Andris Nelsons dirigiert klangmächtige Werke des 20. Jahrhunderts

So, 11. September 2011

Berliner Philharmoniker
Andris Nelsons

Gábor Tarkövi, Jan Schlichte

  • Hans Pfitzner
    Vorspiel zum 2. Akt der Oper Palestrina (00:07:43)

  • Heinrich Kaminski
    Dorische Musik (00:30:05)

  • Wolfgang Rihm
    Marsyas, Rhapsodie für Trompete mit Schlagzeug und Orchester (2. Fassung) (00:21:23)

    Gábor Tarkövi Trompete, Jan Schlichte Schlagzeug

  • Richard Strauss
    Suite aus der Oper Der Rosenkavalier (00:28:54)

  • kostenlos

    Dr. Winrich Hopp im Gespräch mit Dr. Helge Grünewald (16:54)

    Winrich Hopp, Helge Grünewald

Für die Berliner Morgenpost war es ein »sensationelles Debüt«, als Andris Nelsons im vergangenen Oktober erstmals mit den Berliner Philharmonikern konzertierte. Für seine Rückkehr hat er ein ebenso volltönendes wie interessantes Programm zusammengestellt. Es zeigt, dass die Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts sich nicht allein vom Glauben an Fortschritt und Moderne inspirieren ließen, sondern ebenso vom Blick in die Vergangenheit.

Hans Pfitzners Palestrina ist, wie das Thema der Oper nahelegt, von Anklängen an den Gregorianischen Choral durchsetzt und erhält - etwa im Vorspiel zum zweiten Akt - durch schmetternde Fanfaren einen markanten archaischen Anstrich. Im Zentrum der ersten Konzerthälfte steht die 1933 entstandene Dorische Musik von Heinrich Kaminski, die nur wenigen Musikfreunden bekannt sein dürfte. Kaminski, im Schwarzwald geboren und in Berlin ausgebildet, schafft hier ein atmosphärisches Werk, in dem barocke Grazie und spätromantischer Klangrausch eine glückliche Synthese eingehen.

Richard Strauss' Rosenkavalier wiederum beschwört die Welt des Wiener Rokoko herauf, ohne sich der Musik dieser Zeit zu bedienen. Samtige Linien, originelle Akzente, hin und wieder ein Walzer-Zitat: Das sind die Zutaten der mal glanzvollen, mal ironischen Szenen der Oper. Als einziges Werk des Abends ist Wolfgang Rihms Marsyas von 1999 musikalisch ganz in seiner Zeit zu Hause - eine Verarbeitung eines antiken Mythos, die spannungsreich zwischen freiem Rhapsodieren und zugespitzter Dramatik changiert. In den Solopartien sind zwei Mitglieder der Berliner Philharmoniker zu erleben: Gábor Tarkövi, Solo-Trompeter seit 2005, und der Schlagzeuger Jan Schlichte, der dem Orchester seit 1998 angehört.

»Kunde bringen vom Licht«

Philharmonischer Spätheimkehrer: Heinrich Kaminski, der vergessene Antipode von Strauss und Pfitzner

Die Musikgeschichte gleicht dem Weltall: wir kennen weder ihren Anfang noch ihr Ende, wir sehen nur einige wenige Sterne. Und wo ewige Nacht zu herrschen scheint, wähnen wir die Leere oder das Nichts. Doch auch die Finsternis ist voller Licht. Der größte dunkle Stern am Himmel der deutschen Musik heißt Heinrich Kaminski. Er ging um 1925 hell auf am Firmament, funkelte zehn Jahre und wurde gleichsam über Nacht verschluckt von den Mächten der Finsternis. Wenn die Berliner Philharmoniker nach 77 Jahren wieder Kaminskis Dorische Musik spielen, so liegt darin eine späte Bestätigung jener Weltanschauung, der Kaminski anhing und die heutzutage bestenfalls lächelnd hinter vorgehaltener Hand referiert wird, der Weltanschauung nämlich, dass der Geist stärker ist als die Materie. Der Geist lässt sich nicht töten. Und Musik dieser Größenordnung genauso wenig.

