Sa, 17. April 2010

Berliner Philharmoniker
András Schiff

  • Johann Sebastian Bach
    Clavierkonzert Nr. 1 d-Moll BWV 1052 (24:38)

    András Schiff Klavier

  • Joseph Haydn
    Symphonie Nr. 100 G-Dur »Militär-Symphonie« (28:38)

  • Wolfgang Amadeus Mozart
    Ouvertüre zur Oper Don Giovanni & Klavierkonzert Nr. 20 d-Moll (48:42)

    András Schiff Klavier

  • kostenlos

    András Schiff im Gespräch mit Jonathan Kelly (28:30)

András Schiff ist ein Pianist, der sein Repertoire bewusst beschränkt. Liszt, Rachmaninow, Ravel – von keinem von ihnen spielt er je eine Note. Nach eigener Aussage interessieren ihn nur Komponisten, bei denen er einen Bezug zur Musik Bachs erkennen kann – wie etwa Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn, die bei Schiffs aktuellem Gastspiel bei den Berliner Philharmonikern auf dem Programm stehen. Und auch Bach selbst darf an diesem Abend natürlich nicht fehlen.

Bei diesem Konzert ist András Schiff zugleich als Pianist und Orchesterleiter zu erleben – so wie auch die Komponisten des Barock und der Klassik ihre Konzerte einst vom Klavier aus dirigiert haben. Am Beginn steht Bachs Klavierkonzert Nr. 1 in d-Moll, das seit gut einem halben Jahrhundert nicht mehr von den Berliner Philharmonikern aufgeführt wurde – genauer gesagt: seit einer legendären Aufführung mit Glenn Gould und Herbert von Karajan im Jahr 1958.

Sinnfällig koppelt Schiff Bachs Werk mit Mozarts Klavierkonzert Nr. 20, das ebenfalls in d-Moll steht und das in seiner dunklen Leidenschaft bereits auf das romantische Klavierkonzert des 19. Jahrhunderts voraus weist. Eine ähnliche Ausdruckswelt beschwören die dämonische Don Giovanni-Ouvertüre und Haydns »Militär-Symphonie« herauf. Haydn gelingt dabei das Kunststück, die Abgründe und Schrecken des Krieges in einem symphonischen Werk erfahrbar zu machen – ein starker Beleg gegen die vielfach vermutete Harmlosigkeit des Komponisten.

Clavier, Café und Compositionswissenschaft

Für das Publikum: Musik von Bach, Haydn und Mozart

Verbürgerlicht: Bachs »Clavierkonzert« Nr. 1 d-Moll BWV 1052

Wenn Johann Sebastian Bach vom Klavier sprach, meinte er gewiss nicht das Instrument, das wir heute mit diesem Begriff verbinden. Als »Claviere« bezeichnete man damals sämtliche besaiteten Tasteninstrumente – auf diesen Umstand verweist auch die historische Orthografie des Wortes, das sich vom mittellateinischen »clavis« (Taste) herleitet. Ob Cembalo oder Clavichord, Spinett, Virginal oder Fortepiano: Sie alle wurden unter diesem Rubrum zusammengefasst. Und Bach ging noch einen Schritt weiter, bezog er sogar die Orgel terminlogisch mit ein. Den dritten Teil seiner Clavierübung komponierte er jedenfalls für dieses Instrument, dessen Klang bekanntlich von Pfeifen (und nicht von Saiten) erzeugt wird.

Möglich, dass Bach, der sich in den 1740er-Jahren auf seine alten Tage noch einen Hammerflügel zugelegt hatte, ein gewisses Vergnügen empfunden hätte, seine »Clavierkonzerte« auf einem heutigen Konzertflügel zu hören. Geschaffen aber hat er sie wohl für das Cembalo, das er aus seinem Schattendasein als Continuo-Instrument befreite und im Zusammenspiel mit dem Orchester solistisch exponierte. Das geeignete Podium zu dieser Pioniertat bot ihm ein Kaffeehaus: 1729 hatte der Leipziger Thomaskantor Bach die Leitung des ortsansässigen Collegium musicum übernommen, mit dem er jeden Freitagabend in den Sälen des Gastronomen Gottfried Zimmermann aufspielte. Hier durfte er ein anderes Repertoire pflegen als in der Thomaskirche, er konnte eigene und fremde Werke aufführen, Concerti grossi, Ouvertüren, Solokonzerte oder Kammermusik. Nun war es dem vielbeschäftigten Bach aber nicht möglich, für jedes Konzert in Zimmermanns Kaffeehaus neue Werke zu komponieren. Häufig arbeitete er deshalb ältere Partituren für eine andere Besetzung um.

