Yo-Yo Mas Rückkehr zu den Berliner Philharmonikern

Sa, 15. Januar 2011

Berliner Philharmoniker
David Zinman

Yo-Yo Ma

  • Anders Hillborg
    Cold Heat Uraufführung (17:13)

  • Dmitri Schostakowitsch
    Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 G-Dur op. 126 (43:36)

    Yo-Yo Ma Violoncello

  • Carl Nielsen
    Symphonie Nr. 5 op. 50 (43:55)

  • kostenlos

    Anders Hillborg über seine Komposition »Cold Heat« (09:47)

    Anders Hillborg, Emmanuel Pahud, David Zinman

  • kostenlos

    David Zinman und Yo-Yo Ma über Schwermut, Leben und Tod in Schostakowitschs Zweitem Cellokonzert (18:11)

    Emmanuel Pahud, Yo-Yo Ma, David Zinman

»Hören Sie sich das Konzert der Philharmoniker unter der Leitung von David Zinman an. Das lohnt sich allemal!« Mit dieser Aufforderung wandte sich die Berliner Zeitung 2008 an ihre Leser. Jetzt gibt es eine weitere Gelegenheit, der Empfehlung zu folgen. Zu seinem aktuellen Konzert bringt Zinman einen Solisten mit, den wir schon lange nicht mehr in der Philharmonie erleben durften: den Cellisten Yo-Yo Ma.

Der Mitschnitt von Yo-Yo Mas Debüt bei den Berliner Philharmonikern aus dem Jahr 1979 ist noch heute auf CD erhältlich. Gemeinsam mit Herbert von Karajan, Anne-Sophie Mutter und Mark Zeltser interpretierte er damals Beethovens Tripelkonzert – ein junger, chinesisch-amerikanischer Musiker, der so unbekannt war, dass die Plattenfirma seinen Namen auf dem Cover falsch schrieb (nämlich ohne Bindestrich). Seither hat sich einiges getan. Ma ist nicht nur einer der großen Cellisten unserer Zeit, sondern zählt zu den wichtigsten Persönlichkeiten der amerikanischen Kulturszene insgesamt. Nach einer Pause von fast 15 Jahren kehrt er nun in die Philharmonie zurück: ein Fest für alle Cello-Freunde.

Im Zentrum von Yo-Yo Mas Gastspiel steht das Zweite Cellokonzert von Dmitri Schostakowitsch. Es ist ein elegisches, dabei nie einförmiges Werk aus der Spätphase des Komponisten, der hier mit knapp und konzentriert eingesetzten Mitteln ein Maximum an Ausdrucksintensität erzeugt. Daneben erklingen zwei nordische Kompositionen. So steht am Anfang die Uraufführung eines Werks des schwedischen Komponisten Anders Hillborg, der unbefangen die verschiedensten Stile mischt (und der sich auch nicht scheut, für Popmusiker und Rapper zu schreiben). Das Konzert endet mit der Fünften Symphonie von Carl Nielsen – einer faszinierenden Verschmelzung von skandinavischem Aroma und kraftvollem, zukunftsweisendem Gestus.

Von der Vielseitigkeit eines Symphonieorchesters

Kompositionen von Hillborg, Schostakowitsch und Nielsen

In der Musik der Gegenwart nimmt Skandinavien einen besonderen Platz ein. Schaut man, welche Komponisten von großen Symphonieorchestern regelmäßig Kompositionsaufträge erhalten, findet man bemerkenswert viele skandinavische Namen. Tatsächlich hat sich eine »nordische Richtung« zeitgenössischer Musik entwickelt, die durch ihre große, zuweilen geradezu kulinarische Klangsinnlichkeit all diejenigen Lügen straft, welche die Musik der letzten Jahrzehnte immer noch als generell unzugänglich oder unverständlich schmähen. Zu den prominentesten Vertretern dieser Musik zählt der Schwede Anders Hillborg. Cold Heat, seine erste Komposition für die Berliner Philharmoniker, ist nun in doppelter Hinsicht eine Premiere: Zum ersten Mal in seiner Geschichte vergab das Orchester einen Auftrag an einen Komponisten aus Schweden.

