Mi, 09. September 2009

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

Rundfunkchor Berlin

  • Joseph Haydn
    Die Jahreszeiten Hob. XXI:3 (02:25:46)

    Christiane Oelze Sopran, John Mark Ainsley Tenor, Thomas Quasthoff Bariton, Rundfunkchor Berlin, Simon Halsey Einstudierung

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    Simon Halsey spricht über Haydns »Die Jahreszeiten« (13:18)

    Simon Halsey

Nach eigener Aussage hat Sir Simon Rattle zu wenigen anderen Komponisten ein derart inniges Verhältnis wie zu Joseph Haydn – es sei »Liebe auf den ersten Blick« gewesen, als er diesen Werken als junger Musiker begegnete. Das Publikum verdankt dieser Beziehung viele glückliche Momente. Die Zeitschrift Gramophone schrieb über die jüngste Aufnahme einiger Haydn-Symphonien: »Wer Bedenken gegenüber der Paarung ›Haydn‹ und ›Berliner Philharmoniker‹ hat, darf sich auf eine wunderbare Überraschung gefasst machen. Ohne den helleren Ton historisierender Ensembles zu imitieren, gibt sich dieses wuchtige Orchester unter der inspirierten Stabführung Rattles auf einmal agil und leichtfüßig und reagiert aufgeweckt auf feinste Änderungen der Akzente und Nuancen.« Mit diesem Ansatz nähern sich Rattle und sein Orchester nun Haydns OratoriumDie Jahreszeiten: ein Werk, das zugleich durch Großartigkeit und einen sonnigen Grundton besticht. Schon einmal, im März 2003, haben Dirigent und Philharmoniker das Oratorium miteinander aufgeführt – für Die Welt »ein vorläufiger Höhepunkt« in Simon Rattles erster Saison als Berliner Chefdirigent. Zwei der damaligen Solisten sind auch beim aktuellen Konzert zu erleben: die Sopranistin Christiane Oelze und der Bariton Thomas Quasthoff, denen sich diesmal der Tenor John Mark Ainsley anschließt.

»Erblicke deines Lebens Bild«

Joseph Haydns Oratorium Die Jahreszeiten

Als 1791 in der Westminster Abbey die jährliche Händel-Gedächtnisfeier zelebriert wurde, befand sich auch Joseph Haydn im Publikum. Die monumentalen Londoner Darbietungen der Oratorien Messiah und Israel in Egypt beeindruckten ihn so tief, dass er jede Note dieser Partituren er mit wachsender Bewunderung nachlas. Der Impresario Johann Peter Salomon versuchte Haydns Enthusiasmus in schöpferische Bahnen zu lenken, indem er ihm riet, ein Oratorium in der händelschen Tradition zu komponieren, und legte sogar ein englisches Libretto vor. Haydn erbat Bedenkzeit: Er bezweifelte, dass sein Verständnis der englischen Sprache für ein solches Vorhaben ausreiche. Schließlich reiste er mit dem Textbuch im Gepäck zurück nach Österreich. In Wien tauschte er sich mit dem Baron Gottfried van Swieten über seine Bedenken aus, die der gelehrte Gesprächspartner durchaus einsah. »Indem ich aber zugleich erkannte«, berichtete van Swieten, »dass der so erhabene Gegenstand Haydn die von mir längst erwünschte Gelegenheit verschaffen würde, den ganzen Umfang seiner tiefen Kenntnisse zu zeigen, und die volle Kraft seines unerschöpflichen Genies zu äussern; so ermunterte ich ihn, die Hand an das Werk zu legen, und um den ersten Genuss davon unserm Vaterlande zu verschaffen, beschloss ich, dem englischen Gedichte ein deutsches Gewand umzuhängen. So entstand meine Uebersetzung, bey welcher ich der Hauptanlage des Originals zwar im Ganzen treulich gefolgt, im Einzelnen aber davon so oft abgewichen bin, als musikalischer Gang und Ausdruck, wovon das Ideal meinem Geiste schon gegenwärtig war, es zu fordern, mir geschienen hat.« Diese »Uebersetzung« war die deutsche Textfassung des Oratoriums Die Schöpfung, das Haydn im Frühjahr 1798 vollendete.

