Karl-Heinz Steffens dirigiert Beethoven, Zimmermann und Schubert

Fr, 11. Oktober 2013

Berliner Philharmoniker
Karl-Heinz Steffens

Ludwig Quandt

  • Ludwig van Beethoven
    Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 C-Dur op. 72a (00:17:17)

  • Bernd Alois Zimmermann
    Symphonie in einem Satz für großes Orchester (2. Fassung von 1953) (00:16:57)

  • Franz Schubert
    Ouvertüre der Bühnenmusik zu Rosamunde, Fürstin von Zypern D 797 (00:12:37)

  • Bernd Alois Zimmermann
    Canto di speranza, Kantate für Violoncello und kleines Orchester (00:20:28)

    Ludwig Quandt Violoncello

  • Franz Schubert
    Symphonie Nr. 3 D-Dur D 200 (00:28:24)

  • kostenlos

    Karl-Heinz Steffens im Gespräch mit Walter Seyfarth (00:17:54)

»Die Berliner Philharmoniker haben einen ihrer wichtigsten Instrumentalisten verloren – die Musikwelt hat einen tatendurstigen Maestro gewonnen!«, hieß es im Tagesspiegel, als Karl-Heinz Steffens 2007 seine Tätigkeit als Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker beendete, um noch während der laufenden Spielzeit sein neues Amt als Generalmusikdirektor der Hallenser Staatskapelle und als künstlerischer Direktor des Opernhauses Halle zu übernehmen.

Ein Jahr darauf debütierte er mit der Oper Fidelio an der Staatsoper Unter den Linden, seit der Spielzeit 2009/2010 hat Karl-Heinz Steffens zudem die Position des Generalmusikdirektors der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz inne. Als Gast stand er am Pult vieler renommierter Klangkörper. Nun gibt er sein Dirigier-Debüt bei seinem alten Orchester, den Berliner Philharmonikern.

Neben Beethovens Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 und dem Vorspiel zu Franz Schuberts Bühnenmusik zum romantischen Schauspiel Rosamunde, Fürstin von Zypern von Helmina von Chézy steht Schuberts Dritte Symphonie auf dem Programm – »ein Werk der Jugend ... und ihres vergnügt lärmenden Thatendranges, der sich regt und bewegt, ohne sich noch um Ziel und Erfolg Großes zu kümmern« (Eduard Hanslick). Mit Bernd Alois Zimmermanns Symphonie in einem Satz sowie dessen Canto di speranza für Violoncello und Orchester widmet sich Karl-Heinz Steffens auch zwei hochexpressiven Werken des 20. Jahrhunderts; den Solopart übernimmt der 1. Solo-Cellist der Berliner Philharmoniker, Ludwig Quandt.

Der lange Weg bis zur Anerkennung

Orchesterwerke von Beethoven, Schubert und Zimmermann

Viele bekannte Meisterwerke haben sich erst allmählich im Musikleben durchgesetzt. So wurden die Symphonien Franz Schuberts – zu seinen Lebzeiten nur im privaten Kreis aufgeführt – am Modell Beethovens gemessen. Mehr als ein Jahrhundert später beurteilte man die Werke Bernd Alois Zimmermanns zunächst nach Maßstäben, die diesen nicht gerecht wurden. Wie sein frühverstorbener Wiener Kollege anderthalb Jahrhunderte zuvor fand auch der Kölner Komponist erst nach dem Tod Anerkennung als eigenständiges schöpferisches Individuum.

