Christian Thielemann und Albrecht Mayer mit Werken von Strauss und Bruckner

So, 04. März 2012

Berliner Philharmoniker
Christian Thielemann

Albrecht Mayer

  • Richard Strauss
    Oboenkonzert D-Dur o. op. 144 (00:33:10)

    Albrecht Mayer Oboe

  • Johann Sebastian Bach
    Cantata BWV 156: Sinfonia (00:04:10)

  • Anton Bruckner
    Symphonie Nr. 4 Es-Dur »Romantische« (2. Fassung von 1878/80) (01:23:31)

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    Albrecht Mayer über das Oboenkonzert von Richard Strauss (07:33)

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    Christian Thielemann über Strauss’ Oboenkonzert und Bruckners Vierte, mit Probenausschnitten (07:57)

Der internationale Ruhm Christian Thielemanns beruht zu einem wesentlichen Teil auf seinen Bruckner-Interpretationen. In diesem Konzert mit den Berliner Philharmonikern dirigiert er das wohl populärste Werk des Komponisten: die Vierte Symphonie. Wie der Beiname »Romantische« andeutet, lässt Bruckner hier die Vision einer besseren Vergangenheit auferstehen. Ein ähnlich nostalgischer Blick ist für das Oboenkonzert von Richard Strauss kennzeichnend, mit dem der Abend beginnt. Solist ist Albrecht Mayer, seit 1992 Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker.

Einem Freund gegenüber hat Bruckner eine historische Szene skizziert, die dem ersten Satz seiner Symphonie zugrunde liegen solle. Da ist von einer »mittelalterlichen Stadt« die Rede, von »Waldesrauschen« und von Rittern, die »auf stolzen Rossen ... hinaus ins Freie« sprengen. Man darf aber annehmen, dass Bruckner diese poetischen Beschreibungen erst nachträglich erdachte, um dem Publikum den Zugang zu seiner Musik zu erleichtern. Tatsächlich ist die Vierte Symphonie keineswegs Programmmusik, sondern wird »romantisch« durch die zwischen Stolz und Wehmut wogende Melodik, durch Hornrufe und archaische Fanfaren.

Richard Strauss hatte eine ausgesprochen niedrige Meinung von Bruckners Schaffen, das er als »stinklangweilige Bauernmusik« titulierte. Mag sein, dass Strauss - der sich lange als Speerspitze der Avantgarde verstand - diese Musik auch schlicht zu altmodisch fand. In seinem Oboenkonzert von 1945 allerdings, entstanden im Angesicht der Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs, träumt er sich selbst in die Historie. Und daher zähle - so Albrecht Mayer - das von mozartscher Grazie durchzogene Werk »zum Innigsten und Feinsten, was Strauss jemals geschrieben hat«.

Leichtsinniges Spiel und symphonische Hypnose

Richard Strauss, Anton Bruckner und die musikalische Weltanschauung

Wie eine Sehenswürdigkeit wurde der bald 81-jährige Richard Strauss besucht und bestaunt in seiner Garmischer Villa, nach dem Ende des Kriegs, im Mai 1945. Die amerikanischen Soldaten benahmen sich »äußerst liebenswürdig und wohlwollend«, stellte der Meister beruhigt fest. Einer dieser freundlichen GIs spielte im zivilen Leben als Solo-Oboist in Fritz Reiners Pittsburgh Symphony Orchestra: der junge John de Lancie, der völlig verschüchtert an einer viele Stunden währenden Konversation in französischer Sprache teilnehmen durfte. »Ich erinnere mich, dass ich damals dachte, ich könne nichts zu dem Gespräch beitragen, das den Komponisten auch nur am Rande interessierte«, schrieb de Lancie über seinen herzklopfenden Aufenthalt im Hause Strauss. »Einmal jedoch nahm ich all meinen Mut zusammen und begann über die herrlichen Oboenstimmen zu sprechen, denen man in so vielen seiner Werke begegnet. Ich wollte wissen, ob er zu diesem Instrument eine besondere Affinität habe, und da mir sein Hornkonzert bekannt war, fragte ich ihn, ob er jemals an ein Konzert für Oboe gedacht habe. Seine Antwort war ein klares ›Nein!‹. Das war so ziemlich alles, was ich aus ihm herausbringen konnte.«

