Andris Nelsons und Guy Braunstein mit Werken von Brahms und Strauss

Do, 02. Februar 2012

Berliner Philharmoniker
Andris Nelsons

Guy Braunstein

  • Johannes Brahms
    Violinkonzert D-Dur op. 77 (00:53:34)

    Guy Braunstein Violine

  • Richard Strauss
    Ein Heldenleben (00:57:01)

  • kostenlos

    Guy Braunstein verrät, wie ihn Brahms’ Violinkonzert zu den Berliner Philharmonikern brachte (16:30)

    Guy Braunstein, Armin Schubert

Von Hans von Bülow, einst Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, stammt das berühmte Diktum, Johannes Brahms' Violinkonzert sei ein »Konzert gegen die Violine« - einfach weil dem Solisten hier kaum Gelegenheit zur virtuosen Selbstdarstellung gegeben wird. Die Berliner Philharmoniker, Solist Guy Braunstein und Dirigent Andris Nelsons machen sich an diesem Abend daran, die offensichtlichen wie die verborgenen Reize des Konzerts freizulegen.

Dabei ist der Solopart alles andere als leicht zu spielen. Nur erscheint das Werk über weite Strecken eher wie eine Symphonie als wie ein Konzert, da die Violine eng mit den übrigen Instrumenten verflochten ist. Umso größer die Wirkung, wenn sie sich mit ihren filigranen Linien souverän über ihre Mitstreiter erhebt und alle großorchestrale Wucht hinter sich lässt. Der Geiger Guy Braunstein ist ein bekanntes Gesicht für das Publikum der Berliner Philharmoniker, seit er im Jahr 2000 zum 1. Konzertmeister des Orchesters avancierte. Bereits acht Jahre zuvor hatte er sein philharmonisches Debüt gegeben - als einer der Solisten in Beethovens Tripelkonzert.

Das zweite Werk des Abends, Richard Strauss' Ein Heldenleben, verhält sich in doppelter Hinsicht komplementär zu Brahms' Violinkonzert. Zum einen steht der auftrumpfende Gestus dieses Selbstporträts - denn darum handelt es sich - im direkten Kontrast zur Ernsthaftigkeit des Brahms-Werkes. Und zum anderen kann man im dritten Satz erleben, wie aus einer symphonischen Dichtung unerwartet ein raumgreifendes Violinsolo erwächst, hier gespielt von Guy Braunsteins Konzertmeister-Kollegen Daishin Kashimoto.

Das klassische Erbe im Sinn – das Ego im Blick

Vertrautes von Johannes Brahms und Richard Strauss

Karrieren – auch im Musikbetrieb – brauchen Unterstützung, um in Schwung zu kommen. Heutzutage sind ein Marketing und hohe Medienpräsenz entscheidend für eine erfolgreiche musikalische Laufbahn. Im 19. Jahrhundert übernahmen eher wichtige Einzelpersönlichkeiten die Aufgabe, ein Talent ins Rampenlicht zu bringen. Ein berühmter Lehrer, ein einflussreicher Komponist oder Dirigent – das waren die entscheidenden Karrieremacher. Johannes Brahms und Richard Strauss hatten beide das Glück, früh entdeckt und gefördert zu werden: Brahms war 20 Jahre alt, als Robert Schumann ihn mit seinem in der Neuen Zeitschrift für Musik veröffentlichten Aufsatz Neue Bahnen schlagartig einer breiten Öffentlichkeit bekannt machte. Strauss hingegen durfte im Alter von nur 18 Jahren die Uraufführung seiner Serenade für 13 Blasinstrumente op. 7 in Dresden erleben, und das Werk wurde schon bald vom einflussreichen Dirigenten Hans von Bülow in das Repertoire der Meininger Hofkapelle übernommen: ein Glücksfall für die Karriere des jungen Komponisten.

Während Strauss bereits zwei Jahre später das Amt des Musikdirektors in Meiningen übernahm (»Er macht sich in jeder Beziehung vortrefflich«, schrieb von Bülow im Oktober 1885, »Schöne Carrière steht ihm bevor!«), litt Brahms lange unter den Vorschusslorbeeren, die Schumann ihm wie einem Messias der Musik (»Und er ist gekommen, ein junges Blut, an dessen Wiege Grazien und Helden Wache hielten«) mit auf den Weg gegeben hatte: Er beschäftigte sich intensiv mit Kontrapunktik, um kompositorische Defizite auszugleichen, übte sich in Klaviermusik und tastete sich langsam über Serenaden, Orchestervariationen, das Erste Klavierkonzert op. 15 und Chorwerke mit Orchester vor. Erst mit 40 Jahren vollendete Brahms als Opus 68 seine Erste Symphonie.

