Mariss Jansons dirigiert Dvořáks Symphonie »Aus der Neuen Welt«

  • Bedřich Smetana
    Ouvertüre zur Oper Die verkaufte Braut (00:09:34)

  • Bohuslav Martinů
    Violinkonzert Nr. 2 (00:31:06)

    Frank Peter Zimmermann Violine

  • Antonín Dvořák
    Symphonie Nr. 9 e-Moll op. 95 »Aus der Neuen Welt« (00:50:36)

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    Mariss Jansons über Smetana, Martinů und Dvořák (14:18)

    Mariss Jansons, Peter Brem

Wer an tschechische Musik denkt, hat gleich eine spezifische Klangwelt im Ohr: farbig, leidenschaftlich, entschieden rhythmisch, leicht exotisch und fast immer mit einem melancholischen Unterton. Diese und noch viele andere Facetten der Musik Böhmens und Mährens lassen sich in diesem Konzert mit Mariss Jansons und dem Geiger Frank Peter Zimmermann aufspüren. Nach Werken von Bedřich Smetana und Bohuslav Martinů gipfelt der Abend in Antonín Dvořáks berühmter Symphonie Nr. 9 »Aus der Neuen Welt«.

Mit mindestens zwei Werken hat Bedřich Smetana kulturelle Heiligtümer seiner Heimat geschaffen: dem Zyklus Mein Vaterland und der Oper Die verkaufte Braut, aus der wir hier die rasante Ouvertüre hören. Verhaltener gibt sich das Zweite Violinkonzert von Bohuslav Martinů - und spiegelt damit die Verfassung des Komponisten wider, der das Werk während des Zweiten Weltkriegs im amerikanischen Exil schrieb. Sein Heimweh vermittelt sich in vielen von tschechischer Folklore inspirierten Melodien. Auf ganz ähnliche Weise war fünf Jahrzehnte zuvor Antonín Dvořáks an Inspiration und Schwung überreiche Symphonie »Aus der Neuen Welt« entstanden, die der tschechischen (und nicht so sehr der amerikanischen) Volksmusik ein Denkmal setzte.

Mariss Jansons, Chefdirigent des Amsterdamer Concertgebouworkest und des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, ist seit langem ein enger Freund der Berliner Philharmoniker. Zu seinen Aufnahmen, mit denen er einst die Aufmerksamkeit der internationalen Musikwelt auf sich lenkte, zählt eine bis heute beeindruckende Interpretation von Dvořáks Neunter, voller Gefühlstiefe und spannender Details.

Indianer in Böhmen

Drei Großmeister des musikalischen Ideenhandels: Smetana, Dvořák und Martinů

»Nach meinen Verdiensten und meinem Bestreben bin ich ein tschechischer Komponist und Schöpfer des tschechischen Stils im dramatischen und symphonischen Bereich der Musik.« Bedřich Smetanas Satz scheint keinen Widerspruch zu dulden und ist dennoch falsch. Denn eine ernst zu nehmende Symphonie hat Smetana nie geschrieben. Was ihn im Jahre 1882 zu dieser Äußerung veranlasste, war das Gefühl, nicht nur verkannt und vernachlässigt zu sein, sondern auch von einem 17 Jahre jüngeren Kollegen, der einst im Interimstheater unter seiner Leitung Bratsche gespielt hatte, in der Publikumsgunst überholt zu werden. Smetana pflegte keine Lobeshymnen auf diesen Kollegen anzustimmen: Antonín Dvořák fehle »die allgemeine Bildung«, meinte er und fügte hinzu, Dvořák sei »ein Musikant, obwohl ein sehr talentierter, nichts weiter. Und so ist es leider mit der Mehrzahl unserer Komponisten.«

Auf der Suche nach einem nationalen Stil

Bedřich Smetana unternahm verschiedene Versuche, eine national-tschechische Musik mit avanciertesten Mitteln zu schaffen. In der 1866 uraufgeführten Komischen Oper Prodaná nevěsta [Die verkaufte Braut] kam er dem Publikumsgeschmack am weitesten entgegen – zu weit, wie er im Alter befand. Die Ouvertüre wurde zum Idealtypus später komponierter Lustspiel-Ouvertüren. Sie sorgt zudem für strukturelle Zusammenhänge innerhalb der Oper: Sowohl das quirlige, durch die Streichergruppen wandernde und fugierte Anfangsthema als auch die mit stampfenden Sforzati hereinfahrende Polka sind noch einmal in der zentralen Vertragsszene des zweiten Aktes zu hören, in der die Titelheldin von ihrem Bräutigam einem Heiratsmakler überschrieben wird.