Die Oboisten in aller Welt danken es Strauss, dass dieses Nein kein Nein blieb, sondern sich alsbald in ein Ja verkehrte. Noch im selben Nachkriegssommer 1945 entwarf Strauss in Garmisch sein Konzert für Oboe und kleines Orchester, eine heitere, arkadische, verspielte – eine unzeitgemäße Musik. Das Oboenkonzert könnte als eine Flucht aus der Realität gedeutet werden: lichte, klassische Tonspiele, eine Hommage an Mozart und das 18. Jahrhundert. Allerdings hatte Strauss nicht erst nach dem Krieg, im Angesicht der ruinierten deutschen Kulturnation, auch nicht erst während des Kriegs, als er das weltentrückte Konversationsstück Capriccio schrieb, eine Neigung und Begabung zu dieser gewitzten, schwerelosen, romanisch inspirierten Tonkunst an den Tag gelegt, sondern bereits viel früher: unter dem wohltuenden Einfluss seines Textdichters Hugo von Hofmannsthal, der ihn für die Idee einer »schöpferischen Restauration« gewann, mit Entdeckungen der italienischen Commedia dell’arte und des französischen Grand Siècle ermunterte und überhaupt ermahnte: »Je leichter, je leichtsinniger Sie die Arbeit nehmen, desto besser wird sie werden; ein deutscher Künstler wird ohnedies über jeder Arbeit schwerer als er sollte.«

Dem Gesetz der deutschen Schwerkraft blieb auch Strauss unterworfen, aber mit seinem Sinn für Humor, für instrumentales Raffinement und mozartsches Melos, mit seiner lebenslangen Sehnsucht nach dem mediterranen Süden hielt er die wilhelminischen Versuchungen und germanischen Anwandlungen im Gleichgewicht. Das späte Oboenkonzert bewegt sich ganz und gar auf der Sonnenseite der »leichtsinnigen« Musik: für kleines Orchester, knapp, geistvoll und kurzweilig. Es war noch nicht das letzte Wort dieses Komponisten, aber zu einem guten Schlusswort taugte es allemal.

»Ich komme stets gerne in ein Conzert von Ihnen, wenn kein Brahms, kein Bruckner, kein Respighi oder derartiges auf dem Zettel steht«, hatte Strauss 1943 in einem Brief an den »lieben Freund« Karl Böhm eingestanden. »Diese Dinge habe ich in 60 jähriger Dirigierlaufbahn selbst bis zum Überdruss abgeklopft u. der letzte Bedarf meines Lebens beschränkt sich auf Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Liszt, Berlioz und den großen Richard.« Trotzdem vertrieb sich Strauss damals in Garmisch die Zeit mit dem Entwerfen »stylvoller Conzertprogramme«, in denen auch Anton Bruckner einen prominenten Platz wenn nicht in der ersten, so doch wenigstens in der zweiten Reihe zugewiesen bekam. Dessen Symphonie Nr. 4 Es-Dur wollte Strauss mit der Symphonie Im Walde des heute weithin vergessenen Bruckner-Zeitgenossen Joseph Joachim Raff koppeln, um das Konzert zu guter Letzt mit der Akademischen Fest-Ouvertüre von Brahms zu krönen. Dass er aber in einem anderen seiner Musterprogramme nach Bruckners Neunter noch zum Beschluss Smetanas Ouvertüre zur Verkauften Braut vorschlug, muss man ihm wohl als gezielte Gemeinheit auslegen. Strauss bedauerte das »in Brucknerlangeweile trainierte Publikum« und räumte ein, dass er selbst es »in Brucknerscher Orgelruhe nicht allzu lange aushalte«. Dieses tiefere Unbehagen war als Resultat gewiss nicht nur eine Frage der Zeitmaße, sondern auch der Temperamente, der künstlerischen Naturen, der musikalischen und religiösen Weltanschauungen, die unvereinbar zwischen Strauss und Bruckner standen, zwischen dem freigeistigen Skeptiker und dem strenggläubigen Katholiken.