Kaminski wurde 1886 im Schwarzwald geboren und verbrachte nach 1921 die meiste Zeit seines Lebens in einer Holzhütte im oberbayerischen Ried. 1933 und 1938 floh er in die Schweiz, kehrte aber zu seiner sechsköpfigen Familie zurück. Nachdem ihn die Nazis anfangs geduldet hatten, verhängten sie aufgrund einer ominösen jüdischen Abstammung ein Aufführungsverbot seiner Werke. Von der Gestapo überwacht, blieb Kaminski weiterhin in Kontakt zur Widerstandsgruppe »Weiße Rose«. Nach 1945 fiel Kaminskis Musik dann der Avantgarde zum Opfer.

Kaminskis Bekenntnis zu Bach, Beethoven und Bruckner wirkt seltsam unzeitgemäß. Doch ist das kein Indiz ästhetischer Rückständigkeit oder nationaler Borniertheit – Kaminski bezog sich auf diese Tradition wegen ihres nicht eingelösten humanistischen Gehalts. Musik musste seiner Philosophie zufolge mehr sein als Unterhaltung oder Betäubung – sie sollte den Menschen motivieren, »den Wurzeln des Lebens und dem Sinn menschlichen Seins nachzuspüren«. Die Aufgabe des Komponisten sah er darin, »Kunde zu bringen vom Licht«.

Die 1934 vollendete Dorische Musik hat drei Sätze: Auf eine Toccata folgt der vom Streichtrio-Concertino beherrschte lyrische Mittelteil, am Ende steht ein pulsierend vorwärtsdrängender Satz, in den mehrere Adagio-Abschnitte integriert sind. Die Komposition gehört nur dem Schein nach zu jener neo-barocken Richtung, die damals Urständ feierte in Deutschland. Mithilfe einer polyfonen Verdichtung, die fast keine Füllstimmen kennt, mit extremen Tempo- und Rhythmuswechseln und permanent veränderten Vortragsbezeichnungen schafft Kaminski eine frei strömende Raummusik. Sie weist weit in die Zukunft, fesselt durch ihre einzigartige Mixtur aus eruptiver Energie und mystischer Versenkung.

Hans Pfitzners 1917 entstandene Oper Palestrina weist trotz gelegentlicher harmonischer Härten im 2. Akt unrettbar in Richtung Vergangenheit. Pfitzners Anliegen war es, das Erbe der Tradition gegen die »musikalische Impotenz« der Moderne zu verteidigen. Mit Blick auf das Sujet der Oper könnte man behaupten, hier agiere einer zwar als Konservativer, nicht aber als Reaktionär; will doch der Renaissance-Komponist Palestrina die mehrstimmige Kirchenmusik gegen die vom Papst verordnete Rückkehr zur gregorianisch untermalten Liturgie verteidigen. Die Mittel allerdings, die Pfitzner anwendet, sprechen eine andere Sprache: es ist die Sprache Wagners, vielfach mit kirchentonartlichen Ingredienzien durchsetzt.

Das Vorspiel zum 2. Akt des Palestrina schildert zunächst den Tumult auf dem Konzil von Trient 1563, bei dem sich Vertreter unterschiedlichster Lager an den Hals gehen. Diese Schilderung ist lärmend, dissonant zugespitzt, eine Karikatur zeitgenössischer Musik. Schon bald aber tritt, pathetisch vergrößert, das aus dem 1. Akt bekannte Thema des Konzils hervor, eine Verherrlichung der katholischen Kirche. Pfitzner schrieb – im Gegensatz zu Kaminski – keine Kirchenmusik, Rom bedeutete ihm lediglich eine weltliche Macht, ausgestattet mit faszinierenden ästhetischen Reizen. Somit entbehren selbst die »geistlichen« Elemente des Palestrina jeder zukunftsweisenden Tendenz – nichts von Offenbarung, Auferstehung, Erlösung. Der Komponist Pfitzner beherzigte in jeder Hinsicht die Anweisung des Librettisten Pfitzner: »Den Schlussstein zum Gebäude zu fügen sei bereit, das ist der Sinn der Zeit.«

Richard Strauss und Pfitzner mochten sich überhaupt nicht. Künstlerischer Art waren ihre Differenzen wohl kaum: Strauss dirigierte in Wien sogar den Palestrina, Pfitzner in Straßburg den Rosenkavalier. In gewisser Weise konkurrierten sie um die Gunst des bürgerlichen Publikums, der eine pessimistisch gestimmt, der andere artistisch über den Abgründen tänzelnd. Nach 1945 wurden die politischen Verstrickungen der VIP-Komponisten des Dritten Reiches kaum thematisiert; Pfitzners Musik geriet aufgrund ihrer schwerblütigen Romantik an den Rand, Strauss stieg endgültig zum Klassiker des 20. Jahrhunderts auf.

