Sa, 18. September 2010

Berliner Philharmoniker
Pierre Boulez

Emmanuel Pahud, Barbara Hannigan

  • Pierre Boulez
    ... explosante-fixe ... für Flöte mit Live-Elektronik, zwei Flöten und Ensemble (40:56)

    Emmanuel Pahud Flöte, MIDI-Flöte, Marion Ralincourt Flöte, Sophie Cherrier Flöte, Mitglieder des IRCAM Paris Klangregie

  • Igor Strawinsky
    Le Rossignol konzertante Aufführung (55:34)

    Barbara Hannigan Sopran (Die Nachtigall), Julia Faylenbogen Mezzosopran (Der Tod), Stephanie Weiss Mezzosopran (Die Köchin), Edgaras Montvidas Tenor (Der Fischer), Roman Trekel Bariton (Der Kaiser von China), Peter Rose Bass (Der Bonze), Georg Zeppenfeld Bass (Der Kammerherr), Jan Remmers Tenor (Japanischer Gesandter), Wolfram Teßmer Bariton (Japanischer Gesandter), Rundfunkchor Berlin (Hofleute), Simon Halsey Einstudierung

  • kostenlos

    Pierre Boulez im Gespräch mit Emmanuel Pahud (17:33)

    Emmanuel Pahud, Pierre Boulez

Pierre Boulez hat als Dirigent der Musik Strawinskys Maßstäbe gesetzt. Aber auch seine eigenen Werke wurden nachhaltig von Strawinsky geprägt, der seinerseits die ersten Kompositionen des jüngeren Kollegen mit respektvollem Wohlgefallen beurteilte. Die Wechselbeziehungen zwischen diesen Prinzipalen der musikalischen Moderne offenbaren sich nun in diesem Konzert mit den Berliner Philharmonikern unter Boulez’ Leitung.

Boulez’ ... explosante fixe ... entstand als Hommage an Strawinsky, nachdem dieser im April 1971 gestorben war. Eigentlich sollte hier bloß das Gebiet einer freien Improvisation abgesteckt werden, doch über die Jahre entwickelte sich ... explosante fixe ... zu einer ausgereiften Komposition. Eine zunehmend wichtige Rolle spielte dabei die elektronische Musik. Deren Part wurde entsprechend der technologischen Entwicklung immer ausgefeilter – bis hin zur aktuellen Fassung aus den 1990er Jahren, in der eine Soloflöte über ein MIDI-System mit einem Computer verbunden ist, sodass die Elektronik quasi spontan auf den Flötisten – in unserem Fall Emmanuel Pahud – reagiert.

Wie ... explosante fixe ... hat auch Strawinskys Oper Le Rossignol (Die Nachtigall) in einem langwierigen Entwicklungsprozess Gestalt angenommen. Der erste Akt dieser Vertonung eines Märchens von Hans Christian Andersen ist noch ganz der Klangwelt von Rimsky-Korsakow und Debussy verhaftet. Dann aber legte Strawinsky das Manuskript beiseite, um mit den Balletten Der Feuervogel und Le Sacre du printemps zu seiner eigenen, revolutionären Sprache zu finden, die schließlich auch die letzten beiden Akte von Le Rossignol prägte. Pierre Boulez war von diesem völlig neuen Idiom sofort fasziniert, als er die Oper 1942 in einer Rundfunkübertragung hörte – seine erste Begegnung mit dem Werk Strawinskys und der Beginn einer lebenslangen Verehrung.

Wandlungen und Metamorphosen

Zu Boulez’ … explosante-fixe … und Strawinskys Le Rossignol

Im Pantheon von Pierre Boulez nimmt die Musik Igor Strawinskys eine zentrale Stellung ein: Als junger Komponist schreibt er in den 1940er-Jahren unter dem Eindruck der Strawinsky-Ballette und der Musik der Wiener Schule seine ersten Werke. Als Musikdenker beschäftigt er sich seit seinem bahnbrechenden Aufsatz zum Sacre du printemps aus dem Jahr 1951 mit den Kompositionsverfahren des bedeutenden Neuerers, und als Dirigent, Vermittler und Pädagoge setzt er sich bis heute für Strawinskys Œuvre ein. Aber auch Strawinsky interessierte sich für die kompositorischen Innovationen seines 43 Jahre jüngeren Kollegen: »Er war immer sehr erpicht darauf zu erfahren, was die Komponisten meiner Generation beschäftigt«, erinnert sich Boulez.

