• George Gershwin
    Porgy and Bess konzertante Aufführung (3:21:42)

    Sir Willard White Bassbariton (Porgy), Latonia Moore Sopran (Bess), Howard Haskin Tenor (Sportin' Life), Lester Lynch Bariton (Crown), John Fulton Tenor (Robbins, ein junger Fischer), Andrea Baker Sopran (Serena, seine Frau), Rodney Clarke Bariton (Jake, Fischer), Angel Blue Sopran (Clara, seine Frau), Tichina Vaughn Mezzosopran (Maria), Michael Redding Bariton (Jim), Cape Town Opera Voice of the Nation Chorus (Bewohner der Catfish Row), Albert Horne Einstudierung

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    Sir Simon Rattle und Sir Willard White im Gespräch mit Sarah Willis (17:49)

    Sir Simon Rattle, Sir Willard White, Sarah Willis

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    Hinter den Kulissen von »Porgy and Bess« (12:24)

Zu den Meilensteinen in Simon Rattles Diskographie gehört seine 1989 erschienene Aufnahme von Gershwins Porgy and Bess - eine Interpretation, die mit Preisen überhäuft wurde, darunter ein Grammy Award. Nun führt Sir Simon das Werk erstmals mit den Berliner Philharmonikern auf. In der Partie des Porgy ist Willard White zu hören, der schon bei Rattles Einspielung mitwirkte und bis heute als perfekte Verkörperung der Rolle gilt. An seiner Seite singt Latonia Moore anstelle von Measha Brueggergosman die Bess. Schon im vergangenen März sorgte Latonia Moore als Einspringerin für Aufsehen, als sie kurzfristig die Rolle der Aida an der Metropolitan Opera übernahm und mit »begeisterten Ovationen« (The New York Times) gefeiert wurde. 

In Gershwins 1934/1935 entstandenem Werk verkörpern die beiden Sänger die Helden einer todtraurigen Liebesgeschichte aus einem Schwarzenviertel in South Carolina. Porgy, ein verkrüppelter Bettler, liebt die schöne, aber labile Bess - so sehr, bis er für sie mordet. Sie wiederum schwankt zwischen ihm und zweifelhaften anderen Männern. Das Werk endet offen, allein mit der Gewissheit, dass die Protagonisten auf dieser Welt kein Glück mehr finden werden. Und wie in anderen großen Opern ist selbst den Liebesszenen eine Ahnung des tragischen Endes bereits eingewoben.

Überhaupt besteht eine Stärke von Porgy and Bess im facettenreichen Ausdruck. Denn über die Liebesgeschichte hinaus gibt es hier eine eindringliche Milieustudie, voller prägnanter Charaktere und Szenen. Entsprechend vielfältig gibt sich die Musik. Diese steht mal dem symphonischen Jazz, mal der italienischen Verismo-Oper nahe - und zerfasert dennoch nie, sondern wird von einem unwiderstehlichen dramatischen Zug zusammengehalten.

Erniedrigte und Beleidigte

Anmerkungen zu George Gershwins Porgy and Bess

In vielem ist die Geschichte Nordamerikas eine Geschichte religiöser, politischer oder ethnischer Minderheiten. Angefangen von den dissidenten Presbyterianern, Quäkern und Katholiken, die im frühen 17. Jahrhundert vor den Diskriminierungen und Verfolgungen, denen sie in der Alten Welt ausgesetzt waren, in die Neue Welt flohen, bis hin zu den Emigranten, die der europäische Faschismus und Antisemitismus über den Atlantik trieben. Aber kaum, dass die Schwachen keine feindliche Gewalt mehr zu fürchten hatten, ihre Fesseln abstreiften und sich vermehrten, da schienen sie ihre eigene Vergangenheit zu vergessen und erhoben ihrerseits Anspruch auf das Recht des Stärkeren: Schon 1619 brachten die Bewohner von Jamestown – der ersten, 1607 gegründeten englischen Siedlung auf amerikanischem Boden – schwarze Sklaven über das Meer, die sie nun ebenso unterjochten wie sie selbst als Presbyterianer vom katholischen König James I. (Jakob I.) unterjocht worden waren. So lehrt uns die Geschichte Amerikas, das doch 1776 als erstes Land der Welt die Menschenrechte erklärte, die traurige Parabel, dass die Macht der einen sich immer auf die Ohnmacht der anderen stützt: der Schwarzen und der Chinesen, der Polen und der Russen, der Italiener und der Puerto Ricaner, der Juden und der Indianer, der »Erniedrigten und Beleidigten«.

Den schwarzen Sklaven von Jamestown waren bald andere gefolgt, hunderte, tausende; Ende des 18. Jahrhunderts waren es 700.000, 1850 zweieinhalb Millionen. Deutlich war dabei das Nord-Süd-Gefälle: In den Nordstaaten, wo die Sklaverei bereits weitgehend abgeschafft war, kamen 1830 auf sechseinhalb Millionen Weiße 120.000 Schwarze, in den Südstaaten dagegen auf knapp vier Millionen Weiße 2