Geburtstagskonzert der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker

  • Werke von Julius Klengel, Gabriel Fauré, Claude Debussy, Maurice Ravel, Astor Piazzolla, Ennio Morricone u. a. (1:54:03)

    Annette Dasch Sopran, Till Brönner Trompete

  • kostenlos

    Die 12 Cellisten gestern und heute (14:23)

Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker gehören zu den prominenten Institutionen im internationalen Musikleben – und das seit nunmehr 40 Jahren! Jetzt feiert das Ensemble Geburtstag, mit einem Gang durch seine Erfolgsgeschichte und Werken u. a. von Julius Klengel, Gabriel Fauré, Claude Debussy, Maurice Ravel, Astor Piazzolla und Ennio Morricone.

1972 hatten findige Salzburger Rundfunkredakteure die Cello-Sektion der Berliner Philharmoniker eingeladen, den in Vergessenheit geratenen Hymnus für 12 Violoncelli des Cellovirtuosen, -pädagogen und Komponisten Julius Klengel zu spielen. Dieser hatte das Werk 1920 mit elf seiner Schüler Arthur Nikisch, dem damaligen Chefdirigenten des Berliner Philharmonischen Orchesters, zu dessen 65. Geburtstag als Ständchen dargebracht.

Die Resonanz auf die Salzburger Aktion der Berliner Musiker war derart positiv, dass sie eine Fortsetzung des weltweit einzigartigen Projektes beschlossen. Seitdem haben sich die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker von einem Erfolg zum nächsten gespielt, mit Originalkompositionen und Arrangements, auch aus Jazz, Tango und Avantgarde. Egal welchem Genre sich die Musiker widmen: Ihr Vortrag offenbart ein einzigartiges kammermusikalisches Zusammenwirken von zwölf Solisten, die durch jahrelange Praxis miteinander verbunden und aufeinander eingespielt sind – auf 48 Saiten, vom tiefen C bis in die viergestrichenen Flageoletts. Bei ihrem Jubiläumskonzert erhalten sie Unterstützung von der Berliner Sopranistin Annette Dasch, die sich mit ihrer leuchtenden Höhe nicht nur als brillante Mozart-Interpretin einen internationalen Namen gemacht hat.

12 Freunde sollt ihr sein

Die Geschichte eines einmaligen Ensembles

Zwei Geburtstagsfeiern und ein verpasster Bus – so beginnt die Geschichte der 12 Cellisten. Aber lassen wir Rudolf Weinsheimer, den Gründer der Formation, doch selbst erzählen: »Am 2. Juli 1965, ich wurde 34 Jahre alt, lud ich drei besonders nette Cellokollegen mit Ehefrauen ein. Jeder brachte sein Instrument mit – und ein Stück für Celloquartett. Nach dem Essen setzten wir uns zusammen und spielten voll Freude und Begeisterung. Der ungewöhnliche Celloklang begeisterte auch unsere Zuhörer. Mein Schwiegervater, Herbert Zachert, Japanologe und Ordinarius an der Bonner Universität, regte einen Auftritt mit diesem Programm an der Waseda Universität an, wenn wir im November mit dem Orchester und Herbert von Karajan in Tokio gastieren würden. Das Konzert vor 1500 Studenten wurde begeistert aufgenommen, anschließend wurden die Stücke für den japanischen Fernsehsender NHK aufgezeichnet. Nach unserer Heimkehr bot ich das Programm dem österreichischen Rundfunk an. Mit Erfolg: Anlässlich der ersten Osterfestspiele 1967 nahmen wir es in Salzburg auf. Mit Hans Haring, dem Kulturredakteur und Aufnahmeleiter, verband mich seitdem eine besonders nette Freundschaft.«

