Sa, 19. September 2009

Berliner Philharmoniker
Gustavo Dudamel

Ensemble Glorious Percussion

  • Sofia Gubaidulina
    Glorious Percussion, Konzert für Schlagzeugensemble und Orchester (40:24)

    Ensemble Glorious Percussion

  • Dmitri Schostakowitsch
    Symphonie Nr. 12 d-Moll op. 112 »Das Jahr 1917« (47:44)

  • kostenlos

    Sofia Gubaidulina im Gespräch mit Margarete Zander (23:05)

    Margarete Zander, Sofia Gubaidulina

Schon in der vergangenen Saison begeisterte Gustavo Dudamel das philharmonische Publikum mit einem rein russischen Programm. Der Tagesspiegel schrieb damals: »Gustavo Dudamel lässt im Zeitraffer Armeen aufmarschieren, die Mechanik rotiert, metallisch blitzender Klang, messerscharfkantige Rhythmen. ... Dudamel, der energiesprühende Derwisch aus Venezuela, verwandelt die Berliner Philharmoniker in einen zuckenden Klangkörper.« Nicht weniger energiegeladen wird es bei diesem Konzert mit Werken von Dmitri Schostakowitsch und Sofia Gubaidulina zugehen. Schostakowitschs 12. Symphonie – die erstaunlicherweise noch nie von den Berliner Philharmonikern gespielt wurde – ist ein für diesen Komponisten ungewöhnlich enthusiastisches Werk. 1961 vollendet, zeichnet sie in großen programmmusikalischen Tableaus die Oktoberrevolution nach. Das Werk reflektiert damit eine kurze Phase im Leben Schostakowitschs, in der er sich – nach Stalins Tod und in der Hoffnung auf eine humanere UdSSR – rückhaltlos für den Kommunismus begeisterte. Überschwänglich in ganz anderer Art ist Sofia Gubaidulinas Schlagzeugkonzert Glorious Percussion, das im September 2008 unter Dudamels Leitung von den Göteborger Symphonikern uraufgeführt wurde. Die schwedische Zeitung Dagens Nyheter kommentierte: »Eine brillante Weltpremiere ... mit Standing Ovations. Sofia Gubaidulina beweist erneut, dass sie das dualistische Komponieren perfekt beherrscht, wenn sie mit gegensätzlichen Kräften und Lichtwelten arbeitet.«

Zwischen Klangrausch und klassischer Form

Anmerkungen zu den Werken von Sofia Gubaidulina und Dmitri Schostakowitsch

Filmmusik haben beide komponiert – notgedrungen: Sofia Gubaidulina ebenso wie Dmitri Schostakowitsch. Beide haben diese Tätigkeit als Brotarbeit betrachtet, zugleich aber auch den Nutzen daraus gezogen, dramaturgische Abläufe auf den Punkt bringen zu müssen und formale Strenge mit freiem Spiel zu verbinden – denn das verlangt eine Partitur für den Film nun einmal.

Formgefühl und musikalischer Gehalt, Innerlichkeit und Expressivität bilden im Schaffen der 1931 in der Autonomen Tatarischen Sowjetrepublik geborenen Sofia Gubaidulina keine Widersprüche. Immer wieder hat sie ihr Werk mit Prozessen aus der Natur gleichgesetzt und in dieser Weise auch ihr Verhältnis zur musikalischen Tradition charakterisiert: »Es gibt Komponisten, die ihre Werke sehr bewusst bauen, ich zähle mich dagegen zu denen, die ihre Werke eher ›züchten‹. Und darum bildet die gesamte von mir aufgenommene Welt gleichsam die Wurzeln eines Baums und das daraus gewachsene Werk seine Zweige und Blätter. Man kann sie zwar als neu bezeichnen, aber sie sind eben dennoch Blätter, und unter diesem Gesichtspunkt sind sie immer traditionell, alt.«

Die Beschäftigung mit Schlaginstrumenten hat eine lange Tradition im Schaffen Gubaidulinas, sowohl in ihrer Funktion als Komponistin als auch in Bezug auf ihre praktischen Erfahrungen als Musikerin: In den 1970er-Jahren hatte sie sich in Moskau mit Gleichgesinnten zu einer Improvisationsgruppe zusammengeschlossen. Dabei spielte der Rhythmus verständlicherweise eine zentrale Rolle. Anfang der 1990er-Jahre schrieb Gubaidulina daher: »Als ich darüber nachdachte, welcher der drei grundlegenden Aspekte des musikalischen Gewebes im sonoristischen Raum die Wurzeln bilden könnte, begriff ich, dass es der Rhythmus ist. Harmonik und Klangmaterial bilden den Stamm und die melodische Linie befindet sich in den Blättern.«

Gubaidulinas neuestes Schlagzeugprojekt, Glorious Percussion für Schlagzeugensemble und Symphonieorchester, erlebte seine Uraufführung im September 2008 in Göteborg. Das zentrale Thema des Werks, so die Komponistin, ist »die Übereinstimmung der klingenden Intervalle mit ihren Differenztönen«. Grundmaterialien sind Sekunde und Terz, deren immer wieder neuartige Vernetzung über weite Strecken den musikalischen Satz bestimmt. Zugleich fungiert diese Intervallvernetzung als Auslöser schwingender und pulsierender Effekte des vor dem Orchester aufgebauten Schlagwerks. Doch stehen sich der solistische Apparat und die Orchesterformation keinesfalls als feindliche Protagonisten gegenüber, im Gegenteil: Im Verbund mit dem äußerst differenziert instrumentierten Orchesterapparat ist das Schlagzeug ständig am Entwicklungsprozess beteiligt.

