• Claude Debussy
    Prélude à l'après-midi d'un faune (00:13:08)

  • Antonín Dvořák
    Das goldene Spinnrad op. 109 (00:24:53)

  • Arnold Schönberg
    Verklärte Nacht op. 4 (Fassung von 1943) (00:33:15)

  • Edward Elgar
    Enigma, Variations on an Original Theme op. 36 (00:36:36)

Eine Galerie symphonischer Bilder gibt es in diesem Konzert mit den Berliner Philharmonikern und Sir Simon Rattle zu bestaunen. Das Abschreiten kommt dabei einer Reise durch Europa gleich - mit den Stationen Frankreich, Tschechien, Österreich und England.

Wie in einer Gemäldesammlung sind auch hier die Bilder mal konkreter und mal abstrakter. Kaum greifbar erscheint beispielsweise Claude Debussys Prélude à l'après-midi d'un faune, das ein symbolistisches Gedicht Stéphane Mallarmés aufgreift, ohne aber eine Handlung zu illustrieren. Vielmehr ist es gerade die flirrende Flüchtigkeit, die dieser Musik ihren Charme verleiht. Demgegenüber ließe sich die märchenhafte Geschichte in Antonín Dvořáks Tondichtung Das goldene Spinnrad quasi nachbuchstabieren. Es ist nur die Frage, ob man das wirklich tun sollte - oder ob nicht gerade die spontane Freude an Dvořáks balladeskem Ton einen intensiveren Genuss bereitet.

Auch aus Arnold Schönbergs markantem Frühwerk Verklärte Nacht lässt sich eine Handlung - ein Beziehungsdrama in einem nächtlichen Wald - ablesen, doch dem Komponisten ging es um etwas anderes, nämlich: »die dichterische Natur und menschliche Empfindungen« darzustellen. Mit Edward Elgars Enigma-Variationen erreichen wir in unserer musikalischen Galerie die Abteilung »Porträts«. Auf ein Thema folgen 14 Variationen, von denen jede einen wichtigen Menschen aus Elgars Umfeld charakterisiert. Bekannt wurde vor allem das mit »Nimrod« überschriebene Abbild eines Freundes, das dank seines perfekt dosierten Pathos bei kaum einem feierlichen Anlass in Großbritannien fehlen darf.

Märchen, Mythen und ihre musikalische Umformung

Werke von Dvořák, Schönberg, Debussy und Elgar

Immer wieder aufs Neue erstaunt beim Lesen von Märchen, Sagen und Legenden die ihnen innenwohnende symbolische und sogar tiefenpsychologische Substanz. Allein deswegen ist es nur natürlich, dass Vertreter aus anderen Künsten durch diese interpretationsoffenen literarischen Gebilde dauerhaft angeregt wurden, was unter anderem auch auf Karel Jaromír Erben zutrifft: Der tschechische Lyriker ließ sich zu Balladen und Gedichten inspirieren, die er dann in seiner berühmten Gedichtsammlung Kytice – Blumenstrauß nationaler Sagen veröffentlichte. Wiederum von diesen Balladen und Gedichten fasziniert, komponierte Antonín Dvořák in den Jahren 1896/1897 unter den Opusnummern 107 bis 111 einen Zyklus aus fünf Symphonischen Dichtungen: Der Wassermann, Die Mittagshexe, Das goldene Spinnrad, Die Waldtaube und Heldenlied. Das kompositorische Verfahren, dessen er sich dabei bediente, wurde vom amerikanischen Musikologen Gerald Abraham als »verbal inspiration« bezeichnet. Bei Dvořák bestimmten vor allem das Textmetrum der Verse Erbens und die Art ihrer Deklamation die Motiv- und Themenerfindung. Man darf deswegen ein Wort Klaus Döges aufgreifen, der den Komponisten einmal als einen »dichtenden Symphonisten« bezeichnete.