Möglicherweise war es Artur Rodziński, ein in den USA wirkender jüdisch-polnischer Dirigent, der 1945 die unter dem Namen des Komponisten publizierte Suite aus dem Rosenkavalier erstellte. Sie reiht ohne Pause und in krassen Schnitten verschiedene Szenen der 1911 uraufgeführten Erfolgsoper aneinander: die ersten zwölf Takte sind mit dem Beginn von Akt I identisch, dann folgen Rosenüberreichung, Lieblingswalzer des Ochs und kurze Ausschnitte von Ensemblenummern, am Ende erklingt ein schneller Walzer. In der brillanten Zurschaustellung einer Vergangenheit, die es nie gegeben hat, nämlich eines walzerseligen Wiener Rokoko, erweist sich Strauss als Vorläufer der Postmoderne.

Für einen politisch hellwachen Komponisten wie Wolfgang Rihm stellt die Person Strauss und dessen Spätwerk begreiflicherweise ein Problem dar. Rihm schätzt die Elektra und die frühen symphonischen Dichtungen, was Lieder betrifft, zieht er Pfitzner vor. Doch ist er auch mit Kaminski vertraut. Eine derart umfassende historische Bildung begünstigt nicht gerade Kreativität. Rihm jedoch findet im Rekurs auf die Tradition stets neue Wege. Wobei er, darin Kaminski vergleichbar, nicht an tradierten Formen klebt, sondern jedes Werk die ihm gemäße eigene Gestalt entwickeln lässt.

Marsyas für Trompete, Schlagzeug und Orchester entstand 1998 und wurde im Jahr darauf überarbeitet. Von der Story des sagenhaften, mit Apoll wettstreitenden Aulosspielers erfährt man nicht viel, eher befinden wir uns auf der Ebene symbolischer Deutungen: Marsyas erscheint als Allegorie des Gefühlsmusikers, der vor Apolls Intellekt kapitulieren muss. Der Musengott fordert ihn nämlich auf, gleichzeitig zu spielen und zu singen, was sich mit dem Aulos im Munde nicht gut machen lässt, dem Harfenspieler Apoll aber unschwer gelingt. Der bestrafte Marsyas erscheint darüber hinaus als der Schatten Apolls, als die uranfängliche Erfahrung des Leidens, die jeder Kunst eingezeichnet ist.

Die Komposition beginnt mit einem schmerzlichen Sforzato-Schlag. Es folgt sogleich die Trompete mit dem Hauptthema, das sich in fanfarenartigen Intervallsprüngen über schreitenden Streicherfiguren erhebt – seine Schönheit ist die der Vergänglichkeit, das Thema wird zerstückelt und in fragmentarischer Form von Blechbläsern und Streichern zitiert. Zu unheilvoll anschwellenden Orchesterklängen steuert der Solist die Katastrophe an, nicht ohne noch einmal die gleißende Schönheit des Hauptthemas zu beschwören.

Eine Art langsamer Satz wird immer wieder von Panikattacken der Trompete zerrissen. Das nahtlos sich anschließende Finale wiederholt die Sforzato-Figur des Beginns, dann reißt das Schlagzeug alles Geschehen an sich, das Orchester begleitet mit schroffen Einwürfen und martialisch rasenden Passagen, während der Solist hektisch durch diesen Aufruhr irrt. Gänzlich unerwartet und fernab von jeder archaisierenden Klangaura öffnet schließlich eine Jazz-Bar ihre Tür: Was soll das? Überwindung des klassischen Gegensatzes von Apoll–Marsyas, von Geist und Gefühl durch den Pop? Es ist nichts Geringeres als die Quadratur des kompositorischen Kreises. Rihms Musik bietet sinnlichen Genuss, verharrt aber nicht dabei. Unter der attraktiven Oberfläche gibt es immer eine Botschaft. Um welche Botschaft es sich handelt, das zu erkennen bleibt – wie im Falle Kaminski – dem Hörer überlassen.

