Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 3 mit Valery Gergiev und Denis Matsuev

  • Rodion Schtschedrin
    Symphonisches Diptychon Deutsche Erstaufführung (10:02)

  • Sergej Rachmaninow
    Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30 (47:43)

    Denis Matsuev Klavier

  • Modest Mussorgsky
    Bilder einer Ausstellung (Orchesterfassung von Maurice Ravel) (36:49)

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    Valery Gergiev im Gespräch mit Wilfried Strehle (17:17)

    Wilfried Strehle, Valery Gergiev

Musik und Musiker Russlands - das ist ein Schwerpunkt der Berliner Philharmoniker in diesem Herbst. Im Mittelpunkt des aktuellen Konzerts in der Philharmonie steht mit Valery Gergiev einer der bekanntesten Dirigenten seines Heimatlandes. Gergievs Ruhm gründet sich vor allem auf seine Zusammenarbeit mit dem St. Petersburger Mariinsky-Theater, die bis in das Jahr 1978 zurückreicht. Aber auch dem Publikum der Berliner Philharmoniker ist er seit 1993 ein Begriff.

Der aus Irkutsk stammende Denis Matsuev hingegen gibt mit diesem Konzert sein philharmonisches Debüt. In der Musikwelt hat er sich spätestens 1998 einen Namen gemacht, als er den Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb für sich entschied. Dass nicht allein der klassischen Musik seine Leidenschaft gilt, zeigt eine bemerkenswerte Premiere: Matsuev war der erste Musiker überhaupt, der am Moskauer Konservatorium ein Jazz-Konzert gab. Vor wenigen Monaten debütierte er beim New York Philharmonic, wieder mit Valery Gergiev als Dirigent. Die New York Times kommentierte: »Denis Matsuev, der Star unter den jungen russischen Pianisten ... gebot über athletische Virtuosität und stählerne Kraft und lieferte eine energetische und doch transparente Interpretation .... Der Applaus war enorm.«

Alle drei Werke dieses Abends verkörpern eine reizvolle Begegnung von russischer und westlicher Musik. Rodion Schtschedrin komprimierte mit seinem Symphonischen Dyptichon eine Oper, die er im Jahr 2002 für das New York Philharmonic und Lorin Maazel geschrieben hatte. Rachmaninows Drittes Klavierkonzert wiederum entstand anlässlich des amerikanischen Debüts des Komponisten im November 1909. Am Schluss des Abends stehen Modest Mussorgskis berühmte Bilder einer Ausstellung in der Orchesterfassung von Maurice Ravel. Die urwüchsige, ja rohe Kraft der originalen Klavierversion ist bei Ravel zweifellos gemindert, doch dieser Mangel wird von Ravel mehr als ausgeglichen: durch Farben und Schattierungen, die aus dem vielleicht sogar zu unbeirrbar vorandrängenden Klaviersatz einen multidimensionalen Kosmos machen.

Auf der Suche nach der russischen Seele

Kompositionen von Schtschedrin, Rachmaninow und Mussorgsky-Ravel

Die drei Komponisten dieses Konzerts verbindet nicht nur ihre russische Herkunft, sondern auch das Klavier als Ausgangspunkt und besonderes Ausdrucksmittel des Komponierens: Rodion Schtschedrin ist »gelernter« Pianist, Sergej Rachmaninow war einer der bedeutendsten Klaviervirtuosen des 20. Jahrhunderts; Modest Mussorgsky, der ungewöhnlichste unter den dreien, erhielt als Sechsjähriger von seiner Mutter Klavierunterricht, eignete sich seine musikalischen Kenntnisse aber im Wesentlichen autodidaktisch an.

Rodion Schtschedrin, 1932 in Moskau geboren, ist einer der bekanntesten und profiliertesten russischen Komponisten der Gegenwart. In seinem umfangreichen Œuvre gelingt es ihm, traditionelle und neue musikalische Formen miteinander zu verbinden. Der heute 78-Jährige bezeichnet sich selbst als »Post-Avantgardist«: er schloss sich nie einer Schule an und unterwarf sich auch nicht bestimmten Moden. Zu Zeiten des Sowjetkommunismus wurde er wegen seiner kosmopolitischen Haltung kritisiert, provozierte mit Werken, agierte aber auch »politisch« als Sekretär des russischen Komponistenverbands.

