Beethoven · Elgar / Vogt · Petrenko

  • Ludwig van Beethoven
    Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37 (44:28)

    Lars Vogt Klavier

  • Edward Elgar
    Symphonie Nr. 2 Es-Dur op. 63 (54:20)

  • kostenlos

    Kirill Petrenko und Lars Vogt im Gespräch mit Sarah Willis (08:14)

    Sarah Willis, Kirill Petrenko, Lars Vogt

Man nennt sie die Schicksalstonart. Und nicht nur in der Fünften Symphonie hat Ludwig van Beethoven c-Moll zur Grundtonart bestimmt und damit den Tonfall des Schicksalshaften gewählt. Auch einige seiner Klaviersonaten sind in dieses harmonische Gewand gehüllt, darunter die legendäre Pathétique und die letzte Sonate op. 111; des Weiteren die unterschätzte Chorfantasie, und auch das Dritte Klavierkonzert steht in c-Moll, gleichsam als Beleg dafür, dass Schwermut diese Tonart trägt. Aber auch das Heroische wohnt diesen Stücken inne, wie Lars Vogt, der 2003/04 der erste philharmonische Pianist in Residence war, nun am Beispiel von Beethovens c-Moll-Konzert vorführt. Tonal verwandt ist der andere Programmpunkt des Konzerts: Edward Elgars Zweite Symphonie steht in Es-Dur, der parallelen Durtonart, und entführt in feierliche, pathetische Regionen. Kurzum: ein kontrastreiches, spannendes Programm.

Macht und Träume

Musikalische Bekenntnisse

Der Souverän Beethoven und sein Drittes Klavierkonzert

Im Jahrbuch der Tonkunst von Wien und Prag findet sich 1796 der Name des vormaligen Bonner Hofmusikers Ludwig van Beethoven – zur Überraschung der Nachwelt in der Rubrik Virtuosen und Dilettanten. Diese nach heutigen Begriffen befremdliche Einordnung besaß seinerzeit indes nichts Ehrenrühriges. Im »Clavierland« Wien stand ein begnadeter Pianist hoch in der Gunst des zahlenden Publikums und der musikliebenden Mäzene. Beethoven, so bemerkte das Jahrbuch, wurde »wegen seiner besonderen Geschwindigkeit und wegen der außerordentlichen Schwierigkeiten bewundert, welche er mit so vieler Leichtigkeit exequirt«. Und da dieser Virtuose nicht mehr besoldeter Musiker einer Hofkapelle war, sondern ein »freier Künstler«, zählte er im ursprünglichen Sinne auch zu den »Dilettanten«, denen die Musik ein Vergnügen war und kein Broterwerb. In Wahrheit entsprach Beethoven aber viel eher dem Bild des Künstlers, der sich über Konventionen erhebt, dem die Arbeit keine Lust ist, sondern ein innerer Zwang. Eine Augenzeugin berichtet: »Er war sehr stolz und ich habe gesehen, wie die Mutter der Fürstin Lichnowsky, die Gräfin Thun, vor ihm, der in dem Sopha lehnte, auf den Knieen lag, ihn zu bitten, er möge doch etwas spielen. Beethoven that es aber nicht.«

Der Künstler als Herr und Gebieter, als Denker und Lenker, als Pionier und Prophet – so präsentiert sich Beethoven mit dem ersten Auftritt in seinem Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37. Er selbst spielte den Solopart bei der Uraufführung am 5. April 1803 im Theater an der Wien, und niemand außer ihm hätte damals diese Aufgabe meistern können, da er die Solostimme einstweilen nur unvollständig und skizzenhaft notiert hatte.

Nach 111 Takten orchestraler Grundlegung beginnt der Pianist – also Beethoven – die Soloexposition wie mit einer imperialen Machtdemonstration. Er durchmisst in drei Anläufen die gesamte Klaviatur vom Grund bis zur Höhe, um dann forte und unisono das Hauptthema regelrecht in die Tasten zu meißeln, im manuellen Kraftakt der aufgetürmten Oktaven (auf den freilich sogleich eine nachdenkliche Piano-Reflexion folgt). Aus dem intellektuellen Spiel des Konzertierens wird unter Beethovens Händen existenzieller Ernst: eine Frage der Selbstbehauptung, der schöpferischen Willensstärke, der stolzen Subjektivität. Beethoven, der gefeierte Virtuose, beanspruchte die unumschränkte Herrschaft im »Clavierland«. Ein Souverän, vor dem Fürsten und Gräfinnen auf den Knien lagen.

