Reinhard Goebel gibt sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern

Fr, 04. Oktober 2013

Berliner Philharmoniker
Reinhard Goebel

  • Jean-Féry Rebel
    Les Éléments, Suite für Orchester (00:26:42)

  • Wolfgang Amadeus Mozart
    Notturno für vier Orchester D-Dur KV 286 (00:16:32)

  • Christian Cannabich
    Symphonie für zwei Orchester C-Dur (00:21:49)

  • Johann Christian Bach
    Ouvertüre und Suite aus der Oper Amadis de Gaule (00:26:23)

  • kostenlos

    Reinhard Goebel im Gespräch mit Raimar Orlovsky (15:22)

Haydn, Mozart, Beethoven – das Dreigestirn der Wiener Klassik! So lernt man es im Musikunterricht, so liest man es wieder und wieder in Konzertführern und Programmheften. Und doch ahnt jeder Musikfreund: Ganz so geradlinig kann die Musikgeschichte nicht verlaufen sein. Reinhard Goebel, über 30 Jahre lang Leiter des von ihm gegründeten, mittlerweile legendären Ensembles Musica Antiqua Köln und eine der renommiertesten Größen auf dem Feld der historisch orientierten Aufführungspraxis, hat für sein Debüt am Pult der Berliner Philharmoniker ein Programm zusammengestellt, das mit schlaglichtartigen Akzenten aufzeigt, mit welcher Musik Wolfgang Amadeus Mozart groß geworden ist.

Christian Cannabich, ein Jahr älter als Haydn und einer der wichtigen Vertreter der Mannheimer Schule, die nicht zuletzt auch auf Mozarts Musik starken Einfluss genommen hat, ist in diesem Programm mit einer seiner rund 90 Symphonien vertreten. Außerdem mit von der Partie: der 1735 geborene jüngste Sohn von Johann Sebastian Bach. Nach dem Tod des Vaters zunächst unterrichtet von seinem älteren Bruder Carl Philipp Emanuel, der am Hofe von Friedrich II. in Potsdam wirkte, später in Mailand und London tätig, war Johann Christian Bach ein echter Kosmopolit – und ein Komponist, den Mozart hoch verehrte. Von ihm sind in diesem Konzert Instrumentalstücke aus seiner 1779 in Paris aus der Taufe gehobenen Oper Amadis de Gaule zu erleben. Die Spuren, welche die Musik von Cannabich und Johann Christian Bach im Werk Mozarts hinterließen, sind im Notturno KV 286, das der junge Salzburger Komponist Ende der 1770er-Jahre schrieb, nicht zu überhören.

Ab geht die Post!

Begegnungen, Einflüsse, Parodien: Mozart auf der Datenautobahn des 18. Jahrhunderts

Die Informationsgesellschaft des Rokoko erscheint aus heutiger Perspektive vorsintflutlich. Aber sie erfüllte ihren Zweck vollkommen. Statt einer allzu schnell in digitaler Demenz endenden Überfütterung mit Daten gab es wohldosierte, mehr oder weniger zufällige Begegnungen von Menschen, die sich etwas zu sagen hatten. Wolfgang Amadeus Mozart schaffte es auf geradezu spielerische Weise, das ihm notwendige Wissen zu erlangen: Er reiste, und zwar analog. Seine Datenautobahn waren die Chausseen der Kaiserlichen Reichspost, sein Bill Gates hieß Thurn und Taxis.

