So, 19. April 2009

Berliner Philharmoniker
Alan Gilbert

Steven Isserlis

  • Antonín Dvořák
    Die Mittagshexe op. 108 (17:19)

  • Antonín Dvořák
    Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104 (43:07)

    Steven Isserlis Violoncello

  • Bohuslav Martinů
    Symphonie Nr. 4 (39:12)

  • kostenlos

    Alan Gilbert im Gespräch mit Emmanuel Pahud (11:11)

Die Geschichten sind gruselig, ja, manchmal sogar richtiggehend blutrünstig, und eigentlich gar nichts für Kinder. Obgleich Antonín Dvořáks Tondichtungen nach Balladen von Karel Jaromir Erben Volksmärchen zugrunde liegen, eine literarische Form also, die für Kinder geeignet sein sollte. Doch deswegen bitte keine Bedenken: Die Musik ist einfach wunderbar, trotz des schaurigen Inhalts. Die 1896 entstandene Symphonische Dichtung Die Mittagshexe beschreibt eindrucksvoll den Kampf einer Mutter um ihr Kind, das eine alte Hexe holen will. Dvořák hat sich erst in den letzten Jahren seines Lebens verstärkt dem Genre Programmmusik zugewandt. Verbunden damit war eine stärkere Poetisierung seiner musikalischen Sprache, die bereits in seinem hochromantischen Cellokonzert op. 104 aus dem Jahr 1895 deutlich wird. Und wo wir schon einmal in Böhmen und Mähren sind, darf ein anderer tschechischer Komponist nicht fehlen, dessen Œuvre leider nach wie vor unterschätzt und deswegen im Konzertbetrieb sträflich vernachlässigt wird: Bohuslav Martinů. Seine Vierte Symphonie schrieb er allerdings nicht in seiner Heimat, sondern 1945 im amerikanischen Exil.

Symphonisches Konzert und Symphonie mit konzertanten Zügen

Werke von Dvořák und Martinů

Antonín Dvořák wird als Orchesterkomponist häufig nur mit seinen Symphonien, dem Cello- und dem Violinkonzert a-Moll, den Slawischen Tänzen und einigen Ouvertüren identifiziert. Dabei hat er eine Reihe weiterer Orchesterwerke geschrieben, die u. a. eine wichtige Ergänzung zu seinen Symphonien bilden. Zu nennen sind in erster Linie die symphonischen Dichtungen Der Wassermann, Die Mittagshexe, Das goldene Spinnrad und Die Waldtaube, die auf Balladen von Karel Jaromír Erben (1811–1870) basieren. Von Anfang an beabsichtigte Dvořák gleich eine Gruppe solcher Tonpoeme zu komponieren. Drei von ihnen schrieb er 1896 nacheinander als »Erste Serie«. Es folgten 1896 DieWaldtaube und zuletzt 1897 das Heldenlied, dem ein von ihm selbst stammender Text zugrunde liegt. Diese Werke entstanden in einer Zeit intensiver Beschäftigung mit der Programm-Musik, mit Kompositionen von Franz Liszt und den frühen Tondichtungen von Richard Strauss.

Die Mittagshexe op. 108 lässt sich als »Miniatur-Symphonie« (Jarmil Burghauser) mit vier ineinander übergehenden Teilen verstehen. Dvořák erzählt Erbens Ballade nicht im Detail, sondern konzentriert sich auf die Hauptelemente des geschilderten Konflikts. Zunächst wird die friedliche Stimmung in einer Familie um die Mittagszeit gezeichnet, die nur durch heftiges Kindergeschrei (von der Oboe intoniert) gestört wird. Nach erfolglosen Versuchen, ihr Kind zu beruhigen, droht die Mutter, die Mittagshexe werde kommen und es holen. Hier setzt der langsame zweite Teil ein. Die Hexe erscheint, ein düster schreitendes Motiv mit vielen Dissonanzen kennzeichnet die Schreckensfigur. Sie fordert im folgenden scherzoartigen Teil in einem gespenstischen Tanz um Mutter und Kind ihr Recht. Der Mutter wird es angst und bange ob ihres Versprechens (Klagerufe erklingen in den Holzbläsern), sie kämpft heftig um ihr Kind. Doch als die Glocke 12 schlägt, greift die Hexe das Kind und nimmt es unter triumphierendem, grellem Geheul mit. Der heimkommende Vater entdeckt die Katastrophe. Am Ende mischen sich die Klagen der Mutter und das grelle Triumphgeschrei der Hexe.

Das Konzert für Violoncello und Orchester h-Mollop. 104 entstand in der kurzen, künstlerisch überaus fruchtbaren Zeit, die Dvořák von 1892 bis 1895 in den USA verbrachte. Nur zögernd war er auf das lukrative Angebot eingegangen, Direktor des National Conservatory of Music in New York zu werden. Mit seiner Frau und zwei seiner sechs Kinder traf der Komponist Ende September 1892 in New York ein. Nach produktiven zweieinhalb Jahren – mit Lehrverpflichtungen, Komponieren, Dirigaten – ging er im Frühjahr 1895 jedoch wieder zurück nach Europa.