»Pilgerfahrt einer Seele«: Elgars Zweite Symphonie

Wer einen flüchtigen Blick in das Werkverzeichnis von Edward Elgar wirft, müsste zu dem Eindruck gelangen, die Symphonie habe in seinem Schaffen keine zentrale Rolle gespielt. Doch das Gegenteil ist der Fall: Er hat sie gesucht, die Herausforderung der »großen Symphonie«. Über Jahrzehnte finden sich Spuren symphonischer Projekte: Skizzen, programmatische Titel, Bemerkungen in Briefen und Tagebüchern. Vollendet hat Elgar allerdings nur zwei Symphonien. Oder drei, wenn man ein Studienexperiment aus dem Jahr 1878 mitzählt.

Dreißig Jahre später fand dann erstmals eine Symphonie Elgars den Weg in den Konzertsaal, seine Erste in As-Dur op. 55, die am 3. Dezember 1908 in Manchester uraufgeführt wurde. Elgars Zweite ließ danach nicht allzu lange auf sich warten. Im Herbst 1909 begann sich Elgar mit älteren Skizzen zu beschäftigen und sichtete Aufzeichnungen seiner Italienreise vom vorangegangenen Frühjahr. Dass er aus derart verstreutem und zeitlich unzusammenhängendem Material schließlich eine Symphonie von bewundernswerter Größe und Formkraft zu gestalten vermochte, ist wahrhaft erstaunlich, für die Schaffensmethode des Komponisten aber keineswegs ungewöhnlich. Elgars Kompositionskunst erscheint wie eine höhere Zettelwirtschaft, ein geniales Puzzlespiel, mosaikartig zusammengefügt aus alltäglichen – und sehr persönlichen – musikalischen Momentaufnahmen.

Über die Gedanken, die er in seiner Symphonie Nr. 2 Es-Dur op. 63 zum Ausdruck brachte, hat sich Elgar wiederholt geäußert. Der Partitur, die er in den ersten zwei Monaten des Jahres 1911 vollendete, stellte er als Motto ein Zitat von Percy Bysshe Shelley voran: »Rarely, rarely, comest thou, / Spirit of Delight!« Diesem literarischen Leitgedanken entspricht ein musikalischer, der in den Anfangstakten der Symphonie exponiert wird. Elgar bezeichnete ihn als »Keimzelle« des ganzen Werkes. Und tatsächlich besticht Elgars Es-Dur-Symphonie durch eine keimzellenartige Entwicklungs- und Variationskunst der thematischen Beziehungen, durch die »Einheit in der Vielfalt«, durch einen starken inneren Zusammenhalt – und durch eine zyklische Konzeption: Denn die »Keimzelle« der Einleitungstakte, so erklärte Elgar, ist »in modifizierter Form zum letzten Mal in den Schlusstakten des letzten Satzes zu hören«.

Elgar hat das Finale seiner Zweiten Symphonie als einen »weiten, klangvollen, flutenden Satz« beschrieben, der erfüllt sei »von einer erhabenen Stimmung«. Ohnehin sei »hohe und reine Freude« der bestimmende »Geist« des gesamten Werkes: »Es gibt Rückblicke von einer gewissen Traurigkeit, aber alle Sorgen werden besänftigt und geadelt im letzten Satz, der in einer ruhevollen und, wie ich hoffe und beabsichtige, gehobenen Stimmung ausklingt.« Die Symphonie selbst spricht indes eine andere, eher konfliktreiche Sprache und zeugt von seelischer Zerrissenheit. Wie unter Qualen und voller Unruhe erklingt zum Beispiel jenes Thema, das die Celli im Kopfsatz in höchster Lage intonieren, wie »eine bösartige Kraft, die in der Sommernacht durch den Garten wandert«, sagte Elgar. Auf dem Höhepunkt des dritten Satzes kehrt dieses Cellothema wieder: mit infernalischer, zerstörerischer Energie, brutal akzentuiert und aufgepeitscht von den Rhythmen des Schlagzeugs. Elgar verglich diesen überwältigenden Ausbruch mit dem »marternden Hämmern im Kopf eines Fiebernden: Es scheint dir jedes Atom eines Gedankens aus dem Hirn zu treiben und lässt dich fast wahnsinnig werden.«

