Werke von Benedict Mason and Anton Bruckner

Werke von Benedict Mason and Anton Bruckner

So, 02. Dezember 2012
Festkonzert »40 Jahre Orchester-Akademie«

Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

  • Benedict Mason: Musik für die Philharmonie · Anton Bruckner: Symphonie Nr. 8 (02:05:04)

Höhepunkt des Festtages zum 40-jährigen Bestehen der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker ist ein Symphoniekonzert, das ausschließlich von Stipendiaten der Akademie gestaltet wird, ehemaligen und aktuellen. Seit 1972 werden ausgewählte junge Musiker in der Akademie auf das professionelle Musiker-Leben vorbereitet und besetzen später Positionen in den besten Orchestern. Das erste Mal seit Gründung der Institution kommen nun Instrumentalisten aller Akademie-Generationen aus der ganzen Welt in der Philharmonie zum Musizieren zusammen.

Sir Simon Rattle wird ein Orchester aus ehemaligen Stipendiaten dirigieren, das es in dieser Besetzung nur an diesem Tag für die Aufführung der Achten Symphonie von Anton Bruckner gibt. Die Stiftung Berliner Philharmoniker schenkt der Akademie zum Jubiläum ein Neues Werk des britischen Komponisten Benedict Mason, eine spannende Bruckner-Introduktion, die ebenfalls von Akademisten zur Uraufführung gebracht wird. Den Gründern gewidmet, setzt das Konzert ein zugleich dankbares und zukunftsfreudiges Zeichen für die Akademie!

Dem Kaiser zu Ehren

Anton Bruckners Achte Symphonie

Wien im Jahr 1885. Anton Bruckner, lange Zeit in den elitären Zirkeln der habsburgischen Kapitale gering geschätzt und jenseits der Stadtgrenzen ohnehin nur wenigen Eingeweihten bekannt, hat einen Aufstieg im internationalen Musikleben hinter sich, der ihm selbst kaum glaublich erscheinen muss. Seiner Siebten Symphonie, von Arthur Nikisch und dem Gewandhausorchester Leipzig dortselbst am 30. Dezember 1884 uraufgeführt und wenig später in München gespielt, ist ein weithin leuchtender Erfolg beschieden gewesen. Endlich hat man die Qualität seiner symphonischen Schöpfungen erkannt, und (beinahe) niemand will ihm den Rang streitig machen, den er nun erklommen hat. Bruckner selbst wird von den Lobpreisungen, die ihm entgegenschlagen, fast übermannt: Die damit verbundenen Ehrungen und sonstigen gesellschaftlichen Verpflichtungen sind für ihn, den »schüchternen Zyklopen«, des Guten im Grunde zu viel; als Beleg mag ein Brief vom 9. Februar 1885 an seine Schwester Rosalie Hueber dienen: »Dann die Correspondenz im In- und Ausland!!! Jetzt ist auch Holland hinzugekommen, wo am 4. Dezember meine dritte Symphonie mit sehr großem Erfolg aufgeführt wurde. In Leipzig war am 28. Jänner die zweite Aufführung meiner siebten Sinfonie vor dem Königspaare. Die Blätter sind voll Bewunderung; ebenso im Holländischen. Im März geht’s nach München (In Hamburg steht die Aufführung ebenfalls bevor). Leider brauche ich viel Geld. In Den Haag will man mich selbst so gerne sehen.«

Direkt nach Fertigstellung des Te Deums, das er bereits 1881, also noch vor der Siebten, in Angriff genommen hatte, geht Bruckner daran, eine weitere Symphonie zu komponieren. Bedenkt man, dass er sofort nach Fertigstellung der Achten mit den Skizzen zur Neunten beginnt (und schon während der Arbeit an der Siebten sein imposantes Streichquintett verfasst), darf man mit Fug und Recht von einem machtvollen Schaffensschub sprechen. Ein wesentlicher Grund dafür ist die schon erwähnte Erfolgsgeschichte der Siebten sowie der revidierten Dritten Symphonie; eine Geschichte übrigens, die bis heute anhält, zählen doch beide Werke neben der Vierten, Achten und Neunten zu den meistgespielten Symphonien Bruckners. Doch hat Bruckner einen Preis für diesen Ruhm zu entrichten. Die Achte will nicht so recht vom Fleck kommen. Der Entstehungsprozess zieht sich über – manchmal quälende – Jahre hin: Bis 1890 feilt er an der Achten, und noch einmal zwei Jahre gehen ins Land, bevor diese titanische Symphonie ans Licht der Öffentlichkeit gelangt. Doch so mühevoll und mitunter quälend diese Verbesserungen auch gewesen sein mögen – die Musikwelt dankt es dem Komponisten.

