Andris Nelsons dirigiert Brahms und eine Premiere

Sa, 21. Dezember 2013

Berliner Philharmoniker
Andris Nelsons

Barbara Hannigan

  • Pēteris Vasks
    Cantabile für Streicher (13:06)

  • Hans Abrahamsen
    Let me tell you für Sopran und Orchester Uraufführung (37:31)

    Barbara Hannigan Sopran

  • Johannes Brahms
    Symphonie Nr. 4 e-Moll op. 98 (48:40)

  • kostenlos

    Barbara Hannigan im Gespräch mit Hans Abrahamsen und Paul Griffiths (18:31)

Der dänische Nørgård- und Ligetischüler Hans Abrahamsen galt zu Beginn seiner Komponistenlaufbahn als Schlüsselfigur der »Neuen Einfachheit« – einer von Deutschland ausgehenden Bewegung, die sich in den 1970er-Jahren mit minimalistischen, neoklassizistischen bzw. neoromantischen Momenten als Gegenpol zum Serialismus verstand. Ende März 1982 wurde das im Auftrag der Berliner Philharmoniker komponierte Orchesterwerk Nacht und Trompeten von Hans Abrahamsen unter der Leitung von Hans Werner Henze in der Philharmonie uraufgeführt. Nun steht die Premiere seines Orchesterliederzyklus Let me tell you auf dem Programm, der auf der gleichnamigen Novelle von Paul Griffiths basiert und Barbara Hannigan gewidmet ist.

Zuvor erklingt jedoch die Komposition eines anderen nordischen Komponisten: das stimmungsvolle Cantabile für Streicher von Pēteris Vasks, der in seiner Heimat oft als »Botschafter Lettlands in Tönen« bezeichnet wird. Außerdem dirigiert der lettische Shooting-Star Andris Nelsons Johannes Brahms’ Vierte Symphonie, die erstmals am 25. Oktober 1885 in Meiningen erklang. Zeuge des erfolgreichen Konzerts war auch der 21-jährige Richard Strauss, der sich als Assistent Hans von Bülows dort aufhielt.

In einem Brief an den Vater berichtete er begeistert von einem »Riesenwerk«: »... es ist schwer, alles das Herrliche, was dieses Werk enthält, mit Worten zu definieren, man kann nur immer wieder andächtig zuhören und bewundern.« Joseph Joachim notierte nach der Berliner Erstaufführung am 1. Februar 1886, wie sehr ihm der »geradezu packende Zug des Ganzen, die Dichtigkeit der Erfindung, das wunderbar verschlungene Wachstum der Motive« angetan hätten: »Ich ... glaube, die e moll ist mein Liebling unter den vier Sinfonien.«

Europa der Ton-Regionen

Symphonische Werke von Pēteris Vasks, Hans Abrahamsen und Johannes Brahms

Die Debatte über Nationalismus und Modernismus in der Musik ist zu Ende. Reden wir lieber über die Regionen. Nachdem die avantgardistischen Gralsburgen zu Staub zerfallen sind, ergeben sich ganz neue Perspektiven in fremde, eigenwüchsige Musiklandschaften, deren Faszinationskraft nicht zuletzt darin besteht, dass sie uns zugleich irgendwie bekannt vorkommen, altvertraut. Der Erfolg eines Arvo Pärt gründet sich auf eine solche Verbindung von alt und neu. Auch Pēteris Vasks genießt international wachsendes Renommee bei Musikern und Hörern. Er ist heute Lettlands bekanntester Komponist, hat sogar das symphonische Schwergewicht Jānis Ivanovs beiseite gedrängt.

