Schumann: Das Paradies und ... / Rattle

  • Robert Schumann
    Das Paradies und die Peri op. 50 (01:37:32)

    Sally Matthews Sopran, Kate Royal Sopran, Bernarda Fink Alt, Topi Lehtipuu Tenor, Andrew Staples Tenor, Christian Gerhaher Bariton, Rundfunkchor Berlin, Simon Halsey Einstudierung

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    Simon Halsey über Schumanns »Das Paradies und die Peri« (14:53)

    Simon Halsey

Über dem Werk liegt ein Rätsel. Ist es eine Oper? Ein Oratorium? Oder gar beides? Geht man von dem aus, was Robert Schumann sich bei seinem Opus Das Paradies und die Peri auf ein Orient-Epos von Thomas Moore namens Lalla Rookh dachte, zu dem er dann mit Emil Flechsig ein Libretto ersann, handelt es sich um ein weltliches Oratorium. So weit, so gut – jedoch: Das Paradies und die Peri hat auch schon einige Ausflüge auf die Opernbühne hinter sich – meist relativ glücklos. Das szenische Potenzial des Werks ist begrenzt. Also empfiehlt sich zu guter Letzt wohl doch eine konzertante Aufführung, am besten mit paradiesischen Begleitumständen. Ein Blick auf die Liste der Interpreten, die Schumanns Musik hier darbieten, lässt zweifelsfrei den Schluss zu: Die Umstände sind wirklich ideal.

»...ein neues Genre für den Concertsaal«

Das Paradies und die Peri von Robert Schumann

Leipzig, im Jahre 1843. Im Hause von Robert und Clara Schumann herrscht – sieht man von dräuenden finanziellen Sorgenwolken einmal ab – endlich Ruhe. Vorbei sind die Zeiten der stürmischen Leidenschaften und Leiden, vorbei die Zeit der Fremdbestimmung. Bislang hatten die schweren Auseinandersetzungen mit Claras Vater Eingang in die Werke dieses romantischsten Komponisten Deutschlands gefunden. Das Klavier diente Schumann als Katalysator seiner existenziellen Wünsche, Hoffnungen und Verzweiflungen. Bis zu seinem Faschingsschwank aus Wien schrieb er nichts anderes als Kompositionen für dieses Instrument. Nachdem er mit Clara endlich vor den Traualtar getreten war, veränderte sich sein Komponieren dann schlagartig. Nach der Eheschließung schuf er zwei Symphonien, aber auch das erst, nachdem er anno 1840 nichts als Lieder zu Papier gebracht hat: Heines Dichterliebe, die Rückert-Lieder, die Myrthen, die Kerner-Lieder oder die beiden Liederkreise auf Eichendorff und nochmals Heine.

1843 ist diese Phase weitgehend abgeschlossen. Die Musikwissenschaft irrt nicht, wenn sie behauptet, dieses Jahr sei der Wendepunkt im stilistischen Bewusstsein Schumanns. Ein Werk steht dafür ein: das weltliche Oratorium Das Paradies und die Peri. Die Uraufführung des Werks im Dezember 1843 unter der Leitung des Komponisten war bei Publikum und Kritik ein uneingeschränkter Erfolg. Erst in der späteren Rezeption wurde es mehr und mehr an den Rand gedrängt, ab und an als Oper aufgeführt. Doch die Gattungsfrage stellt sich im Grunde nicht. Das Paradies und die Peri ist durch und durch ein Oratorium. Form und Inhalt zeigen dies. Fragwürdiger im positiven Sinn ist schon eher die Bezeichnung »weltlich«. Denn die Geschichte, auf der das Oratorium basiert, trägt unverkerkennbar sakrale Züge. Wobei die Vorlage davon absieht und die Geschichte im Exotischen verortet: Das Libretto gründet auf einer Verserzählung des 1817 veröffentlichten Orient-Epos‘ Lalla Rookh (zu deutsch: Tulpenwange) von Thomas Moore – ein Zyklus von erfundenen Märchen, inspiriert durch die damals vorherrschende Orient-Schwärmerei vieler Künstler.

Es ist möglich, dass Schumann die Geschichte bereits in seiner Jugend in Zwickau kennenlernte. Zur Vertonung des Stoffes entschloss er sich aber erst später. Interessant daran ist, dass er zunächst daran dachte, das Sujet für eine Oper zu verwenden. Nachdem er aber die Übersetzung seines Freundes Emil Flechsig gelesen und als Libretto konstituiert hatte, wurde ihm klar, dass sich dieser Stoff für ein Werk des Musiktheaters nicht eignete. Mitte Juni 1843 war die Komposition abgeschlossen – und ein Meisterwerk entstanden, dass seine Nähe zu den zuvor entstandenen Lied-Zyklen beinahe zu keiner Sekunde leugnet, aber doch eine völlig andere Ausrichtung hat.

