Sa, 13. Juni 2009

Berliner Philharmoniker
Daniel Barenboim

Emmanuel Pahud, Nicolas Hodges

  • Richard Strauss
    Don Juan op. 20 (20:05)

  • Elliott Carter
    Flötenkonzert Europäische Erstaufführung (16:25)

    Emmanuel Pahud Flöte

  • Elliott Carter
    Dialogues für Klavier und Orchester (16:10)

    Nicolas Hodges Klavier

  • Richard Strauss
    Till Eulenspiegels lustige Streiche op. 28 (20:31)

  • kostenlos

    Emmanuel Pahud im Gespräch mit Lydia Rilling (16:45)

    Emmanuel Pahud, Lydia Rilling

Kaum zu glauben: Der Mann wurde im vergangenen Dezember wirklich 100 Jahre alt – und er komponiert immer noch! Elliott Carter ist zweifelsfrei einer der bedeutendsten Komponisten der Vereinigten Staaten von Amerika. Kaum erstaunlich also, dass Daniel Barenboim, der als großer Bewunderer von Carters Musik gilt, bei der Gestaltung dieses Programms auf zwei seiner Konzerte verfiel. Zumal ihm zwei Solisten zur Verfügung stehen, die Carters Kompositionen auch uraufgeführt haben. Nicolas Hodges hob 2004 dessen Klavierkonzert mit dem Titel Dialogues aus der Taufe. Emmanuel Pahud, Soloflötist der Berliner Philharmoniker, spielte das Flötenkonzert erstmals im September 2008 unter Barenboims Leitung in Jerusalem. Lange Zeit hatte Carter die Flöte gemieden, weil das Instrument die scharfen Attacken, die er in seiner Musik so liebt, nicht so gut hervorbringen kann. Schließlich ist er aber der Schönheit ihres Tons und ihrer Agilität erlegen und hat dem Blasinstrument dieses Konzert gewidmet. Gleichsam als Gegenklang figurieren an diesem Abend zwei Werke des Meisters der Instrumentation, von dem Carter, wie viele andere auch, inspiriert wurde: Richard Strauss.

Ungestüm der Jugend und Schaffensrausch des Alters

Richard Strauss und Elliott Carter

Der eine, gerade 24 Jahre alt, entwirft mit genialem Pinselstrich das Porträt eines ruhelosen Liebesabenteurers und stellt ihm wenige Jahre später ein zweites zur Seite – das eines Schalksnarren. Der andere erfährt im Alter von 80 Jahren einen solchen Kreativitätsschub, dass er seinem Lebenswerk bis zum 100. Geburtstag weitere 30 Beiträge hinzufügt, jeder für sich eine Überraschung. Was die beiden Komponisten verbindet, ist der durch nichts und niemanden aufzuhaltende Mitteilungsdrang. Das Unterscheidende hingegen sind nicht nur die Geburtsjahre 1864 und 1908 und die daraus folgenden Positionen auf dem Zeitstrahl der Musikgeschichte, sondern auch ihre grundverschiedenen Idiome. Im Zusammenführen dieser beiden könnten im heutigen Konzert zwei musikhistorische »Sammelpunkte« aufscheinen: die Spätromantik und die Spätmoderne. Eine vor allem des zweiten, weniger bekannten Teils wegen spannende Kombination!

1889 tritt Richard Strauss eine Stelle als Hofkapellmeister in Weimar an und dirigiert im zweiten Konzert der Saison die Uraufführung seines Don Juan op. 20, komponiert ein Jahr zuvor in München. Hans von Bülow berichtet seiner Frau: »Strauss hier enorm beliebt. Sein Don Juan vorgestern abend hat einen unerhörten Erfolg gehabt.« Tatsächlich bedeutet diese Aufführung den Durchbruch für den jungen Komponisten. Und sie motiviert ihn, zwei weitere, schon begonnene »Tondichtungen« fertigzustellen: Tod und Verklärung und Macbeth. Auf der Beliebtheitsskala rangiert indes bis heute das erste vor den beiden Schwesterwerken. Dafür sorgen zwei, von jugendlichem Ungestüm inspirierte Themen der Titelgestalt, die plastisch erlebbaren Liebes-, Maskenball- und Duell-Szenen sowie der überraschend tragische Schluss, wie er aus der Sujet-Vorlage hervorgeht: Nikolaus Lenaus dramatischem Gedicht Don Juan, einer der zahlreichen romantischen Adaptionen dieses ursprünglich kastilischen Stoffs. Lenau zeichnet Don Juan als einen Zerrissenen, der rastlos umgetrieben wird von der nie gestillten Sehnsucht nach jener Frau, bei der er Erfüllung finden kann. Doch er erkennt: Besitz erzeugt nur Leere und Überdruss. Weltschmerz überwältigt diesen Don Juan, der bei Lenau – im Unterschied zu älteren Versionen des Stoffes – nicht durch das Eingreifen höherer Mächte zugrunde geht. Im Duell mit Pedro, der seinen von Juan getöteten Vater rächen will, lässt er sich von seinem Herausforderer erstechen: »Mein Todfeind ist in meine Faust gegeben. Doch auch dies langweilt, wie das ganze Leben.«