Elgar hat den Hörern seiner Zweiten Symphonie einen Schlüssel zum Verständnis dieser Partitur an die Hand gegeben, als er von der »leidenschaftlichen Pilgerfahrt einer Seele« sprach. Begreift man seine Musik als Autobiografie, dann erscheint die Dramaturgie der Es-Dur-Symphonie in einem ganz anderen Licht: die Aufschwünge und Abstürze, die unstillbare Trauer, die hektische Lebenslust, die Vernichtungsängste – und der friedvolle, majestätische, beglückende Schluss, mit dem diese Pilgerreise an ihr Ziel gelangt. Während der Arbeit an seinem Opus 63 berichtete Elgar einer Freundin von dem neuen Werk, und abermals zitierte er, der belesene, hochgebildete Komponist, den Dichter Shelley (aus Julian and Maddalo), um etwas vom Geheimnis dieser Komposition zu verraten: »I do but hide / Under these notes [bei Shelley: »words« statt »notes«], like embers, every spark / Of that which has consumed me.«

Kirill Petrenko wurde 1972 im sibirischen Omsk geboren. Als 18-Jähriger übersiedelte er mit seiner Familie nach Vorarlberg. Seiner Dirigentenausbildung an der Hochschule für Musik in Wien folgte eine Zeit als Assistent und Kapellmeister an der dortigen Volksoper; anschließend war er von 1999 bis 2002 Generalmusikdirektor in Meiningen. Dort dirigierte er Wagners Ring des Nibelungen in der Inszenierung von Christine Mielitz und Alfred Hrdlicka, was ihm internationale Aufmerksamkeit brachte. Von 2002 bis 2007 stand Kirill Petrenko in gleicher Funktion an der Spitze der Komischen Oper Berlin, wo er sich insbesondere durch die Aufbauarbeit mit dem Orchester und dem Ensemble des Hauses einen hervorragenden Ruf erwarb. Einladungen führten ihn an viele bedeutende Opernhäuser, beispielsweise an die Staatsopern von Dresden, München und Wien, zum Maggio Musicale in Florenz, ans Londoner Royal Opera House, die Metropolitan Opera New York, die Pariser Opéra Bastille und zu den Salzburger Festspielen. Auf dem Konzertpodium dirigierte Kirill Petrenko u. a. das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Cleveland Orchestra, das Gewandhausorchester Leipzig, das London Philharmonic Orchestra, das Los Angeles Philharmonic, die Rundfunk-Symphonieorchester in Köln (WDR) und Hamburg (NDR) sowie die Wiener Symphoniker. Bei den Berliner Philharmonikern gab er sein Debüt im Februar 2006 mit Werken von Bartók und Rachmaninow; auf Einladung der Stiftung war er hier zuletzt im Januar dieses Jahres am Pult des Bundesjugendorchesters zu erleben.

Lars Vogt zählt zu den herausragenden Pianisten unserer Zeit. 1970 in Düren geboren, studierte er bei Ruth Weiss in Aachen und bei Karl-Heinz Kämmerling in Hannover. Der Zweite Preis beim Internationalen Klavierwettbewerb in Leeds (1990) legte den Grundstein für eine steile Karriere, die Lars Vogt mit Solo-Auftritten sowie als Partner der renommiertesten Orchester und Dirigenten durch Europa, die Vereinigten Staaten und in den Fernen Osten geführt hat. Im Frühjahr 2008 begleitete der Pianist die Staatskapelle Dresden auf eine ausgedehnte Tournee mit dem Dirigenten Myung-Whun Chung. Seit 1998 leitet Lars Vogt das von ihm gegründete Kammermusik-Festival Spannungen: Musik im Kraftwerk Heimbach. Regelmäßig musiziert er dort und anderenorts mit Künstlern wie Christian Tetzlaff, Antje Weithaas und Sharon Kam; bei Musik und Literatur verbindenden Projekten arbeitet er u. a. mit Klaus Maria Brandauer zusammen. Nach einem Recital im Kammermusiksaal auf Einladung der Stiftung Berliner Philharmoniker gab Lars Vogt sein Debüt beim Orchester während der Salzburger Osterfestspiele 2003 unter der Leitung von Sir Simon Rattle als Solist in Beethovens Erstem Klavierkonzert. In der Saison 2003/2004 Pianist in Residence der Philharmoniker, gastierte er bei ihnen zuletzt im November 2008 mit dem Ersten Klavierkonzert von Johannes Brahms (Dirigent: Sir Simon Rattle).

Testen Sie die Digital Concert Hall

Testen Sie die Digital Concert Hall

Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

Kostenloses Konzert ansehen