… explosante-fixe …

Am 6. April 1971 starb Igor Strawinsky im Alter von 88 Jahren in New York. In Anknüpfung an die alte Tradition der Tombeau-Kompositionen bat ein englischsprachiges Musikjournal eine Reihe von Komponisten um kurze Stücke, die unter dem Titel Canons and Epitaphs – In Memoriam Igor Stravinsky publiziert werden sollten. Unter den 16 Komponisten, die dem Wunsch nachkamen, befand sich Pierre Boulez. Seine Strawinsky-Hommage stellte ihrer ursprünglichen Gestalt eine Improvisationsanleitung dar: Sie bestand aus einer einseitigen musikalischen Skizze und sechs Textseiten mit Anmerkungen zu ihrer Ausarbeitung. Im Zentrum des Notenblatts hat der Komponist eine siebentönige Folge notiert, die den Titel Originel trägt. Aus dieser melodischen Formel leitete Boulez sechs Transitoires ab, die das Blattzentrum kreisförmig umgeben: Sie greifen das im Originel exponierte Material auf und erweitern es schrittweise um zusätzliche Schichten. Der Titel seiner Strawinksy-Hommage, … explosante-fixe …, entnahm Boulez André Bretons Erzählung L’Amour fou.

In den folgenden Jahren wurde … explosante-fixe ... für Boulez zur Keimzelle einer ganzen Werkserie. 1972 verfasste er neben einer Version für drei Instrumente auch eine Realisation für acht Instrumente und Live-Elektronik. Der damalige Stand der Technik veranlasste den Komponisten, diese Fassungen bald wieder zurückzuziehen. 1985 komponierte Boulez auf der Grundlage der Keimzelle von … explosante-fixe … dann Mémoriale für Flöte und acht Instrumente. Während der Komponist bei diesem Werk auf den Einbezug von Live-Elektronik verzichtete, schien zu Beginn der 1990er-Jahre die Zeit gekommen, das zwei Jahrzehnte zuvor begonnene Projekt in größerem Maßstab zu realisieren.

Die aktuelle Fassung von … explosante-fixe ... für Solo-Flöte, Live-Elektronik, zwei Flöten und Ensemble entstand zwischen 1991 und 1993. Sie basiert auf drei Abschnitten der ursprünglichen Skizze – Transitoire VII, Transitoire V und Originel –, die Boulez zu einem Werk mit einer Dauer von ungefähr 35 Minuten ausgearbeitet hat. Als Bindeglieder zwischen den einzelnen Teilen fungieren kurze, rein elektronische Zwischenspiele (Interstitiels). Die Instrumentenwahl entspricht der Besetzung des 1976 von Boulez gegründeten Ensemble intercontemporain: Der Solo-Flöte, die von zwei weiteren solistisch geführten Flöten unterstützt wird, ist ein Ensemble von 22 Instrumenten (jeweils sieben Holz- und Blechblasinstrumente sowie acht Streichinstrumente) gegenübergestellt.

Die elektronischen Mittel ermöglichen es Boulez, die Klangwelt von … explosante-fixe … behutsam zu erweitern und zu bereichern: »Ich kann zum Beispiel Mikrointervalle verwenden, die auf einem Instrument nicht zu erzeugen sind, oder das Klangspektrum auf eine Art verändern, die ohne den Einsatz von Elektronik nicht möglich wäre. […] Man überschreitet auf diese Weise die Grenzen eines Instruments, aber man ersetzt nicht seine Gestik. Denn die Gestik des Instrumentalisten ist für mich absolut notwendig. […] Was mich an der Live-Elektronik interessiert, ist die Interaktion zwischen Spieler und Technologie – die Modifikation von Gesten durch nicht-gestische Prozesse.«

Ermöglicht wird diese Interaktion durch die sogenannte »score follower«-Technologie: Die Prozesse der elektronischen Klangumformung werden durch die Solo-Flöte gesteuert, die über ein MIDI-System mit dem Computer verbunden ist. Der Instrumentalist ist also Herr über die musikalische Zeitgestaltung und muss sich in seinem Spiel nicht den Zwängen der Technik unterordnen.

Le Rossignol

Im Œuvre Igor Strawinskys nimmt Le Rossignol (Die Nachtigall) eine Sonderstellung ein. Ähnlich wie Boulez’… explosante fixe … ging das Werk aus einem mehrphasigen, äußerst verwickelten Kompositionsprozess hervor. Die Anfänge von Le Rossignol reichen in Strawinskys Sankt Petersburger Zeit zurück: Nachdem er sich an einigen Orchesterwerken erprobt hatte, wandte sich der 26-jährige Komponist im Herbst 1908 der Oper zu. Das Märchen des dänischen Dichters Hans Christian Andersen lieferte ihm ein ideales Sujet, schien die Erzählung von einer Nachtigall, die mit ihrem Gesang den Tod zu erweichen vermag, für eine musikalische Umsetzung doch geradezu prädestiniert. Ein Jahr später erreichte Strawinsky dann jedoch der Auftrag, die Musik zu einem neuen Werk der Ballets russes zu schreiben. Und so wurde die Nachtigall, von der bis dato nur der erste Akt vorlag, vom Feuervogel verdrängt ...