Mozart verbrachte fast ein Drittel seines Lebens auf Achse. Seine Reisen sind biografisch und musikhistorisch hoch bedeutsam. Er lernte durch sie schon ziemlich früh die vier großen europäischen Musikzentren seiner Zeit kennen: Wien, Mannheim, Paris, London. An der Peripherie lagen mit München, Frankfurt, Prag, Dresden und Berlin noch interessante, freilich nicht gleichermaßen wichtige Städte; auch sie hat Mozart zum Teil mehrfach besucht. Italien bereiste er dreimal, kam dabei nach Mailand, Bologna, Venedig, Rom und Neapel. Seine Zuhörer waren Kaiser, Könige und Päpste, Goethe, Madame Pompadour, die feine Gesellschaft. Leopold Mozart wollte sein Wunderkind in ganz Europa bekannt machen, später suchte Amadeus auf eigene Faust – und stets erfolglos – nach Festanstellungen bei Hofe. Die Reisen verfolgten aber auch immer informative Zwecke: Es ging um Kontakte, um die Ausbildung bei anderen Musikern und den Austausch mit Gelehrten. Das folgenreichste Resultat dieser Reisen waren Mozarts Begegnungen mit Kollegen, mit den Kompositionen der von ihm meist recht abfällig beurteilten Konkurrenz. Unter seinen Zeitgenossen finden wir nur wenige Tonsetzer, die er neben sich gelten ließ. Zu ihnen gehörten Christian Cannabich und Johann Christian Bach.

Als Achtjähriger lernte Mozart 1764 den knapp 30-jährigen Johann Christian Bach in London kennen. Der jüngste Sohn des Thomaskantors, wegen seiner Wirkungsstätten gern der »Mailänder« oder »Londoner« Bach genannt, übte einen gravierenden Einfluss auf das Salzburger Wunderkind aus. Dem Knaben dämmerte es hier vielleicht erstmals, dass sich seine Zukunft als Musiker nicht darin erschöpfen musste, den gut dressierten Lakai hochmögender Persönlichkeiten zu spielen. »Mr. John Bach« nämlich nahm eine ganz andere gesellschaftliche Rolle ein. Er beherrschte zeitweilig die Londoner Opernszene und zusammen mit Karl Friedrich Abel, einem aus Köthen stammenden Komponisten und Gambensolisten, das Londoner Konzertleben. Der erfolgreiche, verschwenderisch großzügige und ewig gut gelaunte »Engländer Bach« hinterließ bei Mozart auch einen starken persönlichen Eindruck. Mensch und Musik waren nicht zu trennen, und so erblickte Mozart im »galanten Stil«, in der unbekümmerten und lebenstrunkenen Musik des jüngsten Bach zeitweilig sein Ideal.

Johann Christian Bach: Suite aus der Oper Amadis de Gaule

1778 schickte sich Johann Christian Bach an, mit der Oper Amadis de Gaule auch Paris zu erobern. Bei dieser Gelegenheit kreuzte sich sein Weg noch einmal mit demjenigen Mozarts. »Mr. Bach von london ist schon 14 täge hier«, berichtet der am 27. August 1778 seinem Vater Leopold, »er wird eine französische opera schreiben – er ist nur hier die sänger zu hören, dann geht er nach London, schreibt sie, und kommt, sie in scena zu setzen.« Doch Amadis de Gaule hatte im Dezember 1779 keinen Erfolg und verschwand für 230 Jahre von der Bühne. Als Grund dafür wird stets der Streit zwischen Gluck und Piccinni genannt, ein ästhetischer Richtungskampf, in den Johann Christian Bach weder Position beziehend noch vermittelnd eingriff. Auch Mozart interessierte sich für diese französischen Interna überhaupt nicht. Er hat in Paris kaum Opernvorstellungen besucht und auch Bachs Amadis de Gaule nicht gehört, aber später Partituren französischer Opern studiert, vor allem wegen der dramatischen Effekte.