Beethovens Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 – fast schon eine Symphonische Dichtung

Ludwig van Beethoven brauchte zehn Jahre, bis seine einzige Oper ihre endgültige Form erhielt. Leonore, die Hauptfigur, dringt unter dem Decknamen Fidelio ins Gefängnis ein, um ihren Ehemann Florestan zu befreien. Von der Ouvertüre existieren vier Fassungen. Die dritte vom März 1806 zitiert in der langsamen Einleitung Florestans Kerker-Arie, bevor im Allegro-Teil Celli und Violinen das Leonoren-Thema zu Gehör bringen. Auf dem Höhepunkt ertönt von fern ein Trompetensignal. Es verkündigt die Ankunft des Ministers Don Fernando und damit die Befreiung Florestans. Eine ruhige Holzbläsermelodie antwortet und schließlich – nach erneutem Trompetensignal – erklingt in der Flöte, dann im ganzen Orchester das Leonoren-Thema, mit dem die Komposition triumphal endet. Da diese Ouvertüre fast schon eine Symphonische Dichtung ist, hat Beethoven acht Jahre später eine einfacher und knapper gefasste Fidelio-Ouvertüre geschaffen.

Bernd Alois Zimmermanns Sinfonie in einem Satz – vom apokalyptischen Sturm geschüttelt

Am 23. Juli 1945 schrieb ein Kölner Musikstudent in sein Tagebuch: »Jener ungeheuerliche Satz Hebbels, daß man zuletzt nur das verwirklicht, was man bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahre gedacht und entworfen habe, scheint mir mehr und mehr wahr zu werden.« Der damals 27-jährige Bernd Alois Zimmermann litt unter der Erfahrung des Kriegs, den er als »furchtbaren Beweis der Ohnmacht aller sogenannter sittlicher und auch christlicher, überhaupt geistiger Seinsordnungen« ansah und der sein ganzes Schaffen, nicht zuletzt auch in die 1947 begonnene Sinfonie in einem Satz, prägte.

Als bei der Kölner Uraufführung am 3. März 1952 die Symphonie als chaotisch empfunden wurde, rechtfertigte sich der Komponist: »Ich bin den Konsequenzen, die sich aus der jetzigen geistigen und musikalischen Situation zwangsläufig ergeben, nicht ausgewichen, und kann es nicht als meine Schuld ansehen, dass wir in einer Zeit leben, die vom apokalyptischen Sturm geschüttelt wird.« Da aber Zimmermann die Musiker durch Passagen in exponierten Lagen teilweise überfordert hatte, veränderte er die Besetzung und nicht zuletzt die Form. Diese nun als endgültig betrachtete zweite Fassung erklang im November 1953 in Brüssel zum ersten Mal.

Franz Schuberts Rosamunde-Ouvertüre: Nachwirkungen des Rossini-Fiebers

Auf eine langsame Moll-Einleitung mit schweren, dunklen Orchesterschlägen folgt ein modifizierter Sonatensatz von südländischer Beweglichkeit und Leuchtkraft. Schubert übernahm hier mehrere Elemente aus der italienischen Ouvertüre D-Dur, die er 1817 unter dem Einfluss Rossinis geschrieben hatte. Wie der damals in Wien bejubelte Italiener ersetzte er die Durchführung durch eine kurze Überleitung. Typischer Schubert ist aber das liedhafte Seitenthema der Holzbläser, welches die Streicher kommentieren.

Bernd Alois Zimmermanns Canto di speranza – ein Werk der Stille

Wie Zimmermanns Sinfonie in einem Satz erhielt auch dessen Canto di speranza (Gesang der Hoffnung) erst nach Jahren seine endgültige Form. Trotz einer »gewissen Empfindlichkeit« gegen den näselnden Ton des Cellos in hoher Lage begeisterte sich der Komponist wegen des Ausdrucksreichtums und Tonumfangs für dieses Instrument. So kam es zum Cellokonzert, das im Dezember 1953 in Köln uraufgeführt wurde. Da der Komponist selbst einen Gegensatz sah zwischen dem Prinzip des Konzertierens und dem seriellen Denken, »welches von der ›Gleichheit‹ und ›Vertauschbarkeit‹ der Parameter Tonhöhe, Tondauer, Lautstärke usw. ausgeht«, arbeitete er 1957 sein Konzert zum Canto di speranza um.

