Ein amerikanischer Abend mit Ingo Metzmacher und Pierre-Laurent Aimard

  • George Gershwin
    Cuban Overture (00:12:46)

  • Charles Ives
    Symphonie Nr. 4 für Klavier, Orchester und gemischten Chor (00:37:29)

    Pierre-Laurent Aimard Klavier, Ernst Senff Chor Berlin, Steffen Schubert Einstudierung

  • George Antheil
    A Jazz Symphony (Fassung von 1955) (00:09:21)

  • Leonard Bernstein
    Symphonische Tänze aus West Side Story (00:28:42)

  • kostenlos

    Einführungen von Ingo Metzmacher und Winrich Hopp (17:12)

    Ingo Metzmacher, Winrich Hopp

Seit der Mitte des letzten Jahrhunderts werden die Vereinigten Staaten auch musikalisch ihrem Ruf als Land der unbegrenzten Möglichkeiten gerecht. Ob Jazz, Rock, Pop oder Klassik: Amerika ist von der musikalischen Weltkarte nicht mehr wegzudenken. Das war allerdings nicht immer so. Denn es dauerte lange, bis die ehemals Neue Welt eigene musikalische Strömungen mit internationaler Ausstrahlungskraft hervorbrachte.

Einer der Pioniere der US-amerikanischen Musik war der 1874 geborene Charles Ives. Richtungsweisend blieb seine Musik trotz ihrer bis auf den heutigen Tag frappierenden Modernität aber nicht - zu vielschichtig, mitunter sogar widersprüchlich sind die kompositionstechnischen und ästhetischen Grundlagen seiner Musik. Die zwischen 1909 und 1916 entstandene, erst über ein Jahrzehnt nach Ives' Tod uraufgeführte Vierte Symphonie gehört zu den wichtigsten, aber auch rätselhaftesten Werken dieses lange unterschätzten Komponisten.

Wesentliches trug auch George Antheil zur Entwicklung einer originär amerikanischen Musik bei. Machte er sich zunächst als skandalträchtiger Pianist einen Namen, der keine Provokation gegenüber dem Publikum ausließ, verlegte er seinen Schwerpunkt später aufs Komponieren. Sein Interesse an allem Technischen und seine Vorliebe für Ragtime und Jazz spiegeln sich auch in seinen Werken wider, wie in dem in diesen Konzerten erklingenden Orchesterstück A Jazz Symphony.

Als der amerikanische Musiker schlechthin gilt vielen Klassikliebhabern hingegen George Gershwin. Wie vor ihm bereits Ives verarbeitete er in seiner Musik unterschiedlichste Einflüsse. Zu seiner 1932 komponierten Cuban Overture ließ sich Gershwin von den zündenden Rhythmen der Karibik inspirieren. Ob das hinreißende Werk der U- oder der E-Musik zuzurechnen ist, fragt heute niemand mehr. Denn wie Leonard Bernstein, der in diesem Konzertprogramm der Berliner Philharmoniker mit den Symphonischen Tänzen aus seinem Evergreen West Side Storyvertreten ist, feststellte: Es gibt nur gute oder schlechte Musik...

Vor und auf dem amerikanischen Olymp

Gershwin, Antheil, Bernstein und Ives

Dirigenten können Musikgeschichte schreiben durch ihre Interpretationen oder durch die Entdeckung und Förderung großer Komponisten. Im Idealfall kommt beides zusammen. Und manchmal noch viel mehr – wie bei Leonard Bernstein. Ohne ihn würde die Welt der Klassik heute anders klingen. Schon in der Abschlussarbeit des 21-Jährigen ging es um die Frage, ob und wie Volksmusik der Farbigen, Indianer und Latinos in die neue amerikanische Musik zu integrieren sei: »Die Dissertation versucht zu zeigen, wie sich das Zeug der alten Jungs (Chadwick – Converse – Shepherd – Gilbert – MacDowell – Cadman etc.) als äußerst unfähig erwies, einen amerikanischen Stil oder eine Schule oder Musik überhaupt zu entwickeln, weil ihr Material (Negro, amerikanische Indianer etc.) nicht gängig war – das alte Problem Amerikas als Schmelztiegel. Nach der mitleidlosen Enthüllung, wie nichtig sich eine indianische Melodie in teutonischer Entwicklung ausnimmt etc., möchte ich zeigen, dass es etwas Amerikanisches in der neueren Musik gibt, das nicht auf Folklorematerial beruht, sondern auf unserem urwüchsigen Geist.« Zu den Komponisten dieser »neueren Musik« zählte Bernstein in erster Linie Gershwin und Copland, aber auch Charles Ives, Roy Harris, Walter Piston und William Schuman. Er ist diesen Meistern bis an sein Lebensende treu geblieben, hat immer wieder Uraufführungen geleitet, ihre Werke im Inland und Ausland dirigiert sowie auf Tonträger eingespielt. Nahezu alle amerikanischen Dirigenten haben sich Bernsteins Kanon zu eigen gemacht: Die Bostoner Klassizisten und die Folkloristen der Dvořák-Schule kamen ins Archiv, Gershwin, Copland und Ives in den Olymp.

