Alan Gilbert, Emanuel Ax und Christianne Stotijn

So, 03. April 2011

Berliner Philharmoniker
Alan Gilbert

Christianne Stotijn, Emanuel Ax

  • Alban Berg
    Sieben frühe Lieder (19:42)

    Christianne Stotijn Mezzosopran

  • Wolfgang Amadeus Mozart
    Klavierkonzert Nr. 22 Es-Dur KV 482 (43:48)

    Emanuel Ax Klavier

  • Igor Strawinsky
    Der Feuervogel (LʹOiseau de feu), Ballettmusik (52:54)

  • kostenlos

    Alan Gilbert über sein Wirken als Dirigent und Musiker (15:40)

    Alan Gilbert, Matthew Hunter

Besuch aus New York! Alan Gilbert, Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, und Emanuel Ax, der seit vielen Jahren ebenfalls im »Big Apple« lebt, treffen bei einem Konzert mit den Berliner Philharmonikern aufeinander. Emanuel Ax hat mit dem Orchester schon viele denkwürdige Auftritte absolviert: 1999 beim Europa-Konzert in Krakau, beim Silvesterkonzert 2005 und bei weiteren Konzerten der Saison 2005/06, in der er den Philharmonikern als Pianist in Residence verbunden war.

An diesem Abend ist Ax als Solist in Mozarts Klavierkonzert in Es-Dur KV 482 zu hören - ein Werk von einzigartiger Stimmungsvielfalt. Es findet sich hier jene überirdische Grazie, mit der Mozart das Wiener Publikum im Sturm eroberte, aber auch die tiefe Melancholie seiner späteren Jahre. Um die verschiedenen Seelenzustände aufzuspüren, braucht es einen Pianisten wie Emmanuel Ax, der - wie der britische Independent einmal schrieb - nicht nur über unanfechtbare Technik und profunde Intelligenz verfügt, sondern auch »mit Herz« spielt.

Alan Gilbert seinerseits hat sich den Berliner Philharmonikern als guter Freund empfohlen, auf den man sich verlassen kann, wenn Not am Mann ist. So war es bei seinem Debüt vor fünf Jahren, als er für Bernard Haitink einsprang, und so ist es auch bei diesem Konzert, das er vom verhinderten Gustavo Dudamel übernimmt. In der zweiten Konzerthälfte dirigiert Gilbert mit Strawinskys Feuervogel eine der virtuosesten Partituren der klassischen Moderne. Deren Farbigkeit vermittelt sich bereits in den Satztiteln: »Zaubergarten«, »Auftritt der Ungeheuer«, »Höllentanz«.

Die hohe Kunst der Instrumentierung

Werke von Berg, Mozart und Strawinsky

Früh verfasst, spät bearbeitet – Alban Bergs Sieben frühe Lieder

Der Titel Sieben frühe Lieder führt in die Irre, denn in Wahrheit handelt es sich bei diesem Lied-Zyklus um eine späte(re) Bearbeitung. Diese noch sehr spätromantisch klingende Musik wurde zu einer Zeit instrumentiert, als Alban Berg in seiner künstlerischen Entwicklung schon längst andere Wege beschritten hatte. Von seinem Jugendfreund Hermann Watznauer ist ein vom Komponisten revidiertes Verzeichnis von 90 Liedern überliefert, das 88 Sologesänge und zwei Duette enthält. 35 dieser Lieder entstanden zwischen Sommer 1901 und Herbst 1904, die übrigen während der Studienzeit bei Arnold Schönberg zwischen Winter 1904 und Sommer 1908. Zu den von Berg selbst veröffentlichten bzw. nach seinem Tod publizierten Liedern gehören auch die Sieben frühen Lieder.

1917 stellte der Komponist für seine Frau Helene eine persönliche Auswahl von zehn Liedern in Reinschrift zusammen. Zehn Jahre später entschloss sich Berg, einige von ihnen sowohl mit Klavier- als auch mit Orchesterbegleitung herauszugeben, mit der Absicht, »ihren musikalischen Inhalt noch besser zu entfalten und wirkungsvoller zur Geltung zu bringen«, wie Rudolf Stephan im editorischen Vorwort erläutert. Und weiter heißt es: »Er hat sie also bearbeitet; dabei veränderte er gelegentlich die Melodie (z. B. in Nacht und Die Nachtigall) oder den Text (Sommertage), verlängerte den Schluss (Schilflied) und bereicherte ganz allgemein den Tonsatz.«

