Simon Rattle dirigiert »Weltethos« von Jonathan Harvey und Hans Küng

  • Jonathan Harvey
    Weltethos für Sprecher, gemischten Chor, Kinderchor und großes Orchester. (1:20:17)

    Dale Duesing Sprecher, Rundfunkchor Berlin, Simon Halsey Einstudierung und Co-Dirigent, Kinderchor des Händel-Gymnasiums Berlin, Jan Olberg Einstudierung, Hans Küng Konzept und Text

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    Simon Halsey über die Uraufführung des »Weltethos« von Jonathan Harvey (09:41)

    Simon Halsey

»Kein Friede zwischen den Nationen ohne Friede zwischen den Religionen« - dieser Leitsatz des Schweizer Theologen Hans Küngs liegt auch seinem Textbuch zum Chorwerk Weltethos zugrunde. Das von Jonathan Harvey vertonte Werk wird mit diesem Konzert von den Berliner Philharmonikern und Sir Simon Rattle uraufgeführt.

Küng zufolge sind die politischen und ökologischen Herausforderungen der Zukunft nur mit einem alle Kulturen überspannenden Grundkonsens zu bewältigen. Weltethos ist die Vision dieser Übereinkunft, basierend auf den verbindenden Werten der Weltreligionen. Diese werden durch Texte über Konfuzius, Moses, Mohammed, Buddha und Jesus sowie durch Hinduschriften vermittelt. Das Ergebnis soll, so Küng, kein »Religionen-Potpourri« sein, sondern eine universelle Botschaft von Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Partnerschaft.

Der Komponist Jonathan Harvey ist in den Worten Simon Rattles »der vermutlich spirituellste britische Komponist«. Darüber hinaus prädestiniert ihn seine Kenntnis der indischen, chinesischen und arabischen Musik für dieses Projekt in einzigartiger Weise. Harvey ist ein guter Bekannter der Berliner Philharmoniker und des Berliner Rundfunkchors, seit die Musiker vor fünf Jahren unter Rattles Leitung die deutsche Erstaufführung von Harveys Madonna of Winter and Spring realisierten. Zuletzt war er im März 2008 zur Uraufführung seines Chorwerks Messages in der Philharmonie zu Gast.

Eine Vision in Musik

Jonathan Harveys Weltethos

»An einem Tag im Jahr 2006«, erinnert sich Jonathan Harvey, »erhielt ich einen Anruf von der Intendantin der Berliner Philharmoniker, Pamela Rosenberg. Sie fragte mich, ob ich für das Orchester ein abendfüllendes Werk mit Chor von etwa 90 Minuten Aufführungsdauer schreiben wollte. […] Es ginge, fuhr sie fort, um die Idee eines der weltweit bekanntesten Theologen. Dieser war an sie mit einem Projekt herangetreten, das Simon Rattle und dem Orchester sehr gefallen habe, und sie suche nun nach einem geeigneten Komponisten.«

Jener Theologe war Hans Küng, Initiator und Präsident der 1995 gegründeten Stiftung Weltethos, welche es sich zum Ziel gesetzt hat, auf der Basis elementarer ethischer Werte für einen globalen Bewusstseinswandel einzutreten und Frieden zwischen den Religionen zu stiften. »Diese Werte«, so Küng, »finden sich in allen großen religiösen und philosophischen Traditionen der Menschheit. Sie müssen nicht neu erfunden, wohl aber den Menschen neu bewusst gemacht, sie müssen gelebt und weitergegeben werden.« Wichtiges Beispiel hierfür ist die sogenannte »Goldene Regel«, die in allen großen Weltreligionen und -philosophien in unterschiedlichem Wortlaut zu finden ist: »Tue nicht anderen, was du nicht willst, dass sie dir tun« (Rabbi Hillel, Sabbat 31a); in den Worten von Konfuzius lautet sie: »Was du selbst nicht wünschst, das tue auch nicht anderen Menschen an« (Gespräche 15,23). Dabei schreckte Küng nicht, dass die Menschheit in der Realität von einem derartigen Handeln weit entfernt ist: »Natürlich wird diesen Normen ständig zuwidergehandelt. Das Ethos ist kein Istzustand, es ist ein Sollzustand, trotzdem nicht graue Theorie, sondern eine sehr praktische Sache.«

