütiger Meisterschaft«. Weiter heißt es: »In seinem raketengleichen Beginn des Finales gibt es keinen Zweifel, an der Echtheit seines virtuosen Donners. ... Volodos' technisches und musikalisches Können wird selbst den größten Pianisten den Wind aus den Segeln nehmen.«

Neben dem Tschaikowsky-Konzert sind an diesem Abend zwei unbekanntere russische Werke zu hören, die beide westliche Vorbilder aufgreifen und die beide erstmals von den Berliner Philharmonikern gespielt werden. Am Beginn steht eine Tanzsuite aus Nikolaj Rimsky-Korsakows Ballett-Oper Mlada, in der sich hörbare Nachklänge einer Petersburger Inszenierung von Wagners Ring des Nibelungen finden. Die zweite Konzerthälfte wird von der Vierten Symphonie von Sergej Tanejew beherrscht. Der Tschaikowsky-Schüler Tanjew war ein leidenschaftlicher Anhänger des barocken Kontrapunkts, und so klingt beispielsweise der zweite Satz seiner Vierten Symphonie fast wie eine aparte Gemeinschaftsarbeit mit Georg Friedrich Händel.

Identitäts-Erfindung

Werke der russischen Komponisten Tanejew, Rimsky-Korsakow und Tschaikowsky

Zur Zeit Beethovens noch krass unterentwickelt, vollführte das russische Musikleben ab 1860 gleich mehrere Quantensprünge in die Zukunft. Bis heute besteht eine Kluft, eine Art symphonisches Interregnum zwischen der Generation Tschaikowskys (geboren 1840) und derjenigen Skrjabins und Rachmaninows (geboren 1872 bzw. 1873). Sie besteht jedoch nur im internationalen Repertoire; in Russland überbrücken seit eh und je zwei bedeutende spätromantische Symphoniker diese Kluft, nämlich Alexander Glasunow und Sergej Tanejew. Im Westen zählt bisher nur Glasunows Violinkonzert zum Repertoire. Aber auch bei uns tut sich etwas: So erklangen hierzulande in den letzten Jahren wiederholt Kammermusikwerke von Sergej Tanejew und seine Vierte Symphonie c-Moll op. 12. Heute Abend feiert die Vierte ihre Premiere bei den Berliner Philharmonikern.

Die Symphonie wurde 1898 vollendet. Sie erschien 1901 bei Belaieff in Leipzig als Nr. 1, ist aber tatsächlich die vierte und letzte Symphonie Tanejews. Das Werk kennzeichnet eine außergewöhnliche Balance von Inspiration und Konstruktion. Tanejew pflegte in einem aufwändigen Verfahren das kontrapunktische Potenzial seiner Themen zu erproben, bevor er sich an die Arbeit machte. Erstaunlicherweise gelang es ihm in der Vierten, die Spuren dieser abstrakten Arbeit vollständig zu tilgen. Für das Verständnis des Werks ist es nicht nötig, die Zusammenhänge im Einzelnen zu kennen. Zwar prägt das mit schneidender Energie über den Hörer hereinbrechende Hauptmotiv mehrere Themen im ersten und letzten Satz, auch zwischen den Binnensätzen bestehen untereinander und wiederum mit den Ecksätzen geheime Beziehungen – doch die Wirkung dieser Musik resultiert in erster Linie aus dem markanten Profil der Themen und ihrer rauschhaften, geradezu hypnotisierenden Verarbeitung.

Tanejew hat mehr zu bieten als seinen berüchtigten schroffen Ton; in gleichem Maße stechen auch das an Tschaikowsky erinnernde Walzerthema des Allegro molto hervor und der weit ausschwingende Lyrismus im Adagio, des längsten Satzes der Symphonie. Das Scherzo vermittelt etwas vom skurrilen Charakter des Komponisten, der Lieder auf Esperanto-Texte schrieb und kleine Symphonien für Spielzeuginstrumente. Mag Tanejew, ein eifriger Leser Spinozas, noch so sehr Willensmensch gewesen sein, mag der hinreißende Sturmlauf des Finalsatzes gar »den Sieg des strengen Denkens […] über Versuchungen des Gefühls« verkünden, wie nach 1917 gern betont wurde, so geht diesem Sieg doch einer der leidenschaftlichsten Kämpfe voran, den die russische Symphonik kennt.