Den formalen Aufbau der Komposition charakterisiert Gubaidulina ihn wie folgt: »Dreimal kommt die Klangbewegung zum Stillstand. Und vor diesem statischen Hintergrund bleibt jeweils nur die Pulsation zurück, welche die Intervalle des vorhergehenden Akkordes verursacht haben. Solche Episoden treten an besonderen Formstellen auf und unterwerfen die Form damit der Gesetzmäßigkeit des Goldenen Schnitts.« Die strenge Formsprache von Glorious Percussion führt jedoch nicht zu einem ausgeprägt konstruktivistischen Ansatz. Vielmehr wird die Komposition über weite Strecken von der prachtvollen Entfaltung der klanglichen Möglichkeiten geprägt. Dazu tragen auch improvisationsartige Partien bei: »Die fünf Solo-Schlagzeuger haben in diesem Werk sieben Episoden, in denen sie vor das Orchester treten und ohne festgelegten Notentext improvisieren. Dies ist gleichsam eine Reminiszenz an eine Aufführungspraxis aus einer Zeit, als lediglich eine mündliche Kultur existierte.«

Individuum und Kollektiv, strenge Form und freies Spiel durchdringen sich in Glorious Percussion, markieren Pole, die seit jeher für das Schaffen der Komponistin von zentraler Bedeutung waren. Schon früh hat Gubaidulina bekannt: »Meine Entwicklung ist kontinuierlich verlaufen. Ich habe das Gefühl, als würde ich ständig meine Seele durchwandern. [...] Ich sehe keinen allzu großen Unterschied zwischen meinen früheren und späteren Werken; die konzeptionelle Grundlinie ist geblieben. So gehe ich in gleicher Richtung weiter im Labyrinth meiner Seele und finde immer irgendetwas Neues ...«

Bereits Ende der 1930er-Jahre hatte Dmitri Schostakowitsch den Plan, eine Lenin gewidmete Symphonie zu komponieren. Nachdem er mit seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk bei der politischen Führung in Ungnade gefallen war, wollte er durch ein monumentales Werk für Soli, Chor und Orchester über den ersten sowjetischen Führer sein Bekenntnis zum Kommunismus dokumentieren. Doch die unbefriedigenden Erfahrungen mit den chorsymphonischen Finalsätzen seiner Zweiten und Dritten Symphonie veranlassten ihn offenbar, diesen Plan zurückzustellen. Erst zwei Jahrzehnte später griff er die Idee wieder auf und begann mit der Arbeit an der Lenin gewidmeten Zwölften Symphonie. Ihr legte der Komponist indes kein auf Lenins Leben basierendes Programm zugrunde, sondern Ereignisse der Oktoberrevolution von 1917.

Nach Fertigstellung der Partitur wurde die Symphonie am 8. September 1961 in einer Fassung für Klavier zu vier Händen zunächst im russischen Komponistenverband vorgestellt. Die eigentliche Uraufführung fand dann am 1. Oktober in Leningrad statt. Bereits im August hatte der Komponist im Rundfunk erklärt: »Mir lag sehr viel daran, dass die Zwölfte Symphonie zum XXII. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion fertiggestellt wurde, für dieses historische Datum im Leben unserer Nation.« In seinen Memoiren hingegen schrieb er: »Es war eine schwere Arbeit, den Wohltäter der Menschheit symphonisch darzustellen, ihn mit musikalischen Mitteln zu bewerten. So betrachtet, ist meine Zwölfte nicht voll gelungen. Ich hatte mir eine bestimmte schöpferische Aufgabe gestellt – ein Porträt Lenins – und endete mit einem völlig anderen Ergebnis. Ich hatte meine Ideen nicht realisieren können. Das Material widersetzte sich.«

Formal ist die Zwölfte mit ihrer klassischen Viersätzigkeit eher traditionell angelegt. Allerdings folgen alle Sätze ohne Pause aufeinander. Gleichzeitig lässt sich die gesamte Symphonie aber auch als groß angelegter Sonatensatz interpretieren: Der Kopfsatz steht für die Exposition des ersten Themenkomplexes, der langsame Satz stellt den Seitensatz dar, dritter und vierter Satz entsprechen Durchführung beziehungsweise Reprise.