Das letzte in Amerika entstandene Werk ist das Cellokonzert, zu dem Johannes Brahms geäußert haben soll: »Warum in aller Welt habe ich nicht gewusst, dass jemand ein Cellokonzert wie dieses schreiben kann? Hätte ich es nur gewusst, hätte ich längst eines geschrieben.« Dvořák begann die Komposition 1894 und vollendete sie nach Umarbeitung des Finales im Juli 1895. Er widmete sein Konzert dem befreundeten Cellisten Hanus Wihan, reagierte aber heftig, als sein Verleger Simrock ihm vom Wihans Ansinnen berichtete, das Finale um eine eigene Kadenz zu erweitern. Die Uraufführung mit den Londoner Philharmonikern fand unter Leitung des Komponisten am 19. März 1896 in London daher nicht mit Wihan, sondern mit Leo Stern als Solist statt.

Das einleitende Allegro erscheint in der klassischen Form des Sonatensatzes. An seinem Anfang steht eine umfangreiche Einleitung des Orchesters, in der die beiden wesentlichen thematischen Gedanken formuliert werden. Den ersten (heroischen) tragen zunächst die Klarinetten allein, dann zusammen mit den Fagotten vor, den zweiten, expressiven führt das Horn ein. Das Solocello setzt resolut, »quasi improvvisando«, mit einer Ausschmückung des ersten Themas ein und führt es hin zum Hornthema. Die Reprise beginnt ungewöhnlicherweise nicht mit dem Haupt-, sondern mit dem Seitenthema.

Den zweiten Satz, ein dreiteiliges Adagio in G-Dur mit innigen und versonnenen Zügen, eröffnet die Klarinette, von Oboen und Fagotten begleitet. Das Solocello exponiert nach sieben Takten das Thema und entwickelt es weiter. Der zweite, erregte Teil enthält in transponierter Form ein Zitat aus Dvořáks Lied Lass mich allein in meinen Träumen gehen – ein Lieblingslied seiner einstigen Jugendliebe und Schwägerin Josefine Kounicová-Čermáková, die zum Zeitpunkt der Komposition schwer erkrankt war und starb. Im Finale, einem Allegro moderato in Rondoform, antizipiert die sehr leise beginnende, sich dann aber heftig steigernde Orchestereinleitung bereits das rhythmisch prägnante Hauptthema, das später vom Soloinstrument vollständig gespielt wird. Das Werk schließt mit einer Koda, in der sowohl das Hauptthema des ersten Satzes als auch das Liedzitat aus dem zweiten Satz (als Memento auf die gestorbene Schwägerin) in Erinnerung gebracht werden.

Es liegt eine gewisse Tragik darin, dass die Werke des in der Tschechoslowakei hoch angesehenen Bohuslav Martinů in den Konzertsälen Mitteleuropas nie recht heimisch wurden. Gemessen an seiner Bedeutung ist der Komponist zu wenig bekannt: Dvořák war stets populärer, Janáček als Exponent der »Moderne« vermeintlich interessanter. Martinůs Biografie ähnelt der von Dvořák – Herkunft, beruflicher Weg, Jahre in den USA – und ist zugleich typisch für den Lebensweg osteuropäischer Komponisten, die es in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts aus der Enge ihrer Länder ins Ausland zog, wo sie Erfolg hatten, aber auch mit den Problemen, die eine Emigration mit sich brachte, konfrontiert waren.

Martinů schrieb mehr als 400 Werke, wobei er kaum eine Gattung der Musik ausließ. Seine stilistische Entwicklung ist bemerkenswert. Während der Kompositionsstudien bei Josef Suk wirkten Einflüsse der Spätromantik, aber auch des französischen Impressionismus stark auf ihn ein. Ein Aufenthalt in Frankreich und das Studium bei Albert Roussel brachten dem Tschechen nicht nur neoklassizistische Tendenzen, sondern auch den Jazz näher. Um 1930 entwickelte Martinů im Zuge der Auseinandersetzung mit Alter Musik seine eigene »Sprache«. Im Prinzip des barocken Concerto grosso fand er ein Vorbild für sein Komponieren. Mit seinen später in den USA entstandenen Symphonien löste sich Martinů dann von eher kompositionstechnischen Aspekten und kam zu einer freien Gestaltung und Entwicklung seiner Musik. In den späten europäischen Werken finden sich wieder deutlicher an den Impressionismus erinnernde Züge.

Die Symphonie Nr. 4 entstand in den Monaten April bis Juni 1945 in New York City und in Cape Cod. Sie wurde am 30. November 1945 vom Philadelphia Orchestra unter Leitung von Eugen Ormandy uraufgeführt. Ihr erster Satz (Poco Moderato) basiert auf zwei kurzen, eintaktigen Zellen, »einer lyrisch geprägten und einer anderen mit rhythmischen Sechzehntelbewegungen im 6/8-Takt. Die gleichen Elemente erscheinen in verschiedenen Variationen sowie Verwandlungen, den Erfordernissen der musikalischen Struktur entsprechend. Dieser Satz hat nicht die gewohnte Sonatenform; seine Struktur entspricht eher der Abfolge a-b-A-B-Coda« (Martinů im Programmheft der Uraufführung).