»Der deutsche Michel träumt ins Land hinaus«

Zuzuschreiben ist der Succès nicht zuletzt einem der einfallsreichsten (und seinen Ausmaßen nach beträchtlichsten) Scherzi der gesamten romantischen symphonischen Literatur. Formal hält sich der Komponist in diesem an zweiter Stelle der Symphonie stehenden Allegro moderato, dem er die programmatische Erklärung »Der deutsche Michel träumt ins Land hinaus« beifügt, an das erprobte Schema. Das Scherzo, in seiner Faktur das wohl rhythmisch markanteste und klanglich massivste innerhalb des symphonischen Bruckner-Universums, ist in drei Abschnitte gegliedert und in diesen Teilen selbst noch einmal dreiteilig gefasst; als Mittelteil fungiert ein breit angelegtes As-Dur-Trio (mit der Überschrift »Langsam«), das gleich zu Beginn eine mild-sanfte Kantilene vorstellt, sodass sich als Gesamtform das Schema A-B-A-C-A-B-A ergibt. Daraus resultiert eine gleichsam symmetrische Struktur, die sich in vielen Scherzi Bruckners findet, nicht aber so ausgedehnt wie hier.

Ins Gewicht fällt – neben der formalen Lösung – die Verwendung von drei Harfen, die in der Urfassung des Jahres 1887 erst im Adagio eingesetzt worden waren, nach der Umarbeitung der Symphonie aber bereits in diesem Satz eine tragende Rolle zugewiesen bekommen. Nicht nur sorgen sie im Trio für eine gesteigerte Intimität (an eben jener Stelle, wo laut Bruckner »der Michel kurz im Gebet innehält«), sie bilden auch den mild-melodiösen Abschluss dieses Intermediums.

Architektonische Präzision waltet nicht nur hier; sie bildet eine der wesentlichen Bauprinzipien der Symphonie. Sowohl im Kopfsatz Allegro moderato, der in mirakulös-sphärischer Stimmung anhebt, dann aber bereits jenes Motiv vorstellt, das späterhin im vierten Satz als Drohgebärde benutzt wird, als auch in diesem Finale, das mit »Feierlich, nicht zu schnell« überschrieben ist, stellt Bruckner drei prägnante Themenkomplexe vor, die er dann in den Durchführungsteilen nach allen Regeln der polyfonen Kunst durcharbeitet. Der Unterschied zu den meisten früheren Symphonien liegt in der Dauer dieses Tuns. Die Achte ist (mit der Fünften) mit 75 Minuten die mit Abstand längste unter den brucknerschen Symphonien. Und noch einen wichtigen Unterschied zum symphonischen Regelprinzip gibt es: Während die Abschnitte in den früheren Werken der Gattung klar voneinander getrennt sind, die Zäsuren also buchstäblich einschneidenden Charakter haben, ist der Eintritt der Großteile insbesondere in den Ecksätzen der Achten Symphonie bewusst verschleiert. Mit anderen Worten: Bruckner »übt« sich in der Kunst des Übergangs.

Fortwährendes Crescendo, Totenmarsch und Verklärung

Spürbar wird diese Kunst auch in jenem Satz, der als einziger von der strukturellen Dreiteilung abweicht: Das beinahe halbstündige Des-Dur-Adagio, welches sein Schöpfer sich »Feierlich langsam, doch nicht schleppend« wünschte, besteht aus fünf Großabschnitten rondoartigen Charakters und ist, wenn man so will, das geheime Zentrum der Symphonie. Die Anlage ist »strophisch«, das heißt: Beide Themenkomplexe, die das Gerüst dieses Satzes bilden, werden mehrfach wiederholt und dabei zusehends intensiviert. Das Prinzip also ist, wie im Grunde auch in den anderen Sätzen, eine Art fortwährendes Crescendo. Überdies weist das Adagio, das mit zart schwebenden Klängen beginnt, einige Besonderheiten auf, die nicht unerwähnt bleiben sollen. Zum einen ist der Satz, insbesondere aufgrund des weit ausgreifenden zweiten Themas, in seinen symphonischen Dimensionen gedehnt (allein die letzte Reprise des ersten Themas umfasst 70 Takte). Außerdem spielt, analog zu den Kopfthemen des ersten und vierten Satzes, das Kopfthema einen Kontrast von Verschleierung und demonstrativer Klärung aus. Hier aber ist es ein Gegensatz zwischen rhythmisch-harmonischen Verkomplizierungen einerseits und akkordischen Vereinfachungen andererseits.

Während Bruckner dem langsamen Satz kein außermusikalisches Programm einschreibt, hat er sich, wie in den Sätzen eins und zwei, für das monumentale Finale eine sich fürwahr wunderlich ausnehmende Szene ausgedacht: »Finale. Unser Kaiser bekam damals den Besuch des Zaren in Olmütz; daher Streicher: Ritt der Kosaken; Blech: Militärmusik; Trompeten: Fanfare, wie sich die Majestäten begegnen. Schließlich alle Themen; (komisch), wie bei Tannhäuser im 2. Akt der König kommend, so als der deutsche Michel von seiner Reise kommt, ist alles schon im Glanze. – Im Finale ist auch der Totenmarsch und dann (Blech) Verklärung.« So ist es wenig erstaunlich, dass dieses dramatische Fragment schon zu Bruckners Lebzeiten zu Irritationen geführt hat. Die neuere Bruckner-Forschung stellt sich dem allerdings gelassen entgegen, will sagen: Allzu ernst sollte man den Meister in diesem Fall nicht nehmen. Und stattdessen die Achte Symphonie als das betrachten, was sie ist: eine himmlische Schöpfung von enormen Ausmaßen und enormem Geist.

Jürgen Otten

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