Aus der zunächst mehr oder minder zufälligen Zusammenstellung entstand ein geschlossener, kohärenter Zyklus. Zu diesem Zweck transponierte Berg einige Lieder und veränderte die Reihenfolge. Das wichtigste Mittel seiner umgestaltenden Arbeit war indes die Instrumentation. Die Rahmenstücke Nacht und Sommertage sind für volles Orchester gesetzt, die übrigen Lieder verlangen ein reduziertes Orchester bzw. nur einzelne Instrumentalgruppen: Das Schilflied (Nr. 2) ist für Bläser und solistisches Streichquintett gesetzt, Die Nachtigall (Nr. 3) für geteilte Streicher. Traumgekrönt (Nr. 4) mit gedämpften und geteilten Streichern sowie Becken hat keine Klarinetten, Fagotte und Trompeten. Das früheste und kürzeste Lied Im Zimmer (Nr. 5) verlangt eine klein besetzte Bläsergruppe, die Instrumentation der Liebesode (Nr. 6) mit gedämpften Streichern und kleiner Trommel spart Flöten, Oboen und Posaunen aus.

Konzertant und symphonisch - Mozarts Klavierkonzert Es-Dur KV 482

Wer Mozarts Kunst der Erfindung und des Orchestrierens, aber auch seine Fähigkeit, Konzertantes und Symphonisches zu verbinden studieren will, der hat im Klavierkonzert Es-Dur KV 482 reiches Anschauungsmaterial. Mozarts Genie zeigt sich schon darin, dass er für jeden der drei Sätze eine eigene Konzeption findet. Der Kopfsatz, Allegro, dessen konzertanter Charakter schon in der Tutti-Exposition deutlich wird, ist formal ganz traditionell: er hat zwei Themen, eine doppelte Exposition und eine vergleichsweise lapidare Durchführung. Trompeten und Pauken tragen maßgeblich zur opulenten Orchestereinleitung bei. Das Andante hingegen stellt einen Bruch mit der Konvention dar. Dieser Variationssatz in dunklem c-Moll mit Zwischenspielen in Es-Dur und C-Dur ist eine Musik, die Alfred Einstein als »nackte Expression, beinahe eine Exhibition der Trauer, des falschen Trostes, der Verzweiflung, der Resignation« bezeichnete. Das ausgedehnte liedhafte Hauptthema führen zunächst nur die gedämpften Streicher ein, danach wird es bereits variiert vom Klavier aufgegriffen. Es folgt unvermittelt ein Bläserdivertimento. Mozart kombiniert hier, insbesondere durch das Einschieben von melodisch eigenständigen Zwischenspielen, Rondo- und Variationsform.

Auf das resignative Andante folgt ein auftrumpfendes Rondo-Finale nach Art der Jagdmusiken. Auch hier sorgt der Komponist wieder für eine Überraschung – mit einem eingeschobenen menuettartigen Abschnitt. Auf die besondere Bedeutung dieses kompositorischen Wunderwerks hat u. a. Friedrich Blume aufmerksam gemacht: »Wie über dieses ganz simple Liedthema zarteste Klangseligkeit gebreitet wird, wie es sich völlig rein in sinnlicher Schönheit auszubreiten scheint, und wie dennoch mit fast romantischer Ironie durch das wohlige Behagen hindurch die Unwirklichkeit dieser schönen Welt fühlbar gemacht und eine Ahnung ihrer Scheinhaftigkeit erzeugt, und wie schließlich das duftige Bild durch ein paar wenige Modulationswendungen getrübt und umgestimmt wird, das weist schon auf die letzte Schaffenszeit Mozarts voraus.«

Der Feuervogel – Igor Strawinsky auf dem Weg zu internationaler Anerkennung

Mit der Feuervogel-Musik gelang Igor Strawinsky der internationale Durchbruch. Sergej Diaghilew, Gründer und Leiter der Ballets russes, schlug dem jungen Komponisten im Spätsommer 1909 vor, die Musik zum Feuervogel zu komponieren. Zunächst waren Alexander Tscherepnin und Anatoli Ljadow in der Diskussion, doch dann fiel Diaghilews Entscheidung auf Strawinsky, der zwar noch unbekannt war, aber bereits für eine Les Sylphides-Produktion der Balletts russes zwei Klavierstücke von Chopin instrumentiert hatte.