Hillborgs Musik erfreut sich auch deshalb zunehmender Beliebtheit, weil sie bei vielen Zuhörern starke Bilder und Assoziationen auszulösen vermag. Ihre große Fasslichkeit sorgt dafür, dass man sogar beim ersten Hören nicht von der Fülle der Klangereignisse überwältigt, sondern gleichsam durch die Werke getragen wird. In seinem neuen Orchesterstück geschieht dies vor allem zu Beginn durch die »Arbeitsteilung« von Streichern und Bläsern. Die Streicher halten lange Klangbänder aus, während die Bläser kleine, bewegte und sehr schnelle Figuren spielen. Nicht zuletzt wegen dieser Reduktion der musikalischen Strukturen wird die Musik von Hillborg auch immer wieder post-minimalistisch genannt.

Wenn Hillborg ein neues Werk beginnt, fängt er zumeist mit einer Idee aus einer früheren Komposition an, die dann transformiert und weiterentwickelt wird. Für Cold Heat griff er auf einen Abschnitt aus Exquisite Corpse zurück, ein Orchesterstück, das er 2002 für die Stockholmer Philharmoniker schrieb und das den Beginn des neuen Werks bestimmt. David Zinman, dem Cold Heat gewidmet ist, hatte sich von Hillborg einen starken rhythmischen Fluss und Puls für das Stück erbeten. Der Komponist kam diesem Wunsch gerne nach und dies ist am deutlichsten zu hören, wenn die Schlagwerke 43 Takte lang donnernd im Mittelpunkt des Geschehens stehen, während sie von Streichern und Holzbläsern eingerahmt werden.

»Eine eigenthümliche Angst ergreift uns jedes Mal, wenn ein junger Herr mit einem Violoncell erscheint und, dasselbe zwischen die Beine geklemmt, sich auf einem Stuhle häuslich einrichtet«, spottete Eduard Hanslick 1886 und drückte damit die seinerzeit weit verbreitete Abneigung gegen das Cello aus. Dass sich das Ansehen des Instruments um die Jahrhundertwende und spätestens von den 1920er-Jahren an veränderte, ist in hohem Maße Pablo Casals zu verdanken, der nicht nur Johann Sebastian Bachs Cellosuiten konzertsaalfähig machte, sondern auch neue Maßstäbe für spieltechnische Fähigkeiten setzte. Im 20. Jahrhundert startete das Cello als Solo-Instrument eine unerwartete Karriere, die ihren Höhepunkt in den 1960er- und 70er-Jahren fand.

Großen Anteil an dieser Blütezeit hatte Mstislaw Rostropowitsch, der mit seiner Entdeckungsfreude und seinem herausragenden Können Komponisten wie Sergej Prokofjew, Benjamin Britten oder Luciano Berio zu neuen Kompositionen anregte und über 100 Werke uraufführte. Auch die beiden Cellokonzerte von Dmitri Schostakowitsch entstanden für Rostropowitsch. Schostakowitsch schrieb sich, wie er einmal sagte, mit dem Cellokonzert Nr. 2 g-Moll op. 126 ein Geschenk zu seinem eigenen 60. Geburtstag, das Rostropowitsch genau an diesem Tag beim Festkonzert zu Ehren des Jubilars im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums uraufführte.

Am Beginn von Schostakowitschs Spätwerk stehend, verkörpert dieses Konzert Charakteristika der letzten Schaffensphase des Komponisten. Schon der Ton des langsamen ersten Satzes, eines Largos, ist überaus gewichtig, schwermütig und verzweifelt, dabei zugleich elegisch und intim. Im Kontrast dazu wirkt das anschließende Scherzo rhythmisch umso akzentuierter und wilder: Aus einer geradezu scharfen und stechenden Melodie, die Straßenverkäufer in Odessa (»Kauft Kringle«) zu singen pflegten, entwickelt sich ein für Schostakowitsch typischer sardonischer Volkstanz. In der Reprise wird dieses musikalische objet trouvé zu einem Walzer umgedeutet, während ein groteskes Fagott-Trio die rhythmische Ordnung torpediert.

