Donald Runnicles dirigiert Werke von Strauss und Elgar

  • Richard Strauss
    Don Quixote, Symphonische Dichtung op. 35 (00:47:12)

    Amihai Grosz Viola, Ludwig Quandt Violoncello

  • Edward Elgar
    Symphonie Nr. 1 As-Dur op. 55 (00:54:13)

  • kostenlos

    Ludwig Quandt im Gespräch mit Götz Teutsch (14:29)

    Ludwig Quandt, Götz Teutsch

Beide Werke dieses Konzerts mit Donald Runnicles repräsentieren brillante Orchestrierungskunst an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert - und könnten doch in Ausdruck und Haltung kaum gegensätzlicher sein. Denn während Edward Elgars Erste Symphonie durch Noblesse und Sensibilität beeindruckt, ist Richard Strauss' Don Quixote nicht zuletzt eine beißende Satire.

Don Quixotes verschrobene Wahrnehmung der Welt, das Aufeinanderprallen seiner Träume und einer verständnislosen Realität, geben Strauss Gelegenheit zu wunderbar ironischen Effekten - aber auch zu einer differenzierten Charakterzeichnung des tragikomischen Helden. Die instrumentale Verkörperung Don Quixotes ist bei Strauss ein Solocello, dessen Part hier von Ludwig Quandt - seit 1993 1. Solocellist der Berliner Philharmoniker - gespielt wird. Amihai Grosz, der vor einem Jahr als 1. Solo-Bratschist zum Orchester stieß, gibt Sancho Pansa eine Stimme.

Wie in Don Quixote erleben wir in Elgars Erster Symphonie ein breites Ausdrucksspektrum: auftrumpfende Monumentalität, Zartheit und auch jenes hymnische Schwärmen, das Elgars Marsch Pomp and Circumstance zu Weltruhm verhalf. Als verklammerndes Element scheint immer wieder die Persönlichkeit Elgars durch - jener sensible Gentleman, der mit der Symphonie eine Botschaft »großer Nächstenliebe und Hoffnung in die Zukunft« aussenden wollte. Dirigent der Uraufführung in Manchester war Hans Richter, ein regelmäßiger Gast auch der Berliner Philharmoniker. Für ihn verkörperte das Werk »die größte Symphonie der modernen Zeit, geschrieben vom größten modernen Komponisten - und zwar nicht nur in diesem Land.«

Zutiefst menschlich

Symphonisches von Richard Strauss und Edward Elgar

Im April 1897 notierte Richard Strauss in seinen Kalender: »Sinfonische Dichtung Held und Welt beginnt, Gestalt zu bekommen; dazu als Satyrspiel Don Quixote.« Hier wird deutlich: die zwei Tondichtungen Ein Heldenleben op. 40 und Don Quixote op. 35 entstanden nicht nur parallel, sondern sollten auch dramaturgisch eine Einheit bilden. Beide Protagonisten kämpfen – mit sich und mit der Welt.

Der (Anti-)Held in Opus 35 stammt aus dem 1605 erschienenen Roman Don Quixote de la Mancha des spanischen Dichters Miguel de Cervantes. Strauss’ Symphonische Dichtung ist in Variationsform angelegt, trägt aber durchaus Züge einer Sinfonia concertante für Violoncello, Viola und Orchester. Das Cello repräsentiert den »Ritter von trauriger Gestalt«, während Themen (bzw. Motive ) der Tenor-Tuba, der Solo-Bratsche und der Bassklarinette seinen Knappen Sancho Pansa darstellen. Die »Fantastischen Variationen über ein Thema ritterlichen Charakters« liefern eine eindrucksvolle musikalische Schilderung der tragikomischen Geschicke des spanischen Möchtegern-Ritters und seines Gefährten.

Zu Beginn wird Don Quixote, ein verarmter Landadliger, bei der Lektüre ritterlicher Schauerromane dargestellt. Er schwankt zwischen Euphorie und Verwirrung. Als er schließlich vollends den Verstand verliert, scheint es ihm »angemessen und notwendig«, so ist bei Cervantes zu lesen, »sowohl zur Mehrung seiner Ehre als auch zum Dienste des Gemeinwesens sich zum fahrenden Ritter zu machen und durch die ganze Welt mit Ross und Waffen zu ziehen, um Abenteuer zu suchen und all das zu üben, was, wie er gelesen, die fahrenden Ritter üben«. Mit seinem Diener Sancho Pansa zieht er aus, um das Böse zur Strecke zu bringen.

