Simon Rattle dirigiert Mozarts Symphonien Nr. 39, 40 & 41

Fr, 23. August 2013

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

  • Wolfgang Amadeus Mozart
    Symphonie Nr. 39 Es-Dur KV 543 (00:34:24)

  • Wolfgang Amadeus Mozart
    Symphonie Nr. 40 g-Moll KV 550 (00:31:21)

  • Wolfgang Amadeus Mozart
    Symphonie Nr. 41 C-Dur KV 551 »Jupiter« (00:41:28)

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    Sir Simon Rattle stellt die neue Saison vor (18:23)

    Simon Rattle

»Kein Auftrag mehr, keine unmittelbare Absicht, sondern Appell an die Ewigkeit«, so Alfred Einstein, habe Mozart zur Komposition seiner letzten drei Symphonien veranlasst, mit denen die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Sir Simon Rattle die neue Spielzeit eröffnen werden. Das verklärende Bild des auf die Ewigkeit abonnierten »Götterlieblings«, der sich und der Musikgeschichte ein symphonisches Denkmal setzen wollte, hielt sich hartnäckig.

Dabei ist es wahrscheinlich, dass Mozart sie für drei »Academien im Casino« komponierte, die er in einem Brief an den Freund und Logenbruder Michael Puchberg erwähnte. Auf jeden Fall schuf er mit ihnen Gipfelwerke der klassischen Symphonik, wobei es den Anschein hat, als hätte Mozart die ganze Bandbreite dessen zeigen wollen, was ihm an künstlerischen Mitteln zur Verfügung stand, da sich die drei Stücke bis in die Besetzung hinein voneinander unterscheiden.

Die Es-Dur-Symphonie KV 543 führt in den Worten E. T. A. Hoffmanns »in die Tiefen des Geisterreichs«, da die Musik ungeachtet ihrer erstaunlichen Strahlkraft und ihres Temperaments auch den Bereich des Düsteren und Dämonischen berührt. Die populäre g-Moll-Symphonie KV 550 erweist sich demgegenüber als ein Musterbeispiel architektonischer Ausgewogenheit, wobei das Andante zwischen den dramatisch aufgeladenen Moll-Sätzen wie eine lyrische Insel wirkt. Und die Jupiter-Symphonie KV 551 wartet mit einer formalen und satztechnischen Meisterschaft auf, die wie die Quintessenz all dessen anmutet, was zu Mozarts Lebzeiten in der Instrumentalmusik überhaupt möglich erschien.

Anmerkungen zu Mozarts letzten drei Symphonien

»Liebster, bester freund! – «, schreibt Wolfgang Amadeus Mozart vor dem 17. Juni 1788 an den Wiener Tuchhändler und Freimaurer-Logenbruder Michael Puchberg: »Die überzeugung daß Sie mein wahrer freund sind, und daß Sie mich als einen ehrlichen Manne kennen, ermuntert mich ihnen mein Herz aufzudecken, und folgende bitte an Sie zu thun. – Ich will ohne alle Zierereynach [sic!] meiner angebohrnen Aufrichtigkeit zur sache selbst schreiten. – Wenn Sie die liebe und freundschaft für mich haben wollten, mich auf 1 oder 2 Jahre, mit 1 oder 2 tausend gulden gegen gebührenden Intereßen zu unterstützen, so würden Sie mir auf acker und Pflug helfen! – Sie werden gewiß selbst sicher und wahr finden, daß es übel, Ja ohnmöglich zu leben sey, wenn man von Einnahme zu Einnahme warten muß! – wenn man nicht einen gewissen, wenigstens den nöthigen vorath hat, so ist es nicht möglich in ordnung zu kommen. – mit nichts macht man nichts; – wenn Sie mir diese freundschaft thun, so kann ich […] mit sorglosern gemüth und freyern herzen arbeiten, folglich mehr verdienen. – «

Rund zehn Tage später, am 26. Juni, notiert Mozart zusammen mit dem Incipit der Adagio-Einleitung im Verzeichnüß aller meiner Werke: »Eine Sinfonie. – [...]«, die Es-Dur-Symphonie KV 543.