2002 komponierte Schtschedrin Der verzauberte Pilger für drei Solisten, Chor und Orchester. Als Vorlage zu dieser »Oper für den Konzertsaal« diente Nikolai Leskows gleichnamiger Roman, in dessen Mittelpunkt der junge Iwan Sewerjanowitsch Fljagin steht: Ihn verfolgt der Geist eines Mönchs, den er seinerzeit zu Tode folterte. Nach Jahren ziellosen Umherwanderns stellt Iwan sich in den Dienst eines Fürsten und verliebt sich an dessen Hof in die schöne Zigeunerin Gruscha. Diese liebt schon den reichen, launischen Fürsten, der sich jedoch wegen einer anderen Frau von ihr abwendet. In ihren Liebesqualen bittet Gruscha Iwan, sie zu töten. Weil er Gruschas Leiden nicht ertragen kann, erfüllt er ihren Wunsch und bringt sie um. Am Ende wird er von ihrem Geist in ein Kloster geführt, um Buße zu tun, und wird Mönch.

Schon 2004 hatte Schtschedrin eine Szene der Oper für Mezzosopran und Klavier arrangiert, 2008 folgte das Symphonische Diptychon Broken song für großes Orchester. Es enthält Motive der Oper und das zentrale Thema der Gruscha. Das rund 10 Minuten dauernde Stück besteht aus vier Abschnitten unterschiedlichen Charakters, wobei die drei ersten zusammen etwa so lang sind wie der folgende vierte. Charakteristisch für Schtschedrins Stil sind Anlehnungen an die Zigeunermusik mit raschem Wechsel von langsam und schnell, ein tänzerischer 2/4-Takt, aber auch das plötzliche Abbrechen einzelner Abschnitte sowie die Verwendung thematischer Bruchstücke.

Sergej Rachmaninow, der als Klaviervirtuose und Komponist in der Nachfolge Franz Liszts stand, sah sich in erster Linie als Komponist – von Klaviermusik, Liedern, symphonischen Werken, Kammermusik und Opern. Nach der Oktoberrevolution von 1917 verließ er seine Heimat und ging nach Amerika, wo er als Pianist zu Weltruhm gelangte. Aus Rachmaninows Feder stammen fünf Werke für Klavier und Orchester: vier Konzerte und eine Rhapsodie. Das für sein amerikanisches Debüt komponierte Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30 hat einen ausgesprochen symphonischen Zuschnitt. Rachmaninow selbst war der Meinung, es sei zu lang. In den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren spielte er es deshalb in einer gekürzten Fassung. Die Bezeichnung »Konzert für Elefanten«, die der Komponist dem Werk gab, bezieht sich auf die enormen technischen Anforderungen des Klavierparts.

Das dreisätzige Werk ist »klassisch« angelegt, es besticht durch Kantabilität, Eleganz, Farben und Kontraste, auch Stimmungsbilder. Im Kopfsatz wird das erste Thema zunächst vom Klavier vorgetragen und dann an das Orchester weitergegeben. Diesem einfachen Thema stellt Rachmaninow später ein zweites, weniger fließendes, dafür rhythmisch akzentuiertes gegenüber. Die Durchführung bringt stärkere Bewegung in den sonst eher ruhigen Satz. Das mal elegische, mal schwelgende Intermezzo mündet ohne Übergang ins bewegte Finale, an dessen Ende Klavier und Orchester in einen dramatischen Dialog treten.