Nach der spektakulären Uraufführung des Feuervogels im Juni 1910 vollzog der Komponist eine enorme stilistische Entwicklung und wurde zu einer Leitfigur der europäischen Moderne. Vor dem Hintergrund seiner zunehmenden Abneigung gegen die Oper in ihrer traditionellen Ausprägung wäre es daher nicht verwunderlich gewesen, wenn Strawinsky das Rossignol-Projekt ganz beiseite gelegt hätte. Ein lukrativer Auftrag des Freien Theaters in Moskau konnte ihn allerdings umstimmen, und so entstanden zwischen Sommer 1913 und Frühjahr 1914 die zwei noch ausstehenden Akte des Werks.

»Da die Handlung erst im zweiten Akt beginnt, sagte ich mir, dass es nicht ganz unlogisch sei, wenn die Musik des Prologs einen anderen Charakter zeige als die folgenden Bilder«, schrieb Strawinsky später in seinen Erinnerungen. »Der Wald mit der Nachtigall […] kann nicht in der gleichen Weise behandelt werden wie der chinesische Hof mit seiner bizarren Etikette, den Palastfesten, den Tausenden von Glöckchen und Laternen, der brummenden, scheußlichen japanischen Nachtigall, kurz, der ganzen exotischen Fantasie, die natürlich eine andere musikalische Ausdrucksweise verlangt.«

Tatsächlich bewegt sich der erste Akt des Werks in einer anderen Klangwelt als die vier Jahre später komponierte Musik. In seiner expressiven Tonsprache, seinen pointillistischen Texturen und seiner virtuosen Orchesterbehandlung treten die Einflüsse Rimsky-Korsakows und Debussys noch deutlich zutage. Die musikalische Sprache im zweiten und dritten Akt knüpft hingegen an die Errungenschaften des Sacre an: Die Welt des Kaiserhofs wird durch die bizarre Instrumentation und das geistreiche Spiel mit pentatonischen Strukturen als »fausse-chinoiserie« in Szene gesetzt.

Boulez hat Strawinskys Arbeit folgendermaßen beschrieben: »Wer China sagt, sagt auch Pentatonik. Das ist geradezu ein Klischee. […] Strawinsky verwendet das Klischee auf verwickeltere Weise. […] Er richtet es für sich ein, um es wirklich interessant zu machen, er bringt Elemente hinein, die nicht zu dieser Sprache gehören, er behandelt alles allusiv. Mit echter chinesischer Musik hat das nichts zu tun, die Pentatonik ist lediglich das Symbol für China, er arbeitet damit wie mit den russischen Elementen in Petruschka.«

Eine musikalische Brücke zwischen den unterschiedlichen Teilen der Rossignol-Partitur bildet das Lied des Fischers: Es erklingt nicht nur am Anfang und Ende des ersten Aktes, sondern wird in modifizierter Form auch am Schluss des zweiten und dritten Aktes aufgenommen. Die Figur des naturverbundenen Herolds der Nachtigall übernimmt damit sowohl auf der Ebene der Handlung als auch auf derjenigen der Musik eine Zusammenhang stiftende Funktion.

Tobias Bleek


Pierre Boulez, der französische Komponist, Pianist, Dirigent und Theoretiker, wurde am 26. März 1925 in Montbrison an der Loire geboren. In Paris zunächst naturwissenschaftlich ausgebildet, entschloss er sich 1943 zum Kompositionsstudium. Unterricht erhielt er unter anderem von Olivier Messiaen, René Leibowitz und Andrée Vaurabourg-Honegger, der Frau Arthur Honeggers. Nach ersten Dirigiertätigkeiten Mitte der 40er-Jahre gründete er 1955 das Ensemble Domaine Musical und begann im selben Jahr, bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik zu lehren. Es folgten weitere Stationen als Dirigent, so beim Südwestfunkorchester, bei den Bayreuther Festspielen (wo 1966 seine Interpretation des Parsifal weltweites Aufsehen erregte) und beim Cleveland Orchestra; 1971 wurde Boulez zugleich Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra und des New York Philharmonic Orchestra. Mitte der 1970er-Jahre gründete er das Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique (IRCAM) in Paris und wurde Leiter des zur selben Zeit formierten Ensemble intercontemporain. Pierre Boulez ist Autor mehrerer Bücher und Essays über Musik. Zu seinen zahlreichen hohen Auszeichnungen gehören der Ernst von Siemens Musikpreis (1977), der Große Französische Staatspreis (1980), der Schwedische Polarpreis (beide 1996) und der Kyoto-Preis (2009). Die Berliner Philharmoniker hat Boulez seit 1961 wiederholt dirigiert; 2005 ehrte ihn die Stiftung Berliner Philharmoniker anlässlich seines 80. Geburtstags mit der Aufführung des Werks Répons im Kammermusiksaal, bei der der Komponist die Klangregie übernahm. Zuletzt leitete Pierre Boulez das Orchester im Juli 2009 bei dessen Konzerten in Aix-en-Provence.