Anfang Juli ein weiterer Brief: »Meine sachen habe mit mühe und sorge so weit gebracht, daß es nur darauf ankömmt mir auf diese 2 versatzzettel etwas geld vorzustrecken. – Ich bitte Sie bey unserer freundschaft um diese gefälligkeit, aber es müsste augenblicklich geschehen. – «

Am 25. Juli wird die g-Moll-Symphonie KV 550 in das Verzeichnüß eingetragen.

Dann wieder ein Brief: »Liebster Bruder! Ihre wahre Freundschaft und Bruderliebe macht mich so kühn, […] daß ich Sie zu bitten wage, mir nur bis künftige Woche (wo meine Academien im Casino anfangen) mit 100 fl. auszuhelfen; – […] Ich nehme mir die Freyheit Ihnen hier mit 2 Billets aufzuwarten, welche ich Sie (als Bruder) bitte, ohne alle Bezahlung anzunehmen, da ich ohnehin nie im Stande seyn werde, Ihnen Ihre mir bezeugte Freundschaft genugsam zu erwiedern.«

Und schließlich am 10. August: die C-Dur-Symphonie KV 551, deren bis heute geläufiger Beiname Jupiter erstmals 1823 auf einer in London von Muzio Clementi edierten Ausgabe für Klavier, Flöte, Violine und Violoncello erscheint – eine Erfindung des 19. Jahrhunderts.

Was für ein merkwürdiger »Kontrapunkt«: Auf der einen Seite die Bettelbriefe an Puchberg, die drei letzten, in einem Zeitraum von nur sechs Wochen entstandenen Symphonien auf der anderen. Nimmt man noch den Umzug in die Vorstadt Alsergrund (am 17. Juni) hinzu – in eine kleinere Wohnung im Haus Zu den drei Sternen in der Währingerstraße – und den Tod der sechs Monate alten Tochter Theresia (am 29. Juni), so waren diese Sommermonate des Jahres 1788 für Mozart wohl alles andere als eine glückliche Zeit.

Meisterwerke ohne Markt?

Für den Absturz des Komponisten in die Verschuldung gab es verschiedene Gründe. Einerseits hatte sich Mozarts musikalische Sprache vom Geschmack seines Publikums entfernt – zum Glück für uns, zum Unglück für ihn und sein Auskommen. Bezeichnend ist die Tatsache, dass sich für die Ausgabe der drei Streichquintette KV 406, 515 und 516, die Mozart im April 1788 zur Subskription angeboten hatte, kaum Interessenten fanden. Andererseits gab es für das Desinteresse des Publikums auch äußere, politische Gründe, wie Volkmar Braunbehrens in seiner Studie Mozart in Wien nachgewiesen hat. 1788 »ist das Jahr, in dem der [sogenannte Achte Österreichische] Türkenkrieg auf einem Höhepunkt ist, das gesellschaftliche Leben in der Hauptstadt Wien fast zum Erliegen kommt, da ein großer Teil des männlichen Adels zum Militär eilt, die anderen sich auf ihre Güter zurückziehen. […] Mozart hat offensichtlich versucht, durch Verschuldung seinen Lebensstandard zu halten.«

Seit Mozart im Sommer 1781 seine Heimatstadt Salzburg verlassen und sich als »freischaffender« Komponist in Wien angesiedelt hatte, waren nur drei Symphonien entstanden, die allesamt nicht für die Kaiserstadt bestimmt gewesen waren: im Juli 1782 die Haffner (D-Dur KV 385), im Oktober/November 1783 die Linzer (C-Dur KV 425), und im Dezember 1786 die Prager (D-Dur KV 504). Dabei hätte er in seinen Wiener Akademien durchaus Gelegenheit gehabt, sich als Symphoniker zu präsentieren. Warum also jetzt die dreifache Rückkehr zu dieser Gattung? Vermutlich waren sie für Konzerte bestimmt, die wohl im Saal des neuen, von Philipp Otto gegründeten Casinos in der Spiegelgasse stattfinden sollten. Indizien sprechen dafür, diese Konzerte auf Ende August/Anfang September zu datieren – was die Eile erklären würde, mit der die drei Symphonien zu Papier gebracht wurden. Wenn oft behauptet wird, auch diese »Academien« hätten nicht genug Subskribenten gefunden und seien ausgesetzt worden, so lassen doch sowohl die zwei Billette, die Mozart einem Schreiben an Puchberg beigelegt hat, als auch das Verstummen der Bettelbriefe (zumindest bis Ende März 1789) darauf schließen, dass sie vielleicht stattgefunden und Geld genug eingebracht haben, um die drückendsten Verbindlichkeiten einzulösen.