Auch Haydns Oratorium Die Jahreszeiten geht auf eine englische Quelle zurück: den pastoralen Gedichtzyklus The Seasons des Schotten James Thomson (1700 – 1748). Der Hamburger Ratsherr Barthold Hinrich Brockes hatte eine deutsche Übersetzung des Werkes geschaffen, die 1740 im Druck erschienen war und nun – beinahe sechs Jahrzehnte später – van Swieten als Grundlage für sein Libretto zu Die Jahreszeiten diente. Am 24. April 1801 fand die erste Aufführung des Werkes im Wiener Stadtpalais des Fürsten Schwarzenberg statt. »Stumme Andacht, Staunen und lauter Enthusiasmus wechselten bey den Zuhörern ab«, hieß es in der Leipziger Allgemeinen musikalischen Zeitung; »denn das mächtige Eindringen kolossalischer Erscheinungen, die unermeßliche Fülle glücklicher Ideen überraschte und überwältigte die kühnste Einbildung«.

Ein erster Eindruck der »unermeßlichen Fülle« dieses Oratoriums soll mit ausgewählten Beispielen vermittelt werden. Das pastorale Genre ist – fast möchte man sagen: »naturgemäß« – prominent vertreten: Der G-Dur-Chor des Landvolkes »Komm, holder Lenz!« huldigt mit 6/8-Takt, sanft wiegendem Rhythmen, Dreiklangsmelodik und Borduntönen dieser musikalischen Sphäre ebenso wie die F-Dur-Arie des Simon »Der munt’re Hirt versammelt nun« mit konzertierendem Horn und der in Terz- und Sextparallelen begleiteten Gesangslinie. Wenn der Pächter Simon (gesungen vom Bass) zuvor die Arie »Schon eilet froh der Ackersmann« anstimmt, erklingt im Orchester ein Zitat aus dem Andante der Symphonie Nr. 94, Haydns berühmter Londoner Symphonie Mit dem Paukenschlag: Sie hatte nach wenigen Jahren schon eine solche Beliebtheit errungen, dass sich der Komponist diese Anspielung erlauben durfte.

Eine thematische Verwandtschaft – Zitat wäre wohl zu viel gesagt – wurde auch zwischen dem Adagio der haydnschen Symphonie Nr. 98 in B-Dur und dem Bittgesang aus dem Frühling der Jahreszeiten bemerkt. Beiden ist eine stille, hymnische Feierlichkeit eigen, ein tief empfindungsreicher Gesang, ruhig, heiter und friedvoll. Suchte man in Haydns Oratorium nach einem Gegenpol, käme rasch die beklemmenden Kavatine »Dem Druck erlieget die Natur« und natürlich die entfesselte Sturmmusik des Chores »Ach, das Ungewitter naht!« in Betracht. Elementare, urwüchsige Lebensfreude feiert die Herbst-Kantate. Die Arie »Seht auf die breiten Wiesen hin!« zeigt mit zweifacher Tempoverschärfung den im Jagdfieber voraneilenden Hund, der dann jäh in seinem Lauf stockt, ehe ein Paukenschlag den Gewehrschuss des Jägers knallen lässt. Mit Jagdsignalen, Hundegebell und markigem Chor wird das waidmännische Vergnügen der Hatz auf den Hirsch kraftvoll besungen. Dieses urwüchsige Hochgefühl wird von dem sich anschließenden Winzerfest noch übertrumpft: Im Tanzschritt des »Deutschen« und einer – wie Haydn sie nannte – »besoffenen Fuge« steigert es sich schließlich zum fröhlichen Trinkgelage.

Dann legt der Winter ein eisiges Schweigen über die Landschaft. Der junge Bauer Lukas (Tenor) klagt über die Gefahren, die Ängste und Irrwege, die den Wanderer in der Schneewüste bedrohen. Doch anders als bei Thomson, der den Unglücklichen in der Kälte erfrieren lässt, weist ihm van Swieten ein warmes Obdach in einer behaglichen Hütte, in der Lukas auf eine gesellige und fleißige Runde trifft. Später schlägt dann noch einmal die Stimmung um: »Vom dürren Osten dringt / ein scharfer Eishauch jetzt hervor«, singt Simon und ermahnt: »Erblicke hier, betörter Mensch, / erblicke deines Lebens Bild.« Zu den Worten »Schon welkt dein Herbst dem Alter zu« zitiert Haydn das Andante aus der Symphonie g-Moll KV 550 seines früh verstorbenen Freundes Mozart. Die hohen Bläserakkorde nach der Zeile »Verschwunden sind sie wie ein Traum« muten hingegen wie ein »Vorecho« der Sommernachtstraum-Ouvertüre von Felix Mendelssohn Bartholdy an. Dass Die Jahreszeiten ein Geschenk des 18. an das 19. Jahrhundert waren, wird dem Hörer nicht nur in diesem Augenblick bewusst.

