Do, 23. Juni 2011

Berliner Philharmoniker
Emmanuelle Haïm

  • Georg Friedrich Händel
    Concerto grosso G-Dur HWV 319 (13:08)

  • Georg Friedrich Händel
    Wassermusik-Suite Nr. 3 G-Dur HWV 350 (12:27)

  • Georg Friedrich Händel
    Wassermusik-Suite Nr. 1 F-Dur HWV 348 (24:20)

  • Jean-Philippe Rameau
    Suite Nr. 1 aus Bühnenwerken (29:30)

  • Jean-Philippe Rameau
    Suite Nr. 2 aus Bühnenwerken (26:34)

  • kostenlos

    Emmanuelle Haïm im Gespräch mit Catherine Milliken (12:20)

    Emmanuelle Haïm, Catherine Milliken

Das Dirigentenpult ist eine der letzten männlichen Bastionen im Kulturbetrieb. Umso bemerkenswerter die Künstlerinnen, die sich diesen Platz erobern. Die Alte-Musik-Spezialistin Emmanuelle Haïm sagt von sich, sie habe diesen Berufswunsch bereits als 12-Jährige gehabt. Zunächst jedoch musizierte sie über viele Jahre als Cembalistin in den Barockmusik-Orchestern von William Christie und Christophe Rousset. Inzwischen ist sie zur Leiterin eines eigenen Ensembles namens Le Concert d'Astrée avanciert und hat sich in vielen energetischen Konzerten den Ruf eines »powerhouse interpreter« (The New York Times) erworben.

Für ihr Konzert mit den Berliner Philharmonikern - das zweite nach ihrem Debüt 2008 - hat Emmanuelle Haïm einige der schönsten und abwechslungsreichsten Orchestersuiten des Barock aufs Programm gesetzt. Am bekanntesten darunter ist zweifellos Georg Friedrich Händels Wassermusik. Deren spektakuläre Uraufführung fand am 17. Juli 1717 bei einer prunkvollen Kahnpartie von König Georg I. statt, der von dem Werk so angetan war, dass er es gleich drei Mal hintereinander spielen ließ. Die Berliner Philharmoniker haben diesen Evergreen übrigens zuletzt vor gut einem Vierteljahrhundert aufgeführt: 1984 unter Leitung von Riccardo Muti.

Neben Händel steht Jean-Philippe Rameau im Zentrum dieses Abends, einer der aufregendsten Komponisten seiner Epoche. Rameaus Spezialität waren Tanzsätzen, die er in seine zahlreichen Opern einflocht und mit einem bis dahin ungekannten Klangreichtum und Raffinement ausstattete. Vor allem das Ausdrucksspektrum beeindruckt. Es reicht vom melancholischen Träumen zur beißenden Parodie, von Liebesgesängen zu wilden Volkstänzen - ein einzigartiges Panorama barocker Affekte.

 


Musique Royale diesseits und jenseits des Kanals

Orchesterstücke von Händel und Rameau

Königliches von Händel

Georg Friedrich Händel tat gut daran, einige seiner Londoner Werke unter dem Schlagwort »Royal« anzupreisen. Seine Musick for the Royal Fireworks verkaufte sich nicht weniger gut als Andenken an die »royal weddings« heutzutage. Und auch die Werke, die er selbst zu königlichen Hochzeiten beisteuerte, erregten Aufsehen. Das erste Erfolgsstück dieser langen Reihe von Werken für das Haus Hannover war jene Water Musick, die er für eine Bootsfahrt auf der Themse am 17. Juli 1717 komponierte. König George I. stellte die Maschinerie des englischen Hofzeremoniells vor eine schier unlösbare Aufgabe: Er wünschte sich zu seiner Ausfahrt ein Konzert auf der Themse – auf dem Fluss! Die Frage, wie man bei solcher Gelegenheit Eintrittskarten verkaufen oder gar Plätze reservieren sollte, war selbst vom Haushofmeister nicht zu lösen; letztlich veranstaltete er die Musik bei freiem »Eintritt« und bezahlte die immerhin mehr als 50 Musiker aus eigener Tasche.

Händels Water Musick umfasst 22 Sätze in den unterschiedlichsten Stilen und Besetzungen. Der Meister mischte italienische Konzertsätze mit französischen Tänzen, streute englische Weisen wie die Hornpipes mit ein und ließ es sich gefallen, die Klangfarben der Streicher und Bläser mehrchörig gegeneinander auszuspielen. Früher glaubte man, Händel habe diese effektvollen Besetzungswechsel fein säuberlich auf drei verschiedene Suiten aufgeteilt. Seit der Händelforscher Terence Best in einem Londoner Archiv die älteste Abschrift der Wassermusik wiederentdeckte, weiß man, dass Händel die Sätze munter mischte und in größtmöglicher Abwechslung aufeinander folgen ließ.

