• Witold Lutosławski
    Trauermusik für Streichorchester (18:07)

  • Witold Lutosławski
    Symphonie Nr. 4 (25:25)

  • Johannes Brahms
    Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83 (55:22)

    Leif Ove Andsnes Klavier

  • kostenlos

    Bernard Haitink und Leif Ove Andsnes über das Musizieren im Zeichen von Fukushima (17:42)

    Fergus McWilliam, Leif Ove Andsnes, Bernard Haitink

Mit Bestürzung verfolgen die Berliner Philharmoniker die Katastrophen, die sich als Folge des jüngsten Erdbebens in Japan ereignen. Zum Zeichen ihrer Anteilnahme widmen das Orchester und Dirigent Bernard Haitink ihre Konzertübertragung am Freitag, dem 18. März, dem japanischen Volk.

Zu Beginn des Konzerts hält Martin Hoffmann, Intendant der Stiftung Berliner Philharmoniker, eine kurze Ansprache. Anschließend spielen die Musiker Witold Lutosławskis Trauermusik für Streichorchester anstelle der ursprünglich geplanten Tondichtung Im Sommerwind von Anton Webern. Das weitere Programm bleibt unverändert: Auf Lutosławskis Vierte Symphonie folgt das Klavierkonzert Nr. 2 von Johannes Brahms mit Leif Ove Andsnes als Solist.

Seit ihrer ersten Konzertreise unter Herbert von Karajan im Jahr 1957 sind die Berliner Philharmoniker und das japanische Publikum einan­der eng verbunden. Zahllose Tourneen des Orchesters und seiner Kammermusikensem­bles haben den Kontakt gefestigt. Auch die Zusammenarbeit mit japanischen Musikern hat bei den Berliner Philharmonikern eine lange Tradition. In dieser Saison hat das Orchester im Februar das Hornkonzert von Toshio Hosokawa uraufgeführt, und im Mai wird der Dirigent Yutaka Sado sein philharmonisches Debüt geben. Mehrere Mitglieder der Berliner Philharmoniker stammen zudem aus Japan, darunter der Konzertmeister Daishin Kashimoto.

Als Zeichen ihrer Anteilnahme und Solidarität mit der japanischen Bevölkerung haben sich das Orchester und Maestro Haitink dafür entschieden, das Programm des Konzerts zu ändern: Anstelle von Anton Weberns Im Sommerwind erklingt Witold Lutosławskis Trauermusik für Streichorchester. Diese Änderung konnte aufgrund ihrer Kurzfristigkeit im Programmhefttext nicht mehr berücksichtigt werden.


Auf der Suche nach neuen orchestralen Klangmöglichkeiten bei Lutosławski und Brahms

Das dodekafone Komponieren als »Methode mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen« im Sinne Schönbergs und des späteren Webern war für das Schaffen von Witold Lutosławski nur eine von vielen Inspirationsquellen. So kann man Weberns serielle Methode in Lutosławskis Trauermusik für Streichorchester (1954–1958) wiederfinden, die trotz ihres beinahe mathematisch konstruierten Baus ein ebenso neuartiges wie tief empfundenes klangschönes Hörerlebnis bietet. Von einer bestimmten Klangvorstellung lässt sich Lutosławski auch bei seinem Prinzip eines Ad-libitum-Spiels leiten, das in seinen späteren Werken zur Anwendung kommt. Die auch mit dem Begriff der »begrenzten Aleatorik« bezeichnete Methode bringt den Zufall mit ins Orchester-Spiel, indem an manchen Stellen der Partitur zwar die Höhe der Töne genau festgelegt, deren zeitliche Abfolge jedoch den Spielern freigestellt ist.

In Lutosławskis 1992 fertiggestellter Symphonie Nr. 4 wechseln konventionell komponierte und solche Ad-libitum-Passagen ab. Nach einem an Gustav Mahler erinnernden lyrisch klangsinnlichen Beginn kündigt eine Trompetenfanfare das erste mit Hilfe des Zufalls entstehende Klangfeld an, in dem Harfen und Streicher mit dem vom Komponisten bereitgestellten Tonvorrat eine Weile hin und her jonglieren, bis das Klavier den Takt angibt und das ganze Orchester folgt. Das Nebeneinander von freien, neutönenden »Spielwiesen« und klar fixierten Melodielinien voller Klangschönheit bestimmt auch den weiteren Verlauf.

