Von Bach zu Beethoven mit Giovanni Antonini

  • Johann Sebastian Bach
    Orchestersuite Nr. 1 C-Dur BWV 1066 (25:54)

  • Carl Philipp Emanuel Bach
    Symphonie F-Dur Wq 183 Nr. 3 (12:40)

  • Ludwig van Beethoven
    Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 36 (36:39)

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    Giovanni Antonini im Gespräch mit Raimar Orlovsky (18:41)

    Raimar Orlovsky, Giovanni Antonini

Für die Berliner Philharmoniker ist die Zusammenarbeit mit Dirigenten der Alte-Musik-Szene in doppelter Hinsicht ein Gewinn. Zum einen ermöglichen die Spezialisten für historische Aufführungspraxis oftmals eine neue Sicht auf die Musik des Barock und der Klassik. Und zum anderen stehen bei diesen Konzerten immer wieder herrliche Werke auf dem Programm, die sonst kaum je von den großen Symphonieorchestern aufgeführt werden. So ist es auch bei diesem Gastspiel von Giovanni Antonini bei den Berliner Philharmonikern.

Giovanni Antonini hat sich vor allem als Mitbegründer und Leiter des Ensembles Il Giardino Armonico einen Namen gemacht. Bei seinem Berliner Gastspiel unternimmt er eine musikalische Reise von der Barockzeit über die Frühklassik bis zur Musik Beethovens. Am Beginn steht Johann Sebastian Bachs Orchestersuite Nr. 1 – ein Werk, das erst ein einziges Mal auf dem Konzertprogramm der Berliner Philharmoniker stand. Die Suite offenbart die barocke Ausdruckwelt in Reinkultur: gravitätisches Schreiten, graziöse Tänze und raffinierter Kontrapunkt fügen sich zu einem gleichermaßen prachtvollen wie charmanten Ganzen.

Allerdings wurde die Perfektion dieser Musik von der nachfolgenden Komponistengeneration vielfach als Kälte empfunden. Das sollte nun anders werden. Oder wie Bachs Sohn Carl Philipp Emmanuel Bach schrieb: »Mich deucht, die Musik müsse vornehmlich das Herz rühren.« Mit Werken wie seiner F-Dur-Symphonie – hier von den Berliner Philharmonikern erstmals gespielt – zählte Carl Philipp Emmanuel zu denjenigen Komponisten, die den Grundstein zu einer Musik von bis dahin unbekannter Empfindsamkeit legten. Vollender dieses Weges war Ludwig van Beethoven, der ganz das eigene Fühlen und Erleben in den Mittelpunkt seiner Werke stellte – und damit weit die Tür aufstieß in die Welt der Romantik.

»Sie verrathen alle den Meister der sie verfertiget hat.«

Orchesterwerke von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach sowie von Ludwig van Beethoven

Wahrscheinlich komponierte Johann Sebastian Bach die erste seiner Ouvertüren oder Orchestersuiten (C-Dur BWV 1066) in den Jahren 1719/1720. 55 Jahre später entstand die Orchestersymphonie F-Dur seines zweitältesten Sohnes Carl Philipp Emanuel. Und nach wiederum 25 Jahren schrieb Ludwig van Beethoven seine Zweite Symphonie D-Dur op. 36. 80 Jahre Musikgeschichte! Atemberaubend, wie grundlegend sich in diesem Zeitraum die künstlerisch-ästhetische Haltung der Komponisten und dementsprechend der Stil ihrer Werke verändert haben ...

Als Johann Sebastian Bach im August 1717 in Köthen sein Amt als Hofkapellmeister antrat, fand er einen respektablen Klangkörper vor: Die Besoldungsliste für das Jahr 1719 verzeichnet 19 fest angestellte Instrumentalisten in dem ganz modern auf die Violinen ausgerichteten Orchester. Es bestanden also für Bach, zumal der calvinistische Fürstenhof nur geringes Interesse an Kantaten und anderer Kirchenmusik hatte, hervorragende Bedingungen für die vom Fürsten ausdrücklich erwünschte Komposition von Instrumentalmusik. Zahlreiche Konzert- und Orchesterwerke sind dann auch in dieser Zeit entstanden, darunter wahrscheinlich 1719/1720 die Ouvertüre oder Orchestersuite C-Dur BWV 1066.