Emmanuelle Haïm hat sich für die herkömmliche Anordnung entschieden, stellt aber die sogenannte Wassermusik-Suite Nr. 3 G-Dur HWV 350 vor die ehemals als erste gezählte in F-Dur. Wir hören also zunächst die liebliche Sarabande in G-Dur für Flöten und Streicher mit ihrer pastoralen Gefolgschaft – drei Paare von Rigaudons, Menuetten und Giguen, die alle unmittelbar an den Zauber der englischen Landschaft denken lassen, wie sie sich anno 1717 vor den Augen des Königs an den Ufern der Themse im Abendlicht zeigte. Die Wassermusik-Suite Nr. 1 F-Dur HWV 348 dagegen beginnt königlich: mit einer französischen Ouvertüre. Danach lassen die »French Horns« ihre Fanfaren erschallen, während Oboen und Streicher in diversen Tänzen miteinander konzertieren.

Zwischenaktmusiken

Zur Popularität der Water Musick trugen entscheidend die Theater Londons bei: Wenige Jahre nach der königlichen Wasserfahrt warben sie in den Zeitungen damit, dass Teile aus der Water Musick als Zwischenaktmusiken in Shakespeare-Stücken aufgeführt wurden. Genau zu diesem Zweck, aber für seine eigenen Oratorienaufführungen, komponierte Händel im Herbst 1739 seine zwölf Concerti grossi op. 6. Gleich das erste Werk der Gruppe – das Concerto grosso G-Dur HWV 319 – dürfte die Funktion einer Zwischenaktmusik aufs Schönste erfüllt haben: Der Anfang wirkt wie die gebieterische Geste eines Schauspielers oder der Auftritt eines Königs, gefolgt von einem Allegro, dessen moderne, galante Züge Händel einem Cembalostück von Gottlieb Muffat ablauschte. Die Fuge an vierter Stelle wartet mit einem herrlichen Dreiklangsthema auf, das nach allen Regeln der Kunst durchgeführt wird, während sich Händel im Finale mit wehenden Fahnen dem galanten Stil in die Arme warf.

Tänze von Rameau

Die Bühnenkarriere von Händels großem Zeitgenossen Jean-Philippe Rameau gründete sich von vornherein auf zwei Elemente: auf das erschütternde Pathos seiner Opernszenen und auf den Zauber seiner Tänze. Beides war in der französischen Oper des 18. Jahrhunderts nahtlos ineinander verwoben. Jeder der fünf Akte einer Tragédie lyrique mündete unweigerlich in eine Tanzszene, in ein so genanntes Divertissement: Tänze, tänzerische Soli und getanzte Chöre vermischten sich zu eindrucksvollen Tableaux, in denen die Spanne dessen, woran sich der Zuschauer divertieren sollte, denkbar weit war. Sie reichte von idyllischen Dorf- und Hafenszenen bis hin zum Schrecken der »tonnerres« und »tempêtes«, der obligatorischen Gewitter und Seestürme. Noch dominanter wurde der Tanz im Opéra-ballet, einer Art Revue, die aus mehreren getanzten und gesungenen Einaktern bestand – das lustvolle Gegenstück zur ernsten Operntragödie.

In beiden Genres hat Rameau gleich mit seinen Erstlingswerken Zeichen gesetzt, gerade auch, was die Tänze anbelangt: Seine erste Tragédie lyrique Hippolyte et Aricie von 1733 enthielt Tanzszenen in einer Fülle und einem Raffinement, wie es bis dahin undenkbar war. Mit seinem ersten Opéra-ballet Les Indes galantes steigerte er noch diese Nuancierung im Orchestralen und im Rhythmus. Der Meister aus Dijon öffnete dem Rokoko Tür und Tor, wo bis dahin der steife Spätbarock und die moderate »Régence« den Ton angaben.

Blumen und Fanfaren

Unsere beiden Suiten aus Bühnenwerken Rameaus beginnen jeweils mit einer Ouvertüre. Die erste zur Oper Dardanus (1739)ist angemessen festlich in ihren punktierten Rhythmen und mitreißend im Tremolo des Allegroteils. Darauf folgt eine zauberhafte Pantomime aus dem Opéra-ballet Les Fêtes d’Hébé (1739): Eingehüllt in den sanften Streicherklang eines Air tendre tritt der Musengott Apollo tanzend aus seinem Tempel, um sich mit den Genien des Mars zu einem Reigen zusammenzufinden. Unvermittelt folgen auf die zarten Vorhalte des Air tendre die Fanfaren des Sieges.

