• Hans Krása
    Symphonie für Mezzosopran und kleines Orchester (20:22)

    Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker, Eva Vogel Alt

  • Arnold Schönberg
    Kammersymphonie Nr. 1 für großes Orchester op. 9b (24:10)

  • Johannes Brahms
    Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73 (44:40)

Die USA-Tournee der Berliner Philharmoniker wirft ihre Schatten voraus: Ab 11. November gastieren das Orchester und Sir Simon Rattle unter anderem in New York, Chicago und San Francisco. Zwei der Werke, mit denen sie sich dem amerikanischen Publikum präsentieren, sind bereits in diesem Konzert zu erleben: die Zweite Symphonie von Johannes Brahms und Arnold Schönbergs Kammersymphonie Nr. 1. Die Aufführung sämtlicher Brahms-Symphonien war ein zentrales Projekt der vergangenen Saison. Zufrieden stellte die Wochenzeitung Die Zeit damals fest, Rattle habe »Furtwänglers Dimensionen mit Karajans schönem Ton« verbunden. Eine entschiedene Abkehr vom Wohlklang der Spätromantik verkörpert Schönbergs Kammersymphonie, ein Werk an der Schwelle zwischen tonaler und atonaler Musik. Die hier vollzogene »Emanzipation der Dissonanz« verstörte zwar das zeitgenössische Publikum, eröffnete jedoch der Musik ungeahnte Ausdruckssphären. Am Beginn des Konzerts steht die Symphonie für Mezzosopran und kleines Orchester von Hans Krása, der damit erstmals in einem Konzert der Berliner Philharmoniker vertreten ist. Der 1899 in Prag geborene Krása erlangte erst postum in den 1980er Jahren einen bitteren Ruhm als Komponist der Kinderoper Brundibar, die zur NS-Zeit über 50 Mal im Konzentrationslager Theresienstadt aufgeführt worden war. Krása selbst wurde 1944 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Wege symphonischen Komponierens

Werke von Johannes Brahms, Arnold Schönberg und Hans Krása

Unbeschwerte Heiterkeit?

»Johannes kam heute Abend und spielte mir den ersten Satz seiner zweiten Symphonie D-dur vor, der mich hoch entzückte«, notiert Clara Schumann am 3. Oktober 1877 in ihr Tagebuch: »Mit dieser Symphonie wird er auch beim Publicum durchschlagenderen Erfolg haben als mit der ersten, so sehr diese auch die Musiker hinreißt durch ihre Genialität und wunderbare Arbeit.« Clara Schumanns Einschätzung sollte sich bewahrheiten. Als die Symphonie am 30. Dezember 1877 uraufgeführt wurde, war das Publikum begeistert. Der Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick schrieb: »Wir können unsere Freude darüber nicht zu laut verkünden, dass Brahms, nachdem er in seiner ersten Symphonie dem Pathos faustischer Seelenkämpfe gewaltigen Ausdruck verliehen, nun in seiner zweiten sich der frühlingsblühenden Erde wieder zugewendet hat.«

Während die Erste Symphonie, mit der Brahms nach jahrzehntelangem Ringen endlich den Weg zur großen symphonischen Form gefunden hatte, als »Werk für ernste Kenner« (Hanslick) galt, wurde sein zweiter Beitrag zur Gattung als ein leichter verständliches Gegenstück empfunden. Naturhafte Hörnerklänge, beseelte Streicherkantilenen, die originelle Reihung von stilisierten Tänzen im dritten Satz oder das unablässig vorwärts drängende Finale wurden von vielen Interpreten als Ausdruck unbeschwerter Heiterkeit gedeutet. Bei näherem Eindringen in die Klangwelt der Zweiten Symphonie zeigt sich jedoch, dass die symphonische Idylle so ungebrochen nicht ist. In einer faszinierenden Studie hat der Musikwissenschaftler Reinhold Brinkmann die »melancholischen« Momente in diesem Werk und Brahms’ gebrochenes Verhältnis zur Heiterkeit herausgearbeitet.