Obwohl Nikolai Rimsky-Korsakow der erste Komponist des »Mächtigen Häufleins« war, der sich einem seriösen Studium unterzogen und dann sogar eine Professur übernommen hatte, mangelte es ihm an ausgeprägtem Formbewusstsein. Seine drei Symphonien zeigen eine Bevorzugung des Rhapsodischen gegenüber klassischen Strukturmodellen. Nicht zufällig dominieren Opern in seinem Œuvre. Auf diesem Gebiet erwies er sich als unermüdlicher, vielseitiger Innovator. Bei der Zauber-Ballett-Oper Mlada handelte es sich ursprünglich um eine Gemeinschaftsarbeit von Rimsky-Korsakow, Léon Minkus, Alexander Borodin, César Cui und Modest Mussorgsky. Das Projekt scheiterte, Rimsky-Korsakow führte es 1889/90, mit 20-jähriger Verspätung, unter eigenem Namen zu Ende. Mlada fiel beim Publikum durch, beeindruckte aber den jungen Igor Strawinsky nachhaltig.

Die Mlada-Suite für Orchester gibt nur sehr unzureichend den Verlauf der Oper wieder. In der Introduktion wird ein märchenhaftes, heidnisches Russland beschworen, im Finale der Suite erklingt die Prozessions-Szene des 2. Akts. Die drei Binnensätze entstammen der dramaturgisch sinnlosen Traumszene an Kleopatras Hof. Auch das Zwitter-Genre von Mlada, halb Ballett und halb Oper, wurde stets kritisiert. Rimsky-Korsakow verwendet hier die schwer gepanzerte Instrumentation Wagners. Die Erstaufführung der Nibelungen-Tetralogie in Sankt Petersburg 1889 bedeutete einen Wendepunkt in der russischen Musikgeschichte. Selbst Tanejew ging jetzt die Partituren Wagners genau durch und bequemte sich in kleinem Kreis zu positiven Urteilen, wenn er auch offiziell Anti-Wagnerianer blieb.

Tanejews Bedeutung für das russische Musikleben beruhte neben seinen Kompositionen und Schriften und seiner 28 Jahre währenden Tätigkeit am Moskauer Konservatorium auch auf seinem pianistischen Können. Bereits mit zehn Jahren war er von Nikolai Rubinstein in das neu gegründete Konservatorium aufgenommen worden. Sein Lehrer in den Fächern Harmonie, Instrumentation und Komposition hieß Peter Tschaikowsky. Zwischen ihnen entwickelte sich schon früh eine enge Freundschaft, die sich auch dadurch auszeichnete, dass der eine die Werke des anderen gnadenlos kritisieren durfte. Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 23 fand Tanejew ausnahmsweise akzeptabel, er spielte im Dezember 1875 die Moskauer Erstaufführung. Rubinstein, der ursprünglich vorgesehene Widmungsträger, hatte das b-Moll-Konzert als »völlig unspielbar, trivial, vulgär« abgelehnt, was Tschaikowsky nicht davon abhielt, das Manuskript ohne die geringste Änderung zum Drucker zu geben. Die Uraufführung bestritt Hans von Bülow in Boston. Auf dem Autograf findet sich eine Widmung an Tanejew, die dann jedoch zugunsten des renommierten Bülow gestrichen wurde. Erst 1878 begann der internationale Siegeslauf des Konzerts, als ein reumütiger Rubinstein damit bei der Pariser Weltausstellung für Furore sorgte.

Ungeachtet seiner Beliebtheit ist dieses Konzert hinsichtlich Struktur, Harmonik und Klang überhaupt nicht konventionell. So steht die Hörnereröffnung des Kopfsatzes in b-Moll, die Einleitung moduliert dann aber sofort nach Des-Dur, der Satz endet in B-Dur. Dieses berühmte Einleitungsmotiv geht auf ein ukrainisches Volkslied zurück, das Tschaikowsky von einem Straßensänger in der Nähe Kiews hörte. Aus ihm ist das erste Thema entwickelt, dessen Auftreten in den Streichern heftig konterkariert wird von wilden Akkordsprüngen des Pianisten über die gesamte Klaviatur; wenn dieses Thema dann erstmals im Soloinstrument erscheint, wirkt es durch zornige Doppelschläge wie entstellt. Mit dem zweiten Thema springt Tschaikowsky ebenfalls sehr eigenwillig um, er verweigert ihm nämlich ein erkennbares tonales Zentrum, und das dritte Thema beansprucht in der Durchführung ungewöhnlich viel Raum, um schließlich auch noch die Kadenz zu beherrschen und den ganzen Satz abzuschließen.

