Simon Rattle dirigiert Haydn, Schubert und Hosokawa

  • Joseph Haydn
    Symphonie Nr. 99 Es-Dur (27:39)

  • Toshio Hosokawa
    Konzert für Horn und Orchester (20:49)

    Stefan Dohr Horn

  • Franz Schubert
    Symphonie Nr. 8 C-Dur D 944 (58:57)

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    Toshio Hosokawa über seinen Werdegang und die Bilder in seiner Musik (10:03)

    Stefan Dohr, Toshio Hosokawa

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    Stefan Dohr über Toshio Hosokawa und dessen Hornkonzert (11:05)

    Stefan Dohr, Sarah Willis

Symphonie und Solokonzert gehören zu Gattungen, die scheinbar unverrückbaren Mustern folgen, in denen Themen und Tonarten nach festen Regeln musikalische Architekturen formen. Dass dem nicht so sein muss, zeigt unser Konzert mit den Berliner Philharmonikern und Sir Simon Rattle. Zu hören sind Werke, die auf teils spielerische, teils bahnbrechende Weise die tradierten Formen erweitern: Joseph Haydns Symphonie Nr. 99, die »Große« C-Dur-Symphonie Franz Schuberts sowie - in einer Uraufführung - ein Hornkonzert von Toshio Hosokawa.

Simon Rattle hat Haydns Umgang mit der symphonischen Form einmal als »wunderbare Mixtur aus Freude am Spiel und an der Überraschung« bezeichnet: »Man versucht als Dirigent dem Herr zu werden, die Sache zu steuern, und dabei ist der Kerl schon wieder woanders und überrascht einen von hinten. Auch für Hörer ist es eine witzige, ungemein intelligente Angelegenheit, sich auf diesen Irrgarten einzulassen.« Schuberts letzte Symphonie ist ebenfalls reich an unvorhersehbaren Brüchen, wobei die Irritation wohl weniger humorig gemeint ist. Wenn Themen und Strukturen zerbröckeln oder idyllische Szenen sich krachend zur Katastrophe wenden, dann reflektiert Schubert schonungslos die Unsicherheiten des menschlichen Lebens.

Der aus Hiroshima stammende Toshio Hosokawa findet wieder einen eigenen Weg, eine tradierte Kompositionsform neu zu füllen. »Moment of Blossoming« ist sein neues Hornkonzert überschrieben - eine Huldigung an die in Hosokawas Heimat mythisch verehrte Lotusblume, deren Aufblühen in einem See hier musikalisch zu erleben ist. Solist und Widmungsträger des Werks ist Stefan Dohr, seit 1993 Solo-Hornist der Berliner Philharmoniker.

Der Weg ans Licht

Kompositionen von Haydn, Hosokawa und Schubert

Als der 59-jährige Joseph Haydn im Januar 1791 in London eintraf, wo er an den Subskriptionskonzerten des deutschen Geigers und Impresarios Johann Peter Salomon mitwirken sollte, stand er vor einer beispiellosen Herausforderung: Er musste sich auf das Wagnis einlassen, gleich sechs neue Symphonien für ein breites bürgerliches Publikum zu schreiben. Gewiss, mit der symphonischen Gattung, die er selbst in den vorangegangenen Jahrzehnten maßgeblich ausgeprägt hatte, stand Haydn auf Du und Du. Aber seine bisherigen Symphonien, über 90 an der Zahl, hatte er allesamt für adelige Brotherren geschaffen. Nun aber London und ein Musikleben, das den Prinzipien des Markts gehorchte, also stets um die Gunst des Publikums ringen musste. Doch am Ende seiner Reise konnte Haydn zufrieden das Resümee ziehen: »ohngeachtet der grossen Opposition und Music feinde, so wider mich sind, […] erhielte ich (gott lob) die oberhand.«

Die nächste Einladung folgte prompt, und Haydn kam ihr gerne nach. Am 5. Februar 1794 erreichte er zum zweiten Mal London, und nur fünf Tage später gelangte seine Symphonie Nr. 99 Es-Dur in den Hanover Square Rooms zur Uraufführung, angekündigt als »New Grand Overture«. Dieses Werk beweist anschaulich, wie gekonnt Haydn auf die Vorlieben seines weltstädtischen Publikums einzugehen verstand, wie klug er die Effekte zu setzen oder mit Virtuosität und musikalischem Witz zu spielen wusste. Ein für damalige Verhältnisse großes Orchester von etwa 40 Musikern sieht Haydn für diese Symphonie vor, die erste, in der er Klarinetten verlangt und dadurch die klangliche Farbpalette erweitert. Vor allem im groß angelegten Adagio setzt er die Holzbläsergruppe prominent und raffiniert ein, lässt sie weltentrückte, abgeklärte Kantilenen von schubertscher Anmutung intonieren und öffnet damit das Fenster weit in das 19. Jahrhundert.