Das Paradies und die Peri, das man sich als eine Art Triptychon mit einem lyrischen Zentrum und zwei bewegteren Eckteilen denken kann, ist in Form und Inhalt ausgewogen, verbindet solistische wie chorische Passagen auf kunstvolle Art zu einem organischen Ganzen, das sich klar als Oratorium zu erkennen gibt und lediglich in einigen Chorpassagen opernhafte Züge trägt. Als Meister seines Fachs erweist sich Schumann in der Gestaltung der Übergänge zwischen den einzelnen Nummern. Anders als in seinem Frühwerk finden sich hier so gut wie keine abrupten Veränderungen. 90 Minuten ist dieses Werk im Fluss, als Zäsuren dienen lediglich die Schlüsse der jeweiligen Abschnitte. Gewissermaßen als Leitfaden hat Schumann der Partitur verschiedene Klangsymbole einkomponiert, die immer wieder auftauchen und dem Werk sein Rückgrat geben. Neu an diesem Oratorium ist der fast gediegene Tonfall, der zwischen pastoraler Lieblichkeit und Unbekümmertheit (wie etwa zu Beginn des dritten Teils) und einem gemessenen, beinahe spirituellen Habitus changiert und damit auf überzeugende Weise weltliche wie geistliche Elemente in eins zu setzen weiß.

Man darf Schumann Recht geben, wenn er kurz vor Vollendung des Oratoriums schreibt, bei Das Paradies und die Peri handle es sich um »ein neues Genre für den Concertsaal«. Eben dorthin gehört das Werk, zumal Schumann an anderer Stelle davon spricht, dass es nicht für den »Betsaal« komponiert sei, sondern »für heitre Menschen«.

Handlung

Die Peri, Kind einer Irdischen und eines gefallenen Engels (und somit unreiner Herkunft) wird aus dem Paradies verstoßen. Ein Engel vernimmt ihre große Sehnsucht und verkündet, dass ihr Einlass ins Paradies gewährt werde, wenn sie jene Gabe finde, die dem Himmel am liebsten sei. Auf ihrer Suche überquert die Peri Indien, dessen Flüsse rot von Blut, dessen Tempel verwüstet und Pagoden zertreten sind von den Heeren des Tyrannen Gazna. Nur noch ein Jüngling steht dem Heer des Eroberers gegenüber. Verwundet und mit einem einzigen Pfeil bewaffnet, verliert er den Kampf. Die Peri entnimmt dem sterbenden Helden den letzten Tropfen Blut, tritt voller Hoffnung vor Edens Tor – und wird abgewiesen. Schmerzlich enttäuscht, macht sich die Peri auf nach Ägypten, wo die Pest wütet. An einem abgeschiedenen See findet sie ein junges Mädchen, das ihren pestkranken Geliebten nicht verließ, sondern mit ihm in den Tod ging. Mit dem letzten Seufzer der reinsten Liebe der jungen Frau tritt die Peri zum zweiten Mal vor Edens Tor – und wird erneut abgewiesen. Verzweifelt nimmt sie noch einmal alle Kraft zusammen und begibt sich ein drittes Mal auf die Suche. Ein Verbrecher auf einem Pferd nähert sich. Als der sündige Mann einen betenden Knaben sieht, ist er zutiefst gerührt. Er weint, fällt ebenfalls auf die Knie und beginnt zu beten. Mit einer seiner Reuetränen tritt die Peri abermals vor das Himmelstor. Da stimmt der Chor der Seligen an: »Willkommen, willkommen unter den Frommen! Du hast gerungen und nicht geruht, nun ist’s errungen das köstliche Gut! Sei uns willkommen, sei uns gegrüßt!«

Bernarda Fink wurde als Kind slowenischer Eltern in Buenos Aires geboren. Ihre musikalische Ausbildung erhielt sie am Instituto Superior de Arte des dortigen Teatro Colón, an dem sie auch regelmäßig auftrat. 1985 übersiedelte sie nach Europa. Mit einem Repertoire, das sich vom Frühbarock bis ins 20. Jahrhundert erstreckt, gastiert Bernarda Fink als Opern-, Konzert- und Liedinterpretin in den internationalen Musikzentren und im Rahmen wichtiger Festivals europaweit sowie in Japan, Australien und den USA. Führende Symphonieorchester und viele Ensembles im Bereich der Alten Musik laden sie regelmäßig zur Mitwirkung ein; sie arbeitet mit Dirigenten wie Herbert Blomstedt, Semyon Bychkov, Sir John Eliot Gardiner, Nikolaus Harnoncourt, Mariss Jansons, Riccardo Muti, Sir Simon Rattle und Franz Welser-Möst zusammen. Ihr Debüt bei den Berliner Philharmonikern gab Bernarda Fink Mitte Januar 1995 im Kammermusiksaal in einer konzertanten Aufführung von Monteverdis Orfeo, die René Jacobs dirigierte. Zuletzt gastierte sie hier im April 2004 unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt in Konzerten mit Schuberts Messe Es-Dur D 950.

