Juraj Valcuha und Nikolaj Znaider mit dem Violinkonzert von Jean Sibelius

Sa, 08. Oktober 2011

Berliner Philharmoniker
Juraj Valcuha

Nikolaj Znaider

  • Carl Maria von Weber
    Ouvertüre zur Oper »Euryanthe« (00:11:01)

  • Jean Sibelius
    Violinkonzert d-Moll op. 47 (00:39:38)

    Nikolaj Znaider Violine

  • Peter Tschaikowsky
    Symphonie Nr. 1 g-Moll op. 13 »Winterträume« (50:25)

  • kostenlos

    Nikolaj Znaider im Gespräch mit Amihai Grosz (15:11)

    Nikolaj Znaider, Amihai Grosz

Er sei »ein Geiger von wirklicher Substanz«, urteilte die Zeitschrift Gramophone über Nikolaj Znaider - einer, »der sich nicht fürchtet, seinen eigenen Weg zu gehen und etwas Neues zu sagen. In seinem Spiel liegt ein Überschwang, der sich erfrischend von den abgesicherten Interpretationen anderer junger Virtuosen unterscheidet.« Nun ist Znaider mit dem Violinkonzert von Jean Sibelius bei den Berliner Philharmonikern zu Gast. Mit dabei hat er sein kostbares Instrument: die legendäre »Guarneri del Gesù«, auf der einst Fritz Kreisler spielte.

Anstelle des leider erkrankten Bernard Haitink erleben wir am Pult der Berliner Philharmonie zum ersten Mal den jungen Slowaken Juraj Valcuha, der in dieser Saison noch einige weitere wichtige Debüts gibt, unter anderem beim Concertgebouworkest Amsterdam, beim Boston Symphony Orchestra und beim New York Philharmonic. Neben Sibelius' Violinkonzert interpretieren die Musiker Peter Tschaikowskys Erste Symphonie und Carl Maria von Webers Ouvertüre zur Oper Euryanthe: zwei Werke, die nicht oft im Konzertsaal zu hören sind, obgleich sie beispielhaft die Verve und die Farbenpracht verbreiten, die wir mit der musikalischen Romantik verbinden.

Jean Sibelius hauchte noch im 20. Jahrhundert der romantischen Musik Leben ein, als seine Kollegen längst nach neuen Tonwelten suchten. Auch sein Violinkonzert besticht durch dunkles Kolorit, folkloristisches Aroma und eindrucksvolle Virtuosität. Dass diese nie bloßen Oberflächenglanz vermittelt, verdankt sich vielleicht der Tatsache, dass Sibelius selbst hervorragend Violine spielte, also genau wusste, wie dem Instrument die feinsten Ausdrucksnuancen zu entlocken sind.

Carl Maria von Webers Ouvertüre zur Oper Euryanthe

Euryanthe war ein Auftrag für das Kärntnertortheater in Wien. Weber gewann die exzentrische Dresdner Dichterin Helmina von Chézy für das Textbuch. Quasi in Gemeinschaftsarbeit entstand nach einer französischen Romanze des 13. Jahrhunderts das Libretto über die Treue der Euryanthe und ihre Liebe zu Adolar, die durch die Intrigen Lysiarts und Eglantines auf die Probe gestellt wird.

Die Oper feierte nach der Wiener Uraufführung am 25. Oktober 1823 in vielen anderen Städten Erfolge. Die Berliner Erstaufführung 1825 wurde ein Triumph. Spätere Inszenierungen griffen verstärkt in den Aufbau der Oper ein, gutgemeinte Kürzungen verunstalteten das Werk. Heute teilt Euryanthe das Schicksal der meisten Opern Webers: Sie sind aus dem Repertoire verschwunden, ihre Ouvertüren aber sind zu gern gespielten Konzertstücken geworden.

Die Euryanthe-Ouvertüre komprimiert Inhalt und Atmosphäre der Oper und zieht die Zuschauer sogleich in den Bann höfischen Glanzes, mittelalterlicher Ritterwelt und Mystik. Die Ouvertüre setzt in heroischem Es-Dur ein und verarbeitet das zentrale Motiv der Oper, Adolars Ich bau’ auf Gott und meine Euryanth’, sowie als lyrisches Gegenstück hierzu sein Thema aus der Romanze Nr. 2. Herausragend ist das mit nur acht Violinen instrumentierte, schaurige Intermezzo. Ein historisierendes Fugato verarbeitet anschließend die Anfangsthemen. Die Reprise beschließt die Ouvertüre mit einer Apotheose des Romanzenthemas in strahlendem Orchesterglanz.