Die Komplexität dieses Allegro non troppo e molto maestoso führte dazu, dass im Laufe der Zeit häufig Änderungen und Kürzungen vorgenommen wurden – von unzähligen Pianisten und auch von Tschaikowsky selbst. Die Sätze zwei und drei sind weniger provokativ. Im träumerischen Andantino semplice findet sich als Mittelteil das französische Chanson »Il faut s’amuser, danser et rire« (Man muss sich vergnügen, tanzen und lachen), das Rondo-Finale Allegro con fuoco verwendet als Hauptthema wiederum ein Volkslied aus der Ukraine.

Tanejews Vertrautheit mit dem Stil seines Lehrers und das Privileg rückhaltloser Kritik hatten mitunter fatale Folgen. So maßte sich Tanejew an, nach Tschaikowskys Tod dessen Drittes Klavierkonzert Es-Dur nur in Einzelteilen zu veröffentlichen. Generell vertrat Tanejew die Auffassung, Tschaikowsky komponiere zu schnell und zu sorglos. Tschaikowsky wiederum fürchtete, Tanejews kreative Flamme könne unter zu viel Gelehrsamkeit ersticken. Beide haben sich geirrt. In Russland sind sie Klassiker. Und vielleicht auch bald weiter westlich.

Volker Tarnow

Neeme Järvi steht als Chefdirigent an der Spitze des Residentie Orkest Den Haag und ist Erster Dirigent des Estnischen Nationalen Symphonieorchesters sowie Erster Gastdirigent des Japan Philharmonic Orchestra. In Tallinn (Estland) geboren, studierte Neeme Järvi zunächst an der Musikschule seiner Heimatstadt, später am Leningrader Konservatorium bei Nikolaj Rabinowitsch und Jewgeny Mrawinsky. 1963 wurde er Chefdirigent und Musikdirektor des Rundfunk-Orchesters von Estland; im selben Jahr gründete er das Rundfunk-Kammerorchester Tallinn. Zwischen 1966 und 1969 war Neeme Järvi Chefdirigent der Estnischen Nationaloper. Es folgten Verpflichtungen bei den Göteborger Symphonikern und beim Royal Scottish National Orchestra. 1980 emigrierte der Dirigent mit seiner Familie in die USA, wo er anschließend bei allen großen Orchestern (u. a. beim New York Philharmonic und beim Philadelphia Orchestra) gastierte. Von 1982 bis 2004 leitete er die Göteborger Symphoniker, zwischen 1984 und 1990 außerdem das Royal Scottish National Orchestra sowie in den Jahren 1990 bis 2005 das Detroit Symphony Orchestra; diesen drei Orchestern steht er nach wie vor als Ehrendirigent bzw. Musikdirektor ehrenhalber zur Seite. Zudem hat das New Jersey Symphony Orchestra ihn zu seinem Ehrendirigenten und Künstlerischen Berater ernannt. In seiner Heimat und im Ausland vielfach für sein künstlerisches Schaffen ausgezeichnet, ist Neeme Jäarvi ein begehrter Gastdirigent der Spitzenorchester in aller Welt. Bei den Berliner Philharmonikern gab er Mitte Juni 1990 sein Debüt mit Werken von Pärt, Prokofjew und Tschaikowsky; zuletzt dirigierte er sie Anfang März dieses Jahres mit Werken von Johannes Brahms, Carl Maria von Weber und Edvard Grieg.


Arcadi Volodos wurde 1972 in Leningrad (heute St. Petersburg) geboren. Dort studierte er zunächst Gesang und Dirigieren, ehe er sich von 1987 an auch ernsthaft dem Klavierspiel widmete. Er setzte seine Ausbildung an den Konservatorien und Hochschulen in Moskau, Paris und Madrid fort. Seit seinem New Yorker Debüt im Jahre 1996 hat der Pianist mit vielen internationalen Spitzenorchestern (z. B. Israel Philharmonic Orchestra, Concertgebouworkest Amsterdam, London Philharmonic Orchestra, Tonhalle-Orchester Zürich, New York Philharmonic Orchestra, Boston, Chicago und San Francisco Symphony Orchestras) sowie mit Dirigenten wie Vladimir Ashkenazy, Riccardo Chailly, Valery Gergiev, James Levine, Zubin Mehta und Seiji Ozawa zusammengearbeitet. Hinzu kommen Klavierabende u. a. in New York, Paris, Amsterdam oder in der Berliner Philharmonie. Seit 2002 gastiert der mit vielen Auszeichnungen geehrte Künstler außerdem regelmäßig bei den Salzburger Festspielen. Auch bei den Berliner Philharmonikern war Arcadi Volodos nach seinem Debüt im Jahr 1997 wiederholt zu erleben, zuletzt Anfang Oktober 2005 an drei Abenden unter der Leitung von Markus Stenz als Solist im Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll op. 16 von Sergej Prokofjew.

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