Pēteris Vasks: Cantabile für Streicher

Vasks wurde 1946 als Sohn eines baptistischen Pfarrers geboren. Der Glaube hat ihn geprägt, nicht minder die ländliche Musiktradition. In Riga behinderte man seine Ausbildung mit dem Argument, er sei »kein sowjetischer Mensch«, es gelang Vasks aber, nach Vilnius auszuweichen. Noch heute betrachtet er sich als Autodidakt. Starken Einfluss auf ihn übten Werke der polnischen und nordamerikanischen Moderne aus. Gleichwohl ist die Musik des Letten in erster Linie auf den Ausdruck gerichtet, in dessen Dienst auch die avantgardistischen Techniken gestellt werden. So gibt es in seinem Cantabilefür Streicher (1979) aleatorische Abschnitte, in denen die Musiker tun dürfen, was ihnen beliebt – aber dergleichen wird nicht zur Schau gestellt, sondern bruchlos in das kompositorische Konzept integriert. Das Werk ist trotz gelinder Dissonanzen durchweg lichterfüllt, konfliktlos. Vasks wollte nach eigenen Worten zum Ausdruck bringen, »wie schön und harmonisch die Welt ist.« Es geht diesem Komponisten immer um Freiheit, um Glaube und Liebe, per se humanistische Werte also. Und seine Musik für Streicher klingt selten nach Ivanovs, dafür umso deutlicher nach Sibelius.

Hans Abrahamsen: Let me tell you

Hans Abrahamsen würde die Etikettierung »typisch nordisch« kaum akzeptieren. Dennoch ist nicht zu überhören, dass seine Musik einer kulturellen Region entstammt, die abseits des zentraleuropäischen Modernismus liegt. Das verraten uns drei Merkmale der ästhetischen Orientierung, die fast alle Komponisten aus Nordeuropa kennzeichnen: Abrahamsen bezieht sich oft schon im Titel (October, Schnee, Wald, Storm og Stille usw.) auf Naturphänomene; gern pflegt er ein Idiom poetisch-romantischer Intensität; und er führt einen substanziellen Diskurs mit der musikalischen Vergangenheit, hat also die Gesetze der Dreiklangharmonik nicht gänzlich aufgegeben, sondern formuliert sie immer wieder neu.

Auch sein jüngstes Werk Let me tell you, ein Ophelia-Monolog, ist keineswegs frei von regionalen Assoziationen, ist Shakespeares Hamlet doch auf Schloss Helsingør angesiedelt. Let me tell you entstand in Zusammenarbeit mit der Sängerin Barbara Hannigan und dem walisischen Schriftsteller Paul Griffiths, dessen als Vorlage dienender, gleichnamiger Roman ausschließlich das aus 481 Wörtern bestehende Vokabular benutzt, das Shakespeare Hamlets unglücklicher Geliebten gönnt. Abrahamsens Let me tell you ist in drei Teile – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – gegliedert, wobei Teil 1 aus drei und die beiden folgenden Teile jeweils aus zwei Unterabschnitten bestehen.

In breitestem Tempo und mit kaum hörbaren Liegetönen führt der erste Teil in die albtraumhaft intensive Welt Ophelias ein. Ihre Stimme formuliert anfangs in stotternden Vokalisen den Satz »Let me tell you how it was«. Im zweiten Abschnitt (»O but memory is not one but many«) sorgen die Streicher mit Sechzehntel-Triolen für eine leise, untergründige Unruhe, die sich auch in einigen stimmlichen Ausbrüchen Ophelias kundtut, bevor der Abschnitt orchestral in dreifachem Piano erstirbt. Im dritten Abschnitt (»There was a time«) soll sich die Musik, wie der Komponist vorschreibt, in einer hinkenden Gangart bewegen.