Wie richtig er damit liegt, zeigt sich schon zu Beginn des Goldenen Spinnrads: In den Hörnern ertönt das F-Dur-Jagdmotiv des jungen Königs; es steht für die höfisch-ritterliche Welt. Anschließend folgt ein lyrisches Liebesthema, das vom Englischhorn eingeführt und dann von den Violinen übernommen wird. Innerhalb dieser musikalischen Phrase trifft der König auf seiner Rast im Wald das schöne Dorchen. Und so sehr ist er von dem jungen Mädchen verzaubert, dass er bereits 50 Takte danach um ihre Hand anhält. Da Dorchens Stiefmutter und Stiefschwester aber erst am kommenden Tag zurückkehren, ist der König gezwungen, seinen Antrag zu wiederholen. Hörnerklänge begleiten seinen Befehl, die zukünftige Braut auf die Königsburg zu bringen. Begeistert ist die Stiefmutter allerdings nicht, was die Klarinetten deutlich zum Ausdruck bringen.

Dennoch: Im folgenden Andante brechen die Frauen auf. Die tiefen, in Moll gehaltenen Streicherklänge jedoch lassen nichts Gutes ahnen. Und tatsächlich werden dem armen Dorchen Arme und Beine abgehackt und die Augen ausgestochen. Den grässlich geschändeten Leib lassen die Mörderinnen im Wald zurück, die abgehackten Gliedmaßen nehmen sie mit und ziehen weiter zum Schloss. Getäuscht von der Ähnlichkeit zwischen den beiden Stiefschwestern, lässt sich der König blenden, heiratet die falsche Frau und lädt zum siebentägigen Hochzeitsfest ein. Aber die Freude dauert nicht lange an. Für einen Feldzug muss sich der Potentat verabschieden. In dieses Adagio von Liebe und Abschied mischt sich die leise klagende Cello-Elegie Dorchens. Vor seiner Abreise bittet der König seine ihm frisch angetraute Gattin, fleißig zu spinnen; dann geht er.

Währenddessen findet ein wundertätiger Greis Dorchens Körper im Wald. Er schickt seinen Burschen mit einem goldenen Spinnrad ins Schloss und befiehlt ihm, dafür zwei Beine zu verlangen. Dann soll er für eine goldene Spindel zwei Hände und schließlich für eine goldene Kunkel (das ist die stabförmige Halterung, an der beim Spinnen die noch unversponnene Faser befestigt ist) ein Augenpaar eintauschen. Die falsche Königin giert nach dem güldenen Reichtum und willigt in den Tauschhandel ein. Mit einem Zauberwasser fügt der Greis den Leib des Opfers wieder zusammen, heilt die Augen und lässt Dorchens Herz wieder schlagen. Musikalisiert ist diese Rückkehr ins Leben durch das Englischhorn-Motiv vom Anfang der Symphonischen Dichtung.

Wieder erschallt der Hörnerklang: Der König kehrt siegreich aus der Schlacht zurück und fordert seine falsche Frau auf, sich an das goldene Spinnrad zu setzen und zu spinnen. Als es sich dreht, (symbolisiert durch ein sich dreimal wiederholendes Flötenmotiv) erklingt ein Lied, das von der frevelhaften Tat erzählt. Der entsetzte König eilt in den Wald und findet dort sein echtes Dorchen – lebendig und gesund. Erneut erklingt nun das bereits bekannte Liebesmotiv, jedoch in leidenschaftlich gesteigerter Form. Die sich anschließende triumphale Apotheose widmet sich in strahlendem Dur dann der glücklichen Vereinigung der Liebenden.

Das wegweisende Schaffen Dvořáks hat auf Komponisten der jüngeren Generation Einfluss ausgeübt. Wie zum Beispiel auf den jungen Arnold Schönberg, in dessen Frühwerk sich so manche Anspielung an den tschechischen Kollegen findet. Nach 1897 verliert der Einfluss Dvořáks auf Schönberg dann sein Gewicht. So ist im Streichsextett Verklärte Nacht op. 4 aus dem Jahre 1899 davon nichts mehr zu hören. Stattdessen versucht Schönberg, Programmmusik auf ein Kammerensemble zu übertragen. Mit anderen Worten: Die Idee der Symphonischen Dichtung wird in den intimeren Klangraum der solistischen Kammermusik (in diesem Fall ein Streichsextett) übernommen. Später schuf Schönberg eine Fassung für Streichorchester (1917, revidiert 1943), die in diesem Konzert erklingt.