Und hier kommt die zweite Geburtstagsfeier ins Spiel: Als Arthur Nikisch, von 1895 bis 1922 Chefdirigent des Berliner Philharmonischen Orchesters, 65 Jahre alt wurde, komponierte ihm der Cello-Virtuose Julius Klengel als Geschenk einen Hymnus für 12 Celli. Dieses Werk nun fiel ein halbes Jahrhundert später dem findigen Herrn Haring vom ORF in die Hände. Er rief sofort in Berlin bei Weinsheimer an: »Eigentlich müsste ich das Stück den Wiener Philharmonikern anbieten, aber Sie sind ja genau 12 Cellisten in Ihrem Orchester und außerdem zu den Osterfestspielen in Salzburg. Fragen Sie doch bitte einmal Ihre Kollegen, ob sie Lust hätten, das Stück aufzunehmen.« Natürlich wollen alle mitmachen! Nur die Frage mit der Logistik wurde zunächst unterschätzt: »Wie ich sehr bald merkte, begann nun die schwierigste Arbeit: eine gemeinsame Probe festzulegen! Nach unzähligen Telefonaten hatten wir endlich einen Termin.« Leichter geht es mit der Sitzordnung. Die Plätze im Halbkreis werden nach der Dauer der Orchesterzugehörigkeit vergeben, mit Ausnahme der drei Solocellisten: An Cello 1 und 2 wechseln sich Eberhard Finke und Ottomar Borwitzky ab, Nummer drei übernimmt Wolfgang Böttcher. Dann folgen Peter Steiner (dabei seit 1948), Heinrich Majowski (1950), Gerhard Woschny (1951), Rudolf Weinsheimer (1956), Christoph Kapler (1961), Alexander Wedow (1962), Klaus Häussler (1963), Jörg Baumann (1966) und schließlich Götz Teutsch, der Jüngste, der seit 1970 bei den Berliner Philharmonikern spielt.

»Hymnische« Geburt

Die offizielle »Geburtsstunde« der 12 Cellisten findet an einem Montag um 11 Uhr statt, am 25. März 1972. Im Großen Saal des Mozarteums sind die Mikrophone aufgebaut, viele Zuhörer lauschen gespannt. Tags darauf titeln die Salzburger Nachrichten »Eine Klangwolke über dem Mozarteum«, auch die Süddeutsche Zeitung berichtet. Abends sitzen die Cellisten dann wieder als ganz normale Orchestermitglieder im Graben, spielen unter Karajan Wagners Walküre. Anschließend besteigen sie ihre Reisebusse, um über Nacht zurück nach Berlin zu fahren. Weinsheimer schwirrt der Kopf: »Nun hatte ich acht Stunden Zeit, über die Möglichkeiten weiterer Auftritte nachzudenken. Mit dieser Cellogruppe, die auch altersmäßig ideal besetzt war, und selbst nur mit dieser einzigen Originalkomposition, müsste etwas geschehen!«

Unfreiwillig kommen die Berliner Verkehrsbetriebe dem ambitionierten Cellisten zur Hilfe: »Bei strömendem Regen fahre ich von Zehlendorf aus Richtung Philharmonie, als ich Im Dol/Ecke Clayallee ein bildhübsches Mädchen sehe, das mit dem Daumen in Fahrtrichtung zeigt. Natürlich halte ich sofort an, fröhlich steigt die junge Dame ein, schüttelt ihr völlig durchnässtes Haar. Danke, strahlt sie, mir ist der Bus vor der Nase weggefahren.« Es folgt ein Frage-Antwort-Spiel: Wo möchtest Du denn hin? – Wo fahren Sie denn hin? – Zur Philharmonie. – Ach, da hat mein Vater auch zu tun. – So, ist er in der Verwaltung, im Notenarchiv, an der Kasse oder Pförtner? – Nein, er ist Komponist!

Das Herz des Cellisten beginnt zu rasen: »Wie heißt er denn?« – »Boris Blacher.« – »Mit quietschenden Reifen bleibe ich stehen, sagte nur: Bitte einen Augenblick! und stürzte in das Delikatessen-Geschäft Rack am Roseneck, wo ich einen Piccolo erstehe. Völlig überrascht schaut mich meine Anhalterin an. Ich drücke ihr einen Becher in die Hand und sage: Darauf müssen wir anstoßen!« Am nächsten Morgen klingelt ganz früh das Telefon bei Weinsheimers: »Guten Morgen, hier Blacher! Herzlichen Dank für den Transport meiner Tochter! Gerne schreibe ich für die 12 Cellisten.« Der Komponist hat sogar schon eine Idee: Er will eine Rumba philharmonica schreiben. Nach nur wenigen Wochen ist die Partitur fertig. Doch sie hat einen Makel: Götz Teutsch, also Cello Nr. 12¸ hat fast nichts zu spielen. Blacher erklärt sich sofort zur Änderung bereit und schreibt ihm eine technisch unglaublich schwere und wirkungsvolle Kadenz hinzu.