Emmanuel Pahud, in Genf geboren, erhielt als Sechsjähriger in Rom den ersten Flötenunterricht. Später studierte er in Brüssel, dann in Paris bei Michel Debost, sowie in Basel bei Aurèle Nicolet. Mehrfach war Pahud Erster Preisträger bei wichtigen internationalen Wettbewerben. Orchestererfahrung sammelte er als Solo-Flötist im Radio-Sinfonieorchester Basel und bei den Münchner Philharmonikern, bevor er 1993 als Solo-Flötist zu den Berliner Philharmonikern kam. Zwischenzeitlich Professor am Genfer Konservatorium, kehrte Emmanuel Pahud im April 2002 zu den Philharmonikern zurück. Als Solist konzertiert er weltweit mit den großen Orchestern – bei den Berliner Philharmonikern war er zuletzt im Juni 2009 mit Elliot Carters Flötenkonzert zu hören – sowie als Kammermusiker in verschiedenen Duo- und größeren Ensemblebesetzungen. Für seine zahlreichen Einspielungen hat Emmanuel Pahud bedeutende Preise erhalten und das französische Kulturministerium verlieh ihm im Juni 2009 die Auszeichnung »Chevalier dans l’Ordre des Arts et des Lettres«.

Sophie Cherrier studierte bei Jacques Mule am Konservatorium von Nancy sowie am Conservatoire national supérieur de musique et de danse in Paris, wo sie ihre Diplomprüfung mit dem Ersten Preis im Fach Flöte bei Alain Marion und in Kammermusik bei Christian Lardé abschloss. Seit 1979 ist sie Mitglied im Ensemble intercontemporain. Sophie Cherrier wirkte bei zahlreichen Uraufführungen mit, darunter Mémoriale von Pierre Boulez und Esprit rude/Esprit doux von Elliott Carter; viele zeitgenössische Werke (etwa von Berio, Boulez und Adès) hat sie auf Schallplatte und CD eingespielt. Die Gewinnerin des internationalen Jean-Pierre-Rampal-Wettbewerbs 1981 ist solistisch u. a. mit Klangkörpern wie dem Hallé und dem Cleveland Orchestra, dem Los Angeles Philharmonic sowie der London Sinfonietta aufgetreten. Seit 1998 unterrichtet sie als Professorin am Pariser Konservatorium, außerdem gibt sie Meisterkurse in aller Welt. Als Gast der Stiftung Berliner Philharmonie war sie im Januar 2007 in einem Kammerkonzert mit Pierre-Laurent Aimard zu hören.

Marion Ralincourt begann im Jahr 2000 ihr Flötenstudium am Pariser Konservatorium bei Sophie Cherrier und Vincent Lucas, 2007 erwarb sie ihr Künstlerisches Diplom. Sie vervollständigte ihre Ausbildung 2009 in der Kammermusikklasse von David Walter, die sie auch mit ihrem Harfenduett »Harpeole« besuchte, das sie gemeinsam mit der Harfenistin Lucie Marical gegründet hat. Zu ihren Auszeichnungen zählen der Sieg 2004 beim »Festival d’Automne des Jeunes Interprètes« und 2005 ein Erster Preis beim internationalen Wettbewerb in Krakau für die beste Interpretation des Flötenkonzerts von Penderecki. Als Solistin trat Marion Ralincourt bisher mit dem Philharmonischen Orchester Krakau und bei wichtigen Festivals in Frankreich auf. Sie war u. a. im Orchestre Symphonique et Lyrique de Tours, im Ensemble intercontemporain, im Kammerorchester Les Siècles sowie im Ensemble Court-Circuit engagiert und arbeitete mit Dirigenten wie Jacques Mercier, Michael Gielen, Yutaka Sado und Jonathan Nott zusammen. Als Gast der Berliner Philharmoniker ist sie nun erstmals zu erleben.