Das »Clavierkonzert« in d-Moll BWV 1052 geht auf ein Violinkonzert aus Bachs Weimarer Zeit zurück. Sein motorisch angelegter Kopfsatz beginnt mit einem wuchtigen, unisono intonierten Tutti-Teil, der wie ein Ritornell viermal wiederkehrt; dazwischen entspinnen sich ausgedehnte toccatenhafte Passagen, die vom Soloinstrument dominiert werden. Dem Modell des Arioso folgt der düstere langsame Satz: Er lässt das Orchester ein chaconneartiges Thema anstimmen, über dem die rechte Hand eine weite, schmerzvolle Kantilene entfaltet. Das Finale dagegen führt in die Klang- und Formenwelt des Anfangs zurück, doch Ritornell und Solopassagen wechseln hier in wesentlich rascherer Folge, und obendrein sorgt der Grundrhythmus des Anapäst für besonderen Elan und Vorwärtsdrang.

Triumph in England: Haydns Militär-Symphonie

Als »gebundener Diener«, wie er sich selbst bezeichnete, avancierte Joseph Haydn, seines Zeichens Kapellmeister am Hofe der Fürsten Esterházy, zum Pionier der Musikgeschichte. In der Abgeschiedenheit des ungarischen Schlosses Eszterháza erfand er ganze Gattungen und prägte ihre Begrifflichkeiten aus, die über Generationen Gültigkeit behalten sollten – allen voran die klassische Symphonie mit ihrer viersätzigen Anlage. Freilich war dem »abgesonderten« Haydn über lange Jahre aber auch entgangen, dass er in der Musikwelt längst als berühmter Mann galt: Der Druck und Verkauf seiner Werke gestaltete sich europaweit zu einem einträglichen Geschäft (ohne dass der ahnungslose Komponist davon profitiert hätte). Die Früchte dieses Ruhms durfte Haydn ernten, als er 1790 die Einladung des Impresarios Johann Peter Salomon annahm und nach London aufbrach: Es war seine erste große Reise überhaupt. »Wie Süss schmeckt doch eine gewisse freyheit«, bekannte er in einem Brief und genoss die Bewunderung, die ihm an der Themse entgegenschlug.

Die zwölf Londoner Symphonien sind das bedeutendste künstlerische Vermächtnis von Haydns Englandreisen. Das G-Dur-Opus Hob. I:100, das den vom Komponisten autorisierten Popularnamen Militär-Symphonie trägt, entstand für den zweiten Aufenthalt der Jahre 1794/95. Haydn schuf die beiden Binnensätze noch in Wien, die Eröffnung und das Finale schrieb er aber erst nach der Ankunft, um die Symphonie an seinem 62. Geburtstag, dem 31. März 1794, in den Hanover Square Rooms aus der Taufe zu heben.

Das Werk beginnt mit einer langsamen Einleitung, die eine arkadische Traumlandschaft zu beschwören scheint. Doch die heitere Stimmung wird alsbald tonal eingetrübt und gibt einem von den hohen Holzbläsern intonierten Hauptthema Raum, dessen Diktion an Militärpfeifer erinnern mag. Diese Brüche werden im zweiten Satz sodann auf die Spitze getrieben. Wieder schlägt Haydn zunächst einen pastoralen, serenadenhaften Tonfall an, doch unvermittelt rüstet er die so friedvoll wirkende Melodie bei ihrer Wiederholung mit Triangel, Becken und Großer Trommel auf, dem Instrumentarium der kriegerischen Janitscharenmusik, um am Ende mit Paukenwirbel und Peitschenknall einen Türkischen Marsch zu zelebrieren. Und derselbe Kunstgriff kommt im Finale, das als Rondo-Thema (und Reverenz an das Publikum) eine englische Tanzweise zitiert, noch einmal zum Einsatz.

Mozart in Moll

Als einer der ersten Komponisten in der Musikgeschichte überhaupt wagte Wolfgang Amadeus Mozart den Sprung in die ungesicherte Existenz eines freischaffenden Künstlers. Am 8. Juni 1781 kündigte er den ungeliebten Dienst beim Salzburger Fürsterzbischof Colloredo auf und ließ sich in Wien nieder. Die Erfolge stellten sich rasch ein: Als Komponist und Virtuose war Mozart ebenso begehrt wie als hochbezahlter Klavierpädagoge. Bald konnte er sogar auf eigene Rechnung und mit gutem Ertrag Akademiekonzerte durchführen, deren Subskribenten zu 90 Prozent aus der Aristokratie und dem Finanzadel stammten.