»Uns leite deine Hand, o Gott! / Verleih uns Stärk’ und Mut; / dann siegen wir, dann geh’n wir ein / in deines Reiches Herrlichkeit.« Mit diesem hochherzigen Gebet klingen Die Jahreszeiten feierlich aus. Das Geständnis des Komponisten, niemals so fromm gedacht und gefühlt zu haben wie in der Zeit, da er Die Schöpfung komponierte, gilt zweifellos auch für dieses Oratorium. Haydn, so sagt der italienische Schriftsteller Claudio Magris, sei »vielleicht eine der letzten – oder einfach eine der ganz seltenen? – Manifestationen einer ungebrochenen harmonischen Totalität, einer Schöpfung ohne Schatten«. Dieser Komponist habe in einer Sicherheit gelebt, »die zugleich die eines vollkommen freien und gelösten Menschen ist: eines Menschen, der« – wie Sigmund Freud schreibt – »unbewusst weiß, dass nichts ihn bedrohen kann«.

Wolfgang Stähr

John Mark Ainsley studierte in Oxford und setzte die Ausbildung später bei Diane Forlano fort. Der Tenor hat sich zunächst im Konzertfach einen ausgezeichneten Ruf erworben und arbeitet in diesem Bereich mit Dirigenten wie Sir Colin Davis, Marc Minkowski, Bernard Haitink, Seiji Ozawa und der Dirigentin Emmanuelle Haïm zusammen. Im Zentrum seines Opernrepertoires stehen Partien von Mozart und Händel, mit denen er u. a. am Royal Opera House, Covent Garden, in Glyndebourne, Aix-en-Provence, San Francisco und an der Bayerischen Staatsoper auftritt. An der Oper Frankfurt war John Mark Ainsley in Brittens Curlew River und Billy Budd (The Madwoman bzw. Captain Vere) zu erleben; in Wien, Amsterdam und Aix interpretierte er den Skuratov in Janáčeks Aus einem Totenhaus. Seit einiger Zeit hat sich der Sänger verstärkt der Klassischen Moderne und der zeitgenössischen Musik zugewandt: So sang er im September 2007 an der Berliner Staatsoper Unter den Linden den Hippolyt in der Uraufführung von Henzes Oper Phaedra. Im selben Jahr zeichnete ihn die Royal Philharmonic Society mit dem Singer Award aus. John Mark Ainsley ist zudem ein passionierter Liedgestalter mit einem Repertoire von Purcell bis Britten. Bei den Berliner Philharmonikern gastierte er seit seinem Debüt im Jahr 1991 mehrfach; zuletzt wirkte er hier Anfang Februar 2007 unter der Leitung von Sir Simon Rattle in Aufführungen von Haydns Schöpfung mit.

Christiane Oelze studierte in ihrer Geburtsstadt Köln bei Klesie Kelly-Moog sowie in Frankfurt bei Erna Westenberger. In der ganzen musikalischen Welt gefeiert, arbeitet sie mit bedeutenden Dirigenten, Regisseuren und Gesangspartnern zusammen. An Englands wichtigsten Opernhäusern Covent Garden und Glyndebourne, aber auch auf den führenden Bühnen und Konzertpodien in Paris, Salzburg, Zürich, Berlin und Hamburg ist Christiane Oelze regelmäßig zu erleben – häufig in Mozart-Partien wie Pamina, Konstanze, Susanna, Contessa Almaviva und Ilia, aber auch in der weiblichen Titelrolle in Pelléas et Mélisande oder als Anne Trulove (The Rake’s Progress). 2002 gab Christiane Oelze ein glänzendes Rollendebüt als Sophie in der Neuinszenierung des Rosenkavalier an der Hamburger Staatsoper (Peter Konwitschny/Ingo Metzmacher). Im Bereich des von ihr mit großer Leidenschaft gepflegten Kunstlieds zählt sie ebenfalls zu den führenden Sopranistinnen. Dabei wird sie von Pianisten wie Mitsuko Uchida, Pierre-Laurent Aimard und Eric Schneider begleitet. In Konzerten der Berliner Philharmoniker hat die Sängerin seit 1994 wiederholt gastiert, vor wenigen Tagen erst in Salzburg und Luzern unter der Leitung von Sir Simon Rattle mit der Sopranpartie in Haydns Jahreszeiten. Von 2003 bis 2008 unterrichtete Christiane Oelze als Professorin für Gesang an der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf.