Das IRCAM (Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique) wurde 1970 von Pierre Boulez in Paris gegründet und 1977 eröffnet. Es untersteht dem französischen Kulturministerium, gehört dem Centre Pompidou an und vereinigt unter einem Dach Wissenschaftler und Komponisten, die sich der Erforschung und Produktion von Musik widmen. Das IRCAM betreibt Grundlagenforschung über die Möglichkeiten, wie Mathematik, Akustik und Informatik zur Musikproduktion beitragen können. Regelmäßig arbeiten in den Studios des Instituts Wissenschaftler und Komponisten gemeinsam; viele der dabei entstehenden Musikproduktionen werden im Rahmen eigener Veranstaltungen des IRCAM und bei internationalen Tourneen dem Publikum vorgestellt. Das IRCAM bietet außerdem mehrere Ausbildungsprogramme an, darunter einen Master in Wissenschaft und Technologie sowie ein einjähriges Kompositions- und Informatikstudium. Jährlich im Juni organisiert das Institut sein eigenes Festival Agora – Résonances, das Musik in Beziehung zu anderen Kunstdisziplinen stellt und das der »scientific community« eine Plattform des Austausches bietet. Seit Januar 2006 wird das IRCAM von Frank Madlener geleitet.

Andrew Gerzso, in Mexico City geboren, studierte Flöte und Komposition in Boston, Los Angeles und Den Haag. Er gehört seit 1977 zum festen Mitarbeiter-Stamm des IRCAM und und war dort in dieser Zeit u. a. als Technischer Direktor, als Leiter der musikalischen Forschungen, als Direktor der Produktionsabteilung sowie als Gründer und Manager des IRCAM Forums tätig, in dem die Nutzer der institutseigenen Software zusammengeschlossen sind. Seit 1980 ist er Pierre Boulez in enger Mitarbeit verbunden: sowohl am IRCAM, wo er bei den Aufführungen von Boulez’ Werken Repons (1981), Dialogue de l’Ombre Double (1985), ... explosante-fixe ... (1991) und Anthèmes 2 (1997) für die Umsetzung der elektro-akustischen Prozesse verantwortlich war, als auch bis 1995 bei den alljährlichen Seminaren am Collège de France. Als Autor hat Andrew Gerzso in renommierten Fachzeitschriften zahlreiche Beiträge über Computer-Musik veröffentlicht. Bereits im Oktober 2005 wirkte er im Konzert der Berliner Philharmoniker zum 80. Geburtstag von Pierre Boulez mit.

Gilbert Nouno, Cellist und Komponist, hat sich als Musiker und Interpret bei Aufführungen von Werken aus dem Bereich der Klassik sowie von Jazz und improvisierter Musik einen Namen gemacht. Seine wissenschaftliche Ausbildung führte ihn ans IRCAM in Paris. Dort schrieb und produzierte er gemeinsam mit Künstlern, Musikern und Komponisten die elektronischen Musikpartien einer Reihe von Werken. Zu den Künstlern, mit denen Gilbert Nouno bereits zusammenarbeitete, gehören Michael Obst, Kaija Saariaho, Philippe Schoeller, Michael Jarrell, Sandeep Bhagwati, Marc Monnet, Brian Ferneyhough, Steve Coleman und Jonathan Harvey. 2007 wurde er als Gast der Villa Kujoyama für seine musikalische Projektarbeit ausgezeichnet. Seine jüngsten Werke für Orchester und Soloinstrumente erlebten Aufführungen in Paris und Tel Aviv. Mitte September 2006 war Gilbert Nouno in einem Konzert der Stiftung Berliner Philharmoniker gemeinsam mit dem Arditti Quartet an der Aufführung von Harveys Streichquartett Nr. 4 mit Live-Elektronik beteiligt.

Ian Bostridge entschied sich für eine Sängerlaufbahn, nachdem er in Cambridge und Oxford Geschichte und Philosophie studiert hatte. Seit seinem Debütrecital in der Londoner Wigmore Hall im Jahr 1995 ist der Tenor ein in den internationalen Musikmetropolen gefeierter Lied- und Konzertinterpret. Im Opernfach debütierte er 1994 beim Edinburgh Festival als Lysander in Brittens A Midsummer Night’s Dream; weitere Partien in Bühnenwerken von Britten, Strauss, Monteverdi, Mozart und Smetana sowie szenische Aufführungen von Janáčeks Tagebuch eines Verschollenen kamen hinzu. 1999 brachte Ian Bostridge in der Kölner Philharmonie den ihm gewidmeten Liederzyklus Sechs Gesänge aus dem Arabischen von Hans Werner Henze zur Uraufführung; im Januar 2010 war er an der Weltpremiere von Henzes Opfergang mit der Accademia di Santa Cecilia in Rom beteiligt (Dirigent: Antonio Pappano). Zu seinen Auszeichnungen zählen die Ehrenmitgliedschaft im Corpus Christi College und im St. John’s College in Oxford sowie – im Jahr 2004 – die Ernennung zum »Commander of the British Empire«. Seit Dezember 2000 wiederholt bei den Berliner Philharmonikern zu Gast, gab Ian Bostridge zuletzt Anfang November 2006, begleitet von dem Pianisten Julius Drake, im Kammermusiksaal einen Liederabend mit Werken von Mahler und Henze.