Der Feuervogel basiert auf russischen Volksmärchen aus der berühmt gewordenen Sammlung von Alexander Afanasjew. Natürlich geht es um den Sieg des Guten über das Böse: Zarewitsch Iwan entdeckt auf der Jagd im verzauberten Garten eines Ungeheuers einen Vogel, dessen Gefieder funkelt wie Feuer. Der junge Prinz fängt das Tier, lässt es dann aber auf seine Bitten hin wieder frei. Zum Dank erhält er eine goldene Feder aus dem Gefieder des Vogels als Amulett, das ihm in der Not helfen soll. Der Zauberer-König Kastschei hält in seinem Reich 13 Prinzessinnen gefangen. In eine der jungen Frauen, Zarewna, verliebt sich der Prinz. Als Kastschei mit seinen Schergen erscheint, um Iwan gefangen zu nehmen, kann der sich mithilfe der magischen Feder schützen. Nun erscheint der Feuervogel, lässt Kastschei und seine Männer nach einer wilden, dämonischen Musik tanzen und versetzt sie mit seinem Wiegenlied in einen tiefen Schlaf. Er hilft dem Prinzen, den Zauber von allen Gefangenen zu nehmen und führt ihn zu der in einem Riesenei verborgenen Seele des Zauberers. Der Zarewitsch zerschlägt das Ei, Kastschei stirbt, mit seinem Tod verschwinden auch sein Reich und sein Zaubergarten. Der Feuervogel fliegt weg, die Liebenden können heiraten, das Volk jubelt dem neuen Zarenpaar zu.

Der Komponist sah in dem Auftrag die große Chance, aus der künstlerischen Isolation in St. Petersburg auszubrechen und sich in der Metropole Paris erstmals international präsentieren. Seine Bedenken, eine große Orchesterpartitur innerhalb weniger Monate fertigzustellen, wusste Diaghilew offenbar mit gutem diplomatischen Geschick zu zerstreuen: Er besuchte Strawinsky gemeinsam mit dem Choreografen Michail Fokin, dem Tänzer Vaslav Nijinsky, dem Kostümbildner Leon Bakst und dem Ausstatter Alexandre Benois – »und nachdem alle fünf erklärt hatten, sie seien von meinem Talent überzeugt, glaubte ich schließlich selbst, was sie sagten und akzeptierte den Vertrag«.

Strawinsky schafft in seiner ersten Komposition für eine orchestrale Großbesetzung fantastische Klangwirkungen und nimmt auch Elemente des damals herrschenden Jugendstils auf. Unüberhörbar finden sich ebenfalls russische Einflüsse vor allem von Rimsky-Korsakow und Tschaikowsky in der Feuervogel-Partitur. Dabei hatte Strawinsky nach eigenen Angaben den Ehrgeiz, die legendären Orchestrationskünste Rimsky-Korsakows mit ungewöhnlichen Spielanweisungen (wie »sul ponticello«, »col legno«, »flautando«, »glissando«) noch zu übertreffen. Mit der Verwendung von Holzschlegeln für die Pauken, dem Einsatz mehrerer Harfen und Glocken sowie impressionistischen Klangfarben hat die Instrumentation aber auch ihre Vorbilder im französischen Raum, in Berlioz und vor allem Debussy. »Die Musiker meiner Generation und ich selbst verdanken Debussy am meisten«, bekannte Strawinsky selbst einmal.

Helge Grünewald

Emanuel Ax, 1949 in der heutigen Ukraine geboren und schon als Kind in Warschau musikalisch ausgebildet, studierte nach der Übersiedlung seiner Familie in die Vereinigten Staaten bei Mieczyław Munz an der Juilliard School. Im Alter von 25 Jahren gewann er den Arthur-Rubinstein-Klavierwettbewerb (Tel Aviv), fünf Jahre später den begehrten Avery-Fisher-Preis (New York). Emanuel Ax ist in den internationalen Musikmetropolen und Festivalorten regelmäßig als Konzertsolist der Spitzenorchester, mit Klavierabenden und als ambitionierter Kammermusiker zu erleben: Er war langjähriger Duopartner von Isaac Stern und musiziert mit dem Cellisten Yo-Yo Ma sowie den Geigern Jaime Laredo und Itzhak Perlman; mit Yefim Bronfman bildet er ein Klavierduo. Das Repertoire von Emanuel Ax umfasst nicht nur die bedeutenden Werke der Klassik und Romantik, sondern auch zahlreiche Kompositionen der Gegenwart; so nutzte er das Schumann- und Chopin-Gedenkjahr 2010 zur Vergabe von Auftragswerken an Thomas Adès, Peter Lieberson und Stephen Prutsman. Seine Plattenaufnahmen wurden mehrfach mit dem Grammy Award ausgezeichnet. Bei den Berliner Philharmonikern hat Emanuel Ax seit 1988 wiederholt gastiert; in der Saison 2005/2006 war er dem Orchester als Pianist in Residence mit fünf Kammerkonzerten und mit Auftritten in zwei Programmen der philharmonischen Symphoniekonzerte verbunden.

