Sa, 30. August 2014

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

  • Sergej Rachmaninow
    Symphonische Tänze op. 45 (38:43)

  • Igor Strawinsky
    LʼOiseau de feu (Der Feuervogel) Ballettmusik (58:32)

  • kostenlos

    Die Berliner Philharmoniker begrüßen die neue Saison (8:59)

Der »letzte Romantiker« und das Enfant terrible der klassischen Moderne: Mit umjubelten Aufführungen von Rachmaninows Chorsymphonie Die Glocken und Igor Strawinskys skandalumwitterter Ballettmusik Le Sacre du printemps widmeten Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker bereits im November 2012 ein Konzertprogramm der Musik zweier russischer Komponisten, deren Leben denkbar konträr verlief. Rachmaninow flüchtete 1917 vor der russischen Oktoberrevolution über Skandinavien und die Schweiz in die USA, wo er eine zweite Karriere als Klaviervirtuose einschlug. Gegen Ende seines Lebens musste er sich eingestehen: »Die ganze Welt steht mir offen, nur ein Platz ist mir verschlossen, und das ist mein eigenes Land, Russland.«

Wie anders verlief das Leben des neun Jahre jüngeren Igor Strawinsky! Als 26-Jähriger wurde er 1909 von den Ballets russes beauftragt, einige Klavierstücke von Edvard Grieg und Frédéric Chopin zu orchestrieren. Ein Jahr später machte ihn die Uraufführung von L’Oiseau de feu dann zu einer Berühmtheit. Die Welt stand Strawinsky offen, und als Kosmopolit par excellence war ihm fortan nichts fremder als Heimweh. Zum Auftakt der Saison 2014 /2015 setzen Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker nun Rachmaninows heimliche Vierte Symphonie – die wehmütig von der musikalischen Romantik Abschied nehmenden Symphonischen Tänze op. 45 – und Igor Strawinskys brillante, in allen nur denkbaren orchestralen Farben schillernde Feuervogel-Musik auf das Programm.

Russland – for ever und pour toujours

Anmerkungen zu Sergej Rachmaninow und Igor Strawinsky

»In diesem verfluchten Land gibt es nichts als Amerikaner, die überall ihrem ewigen ›business, business‹ nachgehen, einen von allen Seiten bedrängen und unentwegt antreiben. Ich habe sehr viel zu tun und bin sehr müde. Mein ständiges Gebet ist: Gott, gib mir Kraft und Geduld. Alle Leute sind nett und freundlich zu mir, aber das alles langweilt mich entsetzlich, und ich habe das Gefühl, dass mein Charakter hier ganz verdorben wird.«

Im Exil – Sergej Rachmaninow

Als Sergej Rachmaninow 1909 seine erste Amerika-Tournee unternahm und diese Briefzeilen an die Cousine Soja Pribitkowa schrieb, ahnte er wohl kaum, dass »dieses verfluchte Land« nicht einmal zehn Jahre später seine zweite Heimat sein würde. Aber was heißt »Heimat«: Im Gegensatz zu anderen russischen Emigranten wie Vladimir Horowitz, Sergej Kussewitzky, Nathan Milstein oder Igor Strawinsky hat Rachmaninow nie die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragt; er ist seinem Wesen, seinem Status und seiner Musik nach Russe geblieben.

In der Sowjetunion hat man ihm seine Übersiedlung in die Vereinigten Staaten lange nicht verziehen, ihn als Abtrünnigen verunglimpft und sein kompositorisches Schaffen nach 1917 mit Verachtung gestraft. In Amerika dagegen wurde Rachmaninow zwar mit offenen Armen empfangen und er feierte dort als Pianist, Komponist und Dirigent gleichermaßen spektakuläre Erfolge, doch die amerikanische Musikwelt hat ihn nie wirklich als einen der ihren betrachtet. So war und blieb er ein Fremder, der auch (oder vielleicht: gerade) während der Jahre des amerikanischen Exils dem russischen Temperament seiner musikalischen Sprache die Treue hielt: Die Drei russischen Volkslieder op. 41 für Chor und Orchester bezeugen es ebenso wie seine Dritte Symphonie op. 44 oder die drei Symphonischen Tänze, die von dem Freundeskreis russischer Emigranten als »Klänge der Heimat« angesehen wurden.

Die Symphonischen Tänze

Die Symphonischen Tänze – Rachmaninows 45. und letztes Opus – wurden am 29. Oktober 1940 in New York beendet und am 3. Januar 1941 vom Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy (denen sie auch gewidmet sind) uraufgeführt; kurz darauf ließ der Komponist der Orchesterpartitur noch eine Fassung für zwei Klaviere folgen. Ursprünglich sollte das Werk Fantastische Tänze heißen und programmatische Satzüberschriften tragen: Mittag, Zwielicht und Mitternacht. Nicht nur der ungewöhnliche Vermerk »Ich danke Dir, Herr« auf der letzten Seite des Manuskripts deutet darauf hin, dass Rachmaninow diesem Werk besondere Bedeutung zumaß; erstaunlich ist auch die Vielzahl von Anspielungen auf frühere Kompositionen, so als habe Rachmaninow hier noch einmal alles Gewesene Revue passieren lassen: Das Saxofon-Solo des ersten Tanzes erinnert zum Beispiel an den Beginn der Symphonie Nr. 3, einige Takte später klingen das Ende der Étude-Tableau op. 33 Nr. 7 und der erste Chorsatz der Kantate Die Glocken an, während die Coda aus der Suite op. 17 für zwei Klaviere und der Ersten Symphonie stammt. Der zweite Tanz – eine Art Valse triste – ist weitgehend frei von solchen Selbstzitaten, während der dritte über weite Strecken hinweg auf ältere Werke zurückgreift: Da ist zum einen das »Dies irae«, das Rachmaninow schon in seiner Ersten Symphonie, in den Glocken, in der Symphonischen Dichtung Die Toteninsel und in der Paganini-Rhapsodie verarbeitet hatte; zum anderen aber ist das ganze letzte Drittel des Satzes nichts anderes als eine Paraphrase der Nummer 9 der Chor-Vesper op. 37, auf die Rachmaninows Randnotiz »Alliluya« im Manuskript der Symphonischen Tänze ausdrücklich hinweist: Russland for ever!