Julia Faylenbogen, eine gebürtige Ukrainerin, absolvierte ihr Gesangs- und Klavierstudium am Staatlichen Neschdanowa-Konservatorium in Odessa bei Galina Poliwanowa. 2003 übersiedelte sie nach Berlin, wo sie bei Brenda Mitchell und Semjon Skigin an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« ihre Studien vervollkommnete. Mit Beginn der Saison 2005/2006 wurde sie Mitglied des Jungen Ensembles der Düsseldorfer Oper. Die Preisträgerin verschiedener Wettbewerbe wie des Nationalwettbewerbs »Neue Namen« in Kiew und des internationalen Wettbewerbs der Kammeroper Schloss Rheinsberg wechselte zur Spielzeit 2006/2007 als Ensemblemitglied an die Staatsoper Hannover, wo sie als Nicklausse in Hoffmanns Erzählungen, Hänsel in Hänsel und Gretel, in der Titelpartie von Ravels L’Enfant et les sortileges und im November 2009 als Wellgunde in Rheingold auftrat. Gast-Engagements führten sie u. a. an die Norske Opera in Oslo und nach Spanien (Madrid, Valencia, Barcelona, Saragossa). Im Mai 2008 debütierte sie als Krobyle in konzertanten Aufführungen der unvollendeten Strauss-Oper Des Esels Schatten am Concertgebouw Amsterdam (Dirigent: HK Gruber). In Konzerten der Berliner Philharmoniker ist Julia Faylenbogen nun erstmals zu hören.

Barbara Hannigan stammt aus Kanada und studierte zunächst an der Universität von Toronto bei Mary Morrison, später am Banff Centre for the Arts sowie bei Meinard Kraak am Konservatorium von Den Haag. In ihrem Repertoire setzt sie deutliche Akzente mit der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts (Charpentier, Händel, Gluck, Mozart) und mit Werken von Komponisten des 20. Jahrhunderts (Britten, Strawinsky, Janáček) sowie des aktuellen Musikschaffens: Sie war u. a. an den Opern-Uraufführungen von Louis Andriessens Writing to Vermeer, Jan van de Puttes Wet Snow und Gerald Barrys The Bitter Tears of Petra von Kant beteiligt. Zu den Komponisten, mit denen Barbara Hannigan in engem Kontakt Werke einstudierte, zählen György Ligeti, Karlheinz Stockhausen, und Henri Dutilleux. Die Sopranistin hat mit bedeutenden Orchestern, mit Ensembles für Alte bzw. für zeitgenössische Musik und mit Dirigenten wie Esa-Pekka Salonen, Michael Gielen, Peter Eötvös und Reinbert de Leeuw zusammengearbeitet. De Leeuw ist auch der Klavierbegleiter ihrer zahlreichen Liederabende. Als Solistin der Berliner Philharmoniker war Barbara Hannigan unter der Leitung von Sir Simon Rattle erstmals während der Salzburger Osterfestspiele 2006 zu hören, als sie für die erkrankte Dawn Upshaw die Gesangspartie in Henri Dutilleux’ Correspondances übernahm. In Berliner Konzerten des Orchesters gastierte sie zuletzt Anfang Februar 2010 als Solistin in György Ligetis Mysteries of the Macabre.

Jan Remmers wurde 1978 in Wilhelmshaven geboren und wuchs in Friesland auf. Nach dem Abitur studierte er zunächst Schulmusik in Oldenburg, anschließend von 1999 bis 2006 an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« in Berlin. Schon während seiner Ausbildungszeit erhielt der Tenor zahlreiche Engagements im Konzert- und Opernfach: So interpretierte er unter anderem im Jahr 2004 bei den Wiener Festwochen die Partie des Ferrando in Mozarts Così fan tutte und 2006 im Rahmen des Lucerne Festivals das Tenorsolo im Berliner Requiem von Kurt Weill. Seit 2005 gehört Jan Remmers dem Rundfunkchor Berlin als festes Mitglied an. In Konzerten der Berliner Philharmoniker tritt er nun erstmals solistisch auf.