Nachdem Strauss‘ Weimarer Vertrag ausgelaufen, sein Freund und Förderer Bülow im Februar 1894 gestorben war, kommt das Angebot, in München das Amt des Hofkapellmeisters zu übernehmen, gerade recht. Dieses Engagement ist jedoch überschattet von Querelen, ausgelöst durch die »zu modernen Programme« und den allgemeinen Widerstand gegen Strauss‘ 1894 in Weimar mit nur mäßigem Erfolg uraufgeführten Opernerstling Guntram (der nach Misslingen des zweiten Versuchs in München dann auch endgültig in der Versenkung verschwindet). Strauss’ Selbstwertgefühl aber nimmt keinen Schaden, wofür die immer zahlreicheren Einladungen ins Ausland ebenso sorgen wie die von Bülow »ererbte« Leitung der Philharmonischen Konzerte in Berlin. Er wehrt sich auf seine Art, nimmt die Schar der »Philister« aufs Korn, stülpt sich die Narrenkappe über und schreibt die vielleicht heiterste Orchesterpartitur seines Lebens: Till Eulenspiegels lustige Streiche. Nach alter Schelmenweise in Rondeauform. Franz Wüllner bringt das Werk Anfang November 1895 in Köln zur Uraufführung, aber Strauss setzt es später auch seinen Münchner Widersachern vor – die sehr wohl verstehen, was gemeint ist, und darauf umso vergnatzter werden...

Entstanden ist ein Orchesterscherzo, dessen »Programm« auch ohne die vom Komponisten gegebenen Hinweise verständlich ist. Nach dem behaglichen »Es war einmal« der Einleitungstakte beginnt das übermütige Spiel mit der vom Solohorn intonierten Haupt-Schelmenweise, die sich in den folgenden »Streichen« trotz der mannigfaltigsten Veränderungen als Bindeglied des Ganzen erweist. Später folgt das eigentliche Till-Motiv, eine freche Gebärde, von der spitztönigen D-Klarinette angeführt. Situationsgerecht erhalten alle Stationen der Geschichte ihr instrumentales Gewand – Till unter den Marktweibern, Till als Wanderprediger, als Verliebter, Abgewiesener und Zornentbrannter, als Lehrmeister der Professoren... Als Till mit einem beim Volk abgelauschten Gassenhauer weiterziehen will, ereilt ihn das Schicksal: die peinliche, vierfache Befragung vor Gericht, der Richtspruch in dumpfem Posaunenklang, das Aufknüpfen am Galgen. Der Epilog jedoch erhellt die traurige Szenerie wieder: die Stimme des Volkes meldet sich und schafft es, Till noch einmal zu erwecken. Und so wird der Hörer des Stücks mit der Gewissheit entlassen, dass er eben doch ein Teufelskerl war, dieser Eulenspiegel...

Am 11. Dezember 2008 konnte Elliott Carter seinen 100. Geburtstag begehen. Die Musikwelt nahm dieses Jubiläum zum Anlass, ihm Elogen zu singen, wie sie Carter bislang nicht zuteil wurden. Zu den Musikern, die Carters Bedeutung bereits früher erkannten und sich für seine Kompositionen einsetzten, gehören neben Pierre Boulez, Peter Eötvös und Oliver Knussen die Interpreten des heutigen Abends: Daniel Barenboim dirigiert seit Anfang der 1990er-Jahre Carters Werke und hat dem seinerzeit 89-jährigen sogar eine Oper entlockt: What next?, uraufgeführt 1999 an der Staatsoper Unter den Linden. Emmanuel Pahud und Nicolas Hodges hingegen spielten schon die Uraufführungen der beiden Konzertwerke des heutigen Abends.