Zur höchsten Blüte gelangte Mozarts Ruhm wohl im Frühjahr 1785, als er zur Fastenzeit gleich sechs freitägliche Akademien im Saal Zur Mehlgrube am Neuen Markt veranstaltete. Vater Leopold war während dieser Wochen in Wien zu Gast und erlebte staunend den »Mozart-Hype«, der die Musikszene in der Donaumetropole erfasst hatte. Damals geschah es auch, dass Joseph Haydn zu Leopold die berühmten Worte sprach: »Ich sage ihnen vor gott, als ein ehrlicher Mann, ihr Sohn ist der größte Componist, den ich von Person und den Nahmen nach kenne: er hat geschmack, und über das die größte Compositionswissenschaft.«

In der ersten der sechs Akademien, am 10. Februar 1785, brachte Mozart das Klavierkonzert d-Moll KV 466 zur Uraufführung. Neue Wege sind es, die Mozart mit diesem Werk beschreitet – nicht nur, weil es das erste Konzert ist, das er in einer Molltonart gesetzt hat. Auffallend ist zum einen der symphonische Zuschnitt der Partitur, die ein mit Trompeten und Pauken groß besetztes Orchester vorsieht, dessen Rolle keineswegs auf Vor- und Zwischenspiele oder stützende Begleitung beschränkt bleibt. Es durchmisst vielmehr einen eigenen thematischen Raum und übernimmt niemals die zentralen Gedanken des Klaviers. Daraus ergibt sich, zum anderen, eine extreme Abgrenzung zwischen Tutti und Solo, die sich fast unversöhnlich gegenüberstehen – nicht das dialektische Prinzip der Synthese regiert hier, sondern der prononciert schroffe Kontrast. Schließlich gelingt es Mozart, ausgesprochen theatralische Momente zu integrieren: sei es der grollende Furor des Kopfsatzes, die ariose Kantilene der Romance oder das »lieto fine« in der Coda des Finales, die den bis dato vorherrschen Pessimismus wie mit einer nonchalanten Handbewegung in einen heiteren Kehraus wendet.

Susanne Stähr

András Schiff, Jahrgang 1953, studierte an der Franz-Liszt-Akademie seiner Geburtsstadt Budapest bei Pál Kadosa, György Kurtág und Ferenc Rados sowie in London bei George Malcolm. Einen Schwerpunkt seiner Tätigkeit bilden Solo-Recitals, insbesondere Konzertzyklen mit den Klavierwerken von Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Chopin, Schumann und Bartók. András Schiff tritt weltweit mit renommierten Orchestern und Dirigenten auf. Als Solist und Dirigent zugleich arbeitet er vor allem mit seinem eigenen, 1999 gegründeten Kammerorchester Cappella Andrea Barca zusammen. Von früher Jugend an ein leidenschaftlicher Kammermusiker, war András Schiff 1995 an der Gründung der Pfingstkonzerte in der Kartause Ittingen (Schweiz) beteiligt; seit 1998 ist er Leiter der Konzertreihe Omaggio a Palladio im Teatro Olimpico von Vicenza. In den Jahren 2004 bis 2007 war er Artist in Residence des Kunstfestes Weimar. Für seine künstlerische Arbeit wurde der Pianist mehrfach prämiert. 1996 ehrte ihn der ungarische Staat mit seiner höchsten Auszeichnung, dem Kossuth-Preis. 2006 würdigte das Beethovenhaus Bonn András Schiffs außerordentlichen Rang als Beethoven-Interpret durch die Wahl zum Ehrenmitglied. Erst kürzlich (Juni 2009) erhielt er den Preis des Klavier-Festivals Ruhr. András Schiff lehrt als Honorarprofessor an den Musikhochschulen Budapest, Detmold und München. Seit 1989 gastierte der Pianist mehrfach bei den Berliner Philharmonikern; in der Saison 2007/2008 war er der Stiftung als Pianist in Residence verbunden. In dieser Spielzeit ist András Schiff unter dem Motto Schiff spielt Bach auch mit einer ersten Staffel von drei Solo-Konzerten zu erleben, deren letztes am 9. Juni stattfinden wird. Mit drei weiteren Abenden findet diese Reihe in der kommenden Saison ihre Fortsetzung.

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