Sa, 11. Dezember 2010
Familienkonzert

Bläser der Berliner Philharmoniker

Sarah Willis

  • kostenlos

    Peter Tschaikowsky
    Der Nussknacker op. 71 (als Harmoniemusik) (54:01)

    Sarah Willis Moderation, Volker Eisenach Choreografie

Wie heißt eigentlich die große Schwester der Oboe? Und was passiert, wenn man in einen Kontrabass hineinbläst? Diese und viele andere Fragen wurden beim Weihnachts-Familienkonzert der Berliner Philharmoniker beantwortet. Im Mittelpunkt stand Tschaikowskys Ballett Der Nussknacker, dargeboten in einer komprimierten Fassung mit Bläsern der Berliner Philharmoniker. Moderatorin des Konzerts war die Hornistin Sarah Willis, die nicht nur Handlung des Balletts erklärte, sondern ganz nebenbei die besonderen Qualitäten der verschiedenen Blasinstrumente eines Symphonieorchesters zeigte.

Dass Musik entweder schwer zu verstehen oder wertlos ist - das denken viele Menschen. Bei diesem Weihnachtskonzert der Berliner Philharmoniker konnte man sehen, dass das auch ganz anders sein kann. Die zehn Musiker präsentierten ein Stück, in dem man sich sofort wohl und zu Hause fühlen kann. Aber sie machten auch klar, wie klug und raffiniert Tschaikowsky seine Nussknacker-Musik geschrieben hat. Damit nicht nur die Ohren etwas zu hören, sondern die Augen auch etwas zu gucken hatten, waren 80 Schüler dabei, um tanzend den berühmten Schneeflocken-Walzer zu untermalen. Und sogar der Weihnachtsmann ließ sich zu einem kurzen Gastauftritt blicken. Es ging also ausgesprochen stimmungsvoll zu an diesem Nachmittag in der Berliner Philharmonie. Das war nicht nur den leuchtenden Augen der vielen großen und kleinen Besucher im Saal anzusehen, sondern ebenso den Orchestermusikern auf der Bühne, die diesen besonderen Auftritt mit spürbarem Vergnügen absolvierten.

Von Prinzen, Plätzchen und Musik

Die Nussknacker-Suite op. 71a von Peter Tschaikowsky in einer Fassung für Bläser und Kontrabass

Wie ein Ballett entstehen kann

Wunderbar klar und kalt ist die Luft. Die Erde von weißem Raureif bedeckt, der Himmel blauviolett. Eine eigenartige Lichtstimmung ist das; eine, wie man sie nur im Winter sieht. Der Schnee knirscht unter den Füßen. Der russische Komponist Peter Tschaikowsky schlingt den Schal enger um den Hals; in seinem weißen, sorgfältig gestutzten Bart gefriert ihm der Atem zu kleinen Eisblumen. Eine elegante Erscheinung ist er, wie er da so einsam am Flussufer entlangspaziert. Man erzählt sich, dass er immer Bonbons dabei hat, um sie den Kindern zu schenken. Vielleicht erinnert er sich auch mit seinen 51 Jahren noch zu gut daran, wie gern er selbst als Kind Süßigkeiten aß. Mag sein. Jedenfalls spürt er, dass er sehr müde ist, erschöpft von seinen vielen Reisen ins Ausland, die ihn bis nach Amerika führten, und wo seine sechs Symphonien, seine Solo-Konzerte und Opern aufgeführt und teilweise auch von ihm dirigiert wurden. Jetzt tut ihm diese winterliche Ruhe gut, ganz klar wird sein Kopf. Und bald schon, während er die köstlichen Süßigkeiten in der Manteltasche spürt, beginnt dieser Peter Tschaikowsky an seinen neuen Auftrag zu denken.