Peter Rose, in Canterbury geboren, studierte an der University of East Anglia und an der Guildhall School in London. Der Gewinner des Kathleen Ferrier Memorial Scholarship und des Glyndebourne John Christie Award debütierte 1986 als Komtur in Mozarts Don Giovanni mit der Glyndebourne Festival Opera in Hong Kong. Anschließend engagierte ihn die Welsh National Opera; sein Debüt am Royal Opera House Covent Garden in Anna Bolena an der Seite von Dame Joan Sutherland folgte wenig später. Das Repertoire von Peter Rose umfasst die großen Basspartien in Werken von Händel, Mozart, Verdi, Mussorgsky und Wagner bis hin zu Britten. Peter Rose wirkte u. a. bei Produktionen der Metropolitan Opera New York, der Seattle Opera, der English National Opera, des Barbican Center in London und der Wiener Staatsoper mit. Im Konzertfach ist er in Beethovens Neunter Symphonie und der Missa solemnis sowie in den Requiem-Vertonungen von Mozart und Verdi aufgetreten. Der Künstler, der mit Dirigenten wie Carlo Maria Giulini, Sir Charles Mackerras, Daniel Barenboim und Pierre Boulez zusammengearbeitet hat, gibt in diesen Konzerten sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern.

Wolfram Teßmer, in Neustrelitz geboren, studierte zunächst Kirchenmusik in Greifswald. Seine Gesangsausbildung absolvierte er bei Wolfgang Hellmich an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« in Berlin und ergänzte sie in Liedklassen und Meisterkursen von Dietrich Fischer-Dieskau, Wolfram Rieger, Peter Schreier und Max von Egmond. Seit 2004 ist Wolfgang Teßmer festes Mitglied des Rundfunkchores Berlin. Sein besonderes Interesse gilt der Alten Musik, der er sich in Burkhard Wehners Mittelalter-Ensemble Vox Nostra und im Ensemble Archaica widmet. Darüber hinaus singt er im Amalien-Ensemble, das sich innerhalb des Rundfunkchores konstituiert hat. Wolfram Teßmer war u. a. 2007 an der siebenstündigen Aufführung von Taveners The Veil of the Temple im Hamburger Bahnhof beteiligt. Er tritt regelmäßig mit eigenen Programmen in der Kammermusik-Reihe des Rundfunkchores Berlin auf und konzertiert überdies auch im Ausland. Als Solist der Berliner Philharmoniker gibt er nun sein Debüt.

Roman Trekel studierte von 1980 bis 1986 an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« in Berlin bei Heinz Reeh. Nach einem ersten Engagement am Opernstudio der Staatsoper Unter den Linden ist er seit 1988 Mitglied im Solistenensemble dieses Hauses. Der mehrfache Wettbewerbspreisträger war bisher vor allem in Werken von Mozart, Strauss, Debussy und Ullmann zu erleben. Seine Gestaltung der männlichen Hauptrolle in Debussys Pelléas et Mélisande in der Regie von Ruth Berghaus (Dirigent: Michael Gielen) trug ihm weltweit große Anerkennung ein. Zu seinen aktuellen Partien an der Lindenoper zählen der Graf in Le Nozze di Figaro, Don Alfonso in Così fan tutte und Wolfram in Tannhäuser. Als Wolfram debütierte er im März 2010 auch an der Mailänder Scala. Im Rahmen renommierter Festivals (z. B. der Salzburger und Bayreuther Festspiele) und auf den Bühnen bedeutender Opern- und Konzerthäuser ist Roman Trekel weit über die Grenzen Europas hinaus zu hören – nicht zuletzt mit einer Vielzahl von Liederabenden. Seit 1989 lehrt Roman Trekel als Professor für Gesang an der Berliner Hanns-Eisler-Hochschule. Als Solist der Berliner Philharmoniker war er erstmals Anfang Juni 2001 im Rahmen des Mozart-Fests unter der Leitung von Daniel Barenboim zu erleben.

Stephanie Weiss, eine gebürtige Amerikanerin, wurde zunächst als Sopranistin ausgebildet. Sie studierte u. a. am New England Conservatory und am Mannes College of Music in New York. In der Saison 2004/2005 war sie Stipendiatin der American Berlin Opera Foundation an der Deutschen Oper Berlin. Nach Konzert- und Opernauftritten als Sopranistin in Deutschland und den USA, die ihr Debüt in der Carnegie Hall einschlossen, wechselte sie in das Stimmfach Mezzosopran. Seit der Spielzeit 2006/2007 gastiert sie regelmäßig an der Deutschen Oper Berlin, wo sie als Schlafittchen in Hillers Das Traumfresserchen, als Wirtin in Zemlinskys Der Traumgörge und als Aufseherin in Strauss’ Elektra zu erleben war. Im Frühjahr 2008 feierte sie große Erfolge mit der Rolle der Marianne Leitmetzerin in Der Rosenkavalier, die sie auch bei einem Gastspiel in China und 2009 am Theater Bern sang. In der Spielzeit 2009/2010 debütierte Stephanie Weiss als Marcellina in Le nozze di Figaro und als Marthe in Faust an der Staatsoper Unter den Linden. Mit den Berliner Philharmonikern arbeitet sie in diesen Konzerten erstmals zusammen.