Dass Harvey mit der Vertonung des visionären Librettos betraut wurde, hatte mehrere Gründe. Einerseits war der britische Komponist in Berlin längst kein Unbekannter mehr, andererseits war Harvey für ein inhaltlich derart ambitioniertes Projekt insofern besonders geeignet, als er dem »L’art pour l’art« einer mechanistisch konstruierten Musik von jeher ablehnend gegenüberstand: »Ich denke, Musik hat eine wichtige Rolle in der Gesellschaft zu spielen, weil sie meiner Meinung nach die spirituellste aller Künste ist.«

Mit Weltethos nach Küngs Libretto komponierte Harvey ein groß dimensioniertes Orchesterwerk mit Sprecher, gemischtem Chor, Kinderchor und Orgel, dessen sechs Sätze jeweils verschiedenen religiösen bzw. philosophischen Lehren gewidmet sind: dem Konfuzianismus sowie den fünf großen Weltreligionen Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam. »Der Text von Hans Küng«, so Harvey, »ist formal wie ein gewaltiges Lied mit sechs ähnlichen Strophen angelegt. Jede bildet einen eigenen Satz der Komposition. Alle Sätze werden in der Regel von einem Orchestervorspiel eingeleitet. Anschließend stellt der Sprecher die jeweilige Kultur und ihre zentrale Leit- und Stifterfigur vor und berichtet von den ethischen Grundideen, die diese formuliert hat. Drittens erforschen Chor und Orchester in einem schattenhaften Geflüster einige der Wortklänge des Sprechers. Viertens folgen ergänzende Kommentare des Chors. Fünftens gibt es einen Hauptgesang des Chors, dem eine der bedeutendsten Schriften der jeweiligen Kultur zugrunde liegt. Sechstens folgt der Refrain des Kinderchors, zu dem – wie zu den anderen Teilen auch – das Orchester spielt.«

Im ersten, »konfuzianischen« Satz (»Menschlichkeit«), zu dessen Beginn ein leiser Orgelklang allmählich aufgebaut wird, der in eine grundierende Streicherklangfläche mündet, komponierte Harvey eine Musik, »in deren Struktur es zu zahlreichen Spiegelungseffekten kommt, die die musikalischen Theorien des alten China repräsentieren. Der Himmel wurde als ein idealisiertes Spiegelbild der Erde verstanden, und die Musik offenbarte die Harmonie, die zwischen ihnen bestehen könnte. Dies ist eine Musik, die philosophische Gedanken zum Ausdruck bringt und keine persönlichen Leidenschaften, was in sich wiederholenden Spielfiguren und aufwärts gerichteten Passagen in unterschiedlichen, aber aufeinander bezogenen Tempi zum Ausdruck gebracht wird.«

Der zweite Satz (»Goldene Regel«), welcher der jüdischen Religion gewidmet ist, bezieht sich auf die Geschichte von Moses auf dem Berg Sinai, der in Zwiesprache mit Gott durch die zehn Gebote »die bedeutendsten ethischen Grundsätze« erhielt, »die je verfasst wurden«. Die hier zum Ausdruck kommende Emotionalität steht in deutlichem Gegensatz zur »objektiven« Philosophie Konfuzius’, weshalb sich auch der Charakter der Musik – trotz mancher Reminiszenzen aus dem ersten Satz – ändert, etwa wenn in ausgedehnten Holzbläserglissandi der leidenschaftliche Charakter der traditionellen jüdischen Musik anklingt.

Der dritte Satz (»Gewaltlosigkeit«) wurde vom Gott Nataraja inspiriert, in dessen Gestalt Shiva seinen kosmischen Tanz vollführt, der den immerwährenden Prozess von Schöpfung, Zerstörung und Wiedererschaffung des Universums symbolisiert. Von ihm kündet die Bhagavad Gita, eine der zentralen Schriften des Hinduismus, die laut Harvey »eine der profundesten Anleitungen zu einem ethischen Leben« darstellt. Der Satz, dessen anfängliches Fugato durch »indische Glissandi schließlich aufgelöst wird« (Harvey), ist nicht wie die traditionelle indische Musik monodisch angelegt, wenngleich die typischen engräumigen Umspielungen einer Melodielinie mit Nachschlägen, Trillern oder Gleitbewegungen verschiedenster Art durchaus imitiert werden. Mit Passagen von »größter Zartheit und Innigkeit« wird aber auch der für den Hinduismus charakteristische Aspekt von Meditation und Mantra aufgegriffen.