Anke Schmitt

Wider tradierte Erwartungen: Jean Sibelius’ Violinkonzert

Nur wenigen dürfte geläufig sein, dass Jean Sibelius ein versierter Geiger war und sogar ursprünglich als Orchestermusiker Karriere machen wollte. Die Entscheidung für den Komponistenberuf fiel in Wien, wo er im Januar 1891 bei den Philharmonikern zum Probespiel antrat. Man fand sein Spiel zwar »gar nicht schlecht«, riet ihm aber doch, sein Kompositionsstudium fortzusetzen. Ob es die Enttäuschung über den Karriere-Abbruch, ob es zu großer Respekt vor bedeutenderen Meistern war – Sibelius zögerte lange, bevor er der Anregung des Geigers Willy Burmester folgte, und das 1905 in die endgültige Form gebrachte Violinkonzert d-Moll op. 47 blieb denn auch sein einziger Gattungsbeitrag.

Eine weit größere Rolle aber als die äußeren Begleitumstände hat die formale Gestaltung gespielt, die Sibelius für dieses Werk gefunden hat: Sie erschien ihm unwiederholbar und gewiss nicht zu überbieten. Den tradierten Erwartungen nämlich läuft diese Musik zuwider. Weder folgt der Ablauf des ersten Satzes den Regeln der Sonatenform, noch setzt die Stilistik jene »nordischen Intonationen« fort, mit denen der Name Sibelius seit Lemminkäinen und Finlandia verbunden war. Dem Solisten kommt ohnehin der größte Arbeitsanteil zu, er übernimmt im einleitenden Allegro moderato sofort die Führung und präsentiert bereits nach der ersten Themenexposition seine erste Kadenz, beantwortet das (vom Orchester eingeführte) Seitenthema mit eigenständigen Variationen und übernimmt sogar große Teile der Durchführung. Nach einer abermals virtuos gesteigerten Stretta entführt der Solist im zweiten Satz seine Orchester-Gefährten – zunächst die chorisch auftretenden Hörner, dann die Streicher und Holzbläser – in eine verhaltenere Stimmung.

Gänzlich unerwartet dann das Hereinbrechen des ekstatisch überschäumenden Finales! Sibelius soll es selbst eine danse macabre genannt haben, ein englischer Kritiker fand hingegen, es sei die »Polonaise eines Eisbären«. Dem ist entschieden zu widersprechen, denn erstens hat der »Eisbär« kaum jemals so freudetrunken getanzt wie hier, und zweitens sprudeln des Komponisten Einfälle so abwechslungsreich hervor, dass er spielend leicht vermeidet, was dieser Satz auch hätte werden können: ein sich leer laufendes Perpetuum mobile. Gerade das Finale sorgt stets aufs Neue für die überzeugende Wirkung des Violinkonzerts. Was Wunder, wenn es auch nach über 100 Jahren noch eins der meistgespielten seiner Gattung ist!

Dabei war dem Werk der Weg zum Erfolgsstück nicht vorgezeichnet. Sibelius’ Violinkonzert fiel bei der Uraufführung in Helsinki am 8. Februar 1904 glatt durch: Der Geiger Viktor Nováček war den Anforderungen seines Soloparts nicht gewachsen, weshalb das vom Komponisten dirigierte Orchester wahrscheinlich auch nicht in Hochform geraten konnte. Es bedurfte erstklassiger Solisten wie Jascha Heifetz und David Oistrach, um seinem Violinkonzert seit den 1930er-Jahren den ihm zustehenden Platz im Repertoire zu erobern.