Georg Zeppenfeld studierte bei Hans Sotin an der Kölner Musikhochschule. Nach ersten Engagements an den Städtischen Bühnen Münster und der Oper der Stadt Bonn wurde er 2001 festes Ensemblemitglied an der Sächsischen Staatsoper Dresden. Zahlreiche Gastspiele führten ihn an die Bühnen der renommiertesten Opernhäuser und Festspielorte in Europa. Unter der Leitung von Dirigenten wie Claudio Abbado, Kent Nagano und Christian Thielemann sowie in Konzerten mit den Münchner Philharmonikern, dem Concentus Musicus Wien und der Accademia di Santa Cecilia in Rom erarbeitete er sich ein breites Repertoire an Rollen unterschiedlicher Epochen und Stilrichtungen. Dazu zählen Mozarts Sarastro, Figaro und Don Alfonso ebenso wie Mussorgskis Pimen (Boris Godunow) und Wagnerpartien wie Fasolt (Das Rheingold) und Gurnemanz (Parsifal). Unter der Leitung von Claudio Abbado debütierte er mit großem Erfolg in Mozarts Zauberflöte an der San Francisco Opera (2007) und an der New Yorker Metropolitan Opera (2009). Im Konzertfach ist Georg Zeppenfeld besonders den Werken Bachs, Händels, Haydns und den großen spätromantischen Oratorien zugewandt. Bei den Berliner Philharmonikern singt er nun zum ersten Mal.

[die folgende Biografie wird mglw. noch ausgetauscht!]

Holger Marks studierte Gesang bei Marga Schiml und James Wagner an den Musikhochschulen in Karlsruhe und Hamburg. Seither ist er mit zahlreichen Engagements als Opernsänger auf Bühnen in Hamburg, Lugano, Paris und Prag sowie im Konzertfach u. a. in Deutschland, Norwegen, Italien, Frankreich, den USA und in Brasilien tätig; erst kürzlich trat er mit dem Simón Bolívar Jugendorchester Venezuela unter der Leitung von Sir Simon Rattle in Venezuelas Hauptstadt Caracas auf. Zu den Schwerpunkten im Repertoire des Tenors zählen Partien in den Werken Mozarts, Händels, Schuberts, Schumanns und Bachs. Seit 2008 festes Mitglied im Rundfunkchor Berlin, ist Holger Marks nun erstmals als Solist in Konzerten der Berliner Philharmoniker zu hören.

Der Rundfunkchor Berlin, 1925 gegründet, prägte unter Dirigenten wie George Szell, Hermann Scherchen, Otto Klemperer und Erich Kleiber musikalische Sternstunden der 1920er- und 1930er-Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte er mit seinem Chefdirigenten Helmut Koch die Oratorien Händels erstmals in der Originalgestalt international bekannt. Dietrich Knothe (1982 – 1993) formte den Chor zu einem Präzisionsinstrument für schwierigste Literatur; Robin Gritton (1994 – 2001) bereicherte und verfeinerte die Farbpalette des Ensembles. Seit 2001 leitet Simon Halsey den Rundfunkchor Berlin. Er legt besonderes Gewicht auf die stilistisch und sprachlich perfekte, dabei lebendige und mitreißende Wiedergabe von Werken aller Epochen und Stile. Eine rege Aufnahmetätigkeit dokumentiert diese Arbeit: So erhielt die mit den Berliner Philharmonikern entstandene CD-Veröffentlichung von Strawinskys Psalmensymphonie unter der Leitung von Sir Simon Rattle den »Grammy Award« 2009 als beste Choraufnahme. Simon Halsey initiierte außerdem zahlreiche Projekte des Chores im Bildungs- und Erziehungsbereich, die interdisziplinäre Veranstaltungsreihe Broadening the Scope of Choral Music sowie einmal im Jahr ein großes Mitsingkonzert. Anfang Oktober 2010 lädt der Rundfunkchor Berlin erstmals junge professionelle Chordirigentinnen und -dirigenten zur Internationalen Meisterklasse Berlin ein. Das Vokalensemble ist Partner führender Orchester und Dirigenten in aller Welt; langjährige Kooperationen verbinden ihn mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem Deutschen Symphonie-Orchester und den Berliner Philharmonikern. Bei ihnen gastierte der Rundfunkchor Berlin erst vor wenigen Tagen unter der Leitung von Sir Simon Rattle in Konzerten mit Luciano Berios Coro.

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