Alan Gilbert leitet seit Beginn der Saison 2009/2010 als erster gebürtiger New Yorker das New York Philharmonic Orchestra als Chefdirigent. Frühzeitig von seinen Eltern im Violinspiel unterrichtet, studierte Gilbert zunächst Komposition in Harvard und Geige am New England Conservatory of Music. Nach Fortsetzung der Ausbildung am Curtis Institute of Music in Philadelphia sowie an der Juilliard School in New York arbeitete er mehrere Jahre als Geiger und Bratscher, bevor er 1995 ans Dirigentenpult wechselte. Von Januar 2000 bis Juni 2008 war Alan Gilbert Chefdirigent und Künstlerischer Berater des Königlichen Philharmonischen Orchesters Stockholm, dem er mit der Ernennung zum Ehrendirigenten weiterhin verbunden bleibt. In den Jahren 2003 bis 2006 stand er als Musikdirektor an der Spitze der Santa Fe Opera, 2004 wurde er Erster Gastdirigent des NDR Sinfonieorchesters Hamburg. Alan Gilbert hat Produktionen an führenden Opernhäusern geleitet und ist u. a. mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Orchestre de Paris, dem London Philharmonic, dem Königlichen Concertgebouw-Orchester Amsterdam, dem Tonhalle-Orchester Zürich, dem Deutschen Symphonie- Orchester Berlin sowie den wichtigsten Orchestern in den USA und in Japan aufgetreten. Die Berliner Philharmoniker dirigierte Alan Gilbert erstmals im Februar 2006, zuletzt stand er bei ihnen Mitte April 2009 mit Werken Dvořák und Martinů am Pult. Ebenfalls 2009 übernahm Alan Gilbert an der Juilliard School den neu geschaffenen William-Shuman-Lehrstuhl für Musikalische Sudien mit einem facettenreichen Aufgabenspektrum. Zu den Auszeichnungen des Musikers zählen der Georg Solti Award, der Seaver/National Endowment for the Arts Conductors Award sowie die Aufnahme in die Königlich Schwedische Musikakademie; 2010 ernannte ihn das Curtis Institute of Music zum Ehrendoktor.

Christianne Stotijn, in Delft geboren, schloss zunächst ein Geigenstudium am Konservatorium von Amsterdam mit dem Solistendiplom ab. Gesang studierte sie anschließend in Metz, London und Amsterdam; außerdem wurde sie von Udo Reinemann, Jard van Nes und Dame Janet Baker unterrichtet. Die Mezzosopranistin erhielt 2005 einen Borletti-Buitoni-Preis, zählte im selben Jahr zu den Mitgliedern des »New Generation Artist Scheme« der BBC und wurde 2008 mit dem Niederländischen Musikpreis ausgezeichnet. Auf der Opernbühne war sie vor allem in Rollen händelscher Werke auf den Bühnen in Brüssel, Paris und Amsterdam sowie bei den Festspielen in Aix-en-Provence zu erleben. Als Konzertsolistin und im von ihr besonders favorisierten Liedfach gastiert sie – oft gemeinsam mit ihren Klavierpartnern Joseph Breinl und Julius Drake – an führenden Häusern der internationalen Musikmetropolen und Festspielorte. Christianne Stotijn konzertierte u. a. mit den Symphonieorchestern von Boston und Chicago, dem Orchestre des Champs-Elysées in Paris und mit Concerto Köln unter der Leitung von Dirigenten wie René Jacobs, Gennadi Roschdestwensky, Philippe Herreweghe und Gustavo Dudamel. Große Erfolge feierte sie mit Gustav Mahlers Rückertliedern beim Concertgebouworkest Amsterdam und beim Orchestre National de France unter der Leitung von Bernard Haitink, mit dem sie eine intensive künstlerische Partnerschaft verbindet. Christianne Stotijn, die bereits Mitte Dezember 2008 sowie Mitte Mai 2010 in Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker zu hören war, und Joseph Breinl werden am 5. April im Kammermusiksaal der Philharmonie einen Liederabend mit Werken von Grieg, Brahms, Strauss, Rachmaninow und Tschaikowsky gestalten.

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