Der von Lutosławski intendierte Klang wird durch die ungeordnete Reihenfolge der Töne nach seiner eigenen Aussage nur unwesentlich beeinflusst: »In meinen Werken ist die ursprüngliche Absicht stets eine bestimmte Klangvorstellung, deren wesentliche Züge nicht angetastet werden – trotz der Unterschiede zwischen den einzelnen Aufführungen, wie sie sich aus der Einführung des Zufallsmoments ergeben.« Bei der Uraufführung am 5. Februar 1993 mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra stand der Komponist selbst am Pult, um bei den entsprechenden Ad-libitum-Passagen den Taktstock ruhen zu lassen und – wie die übrigen Zuhörer – gespannt der Schönheit »seines« musikalischen Zufalls zu lauschen.

Innerhalb der Gattung des klassisch-romantischen Solokonzerts nimmt das Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83 von Johannes Brahms in mehrerlei Hinsicht eine Sonderstellung ein. Als erster hatte der Kritiker Eduard Hanslick im Jahr der Uraufführung 1881 auf das dezidiert Symphonische des viersätzigen Konzerts hingewiesen: »Das B-Dur-Concert ist in strengerem Sinne, als dies auch von anderen Concerten behauptet wird, eine große Symphonie mit obligatem Clavier. Es verdient diese Bezeichnung nicht blos mit Rücksicht auf die ungewöhnliche Anzahl von vier Sätzen (statt der üblichen drei), sondern noch mehr wegen der vollständigen Durchdringung des Orchesters mit der Clavierstimme, welche auf jeden Monolog verzichtet und nur mit wenigen Tacten Solo in jedem Satze heraustritt, durchweg als Erster unter Ebenbürtigen.«

Die erste Konzeption zum B-Dur-Konzert fand Brahms im Frühling 1878, er ließ das Werk aber zugunsten des Violinkonzerts liegen, um es während seines Sommeraufenthaltes im Wienerwald in Preßbaum 1881 wieder aufzugreifen und in nur sieben Wochen niederzuschreiben. Möglicherweise hat die Naturidylle des Entstehungsortes die romantische Einleitung beeinflusst. Im weiteren Verlauf des monumentalen Kopfsatzes schlägt die unbeschwerte Naturstimmung dann aber häufig um: Innige und schroffe musikalische Themen lösen sich ab und erzeugen die für Brahms’ Symphonik typischen Hell-Dunkel-Wirkungen. Bei der zweimaligen Exposition der Hauptthemen verwendet Brahms einen formalen Kniff der besonderen Art, indem er erst beim zweiten Anlauf den zuvor fragmentarischen Torso der eigentlichen Themengestalt nun zu ganzer Länge vervollständigt.

Das folgende Allegro appassionato in d-Moll ist in seiner Dreigliedrigkeit mit einem Trio als Mittelteil und mit dem Dreivierteltakt ein – innerhalb der Symphonik – typisches Scherzo. Eine große dramatische Steigerung überlagert dabei den finsteren Grundcharakter dieses Nachtstücks, das im Mittelteil in hymnisches D-Dur kulminiert und gegen Ende nach beinahe kämpferischer Entwicklung der Themen letztlich doch »per aspera ad astra« strebt – aus dem Dunkel zum Licht.

Nach dem massiven vollen Orchesterklang der beiden vorangegangenen Sätze ist im Andante die Besetzung deutlich reduziert, und über einem Streicherteppich lässt Brahms ein Cello-Solo mit einer innigen liedhaften Melodie hervortreten, die deutlich auf sein Lied »Immer leiser wird mein Schlummer« op. 105 Nr. 2 vorausweist. Zwar verbindet Brahms diese Melodie erst 1886 mit Hermann Linggs Gedichttext, doch der besänftigende Wiegenlied-Ton bestimmt auch schon den ganzen langsamen Konzertsatz. In dessen Mittelteil wird nun über ein veritables Zitat des Liedes Todessehnen op. 86 Nr. 6 aus dem Jahr 1878 deutlich, dass es sich um ein besonderes Schlaflied handelt, wenn nämlich von den flehentlichen Rufen der Klarinetten und des Klaviers der Tod als Schlafes Bruder herbeigesehnt wird.

