Riccardo Chailly dirigiert Wagner und Liszt

  • Richard Wagner
    Eine Faust-Ouvertüre d-Moll (00:12:26)

  • Franz Liszt
    Eine Faust-Symphonie in drei Charakterbildern, nach J. W. von Goethe für Tenor, Männerchor und Orchester (01:19:00)

    Nikolai Schukoff Tenor, Herren des Rundfunkchors Berlin, Simon Halsey Einstudierung

Nicht einmal 27 Jahre alt war er, als Riccardo Chailly im Januar 1980 auf Einladung Herbert von Karajans seinen Einstand bei den Berliner Philharmonikern gab – mit Schönbergs Erster Kammersymphonie und der Vierten von Tschaikowsky. »Ich weiß noch genau«, so der heutige Gewandhauskapellmeister, »wie mich der Klang dieses Orchesters damals einfach umgeworfen hat, diese Wucht und Wärme – es war unglaublich.« Unmittelbar danach erhielt Chailly die Anfrage, ob er nicht neuer Chefdirigent des RSO Berlin (heute: Deutsches Symphonie-Orchester Berlin) werden wollte. »Daneben bot sich mir aber auch die Möglichkeit, weiter bei den Philharmonikern zu dirigieren und meine Verbindung zu Karajan zu vertiefen.«

Bei seinem November-Gastspiel in Berlin widmet sich Riccardo Chailly Richard Wagners selten zu hörender Faust-Ouvertüre. Anschließend steht Franz Liszts Faust-Symphonie auf dem Programm, in deren Kopfsatz nicht zufällig ein Motiv aus Wagners zuvor gespielter Ouvertüre paraphrasiert wird. Über die emotionale Musik des zweiten Satzes (Gretchen) schrieb der Musikkritiker und Liszt-Biograf Richard Pohl begeistert: »Selbst Gegner Liszts haben sich dem Zauber dieses Gretchens nicht zu entziehen vermocht.« Der gespenstische dritte Satz (Mephistopheles), in dem die Faust-Themen zunehmend entstellt und persifliert werden, ist dem Finale von Berlioz’ Symphonie fantastique verpflichtet (die Anfangstakte beider Finali stimmen nahezu notengetreu überein). Am Ende glätten sich die Wogen – mit einem Chorfinale in strahlendem C-Dur, in dem Liszt die Schlussverse des Faust II vertonte.

Verschmelzung von Literarischem und Musikalischem

Die Faust-Kompositionen von Liszt und Wagner

Der Mythos vom Doktor Faust, der einen Pakt mit dem Teufel schließt und daran zugrunde geht, übt seit Langem eine ungebrochene Faszination aus. Das gilt besonders für Goethes Fassung des Stoffs, in der der Protagonist bereits als quasi moderner, nach Welterkenntnis strebender Intellektueller erscheint, dem jedes Mittel recht ist, sein Ziel zu erreichen. Faust in Musik »darzustellen« hat etliche Komponisten in mehr als fünf Jahrhunderten gereizt. Richard Wagner widmete dem Stoff keine Oper, sondern lediglich eine Ouvertüre, Franz Liszt dagegen eines seiner Hauptwerke, die Faust-Symphonie.