Helge Jung

Peter Tschaikowskys Erste Symphonie

Ungewöhnlich spät, im Alter von 22 Jahren, fasst Peter Tschaikowsky den Entschluss, Musiker zu werden, nachdem er neben seinem Broterwerb als Jurist im Justizministerium Kurse für Musiktheorie am Konservatorium in St. Petersburg belegt hat, das im Sommer 1862 von Anton Rubinstein gerade frisch gegründet worden war. Wenngleich Tschaikowsky seine große musikalische Begabung spürt, überwiegen noch die Zweifel, ob er tatsächlich zum Komponisten tauge. Die Briefe an seine Schwester Alexandra aus dieser Zeit zeugen von seiner Unsicherheit über seine berufliche Zukunft: »Glaube nicht, dass ich mir einbilde, jemals ein großer Künstler zu werden; ich möchte nur das tun, wozu ich Beruf in mir fühle. Ob aus mir ein berühmter Komponist oder ein armer Musiklehrer herauskommen wird, ist gleichgültig; jedenfalls aber wird mein Gewissen rein, und ich werde kein Recht mehr haben, über mein Schicksal zu murren. Meine Stellung werde ich freilich solange nicht aufgeben, bis ich die Versicherung erlange, dass ich kein Beamter, sondern ein Künstler bin.«

Erst als Rubinstein ihm rät, sich ganz der Musik zu widmen, kündigt Tschaikowsky 1863 seinen Beamtenposten und absolviert in weniger als drei Jahren eine vielseitige, konzentrierte Ausbildung. Bereits kurz nach Ende seines Studiums holt ihn Rubinsteins jüngerer Bruder Nikolaj 1866 nach Moskau als Theorielehrer für die Musikklassen der dortigen Musikgesellschaft, aus denen später das Moskauer Konservatorium hervorgeht. Kaum hat am 4. März Tschaikowskys frühe Orchesterkomposition, die Ouvertüre F-Dur, erfolgreich ihre Moskauer Erstaufführung erlebt, wagt sich der 26-Jährige an die Komposition der Symphonie Nr. 1 g-Moll op. 13. Neben seiner intensiven Lehrtätigkeit arbeitet er an ihr wie im Wahn und bis zur völligen Erschöpfung, schläft kaum noch und gibt sich schließlich sogar wegen zunehmender Angstzustände in ärztliche Behandlung. Die aufreibende Nachtarbeit über den Noten muss er um seiner Gesundheit willen aufgeben und mit dem Schreiben bis zu den Sommerferien warten, in denen er sich wieder in St. Petersburg aufhält.

In der Hoffnung, dass sein Werk bereits in der nächsten Saison bei den Konzerten der Russischen Musikgesellschaft aufgeführt werden würde, zeigt er die noch unfertige Partitur Anton Rubinstein, der sie heftig kritisiert. Nach einer Reihe von Änderungen und Revisionen, Voraufführungen zunächst nur des Scherzos, dann beider Mittelsätze in St. Petersburg 1867 durch Anton Rubinstein, dirigiert dessen Bruder Nikolaj am 3. Februar 1868 in Moskau schließlich die Uraufführung der vollständigen Symphonie. Nikolaj Kaschkin berichtet in seinen Erinnerungen an Tschaikowsky über die begeisterte Aufnahme des Erstlings beim Publikum und von einem überglücklichen Komponisten, der es sich bei der Premierenfeier nicht nehmen ließ, »alle Anwesenden nacheinander abzuküssen und danach alle Gläser zu zerschlagen«.

Nicht weniger typisch russisch als diese Reaktion auf seinen Erfolg sind Tschaikowskys folkloristische Melodien vor allem in der Einleitung des Finalsatzes und natürlich in den ersten beiden, mit programmatischen Titeln versehenen Sätzen: Die Überschriften Träumerei von einer winterlichen Fahrt bzw. Rauhes Land, Nebelland lassen an eine Schlittenfahrt durch die verschneiten Weiten Russlands denken, deren Dimensionen und Schönheiten der Komponist mit großem Klangsinn einfängt. Unverwechselbar ist im Adagio cantabile seine erfindungsreiche Instrumentation: Einfach meisterhaft stellt er dem sehnsuchtsvollen Oboenthema zuerst in der Flöte, dann in den übrigen Holzbläsern eine Gegenmelodie an die Seite! Neben dem stimmungsvollen russischen Kolorit der lyrischen Themen und Motive prägt den Orchesterklang aber auch noch deutlich die deutsche klassisch-romantische Symphonietradition. So klingt der kreisend tänzelnde Hauptsatz des Scherzos ganz nach dem von Tschaikowsky bewunderten Schumann; die Walzerseligkeit des Trios und dessen schöne Melodie sind allerdings wieder ureigenster Tschaikowsky. Zunächst mit einer langsamen und düsteren Einleitung versehen, wird das kraftvolle und lebensbejahende Finale weniger von thematischem Erfindungsreichtum beherrscht als vom etwas zu sehr ins Reißerische ausgedehnten Prinzip der Steigerung.