Konzert mit symphonischem Gestus

In seinem Violinkonzert D-Dur op. 77 knüpfte Johannes Brahms bewusst an klassische Formen an – und verlieh ihm dennoch einen ganz individuellen Zuschnitt. Da der Komponist mit der Violine als Soloinstrument wenig vertraut war, schickte er Ende August 1878 die erste Fassung des Werks dem befreundeten Geiger Joseph Joachim zur Durchsicht. Immer wieder tauschten sich die beiden Freunde über das Violinkonzert aus, die Komposition der großen Solokadenz überließ Brahms Joachim, der bei der Uraufführung am 1. Januar 1879 in Leipzig und bei vielen Folgeaufführungen den Solo-Part spielte.

Das Konzert ist mit großen Sprüngen, vielen Doppelgriffen und unbequemen Lagen technisch sehr anspruchsvoll; seine Virtuosität ist aber nicht so auf Effekt getrimmt wie bei anderen romantischen Konzerten, sondern wirkt gelegentlich etwas verbissen und thematisch gezügelt. Besonders im einleitenden Allegro non troppo ist die Partie der Solo-Violine eng mit der Orchesterbegleitung verwoben – eine partnerschaftliche Begegnung. Brahms lässt hier wie in einem klassischen Konzert zunächst das Orchester die Exposition vorstellen, ehe der Solist mit einem trotzigen Eingang, der immer wieder von scharfen Punktierungen des Tutti befeuert wird, die Initiative übernimmt. Das lyrische Hauptthema und das gesangliche Seitenthema, das in der Orchester-Exposition nur angedeutet wurde, muss von der Solo-Violine gleichsam erst erkämpft werden. Immer wieder taucht dieser ruppige Gestus im Kopfsatz auf, der auf allzu wörtliche Wiederholungen verzichtet und die thematische Entwicklung in Violinpart und Begleitung immer weiterführt.

Zum langsamen Satz bemerkte der Violinvirtuose Pablo de Sarasate (der das Konzert übrigens nie selbst aufgeführt hat), er wolle nicht mit der Geige in der Hand auf dem Podium zuhören, »wie im Adagio die Oboe dem Publikum die einzige Melodie des ganzen Stückes vorspielt.« Die Kunst für den Solisten besteht in diesem Satz darin, das kantable Thema, das anfangs nur von den Bläsern begleitet wird, noch inniger zu spielen, als es zuvor von der Oboe zu hören war – der Streicherteppich und die zarten Imitationen können dabei helfen. Im fis-Moll-Mittelteil erhöht sich die Dramatik, von der auch im wiederkehrenden F-Dur-Teil noch Spuren zu finden sind.

Das Finale ist ein ungarisch gefärbtes, immer wieder rhythmisch gestautes Rondo, das von der Solovioline die vertracktesten Doppelgriffe verlangt. Markante Punktierungen – sie erinnern an diejenigen des Kopfsatzes – und die durch die Lagen jagenden Sechzehntelketten verleihen dem Finale eine kämpferische Note, die durch den folkloristischen Kontext jedoch gemildert ist. In den letzten Takten verliert der Satz an Energie, ehe ihn drei trockene Akkordschläge ein wenig plötzlich zu Ende bringen.

Symphonie mit konzertantem Solo-Instrument

Auch die 1899 in Frankfurt uraufgeführte Tondichtung Ein Heldenleben op. 40 von Richard Strauss wartet mit einer Solovioline auf. Sie wird vom Komponisten eingeführt, um Des Helden Gefährtin musikalische Gestalt zu geben. Der teilweise unbegleitete, vom Konzertmeister gespielte Violinpart erscheint in seiner rhythmischen und melodischen Freiheit manches Mal wie improvisiert, Spielanweisungen wie »leichtfertig«, »übermütig«, »etwas sentimental«, »zornig« oder »schnell und keifend« könnten auch einen leidenschaftlichen Menschen charakterisieren. Strauss soll nach den Aufzeichnungen Romain Rollands dazu gesagt haben: »Ich wollte meine Frau darstellen. Sie ist sehr komplex, sehr weiblich, ein wenig pervers, ein wenig kokett, niemals sie selbst, jede Minute anders.« Hatte der Komponist bei seiner zeitweise parallel entstandenen Tondichtung Don Quixote op. 35 noch ein literarisches Programm als Vorlage, so beschäftigte er sich hier wie auch in der nachfolgenden Symphonia domestica op. 53 mit seinem eigenen Leben.