Auf dem Höhepunkt des Satzes leitet eine unheilvolle Fanfare von zwei Hörnern über Trommelwirbeln zum attaca anschließenden Finale über und kündigt die große Kadenz des Cellos an. Nur von einem Tamburin begleitet, rekapituliert der Solist das gesamte Material des Konzerts bevor das Stück mit einer bemerkenswerten Coda schließt. Einem langen, klagenden Abschied gleich wird zunächst das Eröffnungsthema wieder aufgenommen, bevor im Schlagwerk ein Uhrmechanismus in Gang gesetzt wird. Als dieser endet, bleibt nur das allmähliche Verlöschen eines tiefen Liegetons in der Solo-Partie. Ein derartiger Schluss hat naturgemäß viele Spekulationen provoziert. Bedenkt man die Entstehungszeit und den persönlichen Charakter von Schostakowitschs »Geburtstagsgeschenk« an sich selbst, liegt es tatsächlich nahe, die Coda als klangsinnliche Metapher für das Verstreichen der Zeit und das Verlöschen des individuellen Lebens zu hören.

Wie Hillborg heute, bedeutete zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem dänischen Komponisten Carl Nielsen die Anerkennung seiner Musik außerhalb des eigenen Heimatlandes viel. In den 1920er-Jahren hatte er es als Symphoniker bereits zu einigem Ansehen in Mitteleuropa gebracht und so konnte er – noch im Jahr der dänischen Uraufführung – am 1. Dezember 1922 in einem Konzert der Berliner Philharmoniker die deutsche Erstaufführung seiner Symphonie Nr. 5 op. 50 dirigieren. Eine der größten Ehrungen erfuhr er vier Jahre später, als ihm in Paris ein ganzes Konzert gewidmet wurde, bei dem auch Maurice Ravel und Arthur Honegger zugegen waren: Nielsen nannte diesen Abend eine der größten Erfahrungen seines Lebens.

Nielsen schuf zwar ein umfangreiches Werk für verschiedene Gattungen, seine Bedeutung gründet aber vor allem auf den sechs Symphonien. Durch sie zählt er neben Sibelius und Mahler zu den wichtigsten Symphonikern um die Jahrhundertwende. Zu den besonderen Stärken von Nielsens Symphonien gehört, dass sie in Musik die großen Fragen der Menschheit mit Bezug auf die historische Situation zu verhandeln scheinen. Zwar verzichtete er – wie sonst nur bei seiner Ersten Symphonie – bei der Fünften darauf, ihr einen Titel zu geben, doch schilderte er in Gesprächen durchaus ein Programm: »Es ist etwas sehr Primitives, das ich ausdrücken wollte: die Spaltung von Hell und Dunkel, der Kampf zwischen Gut und Böse. Ein Titel wie ›Träume und Taten‹ könnte vielleicht das innere Bild zusammenfassen, das ich während des Komponierens vor Augen hatte.«

Der Kampf von Gut und Böse äußert sich in einem zuweilen geradezu brutalen musikalischen Geschehen, in dem einander entgegengesetzte Themen hart aufeinanderprallen und um die musikalische Macht kämpfen. Das Stück ist auch als Kriegssymphonie bezeichnet worden, in deren Zentrum das Überleben im und durch den Kampf steht. Nielsen konfrontiert in den zwei Sätzen eine »vegetative«, eher müßige und gedankenlose Gemütsverfassung mit einer durch und durch aktiven. Nachdem der erste Satz (Tempo giusto) zunächst mit »guten« Naturmotiven beginnt, versucht die kleine Trommel, den Fortgang der Musik um jeden Preis aufzuhalten. Im zweiten Teil dieses Satzes (Adagio non troppo) weist eine an Charles Ives erinnernde Collage Nielsen als modernen Komponisten aus: Er montiert tonales musikalisches Material zu einem dissonanten Klangergebnis. Zugleich treibt wiederum die vom Orchester unabhängig improvisierende Trommel ihr Unwesen und aus der romantischen Emphase entsteht eine vermeintliche Katastrophe, bevor die Solo-Klarinette mit einer melancholischen Kadenz den Satz beschließt.