Carters Partituren sind unter mehrerlei Aspekten kompliziert. Zunächst durch die Notation: Die aufs Feinste ziselierte Rhythmik setzt das durchaus klar vorgegebene Zeitmaß außer Kraft, schafft einen Schwebezustand, ohne den Fluss jemals zu unterbrechen. Als nächstes durch das simultane und konsekutive Zusammenführen heterogener Ereignisse: Vielfältig selbstständige Linien und Klänge werden exponiert, ohne dass deren Zusammenhang sofort einsichtig würde. Ein dritter Punkt: die Abwesenheit jeglicher Zitate, Historismen und Stiladaptionen, das Vermeiden wörtlicher Wiederholungen und die Weigerung, dem traditionellen Formenkanon zu gehorchen. Carter hat profunde Kenntnis aller Musik, kennt auch Jazz und Pop, Aleatorik, Elektronik und Minimalismus, aber er ist jedweder orthodoxen Rigidität abhold geblieben. »Es ist so ähnlich wie bei Mozart«, sagt er mit einem gewinnenden Lächeln. »Bei mir entwickelt sich immer etwas von einem zum andern«, da sei er Mozart näher als Bach, der sich »pro Stück mit einer Sache befasst und sie von allen Seiten beleuchtet«. Wie aber kann es sein, dass solche auf den ersten Blick unzugängliche Musik schließlich doch plausibel erscheint? Barenboim bescheinigt ihm »ein phänomenales Ohr!« Und das ist es, was letzten Endes die Werk-Einheit stiftet. Der Hörer mag sich solch ein Ohr zu eigen machen, zumindest darf er aber dem des Komponisten vertrauen.

Carter selbst ist in seinen Werkkommentaren nicht sehr auskunftsfreudig, überlässt den Hörer also unbelastet dem Aufführungserlebnis. Zum dem im Jahr von Carters 100. Geburtstag uraufgeführten Flötenkonzert (2008)vermerkt der Komponist lediglich, er habe lange gezögert, weil die Flöte nicht »die scharfen Angriffe« hervorbringen könne, die er so oft verwende; erst das Erkennen der Qualitäten der verschiedenen Register und die außerordentliche Beweglichkeit des Instruments hätten ihm die Ideen für das zwischen September 2007 und März 2008 entwickelte Stück eingegeben. Auftraggeber der fünf Jahre zuvor entstandenen Dialogues für Klavier und Kammerorchester (2003)war die BBC, von Anbeginn involviert der Pianist Nicolas Hodges. Carters Kommentar zu dieser Komposition liefert kaum mehr als den Gemeinplatz einer »conversation between the soloist and the orchestra«, doch kann sein Hinweis auf die gegliederte Einsätzigkeit und »a small group of harmonies and rhythms« als Ausgangspunkt des Geschehens die Erwartung des Hörers steuern. Was denn zu erwarten ist? Eine bei aller Widerspenstigkeit froh stimmende Musik von großer Schönheit – einer Schönheit, die unbeweisbar bleibt.

Helge Jung

Daniel Barenboim und die Berliner Philharmoniker verbindet eine inzwischen 45-jährige künstlerische Partnerschaft. Als Pianist debütierte er bei den Philharmonikern im Juni 1964 unter der Leitung von Pierre Boulez; fünf Jahre später (im Juni 1969) stand er erstmals am Dirigentenpult des Orchesters. Zuletzt dirigierte er hier im April 2008 Konzerte mit Werken von Ferruccio Busoni, Nino Rota und Arnold Schönberg.

1942 in Buenos Aires geboren, zog Barenboim 1952 mit seinen Eltern nach Israel. Klavierunterricht erhielt er zunächst von der Mutter, später vom Vater. Mit zehn Jahren debütierte er als Solist in Wien und Rom, weltweite Tourneen folgten. Seit seinem Dirigierdebüt 1967 in London steht Daniel Barenboim am Pult aller führenden Orchester in Europa und den USA. Die wichtigsten Stationen seiner internationalen Karriere sind: 1975 bis 1989 Chefdirigent des Orchestre de Paris, von 1991 bis 2006 Musikdirektor des Chicago Symphony Orchestra, seit 1992 zusätzlich Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, deren Staatskapelle ihn im Herbst 2000 zum Chefdirigenten auf Lebenszeit wählte. Hinzu kommen Gastspiele bei bedeutenden Festivals wie z. B. den Bayreuther Festspielen, wo er von 1981 bis 1999 alljährlich wichtige Produktionen leitete. Mit Beginn der Spielzeit 2007/2008 ist Daniel Barenboim als »Maestro Scaligero« eine enge Zusammenarbeit mit dem Teatro alla Scala in Mailand eingegangen.