Von »östlichem« Charakter ist auch der musikalische Tonfall des vierten Satzes (»Gerechtigkeit«) geprägt. In diesem Teil kommt es erstmals zu längeren A-cappella-Passagen, in denen Ausschnitte aus dem Koran in sakral anmutenden Harmonien gesungen werden, wobei sich der musikalische Satz zuweilen in bis zu 14 verschiedene Stimmen aufspreizt. »Die Gefahr einer entstellenden westlichen Kultureinmischung«, so Harvey, »besteht bei der Vertonung des Koran in besonderem Maß. Denn derartige Vertonungen gibt es nicht. [...] Der Koran ist untrennbar mit seiner feierlichen Rezitation verbunden. […] Da ich eine deutsche Übersetzung vertont habe, trafen diese Einschränkungen allerdings nicht wirklich zu, so dass ich […] den Text als homofonen A-cappella-Chor vertont habe, sehr langsam und ohne musikalische ›Hilfestellungen‹.«

Der fünfte Satz (»Wahrhaftigkeit«) ist dem Buddhismus gewidmet – jenem Heilsweg, in dem der Mensch durch das Ablegen der Ich-Bezogenheit zu einer Selbstlosigkeit finden soll, die von einem allumfassenden Mitleid bestimmt wird. Der Satzverlauf wird von einer bewegteren Musik mit Trillerketten und perkussiven Klängen der Streichinstrumente geprägt, welche auf den »konfuzianischen« ersten Satz Bezug nimmt. »Dann«, so der Komponist, »mündet der temporeiche musikalische Verlauf in ausgelassene Freude: Buddhistische Befreiung vom Leiden kann sehr überschwänglich sein.«

»Der letzte, dem Christentum gewidmete Satz«, fährt Harvey fort, »wandelt sich von einer lyrischen, warmen Musik, die sich immer wieder vor dem Vorhang eines kosmischen Kontinuums entfaltet, das durch sehr langsam wechselnde, (›ewig‹) ausgehaltene hohe Töne symbolisiert wird, zu einer Art von bachschem Choralpräludium (schnelle Klangfiguren im Orchester und ein langsames, kräftiges Glaubensbekenntnis in Chor und Kinderchor).« Nach Zitaten aus dem 1. Korintherbrief und dem drängenden Bekenntnis »Wir Kinder haben Zukunft, wenn wir Menschen bleiben, Menschen mit Vernunft und Herz. Lasst uns Menschen menschlich sein!«, werden u. a. Passagen aus dem zweiten und dritten Satz aufgegriffen. Wie in einer Coda nimmt die Musik abschließend einen ruhig-pulsierenden Charakter an. All dies«, so Harvey, »wird von einem tiefen Orgelpunkt grundiert. Dieser alles vereinigende Orgelpunkt hält den musikalischen Verlauf in ruhevoller Stase, während Musik- und Textpassagen aus den vorhergehenden Sätzen in die finale Synthese eines universellen Weltethos’ einfließen.«

Harald Hodeige

Dale Duesing stammt aus den USA, wo er zunächst in Milwaukee Klavier studierte, bevor er an der Lawrence University (Wisconsin) zum Gesang wechselte. Er ist einer der international führenden Sänger im Baritonfach und feierte zahlreiche Erfolge an bedeutenden Opernhäusern (u. a. Metropolitan Opera in New York, San Francisco Opera, Chicago Lyric Opera, Mailänder Scala, Staatsopern in Wien, München und Berlin) sowie als Gast von Spitzenorchestern in aller Welt, z. B. derjenigen in New York, Chicago und Boston oder des Concertgebouworkest Amsterdam und des BBC Symphony Orchestra, London. Daneben verpflichten ihn die Salzburger Festspiele und das Glyndebourne Festival regelmäßig. Der Gewinner zahlreicher Preise arbeitete mit Dirigenten wie Leonard Bernstein, James Levine, Bernard Haitink, Herbert von Karajan und Seiji Ozawa zusammen. Sein beeindruckendes Repertoire reicht von Monteverdi (Die Krönung der Poppea) bis zu Trojahn (Was ihr wollt) und Widmann (Das Gesicht im Spiegel). Nach seinem Debüt bei den Berliner Philharmonikern Mitte Juni 2006 unter der Leitung von Sir Simon Rattle als Alberich in einer konzertanten Aufführung von Richard Wagners Rheingold sang er hier zuletzt in den ebenfalls von Sir Simon dirigierten Konzerten zu Jahresende 2006 die Partie des Faninal im Finale des Rosenkavalier[s?] von Richard Strauss.