Ein Heldenleben startet spektakulär mit einem auftrumpfenden, von Celli und Hörnern im Unisono gespielten Thema, das einen potenten, vor Energie strotzenden Helden zeigt. Seine Gegner – Strauss nennt sie Des Helden Widersacher – lassen aber nicht lange auf sich warten und betreten nach einer Generalpause mit schrägen, nervös-hüpfenden, meckernden Figuren in den Stimmen der Flöten und Oboen die Bühne, begleitet vom drögen Raunen der beiden Tuben: eine sarkastische Karikatur seiner Kritiker. Nach und nach meldet sich wieder der Held zu Wort, ehe die unvermittelt einsetzende Solo-Violine Des Helden Gefährtin vorstellt. Das opulent besetzte Orchester wird hier ganz kammermusikalisch behandelt, ehe die Streicher mit immer satter werdendem Klang noch mehr Emotionen in diese Liebesidylle geben. Aber auch dieses Glück ist nur von begrenzter Dauer, da Trompetenfanfaren aus der Ferne zum Kampf auf Des Helden Walstatt rufen. Es ist wirklich eine Schlachtenmusik, die Strauss mit vollem Blech und gewaltigem Schlagzeug entfesselt. Der Held scheint triumphiert zu haben, kehrt das Anfangsthema doch unverändert mit voller Kraft wieder. Der Blick geht zurück in die Vergangenheit, wenn Strauss in Des Heldens Friedenswerke mit den Tondichtungen Don Juan, Don Quixote, Till Eulenspiegel, Tod und Verklärung und der Oper Guntram seine zu diesem Zeitpunkt wichtigsten Werke zitiert. Aber der Triumphgestus stellt sich nicht mehr ein, Harfen und Streicher dominieren das Geschehen. Der Held »zieht sich ganz in’s Idyll zurück, nur mehr seinen Betrachtungen, Wünschen und dem stillen beschaulichen Austrag seiner eigensten Persönlichkeit zu leben. / Herbstlicher Wald – Resignation an der Seite der Geliebten – gemütvolles Ausklingen an ihrer Seite«, notiert der Komponist in seinem Skizzenbuch zu Des Helden Weltflucht und Vollendung. Ursprünglich wollte Strauss das Werk im Pianissimo verklingen lassen. Aber nachdem ein Freund Kritik geäußert hatte, veränderte er nochmals die Partitur. Nun wecken wenige Takte vor dem Ende die Trompeten mit einem aufsteigenden, ins Fortissimo crescendierenden Es-Dur-Dreiklang das Bläser-Tutti, das dieses Heldenleben schließlich in ein strahlendes Licht setzt.

Georg Rudiger

Guy Braunstein, in Tel Aviv geboren, spielt seit seinem siebten Lebensjahr Geige; zu seinen Lehrern zählen u. a. Chaim Taub, Glenn Dicterow und Pinchas Zukerman. Mit den Berliner Philharmonikern musizierte er erstmals 1992, damals unter der Leitung von Zubin Mehta als einer der Solisten in Beethovens Tripelkonzert. Bereits bevor Guy Braunstein dann im September 2000 als 1. Konzertmeister zu den Philharmonikern kam, hatte er als Solist auch mit anderen führenden Orchestern (z. B. Israel Philharmonic Orchestra, Tonhalle-Orchester Zürich, Bamberger Symphoniker) und Dirigenten wie Wladimir Fedossejew und Daniel Barenboim zusammengearbeitet. 1995 brachte er in Köln Shifting – Konzert für Violine und Orchester zur Uraufführung, das Rolf Riehm für ihn komponiert hatte. Der Musiker engagiert sich mit großer Leidenschaft für das von Daniel Barenboim gegründete West-Eastern Divan Orchestra sowie als Kammermusiker: Er ist Mitglied bei den Philharmonischen Geigen Berlin und bei den Philharmonischen Freunden Wien-Berlin. Als Konzertsolist der Berliner Philharmoniker war Guy Braunstein zuletzt im Oktober 2009 unter der Leitung von Semyon Bychkov mit dem Violinkonzert Nr. 1 a-Moll op. 77 von Dmitri Schostakowitsch zu erleben.


Andris Nelsons wurde in Riga als Kind einer Musikerfamilie geboren. Er begann seine Laufbahn als Trompeter im Orchester der Lettischen Nationaloper sowie als Sänger, der diverse renommierte Preisen errang, beispielsweise den Großen Lettischen Musikpreis für herausragende Leistungen. Nach Abschluss seines Studiums in Riga wurde er Schüler von Alexander Titov in St. Petersburg; seit 2002 unterrichtet ihn Mariss Jansons. Von 2003 bis 2007 war Andris Nelsons Musikdirektor der Lettischen Staatsoper; im Folgejahr übernahm er in gleicher Funktion das City of Birmingham Symphony Orchestra. 2009 beendete der Künstler eine Tätigkeit als Chefdirigent der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford. Regelmäßig leitet er Aufführungen am Royal Opera House Covent Garden in London, an der Metropolitan Opera New York, sowie an der Staatsopern in Wien und Berlin. Bei den Bayreuther Festspielen debütierte er 2010 als Dirigent einer Neuproduktion des Lohengrin in der Regie von Hans Neuenfels; im Sommer 2011 kehrte er für weitere Aufführungen dieser Oper dorthin zurück. Zu den internationalen Spitzenorchestern, bei denen Andris Nelsons in der Vergangenheit bereits gastierte, zählen die Wiener Philharmoniker, das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Staatskapelle Berlin, das Tonhalle-Orchester Zürich, das Philharmonia Orchestra London, das Boston Symphony Orchestra und das New York Philharmonic Orchestra. Am Pult der Berliner Philharmoniker stand Andris Nelsons erstmals Mitte Oktober 2010, zuletzt dirigierte er sie im September 2011 mit Werken von Pfitzner, Kaminski, Rihm und Strauss.

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