Zugrunde liegt dem einsätzigen Werk das Gedicht Verklärte Nacht von Richard Dehmel aus der 1896 publizierten Sammlung Weib und Welt, das den nächtlichen Spaziergang zweier Liebender beschreibt. Die Frau gesteht ihrem Geliebten, dass sie ein Kind von einem anderen Mann erwarte. Doch der Geliebte lässt sie nicht fallen, sondern bietet sich als Vater und Gatte an: »Er fasst sie um die starken Hüften. / Ihr Atem küsst sich in den Lüften. Zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.«

Dass die meisten Komponisten sich am Anfang ihres schöpferischen Tuns an Vorbildern orientieren, ist nachvollziehbar – und gilt auch für Claude Debussy. 1887, von einem dreijährigen Rom-Aufenthalt nach Paris zurückgekehrt, gestattet sich Debussy in den beiden folgenden Jahren sommerliche Aufenthalte bei den Bayreuther Festspielen. Die dort begonnene Auseinandersetzung mit Richard Wagner wird bis zu seinem Tod nicht mehr abreißen.

Das wichtigste Werk dieser Periode ist das Prélude à l'après-midi d’un faune, mit dessen Komposition Debussy 1892 begonnen hat. Am 22. Dezember 1894 findet die Uraufführung statt – zunächst gegen einige Widerstände im Orchester, dann aber doch mit großem Erfolg. Im Programmheft äußert sich der Komponist zur Idee des Werks: »Die Musik dieses Vorspiels ist eine sehr freie Erläuterung des schönen Gedichts von Stéphane Mallarmé. Sie zielt keineswegs ab auf dessen Zusammenfassung. Es sind dies vielmehr die aufeinanderfolgenden Bildhintergründe, worin die Wünsche und Träume des Fauns in der Glut jenes Nachmittags sich bewegen. Müde, die schamhafte Flucht der Nymphen und Najaden zu verfolgen, überlässt er sich dann trunkenem Schlummer, erfüllt von endlich verwirklichten Wunschträumen von völligem Besitz inmitten allumfassender Natur.«

Sucht man im Œuvre Edward Elgars nach Parallelen zu den Kompositionen Debussys, wird man nicht viele finden. Über Umwege bietet aber immerhin der Name Wagner eine Klammer. Denn eben jener Dirigent, der 1876 bei den Bayreuther Festspielen den gesamten Ring des Nibelungen dirigierte, verhalf auch den Variations on an Original Theme op. 36 (so der Originaltitel) des englischen Komponisten zum Durchbruch. Am 19. Juni 1899 leitete Hans Richter in der Londoner St. James’s Hall die Uraufführung der Enigma-Variationen.

Gewidmet ist das Werk »my friends pictured within«, was der Komponist in einem Brief näher erläutert: »Die Variationen haben mir Spaß gemacht, weil ich sie mit den Spitznamen einiger besonderer Freunde überschrieben habe.[...] Das heißt, ich habe die Variationen jeweils so geschrieben, dass ich die Stimmung des oder der ›Beteiligten‹ darstelle. Ich habe mir dabei einfach versucht vorzustellen, wie der, bzw. die ›Beteiligte‹ die Variation geschrieben hätte – wenn er oder sie dumm genug wäre, zu komponieren – es ist ein kurioser Einfall, und das Ergebnis ist für die hinter den Kulissen amüsant genug und wird auch den Hörer nicht stören, der davon nichts weiß.«

Christine Mellich

EMISir Simon Rattle tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von EMI Classics auf.

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Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

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