Modest Mussorgsky hinterließ bei seinem Tod einige unvollendete Orchesterwerke. Sie wurden zumeist von Nikolai Rimsky-Korsakow aufführungsreif gemacht – jedoch nicht immer zum Vorteil des Originals, denn Mussorgskys unkonventioneller Stil blieb dabei nicht selten auf der Strecke. Anders verhält es sich mit den Bildern einer Ausstellung: Sie scheinen in der Orchesterfassung von Maurice Ravel das Musterbeispiel für die ungebrochene Popularität eines symphonischen Stückes zu sein. Ravel brachte mit seiner Instrumentierung Mussorgskys Modernität einem breiten Publikum nahe. Zugleich wird durch die brillante Orchesterbearbeitung das Interesse am Original immer wieder neu geweckt.

Am 23. Juli 1873 starb in Moskau der mit Mussorgsky befreundete Architekt, Bildhauer und Maler Viktor Hartmann. Ein Jahr nach seinem Tod fand in Petersburg eine Gedächtnisausstellung mit seinen Werken statt. Zehn der später größtenteils verloren gegangenen Bilder beeindruckten Mussorgsky besonders, und als musikalisches Epitaph für den Freund verfasste er die Bilder einer Ausstellung: einen Zyklus von Klavierstücken, die durch musikalische Einleitungs- und Zwischenteile verbunden sind. Diese fünf Promenaden variieren in Länge und Charakter und beruhen auf einem kirchentonähnlichen Thema, dessen freie Struktur und rhythmische Wechsel an den liturgischen Gesang Russlands erinnern. Wladimir Stassow kennzeichnete die Promenaden so: »Hier hat sich der Komponist selber dargestellt, wie er bald links, bald nach rechts geht, bald unschlüssig herumstreicht, bald eilig einem Bild zustrebt; oft auch verdüstert sich sein freudiges Gesicht: dann denkt er traurig an seinen verstorbenen Freund.«

Nach der ersten Promenade folgen zehn Bilder von sehr unterschiedlichem Charakter. Gnomus ist ein kleiner, hässlicher Zwerg mit kurzen, krummen Beinen und linkischen Bewegungen. Mussorgsky zeichnet ihn grotesk – mit hüpfenden Phrasen, gebrochener Melodie, jähen Wechseln von Akzenten und Dynamik. Il vecchio castello verbreitet die wehmütige Stimmung in den Ruinen eines alten Schlosses, in denen ein Troubadour sein elegisches Lied singt, Tuileries ist das kurze Porträt zankender Kinder in den Tuilerien von Paris. Bydło heißt ein alter polnischer Ochsenkarren, man hört, wie stampfende Hufe sich nähern, vorbeiziehen und wieder entfernen. Das Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen wurde von einer Dekorationsskizze Hartmanns für das Ballett Trilby inspiriert: Eben geschlüpfte Küken laufen piepsend und tapsig durcheinander. Im folgenden Bild Samuel Goldenberg und Schmuyle werden zwei polnische Juden charakterisiert: Der reiche, selbstgefällige Goldenberg schreitet bedeutungsvoll, während der arme Schmuyle hektisch bettelnd um ihn herumspringt. Der Marktplatz von Limoges ist ein pralles Genrebild: Keifende Marktweiber schreien so sehr durcheinander, dass am Ende nur schierer Lärm bleibt.

Auf dem Bild Catacombae stellte Hartmann sich mit einer Laterne in der Hand durch die Katakomben von Paris gehend dar. Assoziationen an römische Katakomben weckt der Untertitel Sepulcrum Romanum (römisches Grab) des Largo-Teils. Das folgende Andante, ein Dialog des Komponisten »mit den Toten in einer toten Sprache« (Cum mortuis in lingua mortua), ist Mussorgskys eigentliches Memento für den verstorbenen Freund. Dem vorletzten Bild – Die Hütte der Baba Yaga – liegt Hartmanns Zeichnung einer holzgeschnitzten Tischuhr in Form einer Hütte auf Hühnerfüßen zugrunde: Hier haust Baba Yaga, die berühmt-berüchtigte Hexe der russischen Sage. Sie wird in ihrem wilden Ritt durch die Lüfte gezeichnet. Ohne Übergang folgt als Finale Das große Tor von Kiew nach Hartmanns Entwurf für einen Architekturwettbewerb. Es ist eine heroische Szene: Archaische Kultgesänge werden beschworen, der majestätische Umzug steigert sich unter großem orchestralen Aufwand und heftigem Glockengeläut zu einem prunkvollen Schluss.