Nach einer solchen quasi-religiösen Stimmung verzichtet Brahms im letzten Satz auf einen grandiosen auftrumpfenden Schluss und wischt die vorherigen dunklen Gedanken mit einem munteren musikantischen Finalrondo weg. Das beschwingte, launige Allegretto grazioso besticht durch die im Klavierpart wiedergewonnene Lust am Konzertieren in dessen ursprünglichem Wortsinne: Solist und Orchester wetteifern um den schöneren Vortrag der durchweg ungarisch geprägten Melodien mit ihren punktierten Rhythmen und kraftvollen Synkopen. Für den brillanten Pianisten Brahms, der bei der Uraufführung des B-Dur-Konzerts selbst am Klavier saß, wurde diese Musizierlust am Ende auch zur Zuflucht des Komponisten, der in anderem Kontext von seiner Musik als den »Wiegenliedern meiner Schmerzen« sprach.

Klaus Oehl

Leif Ove Andsnes, den Berliner Philharmonikern in dieser Saison als Pianist in Residence verbunden, wurde 1970 auf der norwegischen Insel Karmøy geboren. Mit 16 Jahren Student am Konservatorium von Bergen, debütierte er nur drei Jahre später in New York und Washington sowie anschließend beim Festival von Edinburgh mit dem Philharmonischen Orchester Oslo unter Mariss Jansons. Damit war der Grundstein zu einer erfolgreichen Karriere gelegt und schon 1992 trat Leif Ove Andsnes erstmals in Konzerten der Berliner Philharmoniker auf. Es folgten Debüts in Japan (1993), Paris (1996), London (1997) und Zürich (1998); inzwischen hat er in vielen berühmten Sälen Klavierabende gegeben sowie mit Spitzenorchestern und großen Dirigenten in aller Welt konzertiert. Das Philharmonische Orchester Bergen hat ihn für diese Spielzeit als Artist in Residence verpflichtet. Leif Ove Andsnes ist überdies ein begeisterter Kammermusiker und pflegt diese Passion auch als Co-Artistic Director des Risør Kammermusik-Festivals in Norwegen, zu dem sich alljährlich zur Sommersonnenwende eine Woche lang hervorragende Musiker einfinden. Zu seinen Preisen und Auszeichnungen zählen die Aufnahme in den Königlich Norwegischen St.-Olav-Orden, der Peer-Gynt-Kulturpreis der norwegischen Regierung, der Londoner Royal Philharmonic Society Award sowie – bereits mehrfach – der Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Leif Ove Andsnes lehrt als Professor an der Norwegischen Musikakademie in Oslo und als Gastprofessor an der Königlich Dänischen Musikhochschule in Kopenhagen. Darüber hinaus ist er Mitglied der Königlich Schwedischen Musikakademie.


Bernard Haitink, seit nunmehr über 50 Jahren als Dirigent international erfolgreich, wurde 1929 in Amsterdam geboren. Dem dortigen Königlichen Concertgebouw-Orchester ist er seit Jahrzehnten eng verbunden: von 1964 bis 1988 in der Position des Chefdirigenten und seit 1999 als Ehrendirigent. Zwischen 1987 und 2002 leitete er das Royal Opera House Covent Garden in London, anschließend stand er bis 2004 an der Spitze der Staatskapelle Dresden. Von 2006 bis 2010 hatte der Künstler die Position des »Principal Conductor« beim Chicago Symphony Orchestra inne; das Boston Symphony Orchestra ernannte Haitink zum »Conductor emeritus«. Darüber hinaus arbeitete Bernard Haitink zwischen 1967 und 1979 als »Principal Conductor« mit dem London Philharmonic Orchestra. Von 1977 bis 1988 war er Musikalischer Leiter des Glyndebourne Festivals. In gleicher Funktion betreute er in den Jahren 1994 bis 1999 das European Union Youth Orchestra. Für seine großen künstlerischen Verdienste wurde er vor allem in den Niederlanden und in Großbritannien mehrfach mit hohen Auszeichnungen geehrt; die Zeitschrift Musical America wählte ihn zum »Musiker des Jahres 2007«. Die Berliner Philharmoniker, die Bernard Haitink seit 1964 regelmäßig als Gast dirigiert, verliehen ihm die Hans-von-Bülow-Medaille. Erst vor wenigen Tagen stand er mit Bruckners Fünfter Symphonie zuletzt am Pult des Orchesters.

EMILeif Ove Andsnes tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von EMI Classics auf.

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Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

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