Bernard Haitink dirigiert Bruckners FĂĽnfte Symphonie

Sa, 12. März 2011

Berliner Philharmoniker
Bernard Haitink

  • Anton Bruckner
    Symphonie Nr. 5 B-Dur (1:22:40)

Bernard Haitink hat Bruckners Symphonien über die Jahrzehnte immer wieder mit den Berliner Philharmonikern interpretiert. Bei diesem Gastspiel steht die Fünfte auf dem Programm. Das Werk ist nicht zuletzt ein Monument der Selbstvergewisserung, entstanden zu einer Zeit, als Bruckner das Scheitern nahezu aller seiner Lebensziele realisieren musste. So war Bruckner die Anerkennung als Komponist ebenso versagt geblieben wie eine erhoffte Professur an der Wiener Universität, und selbst seine vielfältigen Heiratspläne blieben unerfüllt. Die Fünfte Symphonie besticht zunächst durch ihre geniale Polyphonie, mit der Bruckner noch die letzten Zweifler von seinen Qualitäten überzeugen wollte. Eine Gegenwelt zur geistreichen Konstruktion bilden herrliche, transzendental schwebende Choralmelodien. Die Botschaft des tief religiösen Bruckner scheint klar: Neben aller irdischen Anstrengung gibt es etwas, das höher ist.

Dass Bernard Haitink zu den herausragenden Bruckner-Interpreten unserer Zeit zählt, ist unter Musikfreunden nahezu ein Allgemeinplatz. Die Chicago Tribune fasste Haitinks Qualitäten so zusammen: »Seine unverstellte Menschlichkeit steht im vollkommenen Einklang mit Bruckners Demut. Und zu seiner flexiblen Beherrschung der kathedralenartigen Größe dieser Musik gesellt sich eine seltene Sicherheit, mit welcher Haitink kenntnisreich die Details der Partituren beleuchtet.«

 

 

»Kontrapunktisches Meisterstück«

Die Symphonie Nr. 5 B-Dur von Anton Bruckner

Plötzlich ist er da. Wie aus dem Nichts erklingt nach bald 200 Takten im Finale von Anton Bruckners Fünfter Symphonie ein Choral. Die ersten Steigerungswellen des Satzes sind verebbt, noch gewaltigere Entwicklungen stehen bevor – inmitten aber, wie ein Atemschöpfen, eine Insel der inneren Einkehr, steht, nach allen Brüchen und Kraftanstrengungen des Werkes, dieser Choral. Strahlend, schlicht, wie aus Stein gemeißelt, mehrfach vorgetragen von den Blechbläsern und eingeleitet von den Streichern. Es herrscht die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm – und zugleich ist man Zeuge einer jener faszinierenden Momente in der Symphonik Bruckners, die dem Hörer den Atem verschlagen können. Die Zeit scheint still zu stehen. Es ist, als träte die Musik aus sich heraus, auf eine andere, höhere Ebene, in eine andere Welt.

Zweifellos gibt es auch in anderen Symphonien Bruckners Choräle oder Anklänge an diese Sphäre. Doch in keiner von ihnen übernehmen diese Gebilde eine wohl derart prominente und für die musikalische Architektur so tragende Rolle wie in der Fünften. Dementsprechend ist dieser spezielle Choral nicht ohne Vorgeschichte: Bereits in der langsamen Einleitung am Beginn der Symphonie tritt dem Hörer ein mächtiger choralartiger Blechbläsersatz entgegen, der mit Nachdruck davon kündet, was die Fünfte in ihrem weiteren Verlauf einlösen wird. Überhaupt ist der Beginn des ersten Satzes voller bedeutsamer Anspielungen: Mit ihrem gleichmäßigen, gedämpften Puls der tiefen Streicher haben die allerersten Takte der Symphonie nicht zu Unrecht Erinnerungen an den Anfang von Mozarts Requiem geweckt. Ebenso lassen sich die kurz darauf mit voller Wucht des Orchesters einsetzenden, »hochfahrenden« Gesten als jahrhundertealte musikalische Figuren von sakraler Symbolik deuten.