Igor Strawinsky

Ob sich Rachmaninow und der neun Jahre jüngere Igor Strawinsky je in Russland begegnet sind, ist ungewiss. Beide hatten keine sonderlich hohe Meinung voneinander: Rachmaninows Werke seien »grandiose Filmmusik«, lästerte Strawinsky, während Rachmaninow von diesem nur zwei Partituren schätzte: Petruschka und Der Feuervogel. »Mein Gott, das ist so viel mehr als nur ein Geniestreich – das ist das echte Russland!«, soll er mit Tränen in den Augen ausgerufen haben, als er in den 1940er-Jahren eine Rundfunkübertragung des Feuervogel hörte.

Im Sommer 1942 kam es im kalifornischen Exil dann doch zu einem persönlichen Treffen. Rachmaninow hatte seinen Biografen Sergej Bertensson um Vermittlung gebeten: »Ich weiß wohl, wie wenig Igor Fjodorowitsch meine Kompositionen seit jeher schätzt, auch wenn er mich als Pianisten respektiert, und ihm dürfte auch meine Haltung gegenüber moderner Musik bekannt sein. Ich bin mir daher nicht sicher, ob ich ihn und seine Frau einfach zu uns nach Hause einladen kann…« Igor und Vera Strawinsky sagten herzlich gern zu, und der Abend verlief im angeregten Gespräch über alles Mögliche – außer über Musik. Kurz darauf statteten Rachmaninow und seine Frau Natalja den Strawinskys einen Gegenbesuch ab.

L’Oiseau de feu (Der Feuervogel)

In demselben Jahr 1909, in dem Sergej Rachmaninow seine erste Amerikareise unternahm, richtete der Kunstkritiker und Impresario Sergej Diaghilew am Pariser Théâtre du Châtelet zum vierten Mal eine Saison russe aus. An insgesamt 25 Abenden lösten Werke wie die Polowetzer Tänze aus Alexander Borodins Oper Fürst Igor, das Chopin-Ballett Les Sylphides oder Nikolai Tscherepnins Le Pavillon d’Armide einen solchen Rausch der Begeisterung aus, dass man es kaum erwarten konnte, bis die Ballets russes im nächsten Jahr wiederzusehen.

Gleich nach seiner Rückkehr ins heimische Russland begann Diaghilew mit der Planung der 5. Pariser Saison russe. Waren es 1909 noch durchweg ältere Werke und Choreografien gewesen, denen das Publikum zugejubelt hatte, wollte er im darauf folgenden Jahr wenigstens zwei Uraufführungen auf die Bühne bringen: zum einen Michail Fokins drame chorégraphique nach Nikolai Rimsky-Korsakows Scheherazade, zum anderen ein Ballett nach dem alten russischen Volksmärchen vom жар-птица – dem Feuervogel, der dem tapferen Iwan Zarewitsch dabei hilft, die 13 Prinzessinnen zu befreien, die der böse Zauberer Kaschtschei gefangen hält. Diaghilew wandte sich an den Komponisten Anatoli Ljadow, der in der Nachfolge Rimsky-Korsakows mit Symphonischen Märchendichtungen wie Baba Yaga, Kikimora oder Der verzauberte See beste Referenzen mitbrachte. Ljadow sagte zwar zu, lieferte aber nicht, so dass der Impresario unter größter Zeitnot den Auftrag schließlich zurückzog und an einen anderen vergab: An einen 27-Jährigen, noch gänzlich unbekannten Rimsky-Korsakow-Schüler, von dem er kurz zuvor ein brillantes kleines Orchesterwerk mit dem Titel Feu d’artifice gehört hatte, das ihm vielversprechend genug schien, um ein Risiko einzugehen – Igor Strawinsky.

Die von Gabriel Pierné dirigierte Uraufführung von L’Oiseau de feu am 25. Juni 1910 an der Pariser Opéra markierte den Beginn einer beispiellos erfolgreichen Zusammenarbeit. In den Bühnenbildern von Leon Bakst tanzten Tamara Karsavina den Feuervogel, Michail Fokin (der auch die Choreografie entworfen hatte) den Iwan Zarewitsch und Alexis Bulgakow den Kaschtschei. Strawinskys Musik steht zwar noch tief in der Tradition seines Lehrers und der national-russischen Schule des »Mächtigen Häufleins«, ist aber zugleich von einer ganz neuen Farbigkeit; wie der Feuervogel selbst schillert und leuchtet sie in einem Kaleidoskop aus nie gehörten Orchester-Effekten und entfaltet zudem eine rhythmische Kraft, die schon die beiden nächsten Diaghilew-Ballette Petruschka und Le Sacre du printemps vorausahnen lässt. Das Publikum reagierte frenetisch und forderte für das Ensemble und den Komponisten einen Vorhang nach dem anderen: Russland pour toujours!

Michael Stegemann

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