Simon Halsey, seit April 2001 Chefdirigent des Rundfunkchors Berlin, genießt weltweit einen ausgezeichneten Ruf als Chorerzieher von Profi- und Amateur-Ensembles. 1958 in London geboren, besuchte er traditionsreiche englische Chorschulen (New College, Oxford; King’s College, Cambridge) und wurde nach einem Dirigier-Studium am Royal College of Music (London) und einer Assistenz an der Royal Scottish Opera (Glasgow) mit 22 Jahren Musikalischer Leiter der University of Warwick. Auf internationale Resonanz stieß Simon Halsey erstmals in der Zusammenarbeit mit Sir Simon Rattle und dem City of Birmingham Symphony Chorus, den er seit 1982 leitet und der heute zu den renommiertesten englischen Laien-Vokalensembles zählt. Auf Initiative Simon Rattles gründete Simon Halsey die European Voices, einen jungen professionellen Chor, der ebenfalls bereits mehrfach in Konzerten der Berliner Philharmoniker mitgewirkt hat. Von 1989 bis 1994 war er Künstlerischer Leiter des Salisbury International Arts Festival und Chordirektor der Vlaamse Opera Antwerpen sowie in den Jahren 2002 bis 2008 Chefdirigent des Groot Omroepkoores Hilversum. Seit 2009 lehrt er als Gastdozent an der University of Minnesota. Die University of Central England in Birmingham verlieh ihm in Anerkennung seiner vielfältigen Verdienste um das Musikleben der Stadt im Juni 2000 die Ehrendoktorwürde; für seine herausragenden Bemühungen um die Chormusik in Deutschland erhielt er 2010 das Bundesverdienstkreuz.

Die Kinderchöre des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums Berlin gehören als feste Bestandteile zum musikorientierten Profil der Schule. Geleitet von Jan Olberg (Kinderchor Georg Friedrich Händel) und Carsten Schultze (Rundfunk-Kinderchor) und unterstützt durch ein gleichermaßen erfahrenes wie kompetentes Team von Musiklehrern und Stimmbildnern, erarbeiten die beiden Vokalensembles ein breit gefächerte Repertoire vom klassischen Kinderlied bis hin zu großen chorsymphonischen Werken. Konzertauftritte unter Dirigenten wie Zubin Metha, Claudio Abbado oder Eliahu Inbal tragen zur Stilsicherheit der Chöre ebenso bei wie die Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern oder dem RIAS Kammerchor. Teilnahmen an nationalen und internationalen Wettbewerben sowie Konzerttourneen führten beide Chöre durch ganz Europa und in die Musikmetropolen anderer Kontinente.


Der Rundfunkchor Berlin, 1925 gegründet, prägte unter Dirigenten wie George Szell, Hermann Scherchen, Otto Klemperer und Erich Kleiber musikalische Sternstunden der 1920er- und 1930er-Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte er mit seinem Chefdirigenten Helmut Koch die Oratorien Händels erstmals in der Originalgestalt international bekannt. Dietrich Knothe (1982 – 1993) formte den Chor zu einem Präzisionsinstrument für schwierigste Literatur; Robin Gritton (1994 – 2001) bereicherte und verfeinerte die Farbpalette des Ensembles. Seit 2001 leitet Simon Halsey den Rundfunkchor Berlin. Er legt besonderes Gewicht auf die stilistisch und sprachlich perfekte, dabei lebendige und mitreißende Wiedergabe von Werken aller Epochen und Stile. Eine rege Aufnahmetätigkeit und viele Auszeichnungen dokumentieren diese Arbeit: So erhielt die gemeinsam mit den Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Kent Nagano entstandene CD-Veröffentlichung von Kaija Saariahos Oper L’amour de loin einen »Grammy Award« 2010 als beste Opernaufnahme. Simon Halsey, der im Januar dieses Jahres mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurde, initiierte außerdem zahlreiche Projekte des Chores im Bildungs- und Erziehungsbereich, die interdisziplinäre Veranstaltungsreihe Broadening the Scope of Choral Music sowie einmal im Jahr ein großes Mitsingkonzert. In diesem Jahr startete der Rundfunkchor Berlin das Pilotprojekt SING!, mit dem in Berliner Grundschulen das Singen in allen Unterrichtsfächern etabliert werden soll Das Vokalensemble ist Partner führender Orchester und Dirigenten in aller Welt; langjährige Kooperationen verbinden ihn mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem Deutschen Symphonie-Orchester und den Berliner Philharmonikern. Bei ihnen gastierte der Rundfunkchor Berlin zuletzt Mitte September dieses Jahres in drei Konzerten unter der Leitung von Sir Simon Rattle mit A-cappella-Werken von Thomas Tallis und Antonio Lotti sowie Gustav Mahlers Achter Symphonie.


EMISir Simon Rattle tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von EMI Classics auf.

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Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

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