Strauss wählte für jede der Variationen eine Episode der Abenteuerreise aus: Erst der Kampf mit den Windmühlen (Variation I), dann die Begegnung mit einer Schafsherde, in der Don Quixote meint, die feindliche Armee des muselmanischen Kaisers Alifanfaron zu erkennen. Strauss setzt das Blöken der Herde lautmalerisch durch gestopftes Blech und Tremoli in den Streichern um (Variation II). Es folgt eine grundlegende Unterredung zwischen dem fantasierenden Herrn und seinem realitätsnäheren Knappen (Variation III). Don Quixote stößt mit einer Prozession zusammen und muss schwere Prügel über sich ergehen lassen (Variation IV). Während der Nachtruhe träumt er von seiner angebeteten Prinzessin Dulcinea, die Don Quixote verehrt und bis in den Tod schützen möchte (Variation V). Die Wirklichkeit ist ernüchternd: Er begegnet der falschen Liebe (Variation VI). Mit Sancho flieht er durch die Lüfte. Um das Ungreifbare instrumental darzustellen, bedient sich Strauss einer Windmaschine (Variation VII). Während einer romantischen Floßfahrt kentert unser Held (Variation VIII). Don Quixote stellt sich einer neuen Herausforderung: Er kämpft mit zwei bösen Magiern, die in Wahrheit harmlose Mönche sind (Variation IX). Höhepunkt seiner heroischen Taten ist die gewalttätige Auseinandersetzung mit dem Ritter vom blanken Mond, nach der er besiegt und müde nach Hause zurückkehrt (Variation X). Der närrische oder naive – aber vor allem sehr menschliche – Don Quixote stirbt (Finale).

Der erst 34-jährige Komponist erweist sich als Meister der instrumentalen Behandlung: Trotz der immensen Orchesterbesetzung erzeugt er in Don Quixote vielfältige solistische, teilweise kammermusikalische Effekte. Strauss versteht es, trotz des riesigen Orchesterapparats, immer der poetischen Vorlage den Vorrang zu lassen und verzichtet auf imponierende Tutti an Stellen, die es nicht verlangen. Die einzelnen Variationen sind keine Abwandlungen eines musikalischen Themas (dieses wird eher in einen immer neuen instrumentalen Kontext gestellt), sie möchten zu jeder Zeit die jeweilige Situation des Helden wiedergeben. Strauss selbst fasste in seinem Tagebuch lapidar zusammen: »Don Quixote, der Kampf eines Themas gegen ein Nichts.«

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Die englische Musikwelt ist an herausragenden Komponistenpersönlichkeiten nicht in der gleichen Weise beschenkt worden, wie die des Kontinents. Diejenigen aber, die das Land hervorbrachte, sind für das europäische Musikleben immer eine Bereicherung gewesen. Zu ihnen zählt Edward Elgar, Sohn eines protestantischen Musikalienhändlers und einer katholischen Mutter, der in der etwa 50 km südwestlich von Birmingham gelegenen englischen Provinzstadt Worcester aufwuchs. Im internationalen Konzertrepertoire ist er vor allem durch die Enigma-Variationen und sein Cellokonzert vertreten. Diese beiden Kompositionen machten ihn umgehend berühmt. Die künstlerische Anerkennung hatte allerdings lange Jahre auf sich warten lassen; sein geistliches Schaffen aber, seine Bühnenwerke und seine Kammermusik sind bis heute hierzulande nahezu unbekannt geblieben.

Die Wintermonate 1907/1908 verbrachte der 50-jährige Elgar damit, sich intensiv mit seiner Ersten Symphonie zu beschäftigten; uraufgeführt wurde das Werk am 3. Dezember 1908 in Manchester unter der Leitung Hans Richters, dem die Komposition auch gewidmet ist. Euphorisch äußerte sich Richter gegenüber dem berühmten, dort ansässigen Hallé-Orchester: »Meine Herren, wir wollen jetzt die größte Symphonie der Moderne einstudieren, komponiert vom größten modernen Komponisten – und nicht nur dieses Landes.« Mit Begeisterung wurde die Komposition auch vom Publikum aufgenommen. Nach dem langsamen Satz brach es in frenetischen Beifall aus, sodass der Dirigent während der Aufführung eine kurze Pause einlegen musste. Elgars Freund August Jaeger vom Novello-Verlag lobte das Adagio und verglich es mit denen Beethovens, und auch Richter war der Meinung: »echter langsamer Satz, wie ihn Beethoven geschrieben hätte«. Ohne Zweifel ist es das Herzstück der Symphonie.

Elgar wollte mit seiner Ersten Symphonie ein »abstraktes Werk« komponieren. Ein Programm liegt ihr nicht zugrunde, oder vielleicht doch? Zu seinen Absichten erklärte er: »Es gibt jenseits einer reichen Lebenserfahrung mit viel Nächstenliebe und einer gewaltigen Hoffnung in die Zukunft kein Programm.« Mit seiner enormen Stimmungsvielfalt, der Grazie des musikalischen Ausdrucks, dem reichen Spektrum der musikalischen Farben sowie dem bezaubernden Orchesterklang zieht dieses Werk die Zuhörer sofort in seinen Bann. Das Werk zeichnet sich durch kühne, harmonische Wendungen, markante und variantenreiche Rhythmik und stark variierende Dynamik aus.