Weiter mit Blues und Rumba

Besessen von der Idee, »unsere Cellogruppe weltweit bekannt zu machen«, verabredet Weinsheimer sofort mit dem RIAS einen Aufnahmetermin für das neue Zwölfer-Stück im September 1972. Im Jahr darauf kann Boris Blacher seinen 70. Geburtstag feiern – und schenkt den 12 Cellisten ein weiteres Stück, einen Blues, der bei der Uraufführung in der Akademie der Künste so gut ankommt, dass der Komponist noch eine Espagnola nachlegt. Zudem meldet sich ein Salzburger Tonsetzer namens Helmut Eder, der ebenfalls ein Stück für die 12 schreiben will, eine Melodia. Nachdem Nummer 8, also Christoph Kapler, die Suite in D-Dur von David Funck für ein Dutzend Celli arrangiert und eine Fassung von Heitor Villa-Lobos’ Bachiana Brasileira Nr. 1 für die Formation erstellt hat, gibt es endlich genug Material für ein abendfüllendes Programm.

»Mit Helmut Eder schmiedeten wir den Plan für das erste Konzert«, berichtet Weinsheimer. »Natürlich musste dieses Ereignis in Salzburg stattfinden. Als Termin wurde der Ostermontag 1974 festgelegt. Herbert von Karajan mit Familie hatte ich eingeladen. Und sie kamen tatsächlich! Wir alle in Hochform! Bei Blachers Espagnola sah ich zufällig Karajans Kopf, den er hin und her schüttelte. Nach dem Konzert kam er zu uns. Ich fragte ihn: ›Warum haben Sie bei Blacher so den Kopf geschüttelt?‹ Da antwortete er: ›Ich konnte es einfach nicht fassen, dass ihr diese unglaublich schwierigen Stücke so perfekt ohne Dirigenten spielen könnt. Jetzt weiß ich erst, was ich von euch verlangen kann.‹ Das Salzburger Programm spielten wir anschließend weltweit noch über 200 Mal.«

Rudolf Weinsheimers Vision wird Wirklichkeit: Binnen weniger Jahre sind die 12 Cellisten Kult. Sie gehören zu den wichtigsten musikalischen Botschaftern Berlins, gehen mit deutschen Staatsoberhäuptern auf Reisen, haben vor US-Präsidenten musiziert, durften in Japan gar die Klavier spielende Kaiserin begleiten, haben bei den bedeutendsten Festivals Gastspiele gegeben und auch so manches Benefizkonzert.

Ensemble mit Kultstatus

Was aber ist nun so faszinierend an der Formation? Da sind zum einen natürlich die Instrumente selber. Wenn 12 Virtuosen zusammen erklingen, ersetzen sie spielend ein ganzes Streichorchester. Denn so ein Cello kann eben einfach alles: sich in lichte Violin-Regionen aufschwingen, in Bass-Tiefen wildern, wie eine knarrende Tür klingen oder wie eine singende Säge. Vor allem aber kann das Cello mit einer wunderbar berührenden Stimme singen, die dem Klang des menschlichen Organs sehr nahe kommt.

Bestand das Repertoire der Truppe zu Beginn fast ausschließlich aus frisch komponierten Stücken, stehen heute Arrangements bekannter Werke im Mittelpunkt. Götz Teusch, der 2007 als letztes der Gründungsmitglieder in Ruhestand ging, bedauert das: »Ich rechne es Rudolf Weinsheimer hoch an, wie konsequent er auf Neue Musik setzte, obwohl sie ja keine Lobby beim Stammpublikum des Orchesters hatte.« 37 Stücke haben die Cellisten in vier Jahrzehnten uraufgeführt, vor allem in den 1970er-Jahren, die Manuskripte der unverlangt eingesandten und nie gespielten Stücke füllen ganze Waschkörbe. Auch wenn Götz Teutsch zugibt, dass »der ganz große Wurf« bislang vielleicht noch nicht dabei war, so schätze er doch immer den Prozess der Erarbeitung, die Herausforderung, manchmal auch Selbstüberwindung, der sich die Gruppe mit jedem neuen Werk stellte. »Dmitri Schostakowitsch interessierte sich sehr für uns – leider ist er gestorben, bevor er uns etwas schreiben konnte.« Zuletzt hat Sofia Gubaidulina den Cellisten ein Werk gewidmet, Labyrinth, das im August 2011 beim Lucerne Festival uraufgeführt wurde: »Ein großartiges Stück, das sicher in unser Repertoire eingehen wird«, glaubt Solo-Cellist Ludwig Quandt.