George Gershwins Cuban Overture

Bernsteins Verhältnis zu George Gershwin war voller Widersprüche. Er hielt ihn nur für einen Arrangeur genialer Einfälle, liebte aber die Rhapsody in Blue, An American in Paris und Porgy and Bess. Seine Gershwin-Diskografie ist auffallend schmal, die Cuban Overture kommt darin nicht vor. Das Werk entstand 1932 nach einer Kuba-Reise, »zwei hysterischen Wochen«, die Gershwin überwiegend in Tanzclubs verbrachte. Geschlafen wurde wenig, komponiert gar nicht. Dass gleich nach Gershwins Ankunft eine Combo unter seinem Hotelfenster aufkreuzte und Rumbas spielte, war selbstverständlich – und genauso selbstverständlich, dass er die Anregung aufgriff und in seinem nächsten Orchesterwerk karibische Rhythmen und Instrumente verwendete.

George Antheils A Jazz Symphony

Mehr oder weniger parallel mit Gershwin huldigte George Antheil dem Jazz. Paul Whiteman, der 1924 die Rhapsody in Blue aus der Taufe gehoben hatte, bestellte kurz darauf bei Antheil ein Werk in diesem Stil. Die Uraufführung von A Jazz Symphony erfolgte dann jedoch erst 1927 und stand unter keinem glücklichen Stern. Antheils Selbstdarstellung als »Bad boy of music« (so auch der Titel seiner Autobiografie) wurde ihm hier wie so oft zum Verhängnis. Dennoch war der Komponist mit seinem Werk sehr zufrieden und meinte, »selbst Gershwins beste Freunde versichern mir, es wird Gershwin in den Schatten stellen – eine tour de force des heutigen Amerika.« Der in den Schatten Gestellte saß übrigens im Uraufführungskonzert und urteilte: »Ich kann Antheils Jazz nicht wirklich mit meinem vergleichen. Er benutzt Polytonalität und Dissonanzen, folgt Strawinsky und den Franzosen.« Der wesentliche Unterschied dürfte darin bestehen, dass durch Antheils Musik noch ein Hauch des alten New Orleans weht, während sich Gershwin stärker Broadway und Big-Band-Sound nähert.

Leonard Bernsteins West Side Story

Für Antheils Nachruhm war ein anderer Unterschied zu Gershwin noch wichtiger: Bernstein hat ihn nie dirigiert oder auch nur mit einem Wort erwähnt. Und von Bernstein nicht dirigiert zu werden, bedeutete für US-Komponisten der 1950er- und 60er-Jahre das Todesurteil. Ganz fremd waren sie sich eigentlich nicht, betrachtet man ihren etwas circensischen Lebensstil, auch künstlerisch lagen die beiden in New York lebenden Komponisten gar nicht so weit auseinander. Antheils Ballett The Capital of the World nach einer Erzählung Hemingways, 1953 in New York uraufgeführt, erscheint sogar als musikalisch-dramaturgischer Vorläufer von Leonard Bernsteins West Side Story. Idiomatik, Durchschlagskraft und symphonische Struktur heben allerdings Bernsteins Musical aus der massenhaften Bühnenproduktion nicht nur jener Zeit heraus. Wenige motivische Urzellen bestimmen das gesamte musikalische Geschehen, das entgegen den Gepflogenheiten des Broadway krasse Tonartenwechsel, dissonante Akkorde und eine Fuge aufbietet. Es war daher kein Verbrechen am Geist des Stückes, wenn Bernstein 1960, drei Jahre nach der sensationellen Premiere, gemeinsam mit Sid Ramin und Irwin Kostal daraus neun Symphonische Tänze destillierte.

