• Igor Strawinsky
    Symphonies d'instruments à vent (Fassung von 1947) (11:05)

  • Arnold Schönberg
    Verklärte Nacht op. 4 (Fassung von 1943) (34:36)

  • Dmitri Schostakowitsch
    Violinkonzert Nr. 1 a-Moll op. 77 (45:05)

    Guy Braunstein Violine

  • kostenlos

    Guy Braunstein und Semyon Bychkov im Gespräch mit Terry Martin (26:41)

    Terry Martin, Guy Braunstein, Semyon Bychkov

Für regelmäßige Besucher der Philharmonischen Konzerte in Berlin (und natürlich der Digital Concert Hall) ist er schon ein guter Bekannter: Guy Braunstein, seit dem Jahr 2000 Erster Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Regelmäßig kann man ihn mit Violinsolos der großen Orchesterwerke erleben, etwa in Strauss’ Heldenleben oder Mahlers Vierter Symphonie. Bei diesem Konzert nun steht Guy Braunstein als Solist in Schostakowitschs Violinkonzert Nr. 1 auf dem Podium, mit Semyon Bychkov als Dirigent. Das Violinkonzert ist eines der konzentriertesten Werke Schostakowitschs, streng geformt und von beherrschtem Ausdruck. Sein besonderes Aroma gewinnt es durch Anklänge an die jüdische Volksmusik mit ihrem Changieren zwischen Heiterkeit und Schmerz. Folkloristische Einflüsse finden sich ebenfalls im ersten Programmpunkt des Abends, der Symphonie d’instruments à vent aus Strawinskys »russischer Phase«, der wir auch die Ballette Pétrouchka, L’Oiseau de feu und Le Sacre du printempsverdanken. An zweiter Stelle steht Schönbergs Tondichtung Verklärte Nacht. Der Komponist selbst berichtet, die Komposition sei dem Publikum zur Zeit der Uraufführung erschienen, »als ob ein Orchester, das Wagners Tristan und Isolde spielt, verwirrt worden und auseinander gekommen wäre«. Heute hingegen gilt das Werk weithin als eines der eindringlichsten Meisterwerke der klassischen Moderne.

Zwischen Strenge und Sinnlichkeit

Die Symphonies d’instruments à vent (Symphonien für Blasinstrumente) sind eine doppelte Hommage: mit ihnen ehrte Igor Strawinsky Claude Debussy und die Musik des 17. Jahrhunderts. 1920 hatte sich die französische Musikzeitschrift Revue musicale an verschiedene Komponisten mit der Bitte gewandt, kleinere Musikstücke für eine Sondernummer zum Gedenken des 1918 gestorbenen Debussy zu verfassen. In einem Sonderheft erschien in einer frühen Klavierfassung zunächst ein Fragment des symphonies pour instruments à vent à la memoire de Claude Achille Debussy. Wenig später entstand die 1921 unter Leitung von Sergej Kussewitzky in London uraufgeführte erste Fassung der Symphonies d’instruments à vent, die Strawinsky später zweimal überarbeitete: Für eine Aufführung der Canadian Broadcasting Society instrumentierte der Komponist 1945 den Schlusschoral neu, 1947 revidierte er die gesamte Partitur.

Die Bezeichnung »Symphonies d’instruments à vent« ist missverständlich. Strawinsky versteht den Begriff »Symphonie« hier in seinem ursprünglichen Sinne: als »symphonein« (συμφονειν), d. h. als Zusammenklingen verschiedener Stimmen. Gleichzeitig verweist der Titel des Werkes auf die Sinfoniae, die man von barocken Komponisten wie Claudio Monteverdi oder Giovanni Gabrieli kennt.

Die Komposition besteht aus 17 deutlich voneinander abgesetzten, kurzen Teilen meist ruhigen Zeitmaßes. Diese Strukturen sind »durch Thematik, Bewegung, Klangfarbe und Phrasierung in der Art von Choralzeilen gefügt und voneinander kontrastreich abgesetzt« (Peter Andraschke). Die Strenge in Konstruktion und Ton sowie eine gewisse Herbheit machen das Hören nicht leicht. Strawinsky selbst schrieb: »Ich wusste, dass ich nicht mit einem sofortigen Erfolg dieses Werks rechnen konnte. Es enthält keinerlei Elemente, an die der Durchschnittshörer gewöhnt ist, und die unfehlbar auf ihn wirken. Man würde in diesem Werk vergeblich nach leidenschaftlichem Feuer oder dynamischen Ausbrüchen suchen. Es hat die Form einer strengen Zeremonie, bei der die verschiedenen Gruppen homogener Instrumente sich in kurzen, litaneiartigen Zwiegesängen begegnen. […] Ich hatte sehr wohl damit gerechnet, dass die Kantilenen der Klarinetten und Flöten, die immer wieder ihren liturgischen Dialog aufnehmen und sanft psalmodieren, dem Publikum nicht sehr behagen würden, dem gleichen Publikum übrigens, das noch kurz vorher der revolutionären Kunst des Sacre du printemps begeistert zugejubelt hatte. Aber ich hoffte doch, das Werk werde einige bewegen, die aus rein musikalischen Gründen zuhören und nicht den Wunsch haben, ein sentimentales Bedürfnis zu befriedigen.«