Als sich Antonín Dvořák 1893 anschickte, seine Symphonie Nr. 9 e-Moll op. 95 »Aus der Neuen Welt« zu Papier zu bringen, musste er sich über einen genuin tschechischen, zeitgemäßen Kompositionsstil keine Gedanken mehr machen. Das Problem war definitiv gelöst. Zu einem Teil von Smetana, was die Gattungen der dramatischen Musik und der Symphonischen Dichtung betraf, zum anderen von ihm selbst auf dem Feld der Symphonie. Wie vor ihm Smetana hatte sich Dvořák über Jahre mit der Musik Wagners auseinandergesetzt, sie als Inspirationsquelle für seine Symphonien benutzt, bevor er auf die Brahms-Linie einschwenkte. Die Verbindung tschechischer Elemente mit Formprinzipien der Wiener Klassik war Dvořák 1885, ein Jahr nach Smetanas Tod, in der Symphonie Nr. 7 d-Moll gelungen. Seitdem hatte sich sein Verhältnis zur Königsgattung des 19. Jahrhunderts merklich entspannt. Er konnte es sich jetzt sogar leisten, die errungenen Erkenntnisse zu exportieren: Dvořák wurde zum entscheidenden Ideengeber der Neuen Musik Nordamerikas.

Böhmische Musik, amerikanische Einflüsse

Dvořáks neunte und letzte Symphonie »Aus der Neuen Welt« entstand in New York und bedient sich in den ersten drei Sätzen noch der herkömmlichen Formen der Gattung. Das Finale hingegen ist kühner im Aufbau, als wollte der Komponist andeuten, dass der Neuen Welt, dem viel gepriesenen Land der Freiheit, letztlich nur eine Neue Musik entsprechen kann. Die Mittelsätze sollen auf Henry Wadsworth Longfellows 1855 erschienenem Indianer-Epos The Song of Hiawatha zurückgehen, das Dvořák seit langem vertraut war. Das Largo wird oft als Vision der amerikanischen Prärie gedeutet. Wohlgemerkt als Vision – von Amerika hatte Dvořák bis dato nicht mehr gesehen als Manhattan. Der markige Tanzschritt im Scherzo und das Trio sind böhmischer Herkunft.

So energisch Dvořák darauf hinwies, dass eine amerikanische Nationalmusik nur durch den Rekurs auf indianische und negroide Überlieferungen zu schaffen sei, so energisch bestritt er die Verwendung solcher Volkslieder in seiner Neunten Symphonie. Alle diesbezüglichen Themen seien dem Charakter der indianischen Melodien und Plantagenlieder lediglich nachempfunden, betonte der Komponist: »Es sind meine eigenen Motive, und etwas habe ich schon dorthin mitgebracht. Es ist und bleibt aber immer tschechische Musik.« Dieses Etwas, das Dvořák mitgebracht hatte, war indes keine tschechische, sondern kurioserweise indianische Musik. 1879 hatte eine Indianertruppe mit ihren Tänzen und Gesängen in Prag gastiert. Es ist möglich, dass Dvořák diese Vorstellungen nicht besuchte, aber er erfuhr davon aus einem Zeitschriftenartikel seines Freundes Václav Juda Novotný. Dem Artikel waren zwei Notenbeispiele beigefügt; eines davon nutzte Dvořák bei der Komposition des langsamen Satzes seiner Symphonie »Aus der Neuen Welt«. Die Musik der amerikanischen Indianer wurde von Dvořák in die Vereinigten Staaten re-importiert.