Volker Tarnow

Andris Nelsons wurde als Kind einer Musikerfamilie in Riga geboren. Er begann seine Laufbahn als Trompeter im Orchester der Lettischen Nationaloper sowie als mit diversen Preisen ausgezeichneter Sänger (u. a. Großer Lettischer Musikpreis für herausragende Leistungen). Nach Abschluss eines Studiums in Riga wurde er Schüler von Alexander Titov in St. Petersburg; seit 2002 wird ervon Mariss Jansons unterrichtet. Von 2003 bis 2007 war Andris Nelsons Musikdirektor der Lettischen Staatsoper, im Folgejahr übernahm er in gleicher Funktion das City of Birmingham Symphony Orchestra. 2009 beendete der Künstler eine Tätigkeit als Chefdirigent der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford. In der vergangenen Spielzeit leitete Andris Nelsons Aufführungen am Royal Opera House Covent Garden, an der Metropolitan Opera New York sowie an der Wiener Staatsoper und wurde von allen drei Häusern zur weiteren Zusammenarbeit eingeladen. Bei den Bayreuther Festspielen debütierte er 2010 als Dirigent einer Neuproduktion des Lohengrin in der Regie von Hans Neuenfels. Zu den internationalen Spitzenorchestern, bei denen Andris Nelsons in der Vergangenheit bereits gastierte, zählen die Wiener Philharmoniker, das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Staatskapelle Berlin, das Tonhalle-Orchester Zürich, das Philharmonia Orchestra London, das Boston Symphony Orchestra und das New York Philharmonic Orchestra. Am Pult der Berliner Philharmoniker stand er erstmals Mitte Oktober 2010 bei drei Konzerten mit Werken von Alban Berg und Dmitri Schostakowitsch.

Jan Schlichte studierte von 1991 an in Frankfurt am Main, später an der Musikhochschule Trossingen. Dort wurde er von Franz Lang und Rainer Seegers, dem Pauker der Berliner Philharmoniker, unterrichtet. Seegers war neben Franz Schindlbeck auch sein Lehrer an der philharmonischen Orchester-Akademie. Umfangreiche Orchestererfahrung sammelte Jan Schlichte u. a. in der Jungen Deutschen Philharmonie und im Rundfunkorchester des Südwestfunks. Seit September 1998 gehört er den Berliner Philharmonikern an. Sein besonderes Engagement für die zeitgenössische Klavier-Schlagzeug-Kammermusik führte nach Konzerten auf verschiedenen Festivals zur Gründung des Ensembles KlangArt Berlin. Jan Schlichte musiziert außerdem im Kammerensemble für Neue Musik Berlin und mit dem Scharoun Ensemble Berlin. Als Dozent war er an einem musikpädagogischen Projekt in Venezuela beteiligt.

Gábor Tarkövi wurde 1969 in Esztergom (Ungarn) geboren. Er studierte von 1987 an bei György Geiger an der Hochschule »Franz Liszt«, später bei Frigyes Varasdy an der Musikakademie in Budapest. Zu seinen wichtigsten Lehrern zählt er jedoch György Kurtág und Hans Gansch. Erste Engagements führten Gábor Tarkövi an die Württembergische Philharmonie Reutlingen sowie als Solo-Trompeter zum Berliner Sinfonie-Orchester und zum Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks. Seit 2005 gehört er in gleicher Position den Berliner Philharmonikern an. Neben seiner Tätigkeit im Orchester ist er Mitglied der österreichischen Blechbläserensembles Pro Brass, in der Austrian Brass Connection und im Wien-Berlin Brass Quintett. Kammermusikalische und solistische Verpflichtungen führten Gábor Tarkövi in viele Länder Europas, in die USA sowie nach Japan. Er unterrichtet außerdem an der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker und gibt regelmäßig Meisterkurse in Ungarn, Deutschland, Österreich und der Schweiz.


musikfest berlinIn Zusammenarbeit mit dem musikfest berlin 11

Testen Sie die Digital Concert Hall

Testen Sie die Digital Concert Hall

Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

Kostenloses Konzert ansehen