Der Grund liegt auf der Hand: Auch die Oper in Sankt Petersburg will an seinem Ruhm teilhaben und wünscht von ihm – nachdem er mit seinen Balletten Dornröschen und Schwanensee große Erfolge gefeiert hat – ein weiteres Werk dieser Gattung: das Ballett Der Nussknacker. Das Märchen, das Tschaikowsky in Klänge verwandeln soll, spielt an Weihnachten. In ihrem Zauberschloss zwischen Konfitürenbergen gibt die Zuckerfee ein rauschendes Fest. Und die Vorstellung, wie dem Komponisten im pelzigen Wintermantel beim Gedanken an die zuckersüßen Bonbons die schönsten Melodien einfallen, ist in der Tat herrlich.

Wer die Handlung zum Ballett Der Nussknacker erfand

Dem Ballett Der Nussknacker von Tschaikowsky liegt die märchenhafte Erzählung Nussknacker und Mausekönig von E. T. A. Hoffmann zugrunde. Ernst Theodor Amadeus Hoffmann war ein romantischer Dichter und lebte viele Jahre in Berlin. Weil er den genialen Komponisten Mozart sehr verehrte, legte er sich als junger Mann den Vornamen Amadeus zu. Außerdem liebte er ganz besonders das Absonderliche, das Gruselige, Fantastische und Unglaubliche. Sein Geld verdiente er meistens mit der Juristerei, brach aber auch immer wieder aus seinem geregelten, bürgerlichen Leben aus, um zu dichten, zu komponieren, zu dirigieren – und stolperte dabei nicht nur einmal über seinen übermütigen Schalk, der ungemein scharf gewürzt war mit großem künstlerischen Können.

Ein anderer, nämlich der französische Schriftsteller Alexandre Dumas der Ältere, veränderte das hoffmannsche Märchen ein wenig, und diese Fassung diente dem Ballett schließlich als Grundlage für das sogenannte Libretto, das Textbuch.

Worum es im Ballett Der Nussknacker geht

Es ist Weihnachten. Der Weihnachtsbaum ist geschmückt, die Kerzen brennen. Klärchen, die Tochter des Hauses, bekommt von ihrem Patenonkel Drosselmeyer einen Nussknacker geschenkt. Habt Ihr schon einmal einen Nussknacker gesehen? Das ist ein bunt bemalter, hölzerner Mann, dessen Mund sich am Rücken mit einem Hebel öffnen lässt. In den geöffneten Mund kann man eine Nuss hineinlegen und dann per Hebel die hölzernen Zähne runterdrücken, um die Nuss zu knacken. Was für ein Spaß! Auch Klärchen ist begeistert. So sehr, dass sie den Nussknacker am Abend mit ins Bett nimmt. In der Nacht träumt sie, wie der Nussknacker die Pfefferkuchensoldaten in eine Schlacht gegen das Heer des Mausekönigs führt. Klärchen springt helfend herbei, das Mauseheer wird vertrieben – und der Nussknacker verwandelt sich in einen Prinzen. Klärchen und der verwandelte Prinz machen sich auf und reisen in das Land der Schleckereien. Im Schloss Zuckerburg werden die beiden von der Zuckerfee begrüßt. Ihnen zu Ehren wird ein rauschendes Fest veranstaltet.

Was in einem Ballett genau passiert

In einem Ballett wird, wie Ihr vielleicht wisst, nicht gesprochen. Tänzer, die allein, zu zweit oder zu noch mehreren tanzen, erzählen die Geschichte mit ihren Bewegungen. Die wechselnden Bühnenbilder beschreiben zusätzlich noch die Orte, an denen das Geschehen spielt. Das klingt doch spannend: erzählen, ohne den Mund aufzumachen. Diejenigen, die sich das Erzählen mit dem Körper ausdenken, nennt man Choreografen. Unser Choreograf heute ist Volker Eisenach, und der hat uns drei wichtige Fragen beantwortet:

Was es mit der Musik zu dem Ballett Der Nussknacker von Peter Tschaikowsky auf sich hat