Konzertbesuch mit Radio

Dvořáks Symphonie »Aus der Neuen Welt« erklang das erste Mal am 16. Dezember 1893 in der New Yorker Carnegie Hall. Ein halbes Jahrhundert später, nämlich am Silvesterabend 1943 lauschte – ebenfalls in der Carnegie Hall – Bohuslav Martinů einer Aufführung seiner Zweiten Symphonie. Oder besser: Er tat so, als würde er ihr lauschen. Tatsächlich erschien er nur, um den Applaus entgegenzunehmen. Er hatte ein kleines Radio mitgebracht und verfolgte im Nebenraum die zeitgleich in Boston stattfindende Uraufführung seines Violinkonzerts Nr. 2.

Anders als seinerzeit Dvořák hatte Martinů kein Vertrag nach New York gelockt, der ihm das Dreißigfache seiner europäischen Einkünfte versprach – Martinů kam als Emigrant. Natürlich war New York, wo der Komponist im März 1941 eintraf, allemal angenehmer als das von den Deutschen besetzte Paris; aber glücklich fühlte sich Martinů am Hudson nicht. Die Metropole ging ihm gewaltig auf die Nerven, und er wusste auch nicht, wovon er sich und seine Frau ernähren sollte. Die Ernährungsfrage klärte sich indes schnell: Man überhäufte Martinů schon bald mit Kompositionsaufträgen. Insbesondere die Zusammenarbeit mit Sergej Kussewitzky und dem Boston Symphony Orchestra führte zu einer wahren »Premierenattacke« auf das amerikanische Publikum.

Vom tschechischen Idiom zur Universalsprache

Martinůs Zweites Violinkonzert ist ein lyrisches Virtuosenstück. Mischa Elman gab es in Auftrag, nachdem er eine Aufführung von Martinůs Erster Symphonie erlebt hatte. Elmans internationaler Ruhm wurde, ähnlich wie im Falle von Jascha Heifetz, nur einige Jahre früher, 1905 durch ein Konzert mit den Berliner Philharmonikern begründet. Er war in den Vereinigten Staaten, wo er seit Beginn der 20er-Jahre lebte, sehr prominent, konnte aber nicht den Nimbus eines Heifetz erlangen. Martinů hatte ihn noch nie gehört. Er ließ sich von ihm vorspielen und blickte den Geiger danach nur sphinxhaft schweigend an; man trennte sich mit einiger Verlegenheit.

Ein Vierteljahr später, im April 1943, erhielt Elman die fertige Partitur. Martinů hatte verstanden, dass Elman »mit Leib und Seele Geiger sei, dessen Spiel, das niemals die Grenzen eines schönen Geigenklangs überschritt, einen besonderen Zauber habe«. Bei allen Lyrismen des Solo-Instruments gestattet Martinů in seinem Konzert aber auch dem Orchester durchaus gewichtige Wortmeldungen. Vor der Schlusskadenz, die nachträglich auf Wunsch des Widmungsträgers Elman eingefügt wurde, beschwört der Komponist die für seinen späteren Stil typische Aura des Magischen und Mirakulösen. Der zweite Satz verweilt überwiegend in stillen, bukolischen Bereichen, ein hoch virtuoses und tänzerisches, nicht selten in den Schritt eines Geschwindmarsches verfallendes Poco Allegro bildet den Abschluss.

Tschechische Elemente finden sich vor allem in den Ecksätzen, aber es sind Elemente, die Martinů vollkommen in seinen Personalstil umgeschmolzen hat. Die sogenannte mährische Kadenz, schon vor dem Krieg aus Janáčeks Taras Bulba übernommen, und der klopfende 6/8-Rhythmus gestatten es jedem Kind, Martinůs höchst individuelle Tonsprache auf Anhieb zu erkennen. Es waren nicht zufällig seine amerikanischen Jahre, die ihn zu dieser letzten Synthese im Sinne Dvořáks führten: Verwandlung des nationalen Idioms in eine Universalsprache.