Christian Gerhaher studierte Gesang sowie Philosophie und Medizin. Im Fach Liedgesang waren u. a. Helmut Deutsch, Dietrich Fischer-Dieskau und Elisabeth Schwarzkopf seine Lehrer. Mit Liedrecitals und als Solist führender Orchester (z. B. Wiener, Münchner und Berliner Philharmoniker, Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, NHK Symphony Orchestra, Cleveland Orchestra) gastierte der Sänger auf zahlreichen bedeutenden Podien im In- und Ausland. Neben seiner umfangreichen Arbeit im Lied- und Konzertbereich ist Christian Gerhaher in ausgewählten Opernproduktionen tätig, so z. B. in der Titelrolle von Monteverdis Orfeo und als Wolfram im Tannhäuser. Nikolaus Harnoncourt, Riccardo Muti, Mariss Jansons und Sir Simon Rattle zählen zu den Dirigenten, mit denen er bislang zusammengearbeitet hat. Bei den Berliner Philharmonikern war er seit seinem Debüt im Dezember 2003 mit der Baritonpartie in Brittens War Requiem (Dirigent: Donald Runnicles) mehrfach zu hören; auf Einladung der Stiftung gab er zuletzt Ende März 2008 mit seinem Klavierbeglieter Gerold Huber einen Liederabend im Kammermusiksaal. Als Honorarprofessor für Liedgesang lehrt Christian Gerhaher an der Hochschule für Musik und Theater in München.

Genia Kühmeier wurde in Salzburg geboren und studierte an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst »Mozarteum« sowie an der Wiener Musikuniversität, u. a. bei Marjana Lipovšek. Nach ihrem Debüt an der Mailänder Scala 2002 als Diane in Glucks Iphigénie en Aulide sang sie 2003 die Partie der Inès in Donizettis La favorite an der Wiener Staatsoper, der sie bis 2006 als Ensemblemitglied angehörte. Mit einem Repertoire, für dessen Vielfalt Komponistennamen wie Mozart, Salieri, Beethoven, Bizet, Wagner und Strauss stehen, ist Genia Kühmeier bislang z. B. auch am Theater an der Wien, am Londoner Royal Opera House Covent Garden, am Théâtre du Châtelet Paris, an der Metropolitan Opera in New York, an der Bayerischen Staatsoper in München, bei den Salzburger Festspielen und bei der RuhrTriennale zu erleben gewesen. Auch im Liedfach sowie als Konzertsolistin der Spitzenorchester und Partnerin der bedeutendsten Dirigenten gastiert die Sopranistin weltweit in den Musikmetropolen und renommiertesten Festivalorten. Bei den Berliner Philharmonikern tritt Genia Kühmeier in diesen Konzerten zum ersten Mal auf.

Der Finne Topi Lehtipuu wurde in Australien geboren. Er studierte an der Sibelius-Akadmie in Helsinki mehrere Hauptfächer und arbeitet seit einiger Zeit mit der Gesangspädagogin Elisabeth Werres in Berlin. Sein Operndebüt gab der Tenor als Albert Herring auf der Bühne der Finnischen Nationaloper Helsinki; es folgten u. a. der Tamino am Théâtre des Champs Elysées in Paris, Produktionen von La Didone und Alcina in Lausanne und Montpellier sowie ein spektakuläres Rollendebüt als Belmonte wiederum an der Finnischen Nationaloper. René Jacobs engagierte den Tenor für eine auch an der Berliner Lindenoper gezeigte Produktion von Monteverdis Orfeo. Sir John Eliot Gardiner, William Christie und Emmanuelle Haïm zählen ebenfalls zu den Dirigenten, mit denen er zusammengearbeitet hat. Topi Lehtipuus Repertoire beschränkt sich keineswegs auf barocke und klassische Werke, sondern spannt mit Kompositionen von Schönberg, Rautavaara und Pärt einen Bogen bis ins 20. Jahrhundert. Topi Lehtipuu ist in vielen Ländern Europas sowie in Japan und in den USA aufgetreten; bei den Berliner Philharmonikern gastierte er erstmals Mitte Juni 2005 unter der Leitung von Sir Simon Rattle in Konzerten mit Strawinskys Renard.