Teil II hebt in Tempo und Ausdruckscharakter wie Teil I an, der Sopran auch mit den fast gleichen, zögernden Vokalisen, gerät jedoch in Bewegung, denn nun geht es um die Gegenwart, um die Liebe zu Hamlet, die Ophelias Dasein verändert hat. Demgemäß mündet der Vortrag in einen ekstatischen Ausbruch. Der zweite Abschnitt beginnt im Fortissimo, Ophelias Vortrag bleibt freilich abgebrochen, von Pausen zerrissen. In verschiedenen Instrumenten begegnet jetzt ein aufsteigender Achtellauf, dessen sich auch die Stingstimme bedient, und zwar auf einem »Ah«-Ruf Ophelias, der vom Komponisten zweimal in die Zeile »What will make the difference is if you are with me« eingefügt wurde. Dies ist der Wende- und Höhepunkt der Komposition: »for you are my sun!« In einem Zwischenspiel kommentiert das Orchester diese Wende, Ophelia streut überschwängliche Rufe ein, bevor sie mit ihrem Hamlet-Hymnus fortfährt, der schließlich in eine unendliche D-Dur-Vokalise mündet (»light that cannot end«).

In Teil III widmet sich Ophelia einer erträumten Zukunft, die bekanntlich nicht eintritt. Der kurze erste Abschnitt ist ein monotoner Monolog, der zweite (»I will go out now«) begräbt die Blumen-Metaphorik ihres letzten Auftritts in Shakespeares Drama unter (Klang-)Bildern von Schnee. Das extrem ausdifferenzierte Schlagzeug-Ensemble und die verstimmt tönenden Streicherharmonien verklangbildlichen die halluzinatorische Atmosphäre; gebrochene Tonalität symbolisiert Ophelias Gemütszustand vor ihrem Selbstmord im Fluss.

Johannes Brahms: Symphonie Nr. 4 e-Moll op. 98

Und Johannes Brahms? Die regionale Prägung seiner Musik ist auffallend stark, stärker als die nationale. Der gebürtige Hamburger verfügte über ein wunderbares Assimilationsvermögen, wurde zum Wiener, entdeckte die Liebe zu Schubert und Strauß, zur böhmischen und ungarischen Musik. Die Umgebung wirkte stets tief auf die Werke ein, die Brahms schrieb. Selbst in der Symphonie, an sich eine Gattung höchster Abstraktion, verleugnet Brahms nur selten den genius loci. Besonders deutlich tritt der regionale Bezug in der Symphonie Nr. 4 hervor. Das Werk entstand in Mürzzuschlag, und Brahms bemerkte dazu: »In hiesiger Gegend werden die Kirschen nicht reif und essbar.« Es mag sein, dass die karge steirische Landschaft 1884 den Komponisten gesucht hat, doch schon im nächsten Jahr ist es Brahms, der diese Landschaft sucht, um dort seine letzte Symphonie zu vollenden.

Sie beginnt mit einem überwältigenden Einfall: Brahms reiht nur ein paar Intervalle aneinander, fallende Terzen und ansteigende Sexten. Das Vorbild für einen solchen Anfang, der aus nichts alles macht, war Beethovens Neunte Symphonie, die sich aus fallenden Quinten entwickelt. Doch benutzt Brahms sein Material nicht für dämonische Konflikte: Er beschwört in den ersten Takten eine herbstlich glühende Seelenlandschaft, gleichermaßen erfüllt von Sehnsucht und Entsagung. Kämpferische, bisweilen als altertümlich ritterlich beschriebene Momente ergeben sich erst aus dem zweiten Thema.

Das Andante ist eine Romanze voller mitteltalterlicher Assoziationen, das an dritter Stelle stehende Allegro giocoso ein stürmisches Scherzo, geradezu wild in seinem Übermut und fast schon etwas geschmacklos. Mit den sauren Kirschen lässt sich diese Musik nicht mehr erklären, wahrscheinlich haben eher ein paar Produkte der steirischen Weinstraße an der Komposition mitgewirkt. Überwältigend schroff und gewaltig dann das Finale, rigoros in der Zurückweisung jedes persönlichen Anspruchs auf Glück. Brahms benutzt die barocke Form der Passacaglia, schmiedet daraus aber Zeitgemäßes, Neues. Nichts anderes tun heutige Tonsetzer wie Arvo Pärt oder Pēteris Vasks. Ein Verfahren, das offenbar abseits des urbanen Mainstreams zu besonders gelungenen, dauerhaften Resultaten führt.