In Partitur gesetzt wurde Bruckners Fünfte in einer wahren Hochphase seines Schaffens, fast nahtlos reihten sich in den 1870er Jahren seine Zweite und Dritte, dazu die Vierte und Fünfte aneinander. Was seine Karriereaussichten und Lebensbedingungen dieser Zeit anbelangt, nahm Bruckner seine Situation allerdings als äußerst bedrückend wahr, in seinen Briefen stößt man auf verbitterte Klagen: »In meinem ganzen Leben hätte man mich nicht nach Wien gebracht, wenn ich das geahnt hätte«, fasste er seine Lage zusammen. »Ein Leichtes wäre es meinen Feinden, mich aus dem Conservatorium zu verdrängen. Es wundert mich, dass dies nicht schon geschehen ist. […] Mein Leben hat alle Freude und Lust verloren – umsonst, und um nichts.«

Trotz aller Beschwerden aber zeigten sich gerade in den Entstehungsjahren der Fünften, 1875/1876, nicht unbedeutende Lichtblicke am Horizont: Richard Wagners Aufenthalt in Wien ließ Bruckner innerlich wieder näher an den verehrten »Bayreuther Meister« heranrücken, das öffentliche Lob des Musikdramatikers für Bruckners Dritte Symphonie entschädigte augenscheinlich für so manches. Auch glichen neue Einnahmequellen an der Hofkapelle frühere finanzielle Einbußen Bruckners weitgehend aus. Als Meilenstein in Bruckners gesellschaftlichem Aufstreben erwies sich indessen seine Bestellung zum Lektor für »Harmonielehre und Contrapunkt« an der Wiener Universität – eine Position, um die er lange hartnäckig gekämpft hatte, gegen alle Widerstände und Vorbehalte.

Aufgrund einiger taktischer Fehler in seiner Bewerbung und der Begründung seines Anliegens hatte eine Zusage Jahre auf sich warten lassen. Besonders die Tatsache, dass der Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick, seines Zeichens Professor für Musikgeschichte und Ästhetik, seine Zustimmung zu einem Kollegen Bruckner geben musste, erwies sich als hinderlich. Hanslick, der den Komponisten Bruckner anfangs noch mit Wohlwollen und Unterstützung begleitet hatte, war längst ein gefürchteter Gegner geworden. Bruckners Ehrgeiz und aufreizende Geduld waren jedoch nicht zu unterschätzen. Er besaß wieder einmal den längeren Atem – und konnte im Sommersemester 1876 seine erste Vorlesung an der von ihm hoch geschätzen Wiener Universität halten.

Durchaus verbreitet ist die Ansicht, dass sich Bruckners akademische Ambitionen auch auf sein Komponieren auswirkten. Diese Vermutung hat einiges für sich, und man mag sich lebhaft ausmalen, wie sich die Ansprüche des Komponisten an sein eigenes Schaffen, ohnehin längst an der Grenze zur Selbstpeinigung angelangt, spätestens mit der Berufung an die Universität und gewiss schon im Vorfeld nochmals erhöhten. Die tiefgreifenden Revisionen, die er in dieser Zeit an seiner Zweiten, Dritten und Vierten vornahm, sind eindrucksvolles Zeugnis seines unbändigen Willens nach Perfektion und musiktheoretischer »Korrektheit«. Ganz in diesem Sinne legte Bruckner, als er Jahre später auf sein Schaffen zurückblickte, Wert auf die Feststellung, dass seine »Werke auf wissenschaftlicher-contrapunctischer Grundlage beruhen«.

Was Bruckner darunter verstand, dürfte er allerdings selten so radikal und kompromisslos in die Tat umgesetzt haben wie in seiner Fünften: seinem »kontrapunktischen Meisterstück«, das von den brucknerschen Überarbeitungsschüben weitgehend verschont blieb und lediglich in einer Fassung überliefert ist. Offen, ja unverhohlen herausgestellt und prägend für die strenge, ausgesprochen herbe klangliche Fassade der Symphonie ist der Gebrauch altehrwürdiger satztechnischer Verfahren. In ihrem »polyphonen Styl« und ihrem »ausserordentlichen Reichthum kontrapunktischer Kunst« (Franz Schalk) hat sie geradezu etwas ungeschminkt Lehrbuchhaftes an sich.

Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch den betont »klassischen«, in gewisser Hinsicht »vorbildlichen« Aufbau der Symphonie. Eine Art Symmetrie durchzieht die Fünfte: Während Bruckner dem ersten und dem letzten Satz eine langsame Einleitung vorausschickte und sie auf diesem Wege aufeinander bezog, baute er die beiden mittleren Sätze, Adagio und Scherzo, auf einer identischen Begleitschicht auf – und verknüpfte sie so trotz ihrer Gegensätzlichkeit ebenfalls zu einem Satzpaar. Eine solche Konzeption ist in Bruckners Werk ohne Vergleich. Regelrecht vorgeführt werden dem Hörer diese inneren Zusammenhänge der Symphonie in der Einleitung des Finales, in der die Hauptgedanken der früheren Sätze nochmals aufgerufen, buchstäblich herbeizitiert werden, um im »Gänsemarsch« erneut das Scheinwerferlicht der symphonischen Bühne zu betreten.

Alles dies deutet darauf hin, dass Bruckner in der Fünften vielleicht mehr noch als sonst darauf zielte, die Partitur durch Verweise und Bezüge in ihrem Inneren zu bündeln. An Versuchen jedenfalls, die zentralen Themen der Symphonie schon aus der Einleitung des ersten Satzes herzuleiten, in ihr die Urzellen des gesamten Werks zu entdecken, hat es nicht gemangelt. Ungeachtet dessen blieb Bruckners Strategie, den Schwerpunkt einer Symphonie im Finale zu errichten, auch und gerade in der Fünften gültig – allerdings in ganz individueller Ausprägung.

Als »Motor« des Geschehens entpuppen sich in diesem Satz die immer ausgefeilteren, in mehreren Etappen und mit aller Macht ausgebreiteten Fugentechniken, die ihre historischen Vorbilder, zuallererst Mozarts Jupiter-Symphonie, noch von Ferne anklingen lassen. Sie dienen bei Bruckner unmissverständlich einem Ziel: Sie sorgen dafür, den Schluss-Satz nach dem tiefgründigen Adagio und dem energiegeladenen Scherzo zum alles übertrumpfenden Höhepunkt zu erheben. Es ist, als seien in diesem Finale alle Krisenmomente, alle verwirrende Vielfalt, alle unbeantworteten Fragen des Daseins noch einmal unter eine Gewissheit gezwungen, die es doch geben müsse. Es bleibt in ihm dem Choral vorbehalten, kraftvoll und in mehrfacher Wiederholung den Schluss der Fünften »zu zementieren« – Bruckner trug das Wort »Choral« eigens in seine Partitur ein.

Torsten Blaich


Bernard Haitink, seit nunmehr über 50 Jahren als Dirigent international erfolgreich, wurde 1929 in Amsterdam geboren. Dem dortigen Königlichen Concertgebouw-Orchester ist er seit Jahrzehnten eng verbunden: von 1964 bis 1988 in der Position des Chefdirigenten und inzwischen als Ehrendirigent. Zwischen 1987 und 2002 leitete er das Royal Opera House Covent Garden in London, anschließend stand er bis 2004 an der Spitze der Staatskapelle Dresden. Von 2006 bis 2010 übernahm der Künstler die Position des »Principal Conductor« beim Chicago Symphony Orchestra. Zwischen 1967 und 1979 arbeitete Bernard Haitink außerdem als »Principal Conductor« mit dem London Philharmonic Orchestra. Von 1977 bis 1988 war er Musikalischer Leiter des Glyndebourne Festivals. In gleicher Funktion betreute er in den Jahren 1994 bis 1999 das European Union Youth Orchestra. Für seine großen künstlerischen Verdienste wurde er vor allem in den Niederlanden und in Großbritannien mehrfach mit hohen Auszeichnungen geehrt; die Zeitschrift Musical America wählte ihn zum »Musiker des Jahres 2007«. Das Boston Symphony Orchestra ernannte Haitink zum »Conductor emeritus«. Die Berliner Philharmoniker, die Bernard Haitink seit 1964 regelmäßig als Gast dirigiert – zuletzt im Januar 2010 –, verliehen ihm die Hans-von-Bülow-Medaille. Bereits in wenigen Tagen (16. – 18. März) wird er für Konzerte mit Werken von Webern, Lutosławski und Brahms erneut am Pult des Orchesters stehen.


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