Arnold Schönberg komponierte das noch ganz im Geist der Spätromantik stehende Streichsextett Verklärte Nacht op. 4 im September 1899 während eines Ferienaufenthaltes in Payerbach am Semmering. 1916 bearbeitete er das Werk für Streichorchester, 1943 unterzog er diese Fassung einer Revision. Zur Komposition angeregt wurde Schönberg durch ein Gedicht von Richard Dehmel: Beim Spaziergang in einer kalten, mondhellen Nacht gesteht eine Frau ihrem Geliebten, sie sei von einem anderen Mann schwanger. Sie klagt sich selbst an und fürchtet, verlassen zu werden. Doch der Mann bekennt sich zu ihr und wird das Kind als sein eigenes annehmen.

Man kann Verklärte Nacht zugleich als absolute wie als Programm-Musik auffassen. Schönberg selbst betonte unmissverständlich: Verklärte Nacht sei »Programm-Musik, die das Gedicht von Richard Dehmel schildert und zum Ausdruck bringt«. Zugleich unterscheide sich seine Komposition aber auch »etwas von anderen illustrativen Kompositionen erstens, indem sie nicht für Orchester, sondern für Kammerbesetzung ist, zweitens, weil sie nicht irgendeine Handlung oder ein Drama schildert, sondern sich darauf beschränkt, die Natur zu zeichnen und menschliche Gefühle auszudrücken. Es scheint, dass meine Komposition aufgrund dieser Haltung Qualitäten gewonnen hat, die auch befriedigen, wenn man nicht weiß, was sie schildert, oder mit anderen Worten, sie bietet die Möglichkeit, als ›reine Musik‹ geschätzt zu werden.«

Formal folgt das einsätzige Werk den fünf Strophen der literarischen Vorlage. Wie dem Dichter geht es Schönberg nicht um vordergründige oder äußere Dramatik, sondern um die Schilderung innerer Konflikte. So haben die fünf Abschnitte des Werks unterschiedliche Charaktere des Ausdrucks: Die auf den Spaziergang des Paares bezogenen und die Stimmung der Natur schildernden kürzeren Teile (I, III, V), rahmen zwei längere Episoden des Zwiegesprächs der beiden ein. Die zweite Strophe schildert die psychische Verfassung der Frau, in der vierten Strophe offenbart sich der Mann: Er tröstet die Geliebte, verzeiht ihr, bekennt sich zu dem Kind und spricht vom Glanz, den die Frau in sein Leben gebracht habe.

Verklärte Nacht beginnt geheimnisvoll – leise, fast unhörbar und langsam schreitend –, nimmt an Bewegung, Ausdruck und Erregung zu, immer wieder bauen sich Sequenzen von Steigerungen auf, um schließlich im Pianissimo zu enden. Mag sich aller Ausdrucksgehalt schon im Original für sechs Streicher finden, so ist die opulente Streichorchesterfassung mit ihren rauschhaften und morbiden Zügen »Nervenmusik« par excellence.

14 Jahre nach Fertigstellung seines Konzerts für Klavier, Trompete und Streichorchester op. 35 ging Dmitri Schostakowitsch 1947 an die Komposition eines zweiten Instrumentalkonzertes: das Violinkonzert Nr. 1 in a-Moll. Die Partitur war im März abgeschlossen. Der Geiger David Oistrach, dem das neue Werk gewidmet war, riet jedoch von einer Aufführung im folgenden Jahr ab. Aus guten Gründen: Im Februar 1948 fasste das ZK der KPdSU einen Parteitagsbeschluss zur Situation der sowjetischen Musik, in dem es Komponisten attackierte, welche »die formalistische, volksfremde Richtung weiter aufrechterhalten« – unter ihnen auch Schostakowitsch. Der Komponist ließ sein Violinkonzert deshalb zunächst liegen. Es dauerte einige Jahre, ehe er die Arbeiten wieder aufnahm und die Orchesterfassung fertigstellte. Für die Uraufführung im Oktober 1955 in Leningrad mit Oistrach und den Leningrader Philharmonikern unter Leitung von Jewgenij Mrawinsky nahm er noch einige Korrekturen vor.

Schostakowitschs Erstes Violinkonzert – dem 1967 ein zweites, deutlich freundlicher gestimmtes folgte – ist mit vier Sätzen in klassischer Folge (Moderato, Allegro, Andante, Allegro con brio) symphonisch angelegt. Die langsamen Sätze (I und III) dienen der gesanglichen Entfaltung, die schnellen Sätze (II und IV) warten mit größten Finessen auf: weiten Intervallsprüngen, Doppel- und Dreifachgriff-Passagen oder Glissandi durch Quinten und Oktaven.