Auch wenn der Komponist im Rückblick einiges an seiner Symphonie zu verbessern zu haben glaubte, blieb sie ihm zeitlebens ein Lieblingsstück, was er noch 1883 seinem Freund Konstantin Albrecht gestand: »Trotz aller hervorstechenden Mängel habe ich eine Vorliebe dafür: Denn sie ist eine Sünde aus meiner süßen Jugendzeit.«

Klaus Oehl

Juraj Valcuha, ein gebürtiger Slowake, ist seit November 2009 Chefdirigent des Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI Turin. Er studierte Komposition und Dirigieren in Bratislava, bei Ilya Musin in St. Petersburg und in Paris, wohin er 1998 übersiedelte. 2005 debütierte er beim Orchestre National de France. Er dirigierte in der darauf folgenden Saison Puccinis La Bohème in Paris und Bologna sowie Bartóks Herzog Blaubarts Burg in Lyon. Seitdem leitete Juraj Valcuha viele renommierte Orchester, darunter das Oslo Philharmonic, das Pittsburgh Symphony Orchestra, das Gewandhausorchester Leipzig und das Schwedische R adio-Symphonieorchester. Im Sommer 2009 eröffnete Juraj Valcuha die Saison der Münchner Philharmoniker und leitete das Orchester außerdem bei einem Gastspiel in Baden-Baden. Er debütierte bei der Staatskapelle Dresden und beim National Symphony Orchestra in Washington und stand am Pult des Philharmonia Orchestra London sowie des Pittsburgh Symphony Orchestra. In der vergangenen Saison leitete er u. a. eine neue Produktion von La Bohème am Teatro La Fenice in Venedig, dirigierte die Philharmoniker in München und Los Angeles sowie das Philharmonia Orchestra und gastierte mit dem Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI und Yo-Yo Ma als Solist bei den Abu Dhabi Classics. In diesen Konzerten gibt Juraj Valcuha sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern.


Nikolaj Znaider, einer der führenden Geiger unserer Zeit, ist als Solist, Kammermusiker und Dirigent gleichermaßen erfolgreich. Der Gast von Spitzenorchestern in aller Welt arbeitet u. a. mit den Dirigenten Daniel Barenboim, Sir Colin Davis, Gustavo Dudamel, Mariss Jansons, Lorin Maazel und Christian Thielemann zusammen. Seine Auftritte mit Solo-Repertoire und Kammermusik führen ihn in die bedeutendsten internationalen Konzertsäle. In der Saison 2008/2009 widmete ihm das London Symphony Orchestra ein »Artist Portrait«, das drei Orchesterkonzerte und einen Kammermusikabend umfasste. Als »Capell-Virtuos« der Staatskapelle Dresden in der aktuellen Spielzeit wird Nikolaj Znaider mit dem Orchester und dessen Mitgliedern als Solist und Dirigent sowie ebenfalls mit Kammermusik zu erleben sein. Seit Herbst 2010 ist der Künstler dem Orchester des Mariinskij-Theaters in St. Petersburg als Erster Gastdirigent verbunden. Darüberhinaus führen ihn Einladungen beispielsweise ans Pult der Münchner Philharmoniker, des Concertgebouworkest Amsterdam, der Tschechischen Philharmonie, des Russischen Nationalorchesters und des Los Angeles Philharmonic Orchestra. Bei den Berliner Philharmonikern gab Nikolaj Znaider sein Debüt Mitte Februar 2000 unter der Leitung von Paavo Järvi als Solist in Carl Nielsens Violinkonzert op. 33. Er musiziert auf der sogenannten Kreisler-Violine von Giuseppe Guarneri »del Gesù« aus dem Jahr 1741, die ihm das Königlich Dänische Theater – unterstützt durch die Velux Foundations und die Knud-Højgaard-Stiftung – als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt hat.


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