Der zweite Satz, ein belebtes dreiteiliges Scherzo (Allegro vivo), wieder im 6/8-Takt, »ist fantastischer, mit jähen Wechseln und ständig rascher Triolenbewegung in den Streichern als eine Art Hintergrund. Das rhythmisch unregelmäßige Hauptthema ist in kurzen Expositionen der Fagotte sowie der sordinierten Trompete zu hören; sodann im Unisono der Fagotte, Flöten, Oboen und Klarinetten. Die Melodie wird vom Englischhorn unter rhythmischer Bewegung der Streicher im Hintergrund entwickelt. Alles strebt ununterbrochen zum Forte des ganzen Orchesters.«

Das folgende, in freier Dreiteiligkeit angelegte Largo vermittelt mit seiner ausgedehnten Streichermelodie den »Eindruck eines einzigen großen Melodiebogens« (Harry Halbreich). Hier setzt der Komponist die Concerto-grosso-Technik ein: Im Verlauf des Satzes spalten sich solistische Stimmen, ein Concertino von Solostreichern (zwei Violinen und einem Violoncello) ab. Im Finale (Poco Allegro) greift Martinů hingegen wieder auf die klassische Sonatenform mit zwei kontrastierenden Themen zurück, die bei ihrer Wiederholung in umgekehrter Reihenfolge variiert werden. Bläserfiguren, nur vom Klavier unterstützt, eröffnen den Satz. Erst mit dem Einsatz der Streicher beginnt die thematische Entwicklung. Dieser Satz ist nach Angaben des Komponisten »eine Art Festigung und Verdichtung der Form der ganzen Symphonie«.

Alan Gilbert ist seit Herbst 2004 erster Gastdirigent des NDR Sinfonieorchesters Hamburg und wird mit Beginn der Saison 2009/2010 als erster gebürtiger New Yorker die Leitung des New York Philharmonic Orchestra übernehmen. Frühzeitig von seinen Eltern im Violinspiel unterrichtet, studierte Gilbert zunächst Komposition in Harvard und Geige am New England Conservatory of Music. Nach Fortsetzung der Ausbildung am Curtis Institute of Music in Philadelphia sowie an der Juilliard School in New York arbeitete er mehrere Jahre als Geiger und Bratscher, bevor er 1995 ans Dirigentenpult wechselte. Von Januar 2000 bis Juni 2008 war er Chefdirigent und Künstlerischer Berater des Königlichen Philharmonischen Orchesters Stockholm, dem er mit der Ernennung zum Ehrendirigenten weiterhin verbunden bleibt. Als Gastdirigent hat er Produktionen an führenden Opernhäusern geleitet und ist u. a. mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Orchestre de Paris, dem London Philharmonic, dem Königlichen Concertgebouw-Orchester Amsterdam, dem Tonhalle-Orchester Zürich, dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin sowie den wichtigsten Orchestern in den USA und in Japan aufgetreten. Die Berliner Philharmoniker leitete Alan Gilbert erstmals im Februar 2006 in Konzerten mit Symphonien von Brahms und Schumann. Zu den Auszeichnungen des Dirigenten zählen der Georg Solti Award, der Seaver/National Endowment for the Arts Conductors Award sowie die Aufnahme in die Königlich Schwedische Musikakademie.

Steven Isserlis wurde in Großbritannien als Sohn einer Musikerfamilie geboren. Er widmet sich bei seiner internationalen Konzerttätigkeit gleichermaßen der Alten Musik (u. a. gemeinsam mit führenden Barockorchestern und -ensembles), dem klassisch-romantischen Repertoire und zeitgenössischen Werken: So spielte er das ihm gewidmete Stück für Violoncello und Orchester The Protecting Veil von Sir John Tavener auf CD ein und brachte bei den Salzburger Festspielen 2006 Wolfgang Rihms Cellokonzert zur Uraufführung. Als Konzertsolist gastiert Steven Isserlis beispielsweise beim Philadelphia Orchestra, beim Boston Symphony Orchestra, bei der Tschechischen Philharmonie, beim Philharmonia Orchestra und beim London Philharmonic Orchestra, wobei er mit Dirigenten wie Sir Charles Mackerras, Vladimir Ashkenazy, Charles Dutoit und Christoph Eschenbach zusammenarbeitet. Bei den Berliner Philharmonikern debütierte er Ende Januar 1999 unter Eschenbachs Leitung mit Elgars Cellokonzert e-Moll op. 85. Zu Steven Isserlis’ vielseitigem Schaffen zählen auch Tätigkeiten als Kammermusiker, als Organisator von Konzertreihen, als Pädagoge an renommierten Akademien und als Autor von Fachartikeln und von Musikbüchern für Kinder. Im Herbst 2007 widmete die Alte Oper Frankfurt dem Künstler ein Interpretenporträt mit mehreren Konzerten. Steven Isserlis spielt auf dem »Feuermann«-Cello von Antonio Stradivari (1730), das ihm die Nippon Music Foundation zur Verfügung gestellt hat.

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