Als Trias geschlossen oder offen vernetzt?

So ungewiss also Entstehungs- und Aufführungsgeschichte von Mozarts drei letzten Symphonien ist, so viele Fragen ranken sich um ihre Konzeption. Trotz des kurzen Zeitraums, in dem sie komponiert wurden, sprechen allein schon ihre unterschiedlichen Besetzungen dagegen, dass Mozart sie als Triptychon geplant hat. Merkwürdig sind indes die Anklänge an andere Werke. Das Kopfthema der g-Moll-Symphonie etwa scheint der Arie des Cherubino »Non so più cosa son, cosa faccio« aus Le nozze di Figaro nachgebildet, das zweite Thema im Kopfsatz der C-Dur-Symphonie klingt wie ein Zitat aus der Bass-Ariette »Un bacio di mano«(KV 541), die Mozart im Mai 1788 als Einlage-Nummer für eine Oper von Pasquale Anfossi komponiert hatte. Und auch das berühmte Vierton-Motiv, mit dem das Finale der Jupiter-Symphonie beginnt, ist das Quasi-Zitat einer Formel, »die zum melodischen Urbestand der Kontrapunktlehre gehört«, so Volker Scherliess, und die der acht- oder neunjährige Mozart schon in seiner allerersten Symphonie (Es-Dur KV 16) verwendet hat.

Entführungen »in die Tiefen des Geisterreiches«?

Dem Geflecht der Bezüge entspricht ein Geflecht der Formen und Ideen, das zu den verschiedensten Deutungsperspektiven geführt hat. Dabei schwingt fast immer die Aura des Endes mit, die Idee eines symphonischen »Vermächtnisses zu Lebzeiten«, umweht vom Hauch der Ewigkeit. So schreibt zum Beispiel E. T. A. Hoffmann im Juli 1810 über die Es-Dur-Symphonie KV 543: »In die Tiefen des Geisterreiches entführt uns Mozart. Furcht umfängt uns; aber, ohne Marter, ist sie mehr Ahnung des Unendlichen. Liebe und Wehmut tönen in holden Stimmen, die Nacht der Geisterwelt geht auf in hellem Purpurschimmer, und in unaussprechlicher Sehnsucht ziehen wir den Gestalten nach, die freundlich uns in ihre Reihen winkend im ewigen Sphärentanze durch die Wolken fliegen.« In demselben Jahr erscheint in London eine Partitur-Ausgabe der C-Dur-Symphonie KV 551, die das Werk als »the highest triumph of Instrumental Composition« feiert. Am widersprüchlichsten sind die Urteile über KV 550. Robert Schumann spricht (1837) von ihrer »griechisch schwebende[n] Grazie«, für Hermann Abert (1921) dagegen »bildet diese Sinfonie den schärfsten Ausdruck jenes tiefen, fatalistischen Pessimismus, der, in Mozarts Natur von Anfang an begründet, in den letzten Jahren seines Lebens besonders stark nach künstlerischer Gestaltung rang«.

Mit Verlaub, aber wahrscheinlich war alles ganz anders, ganz einfach. Mozart brauchte Geld, plante eine Reihe von Akademien und wollte das Wiener Publikum mit drei neuen Symphonien überraschen. Keine Spur von Tod und Ewigkeit, sondern die alltägliche condition humaine eines Komponisten. Bloß, dass dieser Komponist eben Mozart war, und das Alltägliche Vollkommenheit atmet.

Michael Stegemann

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