Als Zugaben hatten die 12 auch schon in den ersten Jahren ihres Bestehens gerne Arrangements gespielt, vor allem von Beatles-Songs. Nach dem Ausscheiden Weinsheimers 1996 wird die Programmlinie des stilistischen Crossover dann konsequent ausgebaut. Zur Südamerikatournee der Philharmoniker mit Claudio Abbado im Jahr 2000 kommt die CD South American Getaway heraus, mit virtuosen Tango-Arrangements, die bei der Live-Präsentation in Buenos Aires selbst ausgebuffte Profis zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Zum 30-jährigen Jubiläum beschenken sich die Cellisten mit einem Jazz-Album auf dem auch zwei Stargäste zu hören sind: der Trompeter Till Brönner – und Sir Simon Rattle, der hier sein Debüt als Rapper gibt. Beim Album Angel Dances haben die neugierigen Cellisten mit der Jazz-Sängerin Jocelyn B. Smith und dem Rundfunkchor Berlin zusammengearbeitet, als nächstes werden sie sich intensiv mit Liedern von Robert Schumann beschäftigen.

Keine Trennung zwischen U- und E-Musik

Auf der aktuellen CD Fleur de Paris wiederum bieten sie eine Melange von immergrünen Chansons und Wunschkonzert-Piècen des französischen Klassikrepertoires. Weil die Cellisten zwar hinreißend nostalgisch klingen können, aber absolut heutig denken, wenn es um die Vermarktungsstrategie geht, haben sie für ihre Schallplattenfirma EMI sogar ein Fleur de Paris-Werbevideo gedreht, in Schwarzweiß natürlich. Alle 12 Musikerinnen und Musiker sind perfekt nach dem Geschmack der 1920er-Jahre zurechtgemacht, als Filmset diente ein historisches Ballhaus.

»Wie willkürlich die Trennung in E und U ist, also in die sogenannte ernste und die unterhaltende Musik, wird einem klar, wenn man diese Stücke hört«, findet Ludwig Quandt. Und in der Tat sind viele Arrangements, besonders diejenigen von Wilhelm Kaiser-Lindemann, echte Meisterwerke, Cinemascope für die Ohren. Selbst die schlichtesten Melodien tragen hier ganz große Abendrobe, akustische haute couture, polyfon und polychrom, absolut sophisticated. Ein Riesenspaß für alle – wobei jene Zuhörer das größte Vergnügen haben, die am besten mit den Originalen vertraut sind: Weil sie en detail nachvollziehen können, mit welchen raffinierten Tricks und Kniffen Populäres zur Kunstmusik veredelt wird. Zusätzlich zu den klassischen Spieltechniken, die italienische Namen tragen, beherrscht dieses Virtuosendutzend eben auch das Schubbern, Schaben und rauchige Bogenrutschen, das Kratzen, Klopfen, Rufen und Flageolett-Pfeifen.

Die Musiker haben bei ihren Auftritten übrigens mindestens ebenso viel Vergnügen wie das Publikum. Weil ihnen die Arbeit mit der Formation kleine, beglückende Auszeiten vom philharmonischen Alltag ermöglicht. »Im Orchester ist man zwangsläufig fremdbestimmt, da darf sich keiner mehr profilieren als unbedingt nötig«, erklärt Götz Teutsch. »Zudem wird unsere Gruppe im symphonischen Repertoire konsequent unterfordert. Da ist jede Form von Kammermusik ein Ventil, eine Möglichkeit, aus dem Gruppenzwang auszubrechen, an seine Grenzen zu gehen.« Und das spürt man dann auch abends im Saal.

Kein Wunder also, dass alle Welt die 12 Cellisten hören will. Und dann oft enttäuscht fragt, warum sich die tolle Truppe so rar macht? Die Antwort ist ganz einfach: Auftreten können sie nur dann, wenn die Philharmoniker gerade nicht proben oder Konzerte geben. Also in ihrer dienstfreien Zeit.