Das bisherige Gegenüber von Solist und Orchester ersetzte Zimmermann dabei durch eine stärkere Durchdringung der Sphären der ehemaligen Kontrahenten. Außerdem entwickelte er die gesamte Komposition aus einer einzigen Keimzelle, einer Zwölftonreihe, welche auch Tondauern, Dynamik und Lautstärkegrade bestimmt. Einen rein orchestralen Teil, der das Zentrum des Werks bildet, umschließen die konzertierenden Partien mit kadenzartigen Abschnitten des Solisten. »Der Canto di speranza ist eher ein Werk der Stille, es will nicht überreden, hinreißen, sondern behutsam die kleine Flamme der Hoffnung nähren, die einzig Licht zu spenden vermag dem, der sich ihr anvertraut.« (Zimmermann)

Franz Schuberts Dritte Symphonie – nach 66 Jahren in London uraufgeführt

Der im Alter von 31 Jahren verstorbene Franz Schubert hat die Verbreitung der Rosamunde-Ouvertüre nicht mehr erlebt. Auch seine Symphonien zogen erst viel später in die Konzertsäle ein. Die Leipziger Uraufführung von Schuberts großer C-Dur-Symphonie im März 1839 war Schumann und Mendelssohn zu verdanken. Aber es sollten noch Jahrzehnte vergehen, bis auch die frühen Symphonien Schuberts öffentlich erklangen. Die Initiative dazu ging von dem englischen Musikforscher George Grove aus, der einen Schubert-Zyklus im Londoner Kristallpalast anregte. Am 19. Februar 1881 – 66 Jahre nach ihrer Entstehung! – wurde hier die Dritte in ihrer vollständigen Gestalt uraufgeführt.

Das Werk steht in der vom frühen Schubert bevorzugten Tonart D-Dur. Beethovens Symphonie Nr. 2 mag ihm hier vor Augen gestanden haben, denn auch Schuberts Dritte beginnt mit einer langsamen Einleitung. Erstmals in einer seiner Symphonien übernimmt dabei die Klarinette eine prominente Rolle, zunächst im anmutigen Wechsel mit der Flöte, dann zu Beginn des Allegro con brio mit dem punktierten Hauptthema. Dieses Thema ist ein Beispiel für die Originalität des jungen Komponisten. Anstatt es wie üblich zu wiederholen, entnimmt er für die Fortspinnung aus der Einleitung die hochstürmenden Oktavengänge, bevor die Oboe den leichtfüßigen, mit dem Hauptthema verwandten Seitengedanken anstimmt.

Im tänzerisch lockeren Allegretto verbergen sich Raffinessen wie die »falsche« Betonung des Klarinetten-Themas im C-Dur-Mittelteil. Im Menuett erinnern Betonungen auf den schwachen Taktzeiten, die jeweils von den Violinen zart korrigiert werden, an rhythmische Späße in Beethovens Scherzi. Erst das Trio, dessen Melodie Oboe und Fagott als volksmusikhaften Terzgesang vortragen, lässt keinen Zweifel mehr am Walzerrhythmus. Im Finale, einer schnellen Tarantella im Sechsachteltakt, verwirrt Schubert die Hörer wiederum durch kräftige Akkordschläge auf schwachen Taktzeiten.

Schuberts Dritte Symphonie bietet dem Hörer lohnende Entdeckungen. Charakteristischer als einige Anlehnungen an Beethoven ist für dieses frühe Orchesterwerk eine italienische Leichtigkeit des Tons, die später auch die Rosamunde-Ouvertüre kennzeichnen sollte. Der Musical Standard erwähnte deshalb 1881 bei der Londoner Aufführung dieser Symphonie Vorausblicke auf einige von Schuberts bekannteren Werken, »insbesondere wohl auf das d-Moll-Quartett und die C-Dur-Symphonie« sowie auf die Rosamunde-Musik.

Albrecht Dümling

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