Seit Jean-Baptiste Lully im Jahr 1660 zur Pariser Erstaufführung von Francesco Cavallis Dramma per musica Xerse eine Ouvertüre komponiert hatte, gehörte der dreiteilige instrumentale Eröffnungssatz zum Standard der barocken Oper. Unabhängig davon verselbstständigte er sich aber schon bald als reine Instrumentalmusik, hier nun wiederum erweitert zur Suite durch eine Reihe von Tänzen. Und da die dreiteilige Ouvertüre mit ihrem langsamen, scharf punktierten Eröffnungsabschnitt, dem schnellen, kontrapunktisch angelegten Mittelteil und der Wiederholung der Eröffnung der gewichtigste Satz der Suite war, wurde nach ihr das gesamte Werk benannt: Ouvertüre (frz. »Ouverture«) oder Orchestersuite. Dem Eröffnungssatz folgen in Bachs C-Dur-Ouvertüre sechs dramaturgisch wirkungsvoll und kontrastreich zusammengestellte Tänze bzw. Tanzpaare französischer und italienischer Provenienz.

»Ich habe«, schrieb Carl Philipp Emanuel Bach am 30. November 1778 an den Leipziger Verleger Johann Gottlob Immanuel Breitkopf, »vorm Jahr 4 große Orchester Sinfonien von 12 obligaten Stimmen gemacht. Es ist das größte in der Art, das ich gemacht habe.« Das zeigte auch die Wahl des Widmungsträgers, des hochmusikalischen, Viola da gamba und Cello spielenden preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm, des nachmaligen Königs Friedrich Wilhelm II. »Es sind«, hieß es in Bachs Widmungsschreiben, »Stücke von verschiedenen (sic!) Inhalt, und ich würde es nicht wagen, wenn mir die gründlichen Einsichten in unsere Tonkunst und die damit verknüpften praktischen Fähigkeiten, wodurch Ew. Königl. Hoheit vor den meisten Göttern dieser Erde vorzüglich erhaben sind und eben dadurch an mehr, als einer Art von Musick, ein gnädiges Gefallen haben, unbekannt wären. Mögte sich doch dieses gnädige Gefallen bis auf bey kommende Stücke erstrecken!« Es erstreckte sich, denn der Kronprinz versicherte im Dankesschreiben: »Sie verrathen alle den Meister der sie verfertiget hat, und Ich freue mich im voraus sie in execution bringen zu laßen.«

Um das Jahr 1775 hatte Joseph Haydn bereits etwa 60 viersätzige Symphonien komponiert und dabei mindestens einem Satz die Sonatenform zugrunde gelegt. Carl Philipp Emanuel Bach dagegen hielt an dem in Berlin favorisierten dreisätzigen Typus mit der Abfolge schnell – langsam – schnell fest, und eine Sonatenform kann man bei ihm nur sehr selten finden. Wie kaum ein Zweiter war er ein Kind des Empfindsamen Zeitalters und des musikalischen Sturm und Drang. Sein künstlerisch-ästhetisches Credo hatte Bach bereits 1753 in seinem Lehrwerk Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen abgelegt: »Indem ein Musickus nicht anders rühren kan, er sey dann selbst gerührt; so muss er nothwendig sich selbst in alle Affeckten setzen können, welche er bey seinen Zuhörern erregen will […]. Kaum, daß er einen stillt, so erregt er einen andern, folglich wechselt er beständig mit Leidenschaften ab.«

Konsequent befreite sich Bach in seinen Orchestersymphonien von allen form- und kompositionstechnischen Zwängen. »Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt!«, lässt Goethe seinen Werther sagen. Von dieser »Ichheit« wird auch die Orchestersymphonie F-Dur Nr. 3 getragen. Lustvoll spielt Bach mit den Hörerwartungen, verblüfft mit harten Kontrasten und einer ungezügelten Gefühlssprache, verzögert eigenwillig den melodischen Fluss, um ihn nach einer Pause in völlig überraschender Weise fortzusetzen. Weit in die Zukunft weist er besonders mit seinen Instrumentationseffekten. So hatte man bis dahin die Bläser noch nicht gehört! Solistisch, aber auch im orchestralen Verbund brillieren sie mit reizvollen Klangeffekten und aparten Farbmischungen.

In den Werken von Ludwig van Beethoven hat Carl Philipp Emanuel Bach deutliche Spuren hinterlassen. Waren sich die beiden Komponisten doch in ihrem Drang, einmalig zu sein, erstaunlich ähnlich. Perfekt beherrschten die beiden »Originalgenies« die Musiksprachen ihrer Zeit: das Galante und das Empfindsame, das Gelehrte und das Freischweifende. Erst die »Verschmelzung und […] Zuspitzung« dieser stilistischen Haltungen »zu einer Sprache der Zukunft macht ihrer beiden Genialität aus«, bemerkt der Musikwissenschaftler Peter Rummenhöller. Wobei durch Beethoven ein neuer, »heroischer« Ton hinzukam. War er doch ein damals noch leidenschaftlicher, wenngleich nicht unkritischer Befürworter der Französischen Revolution und des zu diesem Zeitpunkt noch nicht zum Kaiser ›emporgestiegenen‹ Napoleon Bonaparte.