Charles Ives’ Vierte Symphonie

Bernstein war es auch, der die späte Rehabilitation von Charles Ives einleitete. Mit der Uraufführung von Ives’ Zweiter Symphonie Mitte Februar 1951, eines damals bereits 50 Jahre alten Werks, schenkte er der US-Musik ihren Gründungsmythos: einen Komponisten, dessen Schöpfungen naiv-primitiv und zugleich hochkomplex waren, provinziell in ihrer Verwendung von Hymnen, Märschen und Ragtimes, zugleich universell und idealistisch in ihrer Botschaft. Insofern war es gleichgültig, dass Ives’ bedeutendstes Werk, die Symphonie Nr. 4, erst elf Jahre nach seinem Tod auch klingend Gestalt annahm; entstanden war sie zwischen 1909 und 1918.

1. Satz: Ein von Klavier und Bässen angeschlagenes Urmotiv eröffnet das Maestoso, gefolgt von einem warnenden Trompetenruf. Sofort danach tritt Stille ein, Streicher und Harfe zitieren fragmentarisch wie aus weiter Ferne die Hymne »Nearer, my God, to Thee« (Näher, mein Gott, zu Dir). Anschließend singt der Chor »Watchman, tell us of the night / What its signs of promise are« (Wächter, sag uns, welche Zeichen / der Verheißung gibt es in der Nacht). Beide Hymnen, entstanden um 1830, sind Werke des Kirchenmusikers Lowell Mason, der gelegentlich als einflussreichster nordamerikanischer Komponist des 19. Jahrhunderts bezeichnet wird.

2. Satz: Hier wird ein anderer Heros der US-amerikanischen Kultur beschworen, der Schriftsteller Nathaniel Hawthorne und dessen Erzählung The Celestial Railroad (Die himmlische Eisenbahn) von 1843: Ein Mann fährt mit der Eisenbahn zur Himmlischen Stadt und passiert dabei ebenso furchtbare wie verführerische Orte, bevor er schließlich aus diesem Albtraum erwacht. Hawthornes Parodie auf den Materialismus der Yankees wird mittels stampfender Lokomotiven und überhaupt jeglicher Art urbanen Höllenlärms veranschaulicht, wie ihn Ives als langjähriger (und äußerst erfolgreicher) Unternehmer in der New Yorker Versicherungsbranche kennengelernt hatte. Am Ende dieses enorm komplexen Satzes illustriert ein Festmarsch des 4. Juli das auch nicht gerade lautlose Erwachen.

3. Satz: Eine Fuge über die Missionarshymne From Greenland’s Icy Mountains (Von Grönlands Eisesbergen) sorgt für die überfällige Distanz zum lästigen Geschehen der Gegenwart. Die Zeichen stehen auf Entrückung. Wir haben es mit einem jener tiefgründigen, bekenntnishaften Streichersätze zu tun, die selbst den fröhlichsten Atheisten nachdenklich stimmen.

4. Satz: Das Finale führt in gänzlich mystische Gefilde. Wenn im ersten Satz der Fernchor als ständiger Begleiter durch die Partitur wandert, so ist es hier das Schlagwerk, unaufhaltsam das Kreisen der Gestirne symbolisierend und erst ganz am Ende verlöschend. Alle Hauptthemen des Werkes sind vereint und versöhnt, wortlos lässt der Chor die Bethany-Hymne »Näher, mein Gott, zu Dir« anklingen. In einer ekstatischen Vision enthüllt sich das Ende aller Zeit oder – in Ives’ humanistischer Deutung – »eine Art glorifizierte oder transzendente Demokratie.«

Die Vierte Symphonie, angesiedelt auf einem spirituellen Außenposten des Musikuniversums, blieb Unikat. Weder Ives selbst noch irgendein anderer amerikanischer Symphoniker konnte ihr Vergleichbares zur Seite stellen. Trotzdem schätzte Bernstein die Vierte Symphonie nicht besonders. Er favorisierte stets die Zweite – only God knows why…

Volker Tarnow

Ingo Metzmacher studierte Klavier, Musiktheorie und Dirigieren in Hannover, Salzburg und Köln. Am Anfang seiner Laufbahn arbeitete er als Pianist und Dirigent beim Ensemble Modern in Frankfurt; seine internationale Karriere begann 1988 während der Ära von Gerard Mortier am Théâtre de la Monnaie in Brüssel, als er kurzfristig die Premiere einer Neuproduktion von Franz Schrekers Oper Der ferne Klang übernahm. 1997 wurde Ingo Metzmacher zum Generalmusikdirektor an die Hamburgische Staatsoper berufen, wo er während acht Spielzeiten viele international beachtete Aufführungen leitete. Danach war er Chefdirigent an der Nederlandse Opera in Amsterdam, bevor er von 2007 bis 2010 dieselbe Position sowie das Amt des Künstlerischen Leiters beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin übernahm. Zu den Höhepunkten der letzten Jahre gehören seine Auftritte bei den Salzburger Festspielen, am Royal Opera House in London, am Opernhaus Zürich sowie an den Staatsopern in Berlin und Wien. Zudem gab Ingo Metzmacher zahlreiche Konzerte mit führenden europäischen Orchestern; sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern hatte Ingo Metzmacher am 11. September 1997 mit der Uraufführung von Hans Werner Henzes Neunter Symphonie. Zuletzt gastierte er bei ihnen im März 2001 an drei Abenden mit Werken von Igor Strawinsky, Bernd Alois Zimmermann und Alexander Skrjabin.