Heute hört Ihr nicht das vollständige Ballett mit der kompletten Musik, sondern die Nussknacker-Suite. Was ist denn eine Suite, werdet Ihr vielleicht fragen. Das Wort Suite kommt aus dem Französischen und bedeutet Folge oder Abfolge. Im 19. Jahrhundert – dem Jahrhundert, in dem auch Tschaikowsky lebte – erfreuten sich Suiten großer Beliebtheit, denn sie waren wie verkürzte, kurzweilige Fassungen eines langen Balletts oder einer Oper, in der das Wesentliche zum Klingen gebracht wurde. Die Folge der einzelnen musikalischen Abschnitte wurde oft durcheinandergewirbelt. Aber immer konnte der Zuhörer die ursprünglich erzählte Geschichte nachvollziehen.

Die Nussknacker-Suite ist sicherlich die beliebteste unter Tschaikowskys Suiten. Beim Zuhören mag man gar nicht still sitzen. Seine großartigen melodischen Einfälle sprudeln einem geradezu entgegen, alles ist wunderbar instrumentiert. In der Ouverture minature spürt man eine tänzerische Leichtigkeit, die Tschaikowsky durch das Weglassen der ursprünglich beteiligten Celli und Kontrabässe erreicht hat. Es folgt ein kleiner Marsch, der ganz leisemit den Klarinetten, Trompeten und Hörnern einsetzt, die dann wiederum – und zwar sehr elegant – von den Streichinstrumenten abgelöst werden. Fast frech und vorwitzig spielen danach die Mirlitons (Rohrflöten) auf. Weil auf dem Fest der Zuckerfee natürlich ordentlich getanzt wird, spielt die Kapelle Tänze aus aller Herren Länder: Im chinesischen Tanz Le Thé erfreut man sich an hohen, beinahe schrillen Klängen. Le Café, der arabische Tanz, wirkt mit seiner besonderen Harmonik dagegen nahezu traurig, während Le Chocolat, der Tanz aus Spanien beschwingt und temperamentvoll anmutet. Der Tanz der Zuckerfee besticht durch seinen silbrigen, märchenhaften Klang, der von der damals gerade erst erfundenen Celesta herrührt, einem Instrument, das Tschaikowsky begeistert einsetzte. Spätestens beim abschließenden Walzer-Finale befindet sich auch der letzte Zuhörer inmitten der Zauberwelt – mit schmelzenden Sahnebonbon-Klängen in den Ohren und dem Geschmack von allerlei süßen Köstlichkeiten auf der Zunge.

Warum es von der Nussknacker-Suite eine Fassung für Bläseroktett, Flöte und Kontrabass gibt

Nicht nur, dass Ihr heute die Nussknacker-Suite hört: Ihr hört sie auch in einer besonderen Besetzung. Kein großes Orchester spielt hier auf, sondern ein Bläseroktett und dazu zwei Gäste, nämlich eine Flöte und ein Kontrabass. Huch, werdet ihr ausrufen: Was ist ein Bläseroktett und warum sind eine Flöte und ein Kontrabass dabei? Ein Oktett ist ein Musikstück für acht Musiker, in unserem Fall sind es acht Blasinstrumente, nämlich zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte und zwei Hörner. Oft wurde diese Besetzung um weitere Bläser – wie im heutigen Konzert die Flöte – und einen Kontrabass, der zur Familie der Streichinstrumente gehört, ergänzt. Das nannte man auch »Harmoniemusik«.

Und wann brauchte man diese »Harmoniemusik«? Als vor etwa 200 Jahren die Könige und Kaiser ihre rauschenden Feste gaben, hatten sie kleine Orchester mit Streichern und Bläsern, die für sie spielten. Aber die Herzöge und Fürsten, die nicht so viel Gold und Edelsteine wie die Könige besaßen, wollten auch an ihren Höfen einer Musikkapelle zuhören, die ihnen am Abend nach dem Essen etwas vorspielte. Also engagierten sie einfach ein kleineres Musikensemble. So entstanden die »Harmoniemusiken«. Das Gute daran: Sie klangen wunderschön und waren bezahlbar.