Dem ersten Satz geht eine langsame Einleitung mit einem marschähnlichen Thema voraus. Es ist eine Art Motto, das in verschiedenen Varianten auch in den anderen Sätzen immer wieder erklingt. In seinem Hauptteil kommt es wiederholt zu extremen Ausbrüchen, zwei Themen wetteifern im ersten Satz, eines in As-Dur und das andere, harmonisch weit entlegen, in d-Moll. Das zweite Allegro, ein symphonisches Scherzo, wirkt rastlos; das Trio hingegen besticht durch seinen heiteren, frühlingshaften Duktus. Das attacca anschließende Adagio stellt den Höhepunkt des Werks dar. Es beeindruckt durch seine getragene und würdige Intensität. Im Finale wird das musikalische Material der Symphonie noch einmal aufgegriffen. Elgars Ehefrau Alice empfand den Schluss der Komposition als »triumphalen Sieg für die bedeutenden Menschenrechte«.

Patrick Kast

Amihai Grosz begann sein Bratschenstudium bei David Chen an der Jerusalem Academy of Music; später setzte er es bei Tabea Zimmermann an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« Berlin und bei Haim Taub am Keshet Eilon Music Center in Israel fort. Im September 2010 wurde er 1. Solo-Bratscher bei den Berliner Philharmonikern. Als Solist hat Amihai Grosz mit renommierten Orchestern wie dem Jerusalem Symphony Orchestra, dem Israel Chamber Orchestra, dem Münchner Kammerorchester und der Staatskapelle Berlin konzertiert. Regelmäßig arbeitet er mit Daniel Barenboim im West-Eastern Divan Orchestra zusammen, dessen Violagruppe er leitet. Amihai Grosz ist Gründungsmitglied des Jerusalem String Quartet; zu seinen Kammermusikpartnern zählen Mitsuko Uchida, Yefim Bronfman, Tabea Zimmermann, Guy Braunstein, Emmanuel Pahud, Steven Isserlis sowie die Musiker des Guarneri und des Vermeer Quartet.

Ludwig Quandt begann mit sechs Jahren Cello zu spielen; 1978 wurde er außerordentlicher Student von Arthur Troester an der Musikhochschule Lübeck. Nach dem Abitur 1980 absolvierte er dort ein Vollstudium und legte 1985 die Diplomprüfung sowie 1987 das Konzertexamen mit Auszeichnung ab. Meisterkurse bei Boris Pergamenschikow, Zara Nelsova, Maurice Gendron, Wolfgang Boettcher und Siegfried Palm vervollständigten seine Ausbildung. Ludwig Quandt gewann Preise und Auszeichnungen bei mehreren nationalen und internationalen Wettbewerben; zweimal gehörte er bei den »Konzerten junger Künstler« zur Bundesauswahl. 1991 kam Ludwig Quandt zu den Berliner Philharmonikern, seit 1993 ist er bei ihnen 1. Solo-Cellist. Neben seiner Arbeit im Orchester konzertiert er weltweit als Solist und als Kammermusiker; so ist er beispielsweise Mitglied in verschiedenen philharmonischen Ensembles wie den 12 Cellisten, den Philharmonischen Stradivari-Solisten und dem Philharmonischen Capriccio Berlin.


Donald Runnicles ist seit Herbst 2009 Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin und Chefdirigent des BBC Scottish Symphony Orchestra. Er leitet außerdem das Grand Teton Music Festival in Wyoming (seit 2006) und ist dem Atlanta Symphony Orchestra als Erster Gastdirigent verbunden. Der im schottischen Edinburgh geborene Musiker studierte in Cambridge und London die Fächer Horn, Klavier und Dirigieren. Nach ersten Engagements (ab 1978) an den Theatern in Mannheim, Hannover und Freiburg war er von 1992 bis zum Sommer 2009 Musikalischer Leiter der San Francisco Opera. Donald Runnicles gastiert seit 1991 regelmäßig an der Wiener Staatsoper und an anderen führenden Bühnen, z. B. an den Staatsopern in München, Hamburg und Berlin, in Zürich, Glyndebourne, Paris, Mailand, und New York sowie bei den Salzburger und den Bayreuther Festspielen. Auf dem Konzertpodium hat er neben seinen Verpflichtungen in Atlanta bisher zahlreiche amerikanische Spitzenorchester, die Symphonieorchester des BR in München und des NDR in Hamburg, das Orchestre de Paris, die Staatskapelle Dresden, das Londoner BBC Symphony Orchestra, die Wiener Philharmoniker und das Israel Philharmonic dirigiert; eng verbunden ist er seit 1992 dem Edinburgh Festival. Seit seinem Debüt bei den Berliner Philharmonikern im November 2003 mit Brittens War Requiem wiederholt Gast des Orchesters, dirigierte Donald Runnicles es zuletzt Mitte Dezember 2009 in Konzerten mit Werken von Sebastian Currier und Johannes Brahms. Der Musiker ist Ehrendoktor der Universität von Edinburgh und wurde 2004 von der englischen Königin mit dem »Order of the British Empire« ausgezeichnet.

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