In der Einleitung zum ersten Satz (Revolutionäres Petrograd) erklingt die Keimzelle des gesamten Werks: das schreitende Thema der Violoncelli und Kontrabässe. Aus ihm entwickelt Schostakowitsch den zentralen Gedanken des folgenden Allegro. Der Seitensatz, eine freie Umkehrung des Hauptgedankens, bringt eine ausladende Melodie der tiefen Streicher, während in der Durchführung immer wieder das bekannte Arbeiterlied Brüder, zur Sonne, zur Freiheit anklingt.

Der Titel des zweiten Satzes (Rasliw) spielt auf einen Ort in Karelien an, wohin sich Lenin gern zurückzog, um zu arbeiten, und wo auch die Oktoberrevolution geplant wurde. In dreiteiliger Liedform gehalten, präsentiert dieser Satz drei Themenkomplexe, von denen der dritte eine choralartige Faktur zeigt. Der dritte Satz (»Aurora«) ist nach dem Panzerkreuzer benannt, der den Startschuss zum bewaffneten Aufstand 1917 abfeuerte. Schostakowitsch scheut nicht davor zurück, diesen Schuss musikalisch nachzubilden; ansonsten gleicht dieses kurze Scherzo einem groß angelegten Crescendo, das unmittelbar in den Schluss-Satz überleitet.

Das Finale (Morgenröte der Menschheit) setzt mit einem rhythmisch markanten Thema in den Blechbläsern ein. Auffällig sind die Parallelen des Finales zum Kopfsatz: Sowohl das majestätische Hornthema als auch ein tänzerisches Motiv der Violinen knüpfen an das Material des ersten Satzes an. Und das Seitenthema des Kopfsatzes wird hier zur triumphalen Apotheose ausgestaltet, die schließlich im dreifachen Forte ausklingt.

Martin Demmler


Seit Gustavo Dudamel 2004 mit erst 23 Jahren den Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker gewann, löst er immer wieder Begeisterung in der internationalen Musikwelt aus. Der Dirigent, Geiger und Komponist wurde 1981 in Barquisimeto (Venezuela) geboren. Er war Schüler des Violinpädagogen José Francisco del Castillo an der latein-amerikanischen Akademie für Violine und absolvierte ein Dirigierstudium bei Rodolfo Saglimbeni sowie bei José Antonio Abreu. Seit 1999 betreut Gustavo Dudamel als Musikalischer Leiter das Simón Bolívar Jugendorchester in Venezuela; im Herbst 2007 wurde er Musikdirektor der Göteborger Symphoniker und mit Beginn dieser Saison tritt er in gleicher Funktion an die Spitze des Los Angeles Philharmonic Orchestra, bei dem er 2005 auch sein Debüt in den USA gab. Gustavo Dudamel gastierte u. a. beim City of Birmingham Symphony Orchestra, beim Orchestre Philharmonique de Radio France, bei der Staatskapelle Dresden, beim Israel Philharmonic Orchestra, beim Philharmonia Orchestra London und bei den Wiener Philharmonikern. Nach seinem Debüt bei den Berliner Philharmonikern am 15. Juni 2008 in der Waldbühne dirigierte er sie erneut Anfang März dieses Jahres in Konzerten mit Werken von Rachmaninow, Strawinsky und Prokofjew. Am Pult des Simón Bolívar Jugendorchesters war der junge Dirigent zwischen 2000 und 2008 bereits vier Mal in der Berliner Philharmonie zu erleben. Zu seinen Auszeichnungen zählen der »Music Award for Young Artists« der Royal Philharmonic Society (2007) und der »Würth-Preis« der Jeunesses Musicales Deutschland (2008).

Das Schlagzeug-Ensemble Glorious Percussion verdankt seinen Namen dem Werk, durch das seine Mitglieder zueinander fanden: Diese brachten im September 2008 Sofia Gubaidulinas Komposition desselben Titels gemeinsam mit den Göteborger Symphonikern unter der Leitung von Gustavo Dudamel zur Uraufführung; erfolgreiche Erstaufführungen in Deutschland mit der Dresdner Philharmonie (Dirigent: John Axelrod) und in der Schweiz mit dem Luzerner Sinfonieorchester (Dirigent: Jonathan Nott) schlossen sich an. Für die fünf von drei Kontinenten stammenden Musiker – Anders Haag und Anders Loguin (Schweden), Eirik Raude (Norwegen), Robyn Schulkowsky (USA) und Mika Takehara (Japan) – spiegelt sich im Namen Glorious Percussion die nahezu göttliche Fähigkeit ihrer Instrumente, Menschen über kulturelle Grenzen hinweg und durch die verschiedenen Zeitalter hindurch anzusprechen. Alle Ensemblemitglieder sind als renommierte Solisten und Kammermusiker auch weiterhin außerhalb der Gruppe künstlerisch tätig, wollen jedoch gemeinsam in den kommenden Jahren eine Serie von neuen Werken in Auftrag geben.


Deutsche GrammophonGustavo Dudamel tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von Deutsche Grammophon auf.

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Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

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