Erhabene Gedanken und weite Räume, Feierlichkeit und Monumentalität, ein mathematisch-architektonisches Ordnungsdenken, Extreme des Ausdrucks und der Dynamik, die Berührung mit dem Heiligen, dem Numinosen, dem »Mysterium tremendum et fascinosum«, das erschreckend und beglückend ist in einem – diese Grundzüge, Maßstäbe und Erlebnisweisen zeichnen die Symphonien Bruckners aus: »Messen ohne Worte« eines katholischen Visionärs. Aber trifft die Verallgemeinerung immer und unbesehen zu, etwa auf die Vierte Symphonie, an der Bruckner alles in allem von 1874 bis 1889 arbeitete, 16 Jahre lang um die endgültige Fassung ringend? Auch diese Komposition sucht das Weite, die ins Unermessliche zielende Steigerung, die Überwältigung durch eine markige, martialische, majestätische Megamusik. Doch indem er den Stimmen und Stockwerken seiner Symphonie zumeist eigene Abläufe, Zeitmaße, Synkopen und Akzente zuordnet, erzielt Bruckner jene »verschlungene Polyphonie«, von der die ersten Hörer seiner Musik sprachen, ehrfürchtig und ratlos. Oder polemisch, mit einem gewollten Missverständnis, wie es der Kritiker Max Kalbeck vorgab, als er die Wiener Uraufführung der Vierten am 20. Februar 1881 besprach: »In den Gedanken des Werkes herrscht die Unordnung eines Gelehrtenzimmers, wo alles über- und durcheinander liegt und nur der Herr des Hauses sich zur Not zurecht tastet. Gerade die dürftigsten und alltäglichsten Einfälle werden bis ins Unendliche fortgesponnen und bis zum Überdruß behandelt.«

Dasselbe Phänomen lässt sich allerdings auch ganz anders hören und bewerten. Denn die ständigen, mantra-artigen Wiederholungen, dieses Noch- und Nochmalsagen, gleichen magischen Praktiken, einer Beschwörung, einer kultischen Handlung, einem religiösen Ritual. Sie begründen jedenfalls die hypnotische, buchstäblich fesselnde, widersprüchlich beklemmende und befreiende Wirkung dieser »kraftvollen Musik«. Arkadische Heiterkeit, den leichten Sinn, das Licht des Südens wird man mit dieser Symphonie gewiss nicht assoziieren: kein Spiel um des Spiels willen.

Aber worum geht es dann in Bruckners Vierter? Er selbst bedachte sie mit dem Attribut »romantisch« und brachte überdies allerhand programmatische Details in Umlauf, beispielsweise in einem Brief von 1890 an den Schriftsteller Paul Heyse: »In der romantischen 4. Sinfonie ist in dem 1. Satz das Horn gemeint, das vom Rathause herab den Tag ausruft! Dann entwickelt sich das Leben; in der Gesangsperiode ist das Thema: der Gesang der Kohlmeise Zizipe. 2. Satz: Lied, Gebeth, Ständchen. 3. Jagd und im Trio wie während des Mittagsmahles im Wald ein Leierkasten aufspielt.« Das Finale versah er außerdem (aber nicht in dessen definitiver Fassung) mit der Überschrift »Volksfest«. Gesprächsweise schmückte Bruckner seine genrehaften Inhaltsangaben noch weiter aus: »Mittelalterliche Stadt – Morgendämmerung – die Tore öffnen sich – Auf stolzen Rossen sprengen die Ritter hinaus ins Freie.«

Verkehrte Welt, vertauschte Rollen, zumindest einen Konzertabend lang: Der Symphoniker Bruckner spricht über seine Vierte, als wäre sie eine Tondichtung; der Tondichter Strauss, der von der Gebirgspartie bis zum Ehestreit nichts unkomponiert ließ, hielt es auf seine alten Tage mit der ungebundenen und »absoluten Musik«.