Ohnehin »würzt« Haydn das Werk mit für die Zeit ungewöhnlichen Zutaten: man nehme nur die langsame Einleitung zum Kopfsatz, die eine auffallend chromatische Passage enthält und entsprechend frei moduliert. Auch liebt er es, die Erwartungen der Hörer in die Irre zu führen. So präsentiert er etwa im ersten Satz das Seitenthema erst ganz am Ende der Exposition, wenn keiner es mehr erwartet; und das Menuett geht mit seiner thematischen Arbeit und breiten Anlage weit über die volksmusikalischen und tänzerischen Ursprünge dieses Satztypus hinaus. Fulminant schließlich das Rondo-Finale, das auf engstem Raum eine erstaunliche Ereignisdichte an Spielfiguren und Einfällen bietet.

»Ideale Musik ist für mich wie ein Naturgeräusch«, bekennt Toshio Hosokawa. »Wasser, Meer, Wolken, das sind meine Inspirationsquellen. Mit Natur eins zu werden, das ist mein musikalisches Thema – auch, weil wir diese Kultur verloren haben.« Mit dieser Prämisse geht Hosokawa einen ganz eigenen Weg, der sich fundamental von der Ästhetik seiner meisten europäischen Kollegen unterscheidet. Zwar hat auch er in Europa studiert und hier sein Metier erlernt – bei Isang Yun in Berlin und bei Klaus Huber in Freiburg –, aber erst als er sich auf seine Wurzeln besann, als er in die Heimat zurückkehrte, um die Geschichte, das Repertoire und die Instrumente der traditionellen japanischen Musik zu erforschen, gelang es ihm, ganz er selbst zu werden. Hosokawa erlernte das Spiel der Mundorgel Shô, er ließ sich in die Praxis des buddhistischen Shōmyō-Gesangs einweisen und beschäftigte sich mit der Kalligrafie, der Zen-Philosophie und der Meditationskunst. Seither sind es andere Regeln, denen seine Musik folgt: dem Ein- und Ausatmen etwa oder dem An- und Abschwellen der Klänge, die aus der Stille hervorgehen, um anschließend wieder in sie zurückzufallen.

Das neue Konzert für Horn und Orchester, das Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker mit dem Widmungsträger Stefan Dohr als Solisten im heutigen Konzert vorstellen, hat Hosokawa Moment of Blossoming benannt. Und was da vor unseren Ohren erblüht, das ist eine Lotosblume: »Die Lotosblüte ist eine geheimnisvolle Blume des Ostens«, erklärt der Komponist. »Ihre Wurzeln holen die Nährstoffe aus der Tiefe des Morasts, ihr Stängel bricht sich durch das Wasser Bahn, auf dessen Oberfläche sie die Sonnenstrahlen empfängt und dann diese Juwelen von Blüten hervorbringt. Ohne das morastige Chaos könnte sich die Blüte nie zum Himmel öffnen. Die Gestalt der geschlossenen Knospe erinnert an den Umriss betender Hände. Die östlichen Völker vergleichen das Erblühen des Lotos mit der Entfaltung des Menschen, sie erkennen darin die Verbindung und Einheit mit der kosmischen Natur.«

Der Solohornist übernimmt in diesem Konzert nun die Rolle der Blume (oder auch, um im Bild zu bleiben, die des menschlichen Individuums), während das Orchester die Umgebung, die kosmische Natur verkörpert. Und auch der Konzertsaal spielt mit, begreift Hosokawa den Raum doch als Weiher, auf dem der Lotos erblüht. Deshalb platziert er zwei weitere Hörner, eine Posaune und eine Trompete als Echostimmen in vier hinteren Winkeln des Oktogons der Philharmonie. Wenn die Musik wie aus dem Nichts im Pianissimo mit Liegetönen anhebt, so stellt sie die Wasseroberfläche dar; doch dann zeichnet sich aus der Tiefe eine Bewegung ab, die sich beschleunigt und stürmischeren Charakter annimmt: Es ist die Knospe, die empordrängt, sich ihren Weg ans Licht bahnt und sich schließlich mit aller Kraft öffnet, ehe am Ende wieder die ursprüngliche Ruhe auf dem Weiher zurückkehrt, den die Lotosblüte nun in ihrer ganzen Schönheit ziert.