Pierre-Laurent Aimard, 1957 in Lyon geboren, studierte am Pariser Konservatorium bei Yvonne Loriod und Maria Curcio; mit dem Sieg beim Internationalen Messiaen-Wettbewerb 1973 begann seine internationale Karriere. 18 Jahre lang Solo-Pianist des Ensemble Intercontemporain, wirkte Aimard während dieser Zeit bei einer Vielzahl von Uraufführungen mit und begründete seinen Ruf eines der profiliertesten Interpreten zeitgenössischer Musik. Der immer wieder nicht zuletzt für seine ungewöhnlichen Sichtweisen auf vermeintlich bekanntes Repertoire ausgezeichnete Künstler macht sich auch im Rahmen von Gesprächskonzerten sowie als Pädagoge an den Hochschulen in Paris und Köln um die Vermittlung von Werken aller Epochen und von neuen Strömungen verdient. Die Royal Philharmonic Society und Musical America kürten ihn 2005 bzw. 2007 zum »Instrumentalist des Jahres«. 2008 betreute Pierre-Laurent Aimard als Künstlerischer Leiter das Messiaen-Festival des Londoner Southbank Centre, seit der Spielzeit 2009/2010 ist er in gleicher Funktion für das Aldeburgh Festival tätig. Seit seinem Debüt im Rahmen der von den Berliner Philharmonikern veranstalteten Klavier-Recitals Mitte Dezember 1997 gastiert Pierre-Laurent Aimard regelmäßig (während der Saison 2006/2007 als Pianist in Residence) in Symphonie- und Kammerkonzerten des Orchesters wie auch mit Solo-Auftritten. Mit den Philharmonikern war er zuletzt im April 2010 unter der Leitung von Jiří Bělohlávek in der Philharmonie als Solist in Arnold Schönbergs Klavierkonzert op. 42 zu erleben. Im Rahmen der Reihe Philharmonie »Late Night« führt er am 8. September 2012 die Klaviersonate Nr. 2 »Concord, Mass., 1840-60« von Charles Ives auf.


Der Ernst Senff Chor wurde zu Beginn der 1960er-Jahre vom Chordirektor der Städtischen Oper Berlin, Ernst Senff, als ein Kammerchor gegründet, der vor allem A-cappella-Werke aufführte. Erst in den folgenden Jahren entwickelte sich das Ensemble zu einem großen Konzertchor, der seit vielen Jahren als anerkannte Institution im Berliner Konzertleben gilt. Das semiprofessionell arbeitende Vokalensemble widmet sich in wechselnden Besetzungen, die zwischen 20 und über 100 Sängerinnen und Sängern umfassen können, allen musikalischen Genres und Epochen, wobei die chorsymphonische Literatur des 19. Jahrhunderts sowie zeitgenössische Werke die Schwerpunkte bilden. Der Ernst Senff Chor wird regelmäßig von namhaften Dirigenten und Orchestern zu Konzerten, Rundfunkaufnahmen und CD-Produktionen eingeladen. Gastspielreisen führten das Ensemble bislang u. a. nach Israel, Spanien, Österreich sowie in zahlreiche deutsche Städte. Nach Ernst Senff (bis 1990) und Sigurd Brauns (1991 – 2007) übernahm Steffen Schubert 2009 die Künstlerische Leitung des Chores, der sich als einziges der Berliner Vokalensembles von vergleichbarer Größe ausschließlich durch eigene Einnahmen finanziert. Mit den Berliner Philharmonikern hat der Ernst Senff Chor zuletzt Anfang Oktober 2002 in drei Konzerten mit Ludwig van Beethovens Missa solemnis op. 123 zusammengearbeitet, die Nikolaus Harnoncourt dirigierte.


musikfest berlinIn Zusammenarbeit mit dem musikfest berlin 12

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Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

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