Die Doppelgesichtigkeit der Zweiten Symphonie wird bereits in der Anfangspassage sinnfällig: Nachdem von Hörnern und Holzbläsern das mit einem metrisch versetzten Bassmotiv kontrapunktierte Hauptthema präsentiert worden ist, wird der symphonische Hauptsatz plötzlich zurückgenommen. Übrig bleibt eine in sich kreisende einstimmige Linie in den Streichern, die immer tiefer fällt und in einen leisen Paukenwirbel mündet. Er ist das Signal für drei dunkle Akkordketten in den Posaunen, die durch das die Symphonie eröffnende Halbtonmotiv voneinander abgesetzt werden.

Neue symphonische Wege

Knapp 30 Jahre nach der Uraufführung der Zweiten Symphonie machte sich Arnold Schönberg in einem noch von Brahms geprägten Umfeld an die Komposition eines symphonischen Werks: »1906 ist Schönberg vom Landaufenthalt mit der Kammersymphonie gekommen«, erinnert sich Anton Webern 1932: »Der Eindruck war kolossal.« Tatsächlich lassen sich die Bedeutung der Ersten Kammersymphonie für Schönbergs eigenes Schaffen und die Wirkung, die sie auf viele andere Komponisten ausübte, kaum überschätzen. Die Komposition ist ein Schwellenwerk, das in seiner avancierten Tonsprache den Übergang zur Neuen Musik markiert. Zugleich schuf der 32-jährige Komponist mit seinem Opus 9 ein Werk, das in Bezugnahme auf die Tradition die Gattungsgrenzen erweiterte und so dem symphonischen Komponieren zu Beginn des 20. Jahrhunderts neue Wege wies.

Bereits auf der Ebene der formalen Gestaltung zeigt sich die janusköpfige Natur der Ersten Kammersymphonie. Das Werk von etwas mehr als 20 Minuten Dauer besteht aus einem einzigen Satz, in dem der Komponist die viersätzige symphonische Form und Prinzipien des Sonatensatzes auf kunstvolle Weise ineinander geblendet hat. So repräsentieren die einzelnen Abschnitte, die – wie Alban Berg einmal formulierte – auf »rätselhafte schöne« Weise miteinander verbunden sind, nicht nur die verschiedenen Satzcharaktere einer Symphonie (Kopfsatz, Scherzo, langsamen Satz und Finale), sondern auch die Formteile eines Sonatensatzes (Exposition, Durchführung, Reprise und Coda). Dieser Verdichtungsprozess im Bereich der Form wird durch eine gesteigerte motivisch-thematische Arbeit unterstützt. Zum einen unterwirft Schönberg die ausdrucksgeladenen und konzis formulierten Themen einem Prozess der ständigen Variation. Zum anderen werden sie auf äußerst kunstvolle Weise miteinander verwoben, überlagert und übereinander geschichtet. Das Resultat dieser Kompositionsweise, die Schönberg selbst als Fortführung der von Brahms entwickelten Kompositionsverfahren verstand, ist ein vielstimmiges polyfones Gefüge von äußerster Dichte und Komplexität.

Am 8. Februar 1907 wurde die Erste Kammersymphonie in ihrer Originalfassung für 15 Solo-Instrumente uraufgeführt. In den folgenden Jahren entwickelte Schönberg dann die Idee, das Werk für großes Orchester umzuarbeiten. Doch erst nach der Übersiedlung ins amerikanische Exil setzte er den Plan einer eigenständigen Orchesterfassung 1935 in die Tat um. Sein Glaube, dass erst diese Neuinstrumentation »der Kammersymphonie endlich ihren Platz im Konzertleben« sichern würde, sollte sich jedoch nicht bewahrheiten. Während die Originalfassung für 15 Solo-Instrumente zu einer festen Größe im Konzertbetrieb geworden ist, wird die Bearbeitung für großes Orchester, in der das Werk am heutigen Abend erklingt, nur selten aufgeführt.