Richard Wagner: Eine Faust-Ouvertüre d-Moll

Richard Wagner befasste sich lange mit dem Faust-Stoff. Als junger Mann komponierte er 1831 – noch zu Goethes Lebzeiten – Musik auf einige Abschnitte des ersten Teils. Der Besuch einer Probe zu Beethovens Neunter Symphonie in Paris entfachte 1839 möglicherweise Wagners Interesse an der Gattung der Symphonie neu, gab aber wohl nicht den entscheidenden Impuls. Für Wagners erneute Beschäftigung mit dem Faust-Sujet war eine Pariser Uraufführung der dramatischen Symphonie Roméo et Juliette von Hector Berlioz ausschlaggebend. Kurz darauf ging Wagner daran, eine Symphonie zu komponieren, deren erster Satz bereits im folgenden Monat als Particell und im Januar 1840 als Partitur vorlag. Wagner skizzierte auch noch ein Gretchen-Thema für den zweiten Satz, entschied sich dann aber anders und ließ den Plan fallen, eine vollständige Symphonie zu verfassen. Als sächsischer Hofkapellmeister führte er den ersten Symphonie-Satz unter dem Titel Ouverture zu Göthes Faust (erster Theil) am 22. Juli 1844 in Dresden auf. In Weimar war das Werk unter Leitung von Franz Liszt am 11. Mai 1852 zu hören. Dieser berichtete seinem Freund Wagner, die Ouvertüre habe »Sensation« gemacht. Wagner antwortet ihm daraufhin: »Ich kann dieser Komposition nicht gram werden, wenn auch manches Einzelne darin jetzt nicht mehr aus meiner Feder fließen würde, namentlich ist mir das noch etwas zu häufige Blech nicht mehr nach Sinn.« Im September schrieb er, ihn reize eine Überarbeitung des Werks. Liszt schickte ihm die Partitur: »Dies Werk ist ganz Deiner würdig«, betonte er, schlug aber zugleich kompositorische Änderungen vor.

Wagner verriet Liszt am 9. November 1852: »Sehr richtig hast Du herausgefühlt, wo es da fehlt: es fehlt – das Weib! – Vielleicht würdest Du schnell aber mein tongedicht verstehen; wenn ich es ›Faust in der Einsamkeit‹ nenne! Damals wollte ich eine ganze ›Faust-Symphonie‹ schreiben: der erste theil (der fertige) war eben der ›einsame Faust‹ – in seinem Sehnen, Verzweifeln und Verfluchen: das Weibliche schwebt ihm nur als Gebild seiner Sehnsucht, nicht aber in seiner göttlichen Wirklichkeit vor; und dies ungenügende Bild seiner Sehnsucht ist es eben, was er verzweiflungsvoll zerschlägt. Erst der zweite Satz sollte nun Gretchen – das Weib – vorführen: schon hatte ich das Thema für sie – es war aber eben ein Thema –: das Ganze blieb liegen – ich schrieb meinen ›Fliegenden Holländer‹. […] Will ich nun – aus einem letzten Rest von Schwäche und Eitelkeit – die ›Faust‹-Komposition nicht ganz umkommen lassen, so habe ich sie allerdings etwas zu überarbeiten – doch nur die instrumentative Modulation.« Als Titel schwebte ihm Faust in der Einsamkeit vor bzw. Der einsame Faust – ein »Tongedicht« für Orchester.

Wieder blieb das Projekt liegen. Erst gute zwei Jahre später konnte Wagner dem Freund – dieser hatte inzwischen seine eigene Faust-Symphonie vollendet! – mitteilen: »Lächerlicherweise überfiel mich gerade jetzt eine völlige Lust, meine alte ›Faust-Ouvertüre‹ noch einmal neu zu bearbeiten: ich hab’ eine ganz neue Partitur geschrieben; die Instrumentation durchgehends neu gearbeitet, manches ganz geändert …« Jetzt nannte er die Komposition zum ersten Mal Eine Faust-Ouvertüre. Die Uraufführung am 23. Januar 1855 in Zürich dirigierte Wagner selbst. Im Februar sandte er Liszt die Partitur und bemerkte: »Hier hast Du meine umgearbeitete ›Faust-Ouverture‹, die Dir neben Deiner »Faust-Symphonie« recht unbedeutend vorkommen wird. Mir ist die Komposition interessant nur der Zeit willen, aus der sie stammt; jetzt nahm mich die Umarbeitung wieder für sie ein, und in bezug auf die letztere bin ich so kindisch, Dich zu bitten, sie einmal recht genau mit der ersten Abfassung zu vergleichen…«