Wolfgang Stähr

Christian Thielemann ist der designierte Chefdirigent der Staatskapelle Dresden und der Semperoper für die Zeit von Herbst 2012 an; außerdem übernimmt er 2013 die künstlerische Leitung der Salzburger Osterfestspiele. Seit Beginn der Saison 2004/2005 steht er als Generalmusikdirektor an der Spitze der Münchner Philharmoniker; zuvor war er in gleicher Verantwortung der Deutschen Oper Berlin verbunden. Der gebürtige Berliner hatte in seiner Heimatstadt an der Hochschule der Künste studiert und anschließend zunächst umfassende Erfahrungen an kleineren Bühnen gesammelt, bevor er Erster Kapellmeister an der Deutschen Oper am Rhein und danach Generalmusikdirektor in Nürnberg wurde. Tragende Säulen in Thielemanns Repertoire bilden Werke der Klassik und Romantik – vor allem die Musik von Wagner und Strauss – wie auch das Œuvre Hans Werner Henzes. Zwischen 2006 und 2010 leitete er in Bayreuth eine Produktion von Wagners Ring des Nibelungen in der Regie von Tankred Dorst. Den Rang Christian Thielemanns als Interpret von Weltgeltung spiegelt nicht zuletzt seine Aufnahme als Ehrenmitglied in die Royal Acadamy of Music in London Mitte Oktober 1011 wider. Als Gastdirigent konzentriert sich der Künstler auf Bühnen wie die Wiener Staatsoper, die Festspiele in Bayreuth und Salzburg sowie auf ausgewählte Spitzenorchester, beispielsweise die Philharmoniker in Wien und Berlin, die Staatskapelle Dresden, das Concertgebouworkest Amsterdam, das Israel Philharmonic Orchestra und das Philharmonia Orchestra London. In den USA arbeitet Christian Thielemann regelmäßig mit den Orchestern in New York, Philadelphia und Chicago zusammen. Die Berliner Philharmoniker hat er seit seinem Debüt im Jahr 1996 wiederholt dirigiert – bereits in wenigen Tagen wird er mit Werken von Claude Debussy, Olivier Messiaen und Peter Tschaikowsky erneut am Pult des Orchesters stehen.

Albrecht Mayer erhielt zunächst Klavier-, Blockflöten- und Gesangsunterricht, ehe er im Alter von zehn Jahren mit dem Oboenspiel begann. Seine Lehrer waren Gerhard Scheuer, Georg Meerwein, Maurice Bourgue und Ingo Goritzki. Noch als Jugendlicher folgte Albrecht Mayer Einladungen von verschiedenen Orchestern, bei ihnen mitzuwirken, beispielsweise im European Community Youth Orchestra. Mehrfach mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet, wurde er 1990 Solo-Oboist bei den Bamberger Symphonikern; zwei Jahre später kam er in gleicher Position zu den Berliner Philharmonikern. Albrecht Mayer tritt in aller Welt regelmäßig als Konzertsolist auf; Partner seiner kammermusikalischen Aktivitäten sind u. a. Nigel Kennedy und Hélène Grimaud. Außerdem wirkt er als Dozent im Rahmen bedeutender internationaler Festivals. Bereits mehrfach wurde der Künstler mit dem ECHO-Klassik-Preis geehrt; im Dezember 2006 erhielt er den E. T. A.-Hoffmann-Kulturpreis seiner Heimatstadt Bamberg. Auf der Suche nach einem persönlichen Klangideal gründete Albrecht Mayer unlängst sein eigenes Ensemble New Seasons.

Deutsche GrammophonAlbrecht Mayer tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Grammophon Gesellschaft auf.

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