Kate Royal wurde in London geboren und an der Guildhall School of Music and Drama sowie am National Opera Studio ausgebildet. 2004 gewann sie den Kathleen-Ferrier-Preis und 2007 den Young Artist Award der Royal Philharmonic Society. Mit Partien in Werken von Monteverdi, Mozart, Bizet, Britten und Adès war sie bislang u. a. auf den Opernbühnen in London, Glyndebourne, Madrid, Paris und Aix-en-Procence zu erleben. Als Konzertsolistin sang Kate Royal beispielsweise bei den BBC Proms, bei den Festspielen in Baden-Baden und beim Edinburgh Festival, beim Royal Liverpool Philharmonic und beim National Symphony Orchestra in Washington. Dabei hat sie mit Dirigenten wie Sir Charles Mackerras, Sir Simon Rattle, Vasily Petrenko und Helmuth Rilling zusammengearbeitet. Hinzu kamen Liederabende in zahlreichen europäischen Ländern sowie in Nordamerika. Bei den Berliner Philharmonikern gab Kate Royal ihr Debüt Mitte Dezember 2007 in Konzerten mit Händels Messiah unter der Leitung von William Christie.

Andrew Staples sang als Knabe im Chor der Londoner St. Paul’s Cathedral, bevor er sein Musikstudium am King’s College in Cambridge absolvierte. Mit einem Stipendium der Britten Pears Foundation setzte er seine Ausbildung am Royal College of Music in London und an der Britten International Opera School fort; derzeit ist er Schüler von Ryland Davies. Mit einem Repertoire, zu dem Werke von Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, Strauss, Britten und Taverner zählen, ist der junge Tenor bisher vor allem auf den Opern- und Konzertbühnen seiner britischen Heimat aufgetreten und hat dabei z. B. mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment und dem London Symphony Orchestra sowie mit Dirigenten wie Sir Simon Rattle und Daniel Harding zusammengearbeitet. Auf dem europäischen Festland gastierte er u. a. 2003 beim Haydn-Festival in Eisenstadt mit der Partie des Aret in Haydns Philemon und Baucis unter der Leitung von Trevor Pinnock. Als Gast der Berliner Philharmoniker ist Andrew Staples in diesen Konzerten erstmals zu hören.

Der Rundfunkchor Berlin, 1925 gegründet, prägte unter Dirigenten wie George Szell, Hermann Scherchen, Otto Klemperer und Erich Kleiber musikalische Sternstunden der 1920er- und 1930er-Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte er mit seinem Chefdirigenten Helmut Koch die Oratorien Händels erstmals in der Originalgestalt international bekannt. Dietrich Knothe (1982 – 1993) formte den Chor zu einem Präzisionsinstrument für schwierigste Literatur; Robin Gritton (1994 – 2001) bereicherte und verfeinerte die Farbpalette des Ensembles. Seit 2001 leitet Simon Halsey den Rundfunkchor. Er legt besonderes Gewicht auf die stilistisch und sprachlich perfekte, dabei lebendige und mitreißende Wiedergabe von Werken aller Epochen und Stile. Eine rege Aufnahmetätigkeit dokumentiert diese Arbeit. Die Einspielung von Brahms’ Deutschem Requiem unter Sir Simon Rattle erhielt den Grammy Award 2008 als beste Choraufnahme. Halsey initiierte außerdem zahlreiche Projekte des Chores im Bildungs- und Erziehungsbereich wie spezielle Jugend-Programme, Chorpraktika für ausgewählte junge Profi-Sänger sowie einmal im Jahr ein großes Mitsingkonzert. Im Rahmen der Reihe Broadening the Scope of Choral Music sucht der Rundfunkchor Berlin gemeinsam mit Künstlern unterschiedlichster Sparten nach alternativen szenischen Formen und Präsentationsarten von Chormusik. Das Vokalensemble ist Partner führender Orchester und Dirigenten in aller Welt; langjährige Kooperationen verbinden ihn mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem Deutschen Symphonie-Orchester und den Berliner Philharmonikern. Bei den Philharmonikern gastierte der Chor zuletzt Mitte Dezember 2008 unter der Leitung von Zubin Mehta in Gustav Mahlers Dritter Symphonie.

EMISir Simon Rattle tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von EMI Classics auf.

 

 

 

EMIChristian Gerhaher tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von Sony Classical auf.

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Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

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