Wolfgang Stresemann, Philharmoniker-Intendant von 1959 bis 1978, schildert in seinem 1976 erschienen, liebevollen Büchlein über Die Zwölf das Entsetzen, das ihn voreilig ergriff, als ihm Cello Nr. 7 sein Anliegen erstmals vortrug: »Weinsheimer strahlt wie immer, und mit seinen treuherzigen blauen Augen überreicht er mir ein Urlaubsgesuch für sämtliche Cellisten.« Die ganze Gruppe mache sich selbstständig, habe ihm Weinsheimer gesagt, aber nur an den freien Tagen des Orchesters, ohne Risiko für dessen Arbeit.

Probendisziplin und Arbeitslust

Und in der Tat haben es die 12 in den vergangenen vier Jahrzehnten geschafft, keine einzige Probe zu verpassen. Oft war es zeitlich allerdings mehr als knapp. Jeder der Musiker kann da haarsträubende Anekdoten erzählen: Zum Beispiel die Sache mit dem Stuttgart-Gastspiel 2009, als die 12 auf dem Weg zum Flughafen Tegel erfahren, dass an ihrem Zielort der Airport wegen einer Notlandung geschlossen ist. Sie werden nach Frankfurt umgebucht, schaffen dort mit Müh und Not den Anschlusszug, erreichen Stuttgart um 20:25 Uhr, ziehen sich im Flur der Liederhalle um, spielen ihr Konzert, stehen tags darauf um 4:50 Uhr auf, besteigen den ersten Flieger nach Berlin – schließlich beginnt um 10:00 Uhr in der Philharmonie die Orchesterprobe.

»Komischerweise wollen trotzdem immer alle dabei sein, wenn es Auftrittsmöglichkeiten gibt«, berichtet Solo-Cellist Ludwig Quandt. »Seit die 13. Planstelle in der Stimmgruppe geschaffen wurde, beschäftigt uns sogar das Luxusproblem, dass immer einer pausieren muss.« In der kommenden Saison sind unter anderem Auftritte in Luzern, Leer in Ostfriesland, Köln, München, Homburg an der Saar und St. Moritz geplant – diese Städte hatten das Glück, mit ihren Anfragen eines der wenigen freien Zeitfenster der Formation zu treffen. Bereits im Sommer werden die Cellisten wieder zwei Wochen von ihrer Spielzeitpause abknapsen, um bei mörderischen Temperaturen durch Asien zu reisen. Das machen sie alle zwei Jahre. »Gerade in Korea haben wir eine riesige Fangemeinde«, schwärmt Ludwig Quandt, »alles Jugendliche!« Und wenn die Philharmoniker das nächste Mal eine USA-Tour starten, werden die Cellisten sicher wieder als erste auftreten, am freien Reise-Tag, während ihre Kollegen noch versuchen, mit dem Jetlag zurecht zu kommen. »Ich habe die Erfahrung gemacht, dass bei Interkontinental-Gastspielen ein Auftritt gleich nach der Ankunft Wunder wirkt: das Adrenalin verdrängt alles.«

Gender-Diskurse unnötig

Lange sind die 12 Cellisten eine Art Männergesangsverein innerhalb der Berliner Philharmoniker gewesen: Während sich Frauen ab 1982 die Zugehörigkeit in einer Stimmgruppe nach der anderen eroberten, blieben die Herren an den Celli bis 2007 unter sich. Dann kam Solène Kermarrec, eine unerschrockene Bretonin, bestand die Probezeit und erhielt im Januar 2009 ihren unbefristeten Vertrag. Von der Energie im Orchester war sie sofort begeistert: »Hier sind die Kollegen, wenn sie in Rente gehen, noch genauso frisch wie die ganz jungen Musiker!« Dass seitdem ständig jemand wissen will, wie es sich denn nun anfühle, so als erste Frau in der Cello-Gruppe, ärgert Solène Kermarrec hingegen. »Ich bin doch kein exotisches Tier«, lautet ihre Standard-Antwort. Gender-Diskurse finde sie uninteressant. Nicht einmal die Frage, ob es bei Gastspielen des Ensembles nur einen Umkleideraum gibt, bereitet ihr Kopfzerbrechen: »Dann stellen wir eben einen aufgeklappten Cello-Kasten als spanische Wand auf.« Seit Herbst 2009 zieht sich hier noch eine weitere Kollegin die Konzertkleidung über, die britische Cellisten Rachel Helleur.