Mit einem Tanz für die Blumen betreten wir die fantastische Welt des »galanten Indien«, womit bei Rameau die westindischen Inseln gemeint sind, sprich: Amerika. Türken und Perser, Inkas und Indianer bilden das exotische Personal einer interkulturellen Revue über die Strategien der Galanterie. Eine groteske Seite der Natur zeigte Rameau in seinem Comédie-ballet Platée (1745): Inmitten quakender Frösche träumt die hässliche Nymphe Platea von einer Liebe zum Göttervater Jupiter. Der geht zum Schein auf ihr Werben ein, beeindruckt sie durch groteske Verwandlungen und gibt die Arme am Ende dem Spott preis. Die Synkopen im ersten Rigaudon und die meckernden Tonwiederholungen im zweiten geben eine Ahnung vom beißenden Spott dieser Opernsatire.

Kriegslärm und eine Chaconne

Ungleich drastischer als unsere erste Rameau-Suite beginnt die zweite: mit der Ouverture zum Opéra-ballet Naïs, das 1749 als »Friedensoper« aufgeführt wurde. Es erfüllte in Paris die gleiche Aufgabe wie Händels Feuerwerksmusik in London, nämlich den Frieden von Aachen zu feiern. Rameaus Ouvertüre ist freilich alles andere als friedlich, vielmehr ein einziger »Bruit de guerre« aus dreinfahrenden Trompeten, wilden Hornsynkopen und rollendem Paukendonner. Ein Hauch von Melancholie liegt über der Sarabande aus demselben Werk, während die beiden folgenden Rigaudons die rustikale Wildheit von Volkstänzen nachahmen.

Pastorale und stürmische Szenen mischen sich auch in den Auszügen aus Hippolyte et Aricie. Gekrönt wird unsere zweite Suite schließlich von einem der großartigsten Sätze Rameaus: der Chaconne aus Dardanus. Der große Gruppentanz, der in keiner Tragédie lyrique fehlen durfte, führte alle Tänzer auf der Bühne zusammen. Die Solisten glänzten in den Couplets mit Pas seul und Pas de deux, während der immer wiederkehrende Refrain des Orchesters für den Corps de ballet bestimmt war. Die schiere Schönheit dieses Rondeaus, das Raffinement seiner Instrumentierung und der triumphale Schluss überhöhen die barocke Form der Chaconne zum Symbol des Ancien Régime.

Karl Böhmer

Emmanuelle Haïm studierte Klavier bei Yvonne Lefébure, Orgel bei André Isoir sowie Cembalo bei Kenneth Gilbert und Christophe Rousset am Pariser Conservatoire National Supérieur de Musique, an dem sie inzwischen selbst Sänger in barocker Aufführungspraxis unterrichtet. In diesem Bereich gehört die Preisträgerin zahlreicher Wettbewerbe zu den führenden Continuo-Spielerinnen für das Opern-, Kammermusik-, Konzert- und Solo-Repertoire. Natalie Dessay, Ian Bostridge, Philippe Jaroussky und andere Gesangsstars laden sie regelmäßig als Begleiterin für ihre Soloauftritte ein. Als Assistentin hat die Musikerin mit Dirigenten wie William Christie, Marc Minkowski und Sir Simon Rattle zusammengearbeitet. Im Jahr 2000 rief Emmanuelle Haïm mit gleichgesinnten Sängern und Instrumentalisten das Barockensemble Le Concert d’Astrée ins Leben. Als Dirigentin brachte sie seit 2001 außerdem mehrere Barockopern mit der Glyndebourne Touring Opera und beim Glyndebourne Festival zur Aufführung. Darüber hinaus gastierte sie u. a. beim Orchestra of the Age of Enlightenment, beim St. Paul Chamber Orchestra (USA), beim HR-Sinfonieorchester Frankfurt und beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin; am Pult der Berliner Philharmoniker stand Emmanuelle Haïm erstmals im März 2008 in Konzerten mit Händels Cäcilien-Ode HWV 76. Auf Einladung der Stiftung Berliner Philharmoniker war sie im November desselben Jahres mit Le Concert d’Astrée in der Reihe Originalklang im Kammermusiksaal zu erleben. Die Künstlerin ist Ehrenmitglied der britischen Royal Academy of Music; in Frankreich wurden ihr der Orden »des Arts et des Lettres« sowie der Ritterorden der Ehrenlegion verliehen.

Virgin ClassicsEmmanuelle Haïm tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von Virgin Classics auf. 

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Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

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