Die Fürsten und Adligen hörten gern die neusten »Hits« der damaligen Zeit, und so wurden diese Werke für kleine Besetzungen bearbeitet oder eigens für diese komponiert, zum Beispiel von Wolfgang Amadeus Mozart oder Ludwig van Beethoven. Ein anderer Vorteil war, dass man mit weniger Personen besser reisen und die schönen Melodien auf dem Land, oft unter freiem Himmel, bekannt machen konnte. Außerdem eignete sich so ein kleines Ensemble auch vorzüglich, um der Geliebten ein nächtliches Ständchen zu bringen. Besonders, wenn sich noch der Gesang der Nachtigall daruntermischte.

Was Sarah Willis und Walter Seyfarth zur Nussknacker-Suite und ihren Instrumenten zu erzählen haben

Die Musiker der Berliner Philharmoniker haben sehr viel Spaß daran, bei den Familienkonzerten in der Philharmonie mitzuwirken und denken sich immer wieder tolle Themen aus. Wir haben zwei von ihnen gefragt, was für sie das Besondere an ihrem Instrument und ihrem Beruf ist: die Hornistin Sarah Willis, die auch das heutige Konzert moderiert, und den Klarinettisten Walter Seyfarth.

Christine Mellich

Zukunft@BPhil ist die von der Deutschen Bank ermöglichte Initiative der Berliner Philharmoniker mit dem Ziel, die Arbeit des Orchesters und seine Musik einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen.

Michael Hasel spielt Flöte, aber er dirigiert auch sehr oft – besonders gern seine Kollegen! Wenn er sich davon erholen muss, tut er das am liebsten auf seinem Boot.

Jonathan Kelly ist Oboist. Wenn er mal nicht musiziert, liebt er es, in seinem schönen Garten zu buddeln oder mit seinem Hund Harry im Wald spazieren zu gehen.

Andreas Wittmann ist nicht nur Oboist, sondern auch noch Orchestervorstand (das ist sowas wie ein Klassensprecher) bei den Berliner Philharmonikern. Außerdem kann er sehr gut Spanisch sprechen und geht gern ins Theater.

Alexander Bader spielt im Orchester Klarinette und auf dem Rasen Fußball. Er spricht auch fließend Spanisch und ist Experte auf dem Gebiet des Hausbaus.

Walter Seyfarth ist nicht nur ein Klarinettist, sondern auch ein begnadeter Koch. Wie viele Köche, liebt er alles, was italienisch ist.

Der HornistFergus McWilliam spielt nicht nur gern was in den Noten steht, sondern auch noch Golf und am allerliebsten mit seinem Iphone.

Sarah Willis hat einen richtigen Vogel – nämlich einen Kakadu. Im Orchester spielt sie Horn und moderiert besonders gern die Familienkonzerte. Wenn sie frei hat, ist sie eine begeisterte Salsa-Tänzerin.

Daniele Damiano ist am liebsten in Italien, weil er von dort stammt. Daniele spieltFagott und kann ansonsten gar nicht genug Zeit mit seiner kleinen Tochter Anna verbringen.

Henning Trog ist auch Fagottist, aber genauso gernspielt er noch Akkordeon, Klavier und Orgel. Zum Ausgleich fährt er am liebsten Fahrrad.

Rudolf Watzelspielt entweder Kontrabass odermit seinen Enkelkindern. Wenn er als Koch tätig wird, ist das für alle immer ein großer Genuss.

Der ChoreografVolker Eisenach isst alles, was Schokolade enthält, schreibt gern spannende Geschichten und liebt es, mit seiner Tanzgruppe FTL (Faster-Than-Light-Dance-Company) zu arbeiten.

Anja Meser ist in diesem Konzert die Choreografie-Assistentin.Sie tanzt aber auch gern selbst, z. B. in Berlin oder in der Schweiz. Was keiner wissen darf: bei Brettspielen schummelt sie manchmal.