1999 riefen Daniel Barenboim und der palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said den »West-Eastern Divan Workshop« ins Leben, der jeden Sommer junge Musiker aus Israel und den arabischen Ländern für einige Wochen zusammenführt, um durch die Erfahrungen des gemeinsamen Musizierens den Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen des Nahen Ostens zu fördern. Für ihre Friedensbemühungen wurden Said und Barenboim 2002 mit dem Preis »Príncipe de Asturias« in der Sparte Völkerverständigung geehrt. Zu Daniel Barenboims zahlreichen Auszeichnungen gehören außerdem das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland sowie der Ernst von Siemens Musikpreis.

Nicolas Hodges, 1970 in London geboren, ist mit seinen Soloauftritten und als Gast der renommiertesten Orchester und Ensembles in aller Welt zu einem der führenden Pianisten seiner Generation avanciert. Sein Repertoire wurzelt in der klassisch-romantischen Klavierliteratur, wird aber besonders geprägt von der Auseinandersetzung des Künstlers mit Kompositionen des 20. und 21. Jahrhunderts: Nicolas Hodges spielt die »Klassiker« der zeitgenössischen Musik und bringt immer wieder neue Werke in enger Zusammenarbeit mit ihren Schöpfern zur Uraufführung. Zu den Komponisten, die ihm Stücke gewidmet haben, zählen Harrison Birtwistle, Wolfgang Rihm, Salvatore Sciarrino, Beat Furrer und Elliott Carter, dessen Dialogues Nicolas Hodges seit der Londoner Weltpremiere im Januar 2004 auf den Podien vieler internationaler Musikmetropolen und Festivalorte vorgestellt hat. Künstlerische Partnerschaften verbinden bzw. verbanden ihn zudem mit John Adams, Mauricio Kagel, Oliver Knussen, Helmut Lachenmann und Karlheinz Stockhausen. Als Konzertsolist ist Nicolas Hodges z. B. mit den Dirigenten James Levine, Jonathan Nott, Peter Rundel, Leonard Slatkin, Hans Zender und Daniel Barenboim aufgetreten, unter dessen Leitung er nun auch erstmals bei den Berliner Philharmonikern gastiert. Seit 2005 unterrichtet Nicolas Hodges als Professor für Klavier an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.

Emmanuel Pahud, in Genf geboren, erhielt als Sechsjähriger in Rom den ersten Flötenunterricht. Später studierte er in Brüssel, dann in Paris bei Michel Debost, sowie in Basel bei Aurèle Nicolet. Mehrfach war Pahud Erster Preisträger bei wichtigen internationalen Musikwettbewerben. Orchestererfahrungen sammelte er als Solo-Flötist im Radio-Sinfonieorchester Basel und bei den Münchner Philharmonikern, bevor er 1993 als Solo-Flötist zu den Berliner Philharmonikern kam. Zwischenzeitlich Professor am Genfer Konservatorium, kehrte Emmanuel Pahud im April 2002 zu den Philharmonikern zurück. Als Solist konzertiert er weltweit mit den großen Orchestern – bei den Berliner Philharmonikern war er zuletzt Anfang Oktober 2006 mit Marc-André Dalbavies Flötenkonzert zu hören – sowie als Kammermusiker in verschiedenen Duo- und größeren Ensemblebesetzungen. Für seine zahlreichen Einspielungen hat er bedeutende Preise erhalten. 2007 wurde Emmanuel Pahud in das Amt eines der beiden Medienvorstände der Berliner Philharmoniker gewählt. Vom französischen Kulturministerium wurde Emmanuel Pahud erst vor wenigen Tagen mit dem Orden eines Ritters für Kunst und Literatur (Chevalier dans l'Ordre des Arts et des Lettres) ausgezeichnet.

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