Volker Tarnow

Andris Nelsons wurde 1978 in Riga als Kind einer Musikerfamilie geboren. Er begann seine Laufbahn als Trompeter im Orchester der Lettischen Nationaloper sowie als Sänger, der diverse renommierte Preis errang, beispielsweise den Großen Lettischen Musikpreis für herausragende Leistungen. Nach Abschluss seines Dirigierstudiums in Riga wurde er Schüler von Alexander Titov in St. Petersburg; er absolvierte Meisterkurse bei Neeme Järvi und Jorma Panula, überdies wurde Mariss Jansons zu seinem wichtigsten Mentor. Von 2003 bis 2007 war Andris Nelsons Musikdirektor der Lettischen Nationaloper; von 2006 bis 2009 auch Chefdirigent der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford. 2008 übernahm er die Leitung des City of Birmingham Symphony Orchestra. Regelmäßig ist er am Royal Opera House, Covent Garden, in London, an der Metropolitan Opera New York sowie an den Staatsopern in Wien und Berlin zu Gast. Bei den Bayreuther Festspielen debütierte der Künstler 2010 als Dirigent einer Neuproduktion des Lohengrin in der Regie von Hans Neuenfels, deren Aufführungen er auch in den folgenden Jahren leitete. Zu den internationalen Spitzenorchestern, bei denen Andris Nelsons in der Vergangenheit bereits gastierte, zählen die Wiener Philharmoniker, das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Staatskapelle Berlin, das Tonhalle-Orchester Zürich, das Philharmonia Orchestra London, das New York Philharmonic und das Boston Symphony Orchestra (deren Musikalischer Leiter er zur Saison 2014/15 wird). Bei den Berliner Philharmonikern gab Andris Nelsons sein Debüt Mitte Oktober 2010; zuletzt dirigierte er das Orchester im März dieses Jahres mit Werken von Mozart, Wagner und Schostakowitsch.

Barbara Hannigan, in Kanada geboren, studierte an der University of Toronto bei Mary Morrison, am Königlich Niederländischen Konservatorium in Den Haag bei Meinard Kraak sowie privat bei Neil Semer. Sie gastiert bei Spitzenorchestern und Spezialensembles in aller Welt (Philharmonische Orchester von New York, Los Angeles, Helsinki und Oslo, London Symphony Orchestra, Cleveland Orchestra, Orchestre National de France, Ensemble Intercontemporain, Ensemble Modern, London Sinfonietta u. a.); seit 2006 ist die Sängerin immer wieder auch in Konzerten der Berliner Philharmonikern zu hören, zuletzt trat sie hier im Februar 2013 mit Henri Dutilleux’ Correspondances unter der Leitung von Sir Simon Rattle auf. Pierre Boulez, Alan Gilbert, Esa-Pekka Salonen, Jukka Pekka Saraste, Susanna Mälkki und Michael Gielen zählen zu den Dirigenten, mit denen sie ebenfalls zusammenarbeitet. Barbara Hannigan ist besonders bekannt für ihre Interpretationen zeitgenössischer Musik. So war sie z. B. an den Opern-Uraufführungen von Louis Andriessens Writing to Vermeer, Jan van de Puttes Wet Snow, Gerald Barrys The Bitter Tears of Petra von Kant und Pascal Dusapins Passion beteiligt. Komponisten wie György Ligeti, Luca Francesconi, Karlheinz Stockhausen, Peter Eötvös, Oliver Knussen oder Henri Dutilleux ist bzw. war sie in künstlerischen Partnerschaften verbunden. Große Anerkennung fand Barbara Hannigan als Interpretin von Werken György Ligetis (Mysteries of the Macabre,Aventures und NouvellesAventures, Requiem). Im Oktober 2012 gab die Sängerin ihr gefeiertes Rollendebüt als Lulu am Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel. Neben den Aktivitäten in Konzert und Oper gestaltet sie mit Reinbert de Leeuw als Klavierbegleiter regelmäßig Liederabende.

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