Welches Stück die 12 Cellisten in den vergangenen vier Jahrzehnten am häufigsten aufgeführt haben? Ludwig Quandt braucht keine Sekunde lang nachzudenken: »Unser allererstes Stück, Boris Blachers Suite Blues-Espagnola-Rumba philharmonica! Aber auch Yesterday haben wir unzählige Male gespielt. Und den Pink Panther. Bei der Frage nach seinem Lieblingsstück zögert der Solo-Cellist einen Moment: »Ich denke, es ist Wilhelm Kaiser-Lindemanns Arrangement von Ennio Morricones Mann mit der Harmonika aus dem Film Spiel mir das Lied vom Tod. – »Ach, das ist auch dein Favorit?!«, ruft sein blutjunger Kollege Stephan Koncz überrascht. »Wir Cellisten sind nun mal Melancholiker«, findet Quandt. »Wir brauchen traurige Musik, um glücklich zu sein.«

Frederik Hanssen


Natürlich wollen alle mitmachen! Nur die Frage mit der Logistik wurde zunächst unterschätzt.

»Mit dieser Cellogruppe, die auch altersmäßig ideal besetzt war, und selbst nur mit dieser einzigen Originalkomposition, müsste etwas geschehen!«

Rudolf Weinsheimer

»Ich konnte es einfach nicht fassen, dass ihr diese unglaublich schwierigen Stücke so perfekt ohne Dirigenten spielen könnt. Jetzt weiß ich erst, was ich von euch verlangen kann.«

Herbert von Karajan

So ein Cello kann eben einfach alles.
Zusätzlich zu den klassischen Spieltechniken beherrscht dieses Virtuosendutzend eben auch das Schubbern, Schaben und rauchige Bogenrutschen, das Kratzen, Klopfen, Rufen und Flageolett-Pfeifen.
Die 12 haben es in den vergangenen vier Jahrzehnten geschafft, keine einzige Probe zu verpassen. Oft war es zeitlich allerdings mehr als knapp.

»Gerade in Korea haben wir eine riesige Fangemeinde, alles Jugendliche!«

Ludwig Quandt

»Wir Cellisten sind nun mal Melancholiker.«

Ludwig Quandt

Annette Dasch, eine gebürtige Berlinerin, studierte unter anderem an der Hochschule für Musik und Theater in München. Die Gewinnerin der Gesangswettbewerbe von Barcelona und Genf startete im Jahr 2000 eine weltweite Karriere, die sie bislang an die Staatsopern in München, Berlin und Dresden wie auch an die führenden Bühnen in Paris, Brüssel, Tokio, New York, London und anderenorts geführt hat. Im Sommer 2010 gab Annette Dasch ihr Debüt bei den Bayreuther Festspielen als Elsa in Wagners Lohengrin. Hinzu kamen Auftritte bei den Osterfestspielen und den sommerlichen Festspielen in Salzburg, den Wiener Festwochen, den Richard-Strauss-Tagen Garmisch, bei der Styriarte Graz, beim Haydn-Festival Eisenstadt und beim Strasbourg Festival. Zum Repertoire von Annette Dasch, die mit Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt, René Jacobs, Paavo Järvi, Andris Nelsons, Seiji Ozawa und Sir Simon Rattle zusammenarbeitet, zählen Partien in Werken von Haydn, Mozart, Offenbach, Johann Strauß, Wagner, Puccini, Humperdinck und Schönberg. Unter der Leitung von Daniel Barenboim wirkte sie Anfang Oktober 2010 an der Deutschen Staatsoper im Schillertheater bei der Uraufführung von Jens Joneleits Metanoia mit. Als Lied-Interpretin ist sie beispielsweise bei der Schubertiade Schwarzenberg, in Paris, Berlin, Wien, Salzburg, London und Neapel aufgetreten. Nach ihrem Debüt bei den Berliner Philharmonikern während der Salzburger Osterfestspiele 2007 in einer Produktion von Wagners Das Rheingold (Dirigent: Sir Simon Rattle) hat Annette Dasch auch mehrfach in Berliner Symphonie- und Kammerkonzerten des Orchesters gastiert; zuletzt brachte sie Mitte Januar 2010 in einem Konzert des Scharoun Ensembles Werke von Arnold Schönberg und Georg Friedrich Haas zur Aufführung. Seit Anfang 2008 ist Annette Dasch Initiatorin und Gastgeberin von Annettes Dasch-Salon im Berliner Radialsystem v.


Testen Sie die Digital Concert Hall

Testen Sie die Digital Concert Hall

Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

Kostenloses Konzert ansehen