Entging Mozart in Paris die Oper Johann Christian Bachs, so hörte er doch Anton Stamitz. Sein Urteil über den Komponisten und Geigenvirtuosen fiel vernichtend aus. Dem sittenstrengen Vater berichtete Wolfgang im Juli 1778: »von die 2 Stamitz ist nur der jüngere hier – der ältere […] ist in London – das sind 2 Elende Notenschmierer – und spieller – Säüffer – hurrer – das sind keine leüte für mich.« Johann Stamitz, der aus Böhmen zugewanderte Vater Carls und Antons, hatte von 1741 an die Mannheimer Hofkapelle zum modernsten Orchester Europas gemacht und als Komponist revolutionäre Neuerungen eingeführt. Er gilt als einer der Gründerväter der klassischen Symphonie. Mozart kam sowohl 1763 auf der Reise nach London als auch 1777 auf dem Weg nach Paris durch Mannheim und blieb dort mehrere Monate. Die kurpfälzische Residenz war musikhistorisch eng mit den beiden Weltstädten vernetzt. Dieses Netz, die tönende Landkarte Europas, war kein worldwide web, versorgte Mozart aber dennoch mit allen wesentlichen Informationen. Nach seinen letzten Mannheimer Aufenthalten ging nämlich die Post erst richtig ab mit ihm. Er emanzipierte sich von seinem väterlichen Vormund und begriff, dass er zum Komponisten und nicht bloß zum Pianisten berufen war. Umso rätselhafter wirkt seine Geringschätzung der Familie Stamitz. Persönlich kannte er keines ihrer Mitglieder; Johann war bereits 1757 gestorben, Carl und Anton hatten Mannheim frühzeitig den Rücken gekehrt. Mozart kannte aber Christian Cannabich sehr gut, den Nachfolger von Johann Stamitz im Amt des Konzert- und Hofkapellmeisters. Er schätzte ihn als hervorragenden Orchestererzieher und Komponisten, nicht zuletzt als Gastgeber abendlicher Gesellschaften.

Cannabich und Mozart: Werke für Doppel- und Quadrupelorchester

Cannabichs Symphonie C-Dur für zwei Orchester ist in jener Zeit entstanden und dürfte somit zu dessen letzten Mannheimer Werken gehören (im Herbst 1778 zog der gesamte Hof nach München um). Sie unterscheidet sich auffällig von den anderen Gattungsbeiträgen Cannabichs durch die Largo-Einleitung und das »doppelte« Orchester. Mozarts Notturno D-Dur KV 286 könnte als Parodie erscheinen, übertrifft es doch mit seinen vier Orchestern (jeweils Streichquartett plus zwei Hörner) die Cannabich-Symphonie beträchtlich. Aber das noch stark an die Salzburger Freiluftmusiken gemahnende Stück entstand bereits vor Mozarts Mannheimer Reise 1777. Der geniale Witz des Notturno besteht darin, dass die Besetzung ein dreifaches Echo provoziert, also das Echo vom Echo des Echos.

Jean-Féry Rebel: Les Éléments – eine »Simphonie nouvelle«

Im Paris der Mozart-Zeit kämpften nicht nur Gluck und Piccinni gegeneinander, nicht nur Tragédie lyrique, Opera seria und Opéra comique. Auf diesem Feld behauptete sich auch noch die Ballet-pantomime. Ihr großer Wortführer war der Choreograf und Verfasser der epochalen Lettres sur la danse et sur les ballets (1760) Jean-Georges Noverre, der herausragende Komponist dieser Gattung hieß Jean-Féry Rebel, unsterblich durch sein letztes Werk, die Ballett-Pantomime Les Éléments (1737/1738). Das Thema war weiß Gott nicht neu, als sensationell neu erwies sich allerdings, was Rebel daraus machte. Das vom Komponisten als »Simphonie nouvelle« titulierte Werk beginnt mit der bis dato wildesten Schilderung des Chaos; die Wirkung erzielt Rebel durch chaotische Harmonien, die ersten Ton-Cluster der westlichen Musikgeschichte. Auch die anderen Sätze imitieren Naturphänomene bzw. die Elemente, denen jeweils eigene Instrumente zugeordnet sind: Die Bässe symbolisieren die Erde, die Flöten das Wasser, die Piccoloflöten die Luft und die Streicher das Feuer. Choreografisch wurden die Sätze jeweils von allegorischen Szenen begleitet. Rebels Meisterwerk genoss über Jahrzehnte hinweg enormen Ruhm und trug dazu bei, dass sich die Musikästhetik des französischen Klassizismus, trotz Jean-Philippe Rameaus Widerspruch, zum Dogma verhärtete. Noch 1771 dekretierte Denis Diderot: »Jede Musik, die weder malt noch spricht, ist schlecht.« Eine Meinung, der sich Wolfgang Amadeus Mozart keinesfalls anschließen konnte. Aber er hatte ja auch nie Rebels Elemente gehört …

Volker Tarnow

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