Lydia Rilling

Yo-Yo Ma, als Sohn chinesischer Eltern in Paris geboren, erhielt als Vierjähriger den ersten Cellounterricht vom Vater. Bald darauf emigrierte die Familie nach New York, wo Leonard Rose an der Juilliard School Yo-Yo Mas wichtigster Lehrer wurde. 1976 beendete er seine Ausbildung an der Harvard Universität. Sowohl als Solist mit den namhaften Orchestern der Welt als auch kammermusikalisch besonders engagiert, arbeitet er mit Künstlern wie Emanuel Ax, Christoph Eschenbach, Ton Koopman, Bobby McFerrin und Mark Morris zusammen. 1998 rief Yo-Yo Ma das Seidenstraßen-Projekt ins Leben, das kulturelle, künstlerische und geistige Traditionen entlang dieser einst so wichtigen Handelswege erforschen und den interkulturellen Austausch fördern will. Darüber hinaus engagiert er sich in verschiedenen Bildungsprojekten und gibt weltweit Meisterkurse. Als CultureConnect-Botschafter des US-amerikanischen Auswärtigen Amts für das Jahr 2002 unterrichtete er Studenten u. a. in Litauen, Korea, Aserbaidschan und im Libanon; außerdem trat er mit Musikern des Irakischen Symphonieorchesters auf. 2006 ernannte Generalsekretär Kofi Annan ihn zum UN-Friedensbotschafter. Der mit renommierten Preisen und Ehrungen – z. B. mit dem Avery Fisher Prize (1978), der National Medal of Arts der USA (2001) und dem Dan David Prize (2006) – ausgezeichnete Künstler war seit 1979 auch mehrfach als Gast der Berliner Philharmoniker zu erleben; zuletzt 1995 gemeinsam mit Itzhak Perlman und Daniel Barenboim als Solisten in Beethovens Tripelkonzert. Yo-Yo Ma spielt ein Cello von Domenico Montagnana (Venedig 1733) und das sogenannte Davidoff-Cello von Antonio Stradivari aus dem Jahr 1712.


David Zinman wurde während seines Dirigierstudiums am Tanglewood Music Center von Pierre Monteux entdeckt, der seine musikalische Entwicklung förderte und ihm erste Auftrittsmöglichkeiten vermittelte. Seit seinem Debüt mit dem Philadelphia Orchestra 1967 hat er die renommiertesten Orchester in Europa, den USA sowie in Israel und Japan geleitet. Nach verschiedenen Verpflichtungen als Chefdirigent in den Niederlanden und in Amerika während der 1960er- und 1970er-Jahre übernahm David Zinman 1985 die Leitung des Baltimore Symphony Orchestra. Diesem Ensemble, bei dem er besondere Akzente durch die Aufführung zeitgenössischer Musik und die Anwendung historischer Aufführungspraktiken setzte, ist er als »conductor emeritus« nach wie vor verbunden. Seit 1995 steht David Zinman als Chefdirigent an der Spitze des Tonhalle-Orchesters Zürich; 1998 übernahm er zudem die Musikalische Leitung des Aspen Music Festival. Zu seinen Auszeichnungen zählen der vom französischen Kulturministerium verliehene Titel »Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres« (2000), der Kunstpreis der Stadt Zürich (2002) und der Theodore Thomas Award der Conductors Guild (2006). Für sein Wirken mit dem Tonhalle-Orchester erhielt er in Cannes als »Künstler des Jahres 2008« den Preis der Musikmesse MIDEM im Bereich Klassische Musik. Bei den Berliner Philharmonikern hat David Zinman seit seinem Debüt im Jahr 1985 wiederholt gastiert; zuletzt im Oktober 2008 mit Werken von Bartók und Elgar.

EMIYo-Yo Ma tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von Sony Classical auf.

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Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

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