Volker Tarnow

Mariss Jansons, 1943 in Riga geboren, studierte Violine, Klavier und Dirigieren am Leningrader Konservatorium und anschließend in Wien bei Hans Swarowsky sowie bei Herbert von Karajan in Salzburg. 1971 gewann er den Herbert-von-Karajan-Dirigentenwettbewerb in Berlin; im selben Jahr holte Jewgenij Mrawinskij ihn als Assistenten zu den Leningrader Philharmonikern, deren ständiger Gastdirigent er bis 1999 war. Seit 1976 steht Mariss Jansons regelmäßig auch am Pult der Berliner Philharmoniker. Von 1979 bis 2000 war er Chefdirigent des Philharmonischen Orchesters Oslo, das er zum internationalen Spitzenensemble formte. Zwischen 1992 und 1997 Erster Gastdirigent des London Philharmonic Orchestra, übernahm er danach die Leitung des Pittsburgh Symphony Orchestra. Seit Beginn der Spielzeit 2003/2004 betreut Mariss Jansons als Chefdirigent das Symphonieorchester und den Chor des Bayerischen Rundfunks. In gleicher Position leitet er seit 2004 auch das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, mit dem er Mitte April 2011 in der Berliner Philharmonie im Rahmen des Staatsbesuchs von Königin Beatrix der Niederlande ein Festkonzert mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy und Johannes Brahms gab. Zu den vielen Auszeichnungen des Künstlers zählen die Hans-von-Bülow-Medaille der Berliner Philharmoniker (2003), die Ernennung zum »Conductor of the Year« (Royal Philharmonic Society London, 2004) und zum »Dirigent des Jahres« des Magazins Opernwelt (2011 für die Aufführung von Eugen Onegin in Amsterdam), ein Grammy für die Einspielung von Schostakowitschs 13. Symphonie mit dem BR-Symphonieorchester (2006) sowie Ehrenmitgliedschaften der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und der Royal Academy of Music. 2006 wurde Mariss Jansons mit dem Drei-Sterne-Orden die höchste Ehrung der Republik Lettland zuteil. 2010 erhielt er den Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst. Das Jahr 2012 leitete er mit dem Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker ein.

Frank Peter Zimmermann, 1965 in Duisburg geboren, erhielt als Fünfjähriger den ersten Violinunterricht; im Alter von zehn Jahren debütierte er mit einem Violinkonzert von Mozart, zwei Jahre später gewann er einen Ersten Preis bei »Jugend musiziert«. Nach Studien bei Valery Gradow, Saschko Gawriloff und Hermann Krebbers begann 1983 seine steile Karriere, die ihn als Solist mit Spitzenorchestern und renommierten Dirigenten zusammenführte. In der Saison 2010/2011 Artist in Residence beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, wurde er in dieser Saison für zwei weitere Residencies beim New York Philharmonic und bei den Bamberger Symphonikern engagiert. Drei Violinkonzerte brachte der Musiker zur Uraufführung: Matthias Pintschers en sourdine mit den Berliner Philharmonikern (2003, Dirigent: Peter Eötvös), Brett Deans The Lost Art of Letter Writing mit dem Concertgebouworkest Amsterdam unter Leitung des Komponisten (2007) und 2009 in Paris Juggler in Paradise von Augusta Read Thomas mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France (Dirigent: Andrey Boreyko). Zu den Kammermusikpartnern Frank Peter Zimmermanns zählen die Pianisten Enrico Pace und Piotr Anderszewski sowie – seit 2007 – im Trio Zimmermann der Bratscher Antoine Tamestit und der Cellist Christian Poltéra. Der Geiger wurde u. a. mit dem Rheinischen Musikpreis (1994) und dem Musikpreis der Stadt Duisburg (2002) ausgezeichnet. Im Januar 2008 verlieh ihm die Bundesrepublik Deutschland das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Bei den Berliner Philharmonikern gastierte er seit 1986 wiederholt, zuletzt im Januar 2010 unter Bernard Haitinks Leitung als Solist im Violinkonzert D-Dur op. 77 von Johannes Brahms. Frank Peter Zimmermann spielt eine Stradivari aus dem Jahr 1711, die einst Fritz Kreisler gehörte und die ihm von der WestLB AG zur Verfügung gestellt wird.


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