Das einleitende Moderato trägt die Bezeichnung »Nocturne«. Es ist ein lyrischer, ja schwermütiger Adagio-Satz voller Ruhe, der sich breit melodisch fließend entwickelt. An zweiter Stelle steht ein dreiteiliges Scherzo (Allegro): äußerst temperamentvoll, farbig instrumentiert, sehr polyfon und mit grotesken Zügen, wie sie sich oft bei Schostakowitsch finden. Oistrach sah hier »Böses, Dämonisches, Stechendes«, die Schostakowitsch-Biografin Sofia Chentowa nannte den Satz gar »Tanz der Verzweiflung«.

Es folgt eine Passacaglia (Andante), deren 17-taktiges Thema neunmal wiederholt wird. Dazu entwickeln sich Kontrapunkte verschiedener Instrumente und Gruppen. Aus einem Pianissimo am Ende des Satzes entwickelt sich eine ausgedehnte Kadenz der Solovioline, die in die abschließende Burleske (Allegro con brio) mündet. Der turbulente, ausgelassene Satz mit folkloristischen Anklängen hat ein tänzerisches Hauptthema. Auf seinem Höhepunkt erscheint im Kanon noch einmal das Passacaglia-Thema. In der ursprünglichen Version eröffnete die Solovioline nach der anstrengenden Kadenz unmittelbar das Finale. Bei Proben eine Woche vor der Premiere des Werks bat Oistrach den Komponisten dann aber um eine kleine Atempause. Schostakowitsch änderte den Anfang des Finales in ein Orchestertutti um. Aufgrund der späten Uraufführung und im Zusammenhang mit der Revision der Partitur wurde das Violinkonzert lange irrtümlich als op. 99 bezeichnet und gedruckt.

Helge Grünewald


Semyon Bychkov wurde in St. Petersburg geboren. Er studierte am dortigen Konservatorium bei Ilya Musin und gewann 1973 den Ersten Preis beim Rachmaninow-Dirigierwettbewerb. Seit er 1975 in die USA emigrierte, hat ihn eine steile Karriere vom New Yorker Mannes College of Music nicht nur zu Engagements für international vielbeachtete Opernproduktionen geführt (z. B. in Mailand, Hamburg, Paris, Wien, London, Chicago, New York, bei den Salzburger Festspielen und beim Maggio Musicale in Florenz), sondern auch ans Pult der weltweit bedeutendsten Orchester. In den Jahren 1989 bis 1998 leitete er das Orchestre de Paris; den St. Petersburger Philharmonikern und dem Teatro Comunale in Florenz war er als Erster Gastdirigent verbunden (1990 – 1994 bzw. 1992 – 1998). Zur Spielzeit 1997/98 wurde Semyon Bychkov als Chefdirigent des WDR Sinfonieorchesters Köln berufen. Zwischen 1999 und 2003 war er in gleicher Funktion an der Dresdner Semperoper tätig. Seit Semyon Bychkov 1985 kurzfristig für Riccardo Muti ein Konzertprogramm der Berliner Philharmoniker übernahm, hat er bei ihnen bereits mehrfach gastiert, zuletzt Anfang Oktober 2008 mit Werken von Detlev Glanert und Richard Strauss. Seine mit den Philharmonikern entstandene CD-Einspielung von Schostakowitschs Fünfter Symphonie erhielt den belgischen Caecilia-Preis sowie die Auszeichnung »Beste Einspielung des Jahres« der Fachzeitschrift Stereo Review.


Guy Braunstein, in Tel Aviv geboren, spielt seit seinem siebten Lebensjahr Geige; zu seinen Lehrern zählen u. a. Chaim Taub, Glenn Dicterow und Pinchas Zukerman. Mit den Berliner Philharmonikern musizierte er erstmals 1992, damals unter der Leitung von Zubin Mehta als einer der Solisten in Beethovens Tripelkonzert. Bereits bevor Guy Braunstein dann im September 2000 als 1. Konzertmeister zu den Philharmonikern kam, hatte er als Solist auch mit anderen führenden Orchestern (z. B. Israel Philharmonic Orchestra, Tonhalle-Orchester Zürich, Bamberger Symphoniker) und Dirigenten wie Wladimir Fedossejew und Daniel Barenboim zusammengearbeitet. 1995 brachte er in Köln Shifting – Konzert für Violine und Orchester zur Uraufführung, das Rolf Riehm für ihn komponiert hat. Neben seiner Tätigkeit bei den Berliner Philharmonikern engagiert sich Guy Braunstein mit großer Leidenschaft im von Daniel Barenboim gegründeten East-Western Divan Orchestra sowie als Kammermusiker. Seit 2006 ist er Musikalischer Leiter des Rolandseck Festivals.

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