Helge Grünewald

Valery Gergiev wurde 1953 in Moskau geboren und wuchs im Kaukasus auf. Nach einem Musikstudium in Leningrad (dem heutigen St. Petersburg) stand am Anfang seiner Dirigentenkarriere 1975 der Erste Preis beim All-Unionswettbewerb in Moskau; ein Jahr später gewann er den Herbert-von-Karajan-Wettbewerb in der Berliner Philharmonie. Seit 1988 steht er als Künstlerischer Leiter und Chefdirigent des St. Petersburger Mariinsky-Theaters, mit dessen Ensembles (Oper, Ballett und Orchester) er inzwischen auch 45 Länder bereist hat. Außerdem ist Valery Gergiev Erster Dirigent des London Symphony Orchestra, Künstlerischer Leiter des von ihm gegründeten St. Petersburger Festivals »Stars of the White Nights« sowie des Moskauer Osterfestivals, Dirigent des von Sir Georg Solti ins Leben gerufenen World Orchestra for Peace und Künstlerischer Berater der Allgemeinen Musikgesellschaft Basel. Nicht zuletzt betreut er wiederum als Künstlerischer Leiter das Internationale Festival im finnischen Mikkeli, das Red Sea Festival in Eilat (Israel) und das Gergiev Festival in Rotterdam, die ebenfalls seiner Gründungsinitiative zu verdanken sind. Der mit zahlreichen internationalen Auszeichnungen geehrte Musiker ist Gast der führenden Opern- und Konzerthäuser in aller Welt; besonders enge künstlerische Partnerschaften verbinden ihn mit den Wiener Philharmonikern und den Salzburger Festspielen. Bei den Berliner Philharmonikern gab Valery Gergiev sein Debüt Anfang Juni 1993 in Konzerten mit Kompositionen seiner Landsleute Prokofjew und Schostakowitsch. Zuletzt brachte er mit ihnen Ende Oktober 2000 in drei Konzerten Werke von Ljadow, Rachmaninow, Mossolow und Schostakowitsch zur Aufführung.

Denis Matsuev wurde 1975 als Sohn einer Musikerfamilie in der sibirischen Stadt Irkutsk geboren und begann bereits im Alter von vier Jahren mit dem Klavierspiel. Seit er als Gewinner des Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerbs Moskau 1998 seinen internationalen Durchbruch feierte, gilt er als einer der begehrtesten Pianisten seiner Generation. Er gastiert u. a. beim Chicago und beim Pittsburgh Symphony Orchestra, beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Gewandhausorchester Leipzig, dem WDR Sinfonieorchester Köln, dem BBC Symphony Orchestra, dem London Philharmonic Orchestra, bei der Filarmonica della Scala und dem Philharmonischen Orchester Rotterdam. Enge künstlerische Partnerschaften verbinden ihn mit russischen Orchestern wie den St. Petersburger Philharmonikern, dem Orchester des Mariinsky-Theaters St. Petersburg und dem Russischen Nationalorchester. Zu den Dirigenten, mit denen Denis Matsuev zusammenarbeitet, zählen Lorin Maazel, Mariss Jansons, Semyon Bychkov, Paavo Järvi, Mikhail Pletnev und Vladimir Fedoseyev. Bei den Berliner Philharmonikern gibt er in diesen Konzerten sein Debüt. Nicht zuletzt ist der Pianist immer wieder auch mit Soloauftritten im Rahmen hochkarätiger Festivals zu erleben. 2008 wurde er auf persönlichen Wunsch des Rachmaninow-Enkels Alexander zum Künstlerischen Leiter der Serge Rachmaninoff Foundation ernannt. Denis Matsuev betreut als Künstlerischer Leiter Festivals in Annecy (Frankreich) und in seiner Heimatstadt Irkutsk (»Stars on Baikal«) sowie die in verschiedenen Musikmetropolen aktive Konzertreihe Crescendo, deren Ziel die Förderung hochbegabter junger russischer Musiker ist.


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