Als Beethoven unmittelbar nach Fertigstellung seiner Ersten Symphonie op. 21 seine Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 36 konzipierte, hatte er sich in Wien längst erfolgreich als Klaviervirtuose und Dirigent durchgesetzt. Zudem bewiesen die Druckveröffentlichungen seiner Kompositionen, dass er als ernst zu nehmender Tonsetzer neue Wege ging. Und doch lag ein schwerer Schatten auf seinem Leben. »Seit zwei Jahren fast«, schrieb er am 29. Juni 1801 an den Jugendfreund Franz Gerhard Wegeler, »meide ich alle Gesellschaften, weils mir nicht möglich ist den Leuten zu sagen: ich bin taub.« Ein erschütterndes Zeugnis dieser verzweifelten Situation ist das im Herbst 1802 von Beethoven verfasste Heiligenstädter Testament. Zu diesem Zeitpunkt allerdings war die Zweite Symphonie weitgehend vollendet.

Auch wenn die Zweite Symphonie kein Spiegelbild seiner damaligen Lebenswirklichkeit ist, entwirft Beethoven in ihr ein Drama. Das beginnt bereits in der langsamen Einleitung des Kopfsatzes mit dem im Fortissimo dreinfahrenden und in punktiertem Rhythmus abwärts geführten d-Moll-Dreiklang (Takt 23): Ein »Schreckenssignal« (Armin Raab), nach dem im Hauptteil trotz der Tempobezeichnung »Allegro con brio« keine unbeschwerte Heiterkeit mehr aufkommen kann. Dem gleichmäßig dahinströmenden Larghetto folgt ein widerborstiges Scherzo. Wie Carl Philipp Emanuel Bach durchkreuzt auch Beethoven die Hörerwartungen. So lässt er zum Beispiel auf ein ruhiges Piano der Bläser abrupt ein polterndes Forte in den Streichern folgen. Wie sehr alles Vorangegangene dem Schluss-Satz zustrebt, einer Kombination von Sonatensatz und Rondoform, zeigt dann dieses Finale. Von ihm meinten die Zeitgenossen, es hänge ihm »etwas sehr Bizarres an« (Allgemeine musikalische Zeitung, 1812). Das schroffe Hauptthema passt so gar nicht zu einem heiteren Kehraus. Doch nach einem plötzlichen Innehalten öffnet sich der Blick auf eine neue, friedvolle Welt. Mit wuchtigen Tutti-Schlägen wird sie fest in der Erde verankert.

Ingeborg Allihn

Giovanni Antonini wurde in seiner Geburtstadt Mailand sowie am Centre de Musique Ancienne in Genf ausgebildet. Er ist Gründungsmitglied und seit 1989 Musikalischer Leiter des Barockensembles Il Giardino Armonico, mit dem er als Dirigent sowie als Solist auf der Block- und Traversflöte in den weltweit wichtigsten Musikzentren gastiert. Neben dem barocken und frühklassischen konzertanten Repertoire hat Giovanni Antonini auch eine große Zahl an Opern und Oratorien von Monteverdi, Fux, Händel, Pergolesi, Cimarosa, Mozart u. a. dirigiert. Er stand bislang – oft auch regelmäßig – am Pult vieler renommierter Symphonie- und Kammerorchester (z. B. Camerata Academica Salzburg, Tonhalle-Orchester Zürich, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Concertgebouworkest Amsterdam, Orchestre Philharmonique de Radio France, Orchestra of the Age of Enlightenment, City of Birmingham Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic Orchestra,). Mit dem Kammerorchester Basel, dem er eng verbunden ist, spielt er derzeit einen Zyklus der Beethoven-Symphonien auf CD ein. Giovanni Antonini hat mit Cecilia Bartoli, Christophe Coin, Katia und Marielle Labèque, Viktoria Mullova und dem RIAS Kammerchor zusammengearbeitet. Als Gast der Berliner Philharmoniker dirigierte er zuletzt Mitte Dezember 2005 Werke von Händel, Mozart, Kraus und Sammartini; mit den Stipendiaten der Orchester-Akademie führte er im Januar 2009 Musik von Händel und Haydn auf.

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Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

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