Der Ruf des Horns eröffnet auch die Symphonie Nr. 8 C-Dur D 944 von Franz Schubert, die 1825/26 komponierte »Große«, wie man sie heute in Abgrenzung zu dem acht Jahre früher entstandenen Schwesterwerk gleicher Tonart (D 589) zu nennen pflegt. Doch das Adjektiv »groß« ist hier tatsächlich angebracht und trifft Schuberts Intentionen ganz genau. Jahre einer Schaffenskrise auf symphonischem Terrain lagen hinter ihm, als er im Sommer 1825 die Arbeit an der Partitur aufnahm. Seine sechs Jugendsymphonien konnten seinen gewachsenen Ansprüchen schon lange nicht mehr genügen; vier neue symphonische Versuche dagegen hatte er allesamt vorzeitig abgebrochen, wenngleich eines dieser Fragmente, die legendäre Unvollendete in h-Moll, später zu seinem vielleicht berühmtesten und beliebtesten Werk überhaupt avancieren sollte. Aber sein Ziel, sich an Ludwig van Beethoven, dem übermächtigen Titanen der Symphonik, messen und neben ihm bestehen zu können – das glaubte Schubert erst mit der »Großen« in C-Dur erreicht zu haben. Mit ihr wollte er sich als »reifer« Komponist einer breiten Öffentlichkeit vorstellen.

Die »Große«: Nicht nur ihre »himmlische Länge« (Robert Schumann) bedingt den Ausnahmerang dieses Werks. Es ist auch der hymnische, strahlende, enthusiastische Charakter, der die C-Dur-Symphonie zu etwas Besonderem erhebt – und das bei einer motivischen Gestaltung, die eben gerade nicht heroisch, sondern eher liedhaft-schlicht anmutet. Schubert wagt es, den Errungenschaften Beethovens und der Wiener Klassik etwas ganz Eigenes und Neues entgegenzusetzen: Nicht die thematische Arbeit und die Prozesslogik mit ihrem Sezieren des Materials, das zerlegt und wieder aufgebaut wird, prägt die musikalische Textur, sondern die scheinbar spontane Eingebung, der naive Gedanke, der wiederholt, verwandelt und neu gedacht wird.

Schubert, so sagte Alfred Brendel einmal, komponiere wie ein Schlafwandler, der sich vorantaste – seine Musik ereigne sich: »Wir fühlen uns nicht als Herren der Situation, sondern eher als deren Opfer.« Genau diese Eigenart aber teilt Schubert – bei allen gravierenden Unterschieden in der Klanggestaltung – mit Toshio Hosokawa, der einen Zustand der »Unbewusstheit« anstrebt, um »die notwendige Wachheit zum Komponieren« zu erreichen. Die Jahrhunderte und die Kulturen berühren sich eben doch.

Susanne Stähr

Stefan Dohr wurde in Münster geboren. Nach dem Studium bei Wolfgang Wilhelm in Essen und bei Erich Penzel in Köln wurde er Solo-Hornist im Frankfurter Opernhaus- und Museumsorchester. Es folgten Engagements in gleicher Position beim Bayreuther Festspielorchester, im Orchestre Philharmonique de Nice und beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin. Seit 1993 ist er als Solo-Hornist Mitglied der Berliner Philharmoniker. Darüber hinaus tritt er international als Solist sowie als Kammermusiker auf, z. B. mit Maurizio Pollini, Lars Vogt, Kolja Blacher und Ian Bostridge. Neben dem klassischen und romantischen Hornrepertoire gilt sein Interesse auch zeitgenössischen Werken: So brachte er im März 2008 das für ihn geschriebene Hornkonzert von Herbert Willi im Wiener Musikverein zur Uraufführung. Stefan Dohr ist Mitglied des Ensembles Wien-Berlin sowie der Hornisten der Berliner Philharmoniker. An der Musikhochschule »Hanns Eisler« Berlin sowie an der philharmonischen Orchester-Akademie war er als Dozent tätig; weltweit unterrichtet er im Rahmen von Meisterkursen. Seit 2009 ist Stefan Dohr Orchestervorstand und Stellvertretendes Mitglied des Vorstands der Stiftung Berliner Philharmoniker.


EMISir Simon Rattle tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von EMI Classics auf.

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Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

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