Pablo Heras-Casado debütiert mit Mendelssohns schottischen Reisebildern

  • Felix Mendelssohn Bartholdy
    Ouvertüre h-Moll op. 26 »Die Hebriden« (00:12:58)

  • Karol Szymanowski
    Symphonie Nr. 4 für Klavier und Orchester op. 60 »Symphonie concertante« (00:32:29)

    Marc-André Hamelin Klavier

  • Luciano Berio
    Quatre dédicaces für Orchester (00:15:16)

  • Felix Mendelssohn Bartholdy
    Symphonie Nr. 3 a-Moll op. 56 »Schottische« (00:48:06)

  • kostenlos

    Pablo Heras-Casado im Gespräch mit Madeleine Carruzzo (16:06)

    Pablo Heras-Casado, Madelaine Carruzzo

Wenn Sie einem vielseitigen Musiker begegnen möchten, sollten Sie sich dieses Konzert nicht entgehen lassen, mit dem der spanische Dirigent Pablo Heras-Casado bei den Berliner Philharmonikern debütiert. Auf der Website des erst 33-jährigen Künstlers findet sich eine beeindruckend lange Repertoireliste mit Musik aller Epochen und Länder - von Tielman Susato (ca. 1510-1570) bis zu Komponisten der jüngsten Generation. Dass nicht allein Breite, sondern auch Tiefe das Können von Heras-Casado bestimmt, zeigt zudem das weltweite Kritikerecho auf dieses »superbe neue Podiumstalent« (San Francisco Chronicle).

Heras-Casados Konzert wird durch Werke eingerahmt, zu denen sich Felix Mendelssohn während einer Schottlandreise im Jahr 1829 inspirieren ließ: die Ouvertüre Die Hebriden und Mendelssohns »Schottische« Symphonie. Mendelssohn hat selbst bestätigt, dass die intensiven Stimmungen und Farben dieser Musik ein Reflex seiner Reiseeindrücke sind. Wer hier allerdings Zitate echter Volksmusik vermutet - etwa in der Dudelsack-Pentatonik im zweiten Satz der Symphonie -, liegt falsch. Denn für genuine Folklore hatte der Komponist durchaus nichts übrig, wie er aus Schottland schrieb: »Zahnschmerzen habe ich leider davon«.

Eingebettet in diese Werke sind zwei Kompositionen des 20. Jahrhunderts: Luciano Berios virtuose Orchesterminiaturen Quatre dédicaces, die hier zum ersten Mal von den Berliner Philharmonikern gespielt werden, und Karol Szymanowskis Vierte Symphonie. Szymanowski, eine Vaterfigur der modernen polnischen Musik, schafft hier ein impressionistisch-raffiniertes Werk, das mit seinem virtuosen Klavierpart  – gespielt vom kanadischen Starpianisten Marc-André Hamelin – über weite Strecken die große Tradition des romantischen Solokonzerts heraufbeschwört.

Frühwerke, Spätwerk und Einblick in ein vielseitiges Œuvre

Kompositionen von Mendelssohn, Szymanowski und Berio

Felix Mendelssohn Bartholdy: schottisch inspiriert

Felix Mendelssohn Bartholdy reiste im Frühjahr 1829 im Alter von 20 Jahren zum ersten Mal nach England. In London gab er mit großem Erfolg Konzerte als Pianist und stellte sich als Dirigent eigener Werke vor. Im Juli brach er dann zu einer Reise in die schottischen Northern Highlands auf. Zunächst besuchte er Edinburgh. An seine Familie in Berlin schrieb Felix: »In der tiefen Dämmerung gingen wir heute nach dem Palaste, wo Königin Maria gelebt und geliebt hat. Es ist da ein kleines Zimmer zu sehen mit einer Wendeltreppe an der Tür. Da stiegen sie hinauf und fanden den Rizzio im kleinen Zimmer, zogen ihn heraus, und drei Stuben davon ist eine finstre Ecke, wo sie ihn ermordet haben. Der Kapelle daneben fehlt nun das Dach, Gras und Efeu wachsen viel darin, und am zerbrochenen Altar wurde Maria zur Königin von Schottland gekrönt. Es ist da alles zerbrochen, morsch, und der heitere Himmel scheint hinein. Ich glaube, ich habe heut da den Anfang meiner ›Schottischen Symphonie‹ gefunden.«