Der Form nach ist die Faust-Ouvertüre ein symphonischer Satz, der langsam beginnt und dann in ein bewegtes Tempo übergeht. In der dunkel grundierten Einleitung klingen bereits fast alle Motive bzw. Themen des folgenden Allegros an. Das Hauptthema mit seinen chromatischen Vorhalten schildert Fausts Zerrissenheit, im Seitenthema der Holzbläser finden sich Hinweise auf Gretchen. Wagner hält sich nicht streng an die Form des Sonatensatzes: »Leitlinie ist nicht die Form, sondern der Inhalt. Themen und Motive werden entsprechend ihrer Ausdrucks- und Bedeutungsqualität eingesetzt, als handele es sich um Leitmotive in einer Oper.« (Egon Voss). Auffällig ist, dass sich in dieser Ouvertüre schon der Instrumentalstil des reifen Wagner abzeichnet.

Franz Liszt: Eine Faust-Symphonie in drei Charakterbildern nach J. W. von Goethe

Zwei der größten Werke der Literatur haben Franz Liszt neben seinem Brevier fast immer begleitetet: die Divina Commedia von Dante und Goethes Faust. Auf beide Vorlagen schrieb er je ein großes Stück für Orchester. Seine neun bis dahin verfassten Symphonischen Dichtungen bezeichnete Liszt als »Prolegomena« zu diesen Schöpfungen. Die Faust-Symphonie entstand 1854 als sein umfangreichstes und bedeutendstes Instrumentalwerk; er selbst rechnete sie zu seinen besten Kompositionen. Nach einigen Änderungen, deren bedeutendste die Hinzufügung des abschließenden Chorus mysticus war, wurde die Faust-Symphonie am 5. September 1857 in Weimar unter Leitung des Komponisten uraufgeführt.

Liszt lag nicht an der »Darstellung« des Literarischen in Musik. Vielmehr wollte er Literarisches und Musikalisches miteinander verschmelzen und die geistigen Gehalte des Faust-Sujets (in Goethes Fassung) in seiner Symphonie zum Ausdruck bringen. Dazu entwarf er drei »Charakterbilder« von Faust, Margarete, Mephistopheles. Mehr als der Handlung galt Liszts Interesse den drei sie bestimmenden Charakteren. Die musikalische »Charakterisierung« lässt sich nicht mit bestimmten Passagen der literarischen Schilderung identifizieren. Der Komponist bedient sich der berliozschen idée fixe bzw. einer Leitmotivtechnik, wie sie bei Wagner zu finden ist. Doch während Liszt für Faust und Gretchen eigene musikalische Gestalten entwirft, wird Mephisto im Wesentlichen aus verfremdeten Faust-Zügen gewonnen. Das gibt den entscheidenden Anhaltspunkt zum Verständnis dieser Figur: Mephisto ist zwar Fausts Widerpart, aber bereits in diesem angelegt: Er verkörpert dessen Nacht- oder Schattenseite – modern gesprochen, das Unbewusste oder auch das Es.

Liszt und Wagner nannten ihre Kompositionen bezeichnenderweise Eine Faust-Symphonie bzw. Eine Faust-Ouvertüre. »Der unbestimmte Artikel bringt hier wie da zum Ausdruck, dass der Musik immer nur ›eine‹ Annäherung an Goethes inkommensurables Opus summum, niemals ›die‹ Vertonung desselben gelingen kann«, betont der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer. Möglicherweise war das beiden Komponisten auch bewusst. Sie gewinnen dem Thema eigene Facetten ab und zeichnen ein charakteristisches Porträt des zerrissenen Protagonisten. Liszts Faust-Symphonie hat zudem sicher autobiografische Züge. Liszt war ein ambivalenter Charakter: einerseits eine nicht nur durch sein magisches Klavierspiel faszinierende, suggestive Persönlichkeit – weltliche Freuden suchend, sich als Künstler inszenierend; anderseits vor allem in seinen späten Jahren religiös – ob wahr oder auch inszeniert, das bleibt unklar.

Helge Grünewald

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