Ein vielversprechendes Debüt

»Welche Freude einen jungen Musiker zu entdecken, der nicht nur – wie die Herren Kritiker zu sagen pflegen – ›voller Versprechungen ist‹, sondern der uns minutiös ausgearbeitete und fein austarierte Werke ›schenkt‹«, notierte Darius Milhaud in einer Konzertkritik aus dem Jahr 1923. Am 24. April hatte der französische Komponist im Théâtre des Champs-Elysées der Uraufführung der ersten beiden Sätze einer Symphonie des bis dahin in Paris völlig unbekannten Hans Krása beigewohnt.

Die fragmentarische Uraufführung der Symphonie für kleines Orchester (mit dem dritten Satz war der Komponist nicht rechtzeitig fertig geworden), bedeutete für den 24-jährigen Krása den internationalen Durchbruch. Dass das Werk bald wieder in Vergessenheit geriet und der Name seines Schöpfers von den Konzertprogrammen verschwand, war eine Folge des nationalsozialistischen Rassenwahns: Im August 1942 wurde Hans Krása, der aus einer assimilierten jüdischen Familie stammte, aus seiner Heimatstadt Prag in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Zwei Jahre später kam er dann nach Auschwitz, wo er in den Gaskammern ermordet wurde.

Krásas knapp 20-minütige Symphonie zeugt von der Individualisierung symphonischen Komponierens im frühen 20. Jahrhundert, die mit Schönbergs Erster Kammersymphonie einsetzte. So ist der große symphonische Apparat einem luzide besetzten Kammerorchester gewichen. Auch in der Anzahl, der Form, dem Umfang sowie dem Charakter der drei Sätze manifestiert sich die Abkehr von den Idealen romantischen Komponierens. In einer Werkeinführung schreibt der Komponist: »Die Pastorale nimmt in der Symphonie den Platz des eröffnenden Moderato ein. Der Marsch ersetzt das Scherzo und das Lied Les Chercheuses de poux für Altstimme das Adagio.« Textgrundlage dieses vokalen Schluss-Satzes ist das Gedicht Die Läusesucherinnen von Arthur Rimbaud in einer Prosaübersetzung von Max Brod.

Tobias Bleek


Eva Vogel studierte in den USA am New Yorker Mannes College of Music und an der Yale University, wo sie mit Doris Yarick-Cross und Lili Chookasian arbeitete. Derzeit wird sie von Christa Ludwig unterrichtet. Schon während ihres Studiums mit Partien in Opern von Monteverdi, Mozart, Bizet und Verdi auf der Bühne zu erleben, hat sich die Künstlerin inzwischen ein facettenreiches Repertoire erarbeitet, das u. a. Rollen in Werken von Vivaldi, Händel, Rossini, Donizetti, Mascagni, Johann Strauß, Wagner, Humperdinck, Richard Strauss und Prokofjew beinhaltet. Eva Vogel hat bislang an Opernproduktionen renommierter Häuser in Tel Aviv, Hamburg (Alleetheater), Düsseldorf (Deutsche Oper am Rhein), Innsbruck (Tiroler Landestheater) und der Staatstheater in Wiesbaden und Nürnberg mitgewirkt. Im Sommer 2003 sang sie an der Kammeroper Schloss Rheinsberg den Hohepriester Ozias in Vivaldis szenischem Oratorium Juditha Triumphans, in den Jahren 2003 bis 2005 gehörte sie dem Opernstudio der Kölner Oper an, 2005 debütierte sie im Concertgebouw Amsterdam unter der Leitung von Edo de Waart in einer konzertanten Aufführung von Erwin Schulhoffs Oper Flammen. Mit den Berliner Philharmonikern hat Eva Vogel bereits während der zwei letzten Spielzeiten beim Festival von Aix-en-Provence und bei den Salzburger Osterfestspielen zusammengearbeitet, wo sie in den von Sir Simon Rattle geleiteten Opernproduktionen von Wagners Walküre und Götterdämmerung als Grimgerde bzw. als Wellgunde zu sehen war. In Berliner Konzerten des Orchesters tritt sie nun zum ersten Mal auf. Als Liedinterpretin hat Eva Vogel u. a. in New York, Philadelphia, New Haven, St. Moritz und beim Klavier-Festival Ruhr große Erfolge gefeiert.

EMISir Simon Rattle tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von EMI Classics auf.

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Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

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