Thomas Quasthoff zählt zu den führenden Lied- und Konzertsängern unserer Zeit. Er begann seine musikalische Ausbildung schon früh und absolvierte zusätzlich ein Jurastudium. 1995 trat er erstmals in Amerika und in Japan auf; seither gastiert er dort auch regelmäßig. 1996 berief ihn die Musikhochschule Detmold auf eine Professur für Gesang; in gleicher Position wechselte er zum Wintersemester 2004/2005 an die Musikhochschule für Musik »Hanns Eisler« in Berlin. Als Gast der Spitzenorchester in aller Welt verbinden Thomas Quasthoff künstlerische Partnerschaften mit einer Vielzahl bedeutender Dirigenten. Seit 1997 ein häufiger Gast in Konzerten der Berliner Philharmoniker, gab Thomas Quasthoff im April 2003 bei den Salzburger Osterfestspielen sein Operndebüt als Minister in einer Produktion von Beethovens Fidelio mit den Philharmonikern, die Sir Simon Rattle dirigierte. Ebenfalls unter Rattles Leitung war er vor wenigen Tagen erst mit der Basspartie in Haydns Jahreszeiten zu hören. Thomas Quasthoff erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Ersten Preis beim ARD-Wettbewerb in München. Im Oktober 2005 verlieh ihm Bundespräsident Horst Köhler den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland; ein Jahr später wurde der Bassbariton in der Dresdner Frauenkirche mit dem Europäischen Kulturpreis geehrt.

Der Rundfunkchor Berlin, 1925 gegründet, prägte unter Dirigenten wie George Szell, Hermann Scherchen, Otto Klemperer und Erich Kleiber musikalische Sternstunden der 1920er- und 1930er-Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte er mit seinem Chefdirigenten Helmut Koch die Oratorien Händels erstmals in der Originalgestalt international bekannt. Dietrich Knothe (1982 – 1993) formte den Chor zu einem Präzisionsinstrument für schwierigste Literatur; Robin Gritton (1994 – 2001) bereicherte und verfeinerte die Farbpalette des Ensembles. Seit 2001 leitet Simon Halsey den Rundfunkchor. Er legt besonderes Gewicht auf die stilistisch und sprachlich perfekte, dabei lebendige und mitreißende Wiedergabe von Werken aller Epochen und Stile. Eine rege Aufnahmetätigkeit dokumentiert diese Arbeit: So erhielt die mit den Berliner Philharmonikern entstandene CD-Veröffentlichung von Strawinskys Psalmensymphonie unter der Leitung von Sir Simon Rattle den »Grammy Award« 2009 als beste Choraufnahme. Simon Halsey initiierte außerdem zahlreiche Projekte des Chores im Bildungs- und Erziehungsbereich sowie einmal im Jahr ein großes Mitsingkonzert. Das Vokalensemble ist Partner führender Orchester und Dirigenten in aller Welt; langjährige Kooperationen verbinden ihn mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem Deutschen Symphonie-Orchester und den Berliner Philharmonikern. Bei den Philharmonikern gastierte der Rundfunkchor Berlin zuletzt im Mai dieses Jahres unter der Leitung von Claudio Abbado in Konzerten mit Franz Schuberts Bühnenmusik zu Rosamunde D 797.

EMISir Simon Rattle tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von EMI Classics auf.

 

Deutsche GrammophonThomas Quasthoff tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von Deutsche Grammophon auf.

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Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

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