Von den ersten Skizzen aus dem Jahr 1829 bis zur Fertigstellung der Symphonie vergingen dann fast 13 Jahre. Auch mit der Konzertouvertüre Die Hebriden h-Moll op. 26 tat Mendelssohn sich nicht leicht. Die Anregung zu der Komposition kam von einem Besuch der Hebriden-Insel Staffa. Hier schrieb der Komponist die ersten 20 Takte der Ouvertüre in Particellform nieder. In Italien stellte er 1830 dann eine erste Fassung her, die ihn aber nicht zufriedenstellte. Im Februar des Jahres 1832 war die zweite Fassung des Werks fertig, im Mai wurde sie in London aufgeführt. Mendelssohn war indes erst mit der dritten Version zufrieden, die er am 10. Januar 1833 in einem Konzert in Berlin vorstellte.

In beiden Werken schafft Mendelssohn einen besonderen Zusammenhang: Im Fall der Hebriden-Ouvertüre ist dieser thematischer Art. Das Werk »ist ein ausgedehnter Sonatenhauptsatz in der für Mendelssohn typischen, stark individualisierten Ausprägung dieses Formschemas. Das zentrale Motiv erscheint als Kerngedanke in etlichen Abwandlungen« (Wulf Konold). Die Symphonie Nr. 3 a-Moll op. 56 bildet eine Einheit: Die vier Sätze sollen attacca, also ohne Unterbrechung gespielt werden. Die Absicht war, »mit den stimmungsmordenden Pausen zwischen den Sätzen aufzuräumen«, wie Mendelssohn in einem Brief an Johann Georg Droysen schrieb. Die Symphonie präsentiert sich als Werk in vier Abschnitten: mit einer ausgedehnten Einleitung und schnellem Hauptsatz (Andante con moto – Allegro un poco agitato), einem bewegten Scherzo, einem langsamen dritten Satz (Adagio) sowie einem Finale, das ursprünglich Allegro guerriero, kriegerisches Allegro, heißen sollte; er beginnt Allegro vivacissimo und endet triumphal mit einem breiten Allegro maestoso assai.

Karol Szymanowski: »unbehaust« zwischen Tradition und Fortschritt

»Zwischen den Zeiten ist’s vielleicht spannender als mittendrin«, schrieb Hans-Klaus Jungheinrich 1982 in der Frankfurter Rundschau – als man die Musik der »Zonen, Bruch- und Nahtstellen zwischen Spätromantik und Moderne« entdeckte. Den 1882 geborenen Polen Karol Szymanowski charakterisierte Jungheinrich als einen »typischen Schwellenkünstler, einen Unbehausten zwischen Tradition und Fortschritt (oder besser: leerem Gelände)«. Zunächst von Wagner, Reger und Strauss beeinflusst, schloss sich Szymanowski zwar der Vereinigung »Junges Polen« an, ging aber immer eigene, eigenwillige Wege. Volksmusikelemente nahm er bewusst nicht in seine Musik auf, erst in seiner späten Phase ließ er sich von ihnen inspirieren. Szymanowskis letzte Schaffensperiode (1921–1934) wird daher oft als »polnische« oder »nationale« Phase bezeichnet.

Die Symphonie Nr. 4 für Klavier und Orchester op. 60 entstand 1932. Formal ist sie nicht eindeutig zuzuordnen: eine Mischung aus (symphonischem) Klavierkonzert und Symphonie, eben eine »Symphonie concertante« wie der Untertitel nahelegt. Das Klavier wird mal als Soloinstrument im klassischen Sinne eingesetzt, mal ist es »nur« in der Rolle eines Mitspielers zu hören. Im Übrigen werden auch andere Instrumente solistisch positioniert. Den Klavierpart schrieb Szymanowski für sich selbst unter Berücksichtigung seiner pianistischen Fähigkeiten.

Dem Musikwissenschaftler Zdzisław Jachimecki gab Szymanowski in einem Brief einige Erläuterungen zur Vierten Symphonie: »1. Satz (F-Dur – 3/4 Alla moderato). In einer dem Sonatenhauptsatz sehr verwandten Form (aber nicht identisch), also 1. Thema, Seitenthema, 2. Thema, verkürzte Durchführung und Reprise; kurze Coda. Die allgemeine Stimmung ist sehr heiter, fast fröhlich. […] 2. Satz (4/4 Lento sostenuto). Außerordentlich lyrisch, fast sentimental (Anfang). Eine breite Melodie für Flöte solo, später Violine solo – Klavier begleitet eigentlich. Danach (Klavier bereits selbständig) das große Crescendo und ff fast dramatisch – dann Beruhigung, gegen Ende Erinnerung an das Hauptthema des 1. Satzes. Es geht vollständig ins [3.] Finale (3/8) Alla agitato – non troppo im Rhythmus [des polnischen Volkstanzes] Oberek […] über. Man könnte darin eine lose Analogie mit der Form eines Rondos erblicken. Im Charakter eines äußerst belebten – zeitweise fast orgiastischen – Tanzes. In der Mitte eine kurze Episode (Klavier solo), eine Art Mazurka (andantino), Coda sehr ›brillante‹. Im Ganzen ist das Klavier dominierend, fast schon an der Grenze zum Konzert (ausgenommen den Anfang des 2. Satzes, wo es einen Augenblick lang eher zum begleitenden Instrument wird). Das Orchester ist klassisch besetzt (doppeltes Holz, 4 Hörner, 3 Trompeten und Harfe – viel Schlagwerk – insbesondere im Finale). Die Instrumentation ist sehr durchsichtig – viele Abschnitte für Soloinstrumente (Flöte). Der allgemeine Charakter ist sehr lechisch [polnisch] – wie Du das nennst.«

Luciano Berios Quatre dédicaces – nur auf den ersten Blick Petitessen

Zwischen 1978 und 1989 schrieb Luciano Berio – einer der originellsten und auch undogmatischsten Komponisten des 20. Jahrhunderts – für ähnliche Anlässe vier kurze, groß besetzte Orchesterwerke. Encore, 1978 komponiert und 1981 revidiert, entstand für das Rotterdamer Philharmonische Orchester anlässlich seines 60-jährigen Bestehens, Entrata 1980 für das San Francisco Symphony Orchestra und seinen Chefdirigenten Edo de Waart, Fanfara 1982 für das Orchester der RAI Rom. Festum war 1989 ein Auftragswerk des Dallas Symphony Orchestra zur Eröffnung des Morton Myerson Symphony Center. Sein Assistent Paul Roberts schlug dem Komponisten vor, die vier Stücke zu einem Zyklus zusammenzufügen. Zur Realisierung der Idee kam es jedoch erst nach Berios Tod (2003): Pierre Boulez legte die Anordnung des Zyklus fest und gab ihm den passenden Titel Quatre dédicaces (Vier Würdigungen).

Berio selbst hat sich zu zwei der vier Stücke geäußert: »Encore [...] ist ein kurzes ›jeux d’esprit‹, ein Bravourstück für Orchester, das – wie der Titel andeutet – besonders für eine Aufführung am Ende eines Konzerts geeignet ist. […] Der erste Teil arbeitet mit einem Text von Italo Calvino, im zweiten wird er transformiert und ›dekonstruiert‹. Entrata [...] soll Musikern ermöglichen, ihre bravouröse Beherrschung des Instrumentalspiels zur Schau zu stellen. Das Wort Entrata bedeutet ›kurzes, einführendes Stück Musik festlichen, feierlichen Charakters‹«

Schon beim ersten Hören gibt es in den vier Miniaturen viel zu entdecken: Fanfara kommt gleichsam aus dem Nichts und gewinnt erst allmählich seine Gestalt. Der Komponist »enttäuscht« unsere Erwartungen, indem er gerade nicht den festlich-zeremoniellen Blechbläserklang liefert, den der Titel evoziert. Starke Blechbläserbeteiligung und unterschiedliche Formen von Heterofonie finden sich in den spielerisch wirkenden, stark pulsierenden Mittelstücken Entrata und Festum aber auch im »Finale« Encore, das motorische Züge und Jazz-Anklänge hat und am Ende gleichsam ausatmend verklingt.

Helge Grünewald

Marc-André Hamelin wurde 1961 in Montreal geboren. Seine oft außergewöhnlichen Konzertprogramme stellen bevorzugt selten gespielte Werke wenig bekannter Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts vor. Stücke von Godowski, Catoire, Bolcom, Ives, Ornstein, Kapustin, Sorabji und Rzewski finden sich ebenso in seinem Repertoire wie diejenigen von Bach, Beethoven, Haydn, Liszt, Mozart, Schubert, Skrjabin und Rachmaninow. Aufsehen erregten seine Interpretationen der Musik von Charles Valentin Alkan und Paul Dukas. Marc-André Hamelin tritt regelmäßig in bedeutenden internationalen Musikzentren wie der New Yorker Carnegie Hall, der Wigmore Hall in London und La Monnaie in Brüssel auf. Als Konzertsolist arbeitet er u. a. mit dem New York Philharmonic, dem Philadelphia Orchestra, dem London Philharmonic Orchestra, dem Tonhalle-Orchester Zürich, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und dem Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI (Italien) zusammen. Mit dem Indianapolis Symphony Orchestra brachte er Ende 2010 Claude Bakers Klavierkonzert From Noon to Starry Night zur Uraufführung. Marc-André Hamelins Partner im kammermusikalischen Bereich sind beispielsweise die Geigerin Midori und die Musiker des Takács Quartetts. Für seine Einspielungen wurde der Pianist vielfach ausgezeichnet, vor wenigen Wochen erst zum wiederholten Mal von den Juroren des Deutschen Schallplattenpreises, die ihm für seine CD Études mit eigenen Werken einen Jahrespreis 2011 verliehen. Der Künstler ist Mitglied der Royal Society of Canada; 2003 wurde er zum »Officer of the Order of Canada«, 2004 zum Ritter der Stadt Québec ernannt. Nach seinem Debüt-Recital auf Einladung der Berliner Philharmoniker 1998 im Kammermusiksaal und einem gemeinsamen Auftritt mit Leif-Ove Andsnes als Klavierduo in unserer Reihe Pianist in Residence Mitte Dezember 2010 ist Marc-André Hamelin nun erstmals als Solist des Orchesters zu erleben.

Pablo Heras-Casado wurde in Granada geboren. Der junge Dirigent kann auf eine steile internationale Karriere zurückblicken und arbeitet mit so renommierten Orchestern wie dem City of Birmingham Symphony Orchestra, dem Orchestre Philharmonique de Radio France, dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, der Staatskapelle Dresden, dem NHK Symphony Orchestra, dem Cleveland Orchestra und dem Boston Symphony Orchestra, aber auch mit Spezialensembles wie dem Freiburger Barockorchester zusammen. Dem Los Angeles Philharmonic, dem San Francisco Symphony Orchestra, dem Tonhalle-Orchester Zürich und auch dem Mostly Mozart Festival in New York ist Pablo Heras-Casado bereits seit längerem als Gastdirigent verbunden. Sein Repertoire spannt einen Bogen von der Renaissance bis zu zeitgenössischen Kompositionen, von der Kammermusik bis zur Opernliteratur in all’ ihren Facetten: So dirigierte er im Mai 2011 am Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel die Uraufführung von Toshio Hosokawas Matsukaze in einer Produktion mit Sasha Waltz & Guests sowie dem Vocalconsort Berlin, die anschließend auch in Warschau, Luxemburg und an der Staatsoper Berlin zu sehen war. Von dem ausgeprägten Interesse Pablo Heras-Casados an zeitgenössischer Musik zeugt auch die Zusammenarbeit mit dem Ensemble ACJW an der Carnegie Hall, dem Ensemble Modern in Frankfurt, dem Klangforum Wien und dem Collegium Novum Zürich. Mit seiner Interpretation von Stockhausens Gruppen gewann er 2007 den von Pierre Boulez und Peter Eötvös als Jury-Vorsitzenden betreuten Dirigentenwettbewerb des Lucerne Festivals. Am Pult der Berliner Philharmoniker gibt Pablo Heras-Casados mit diesen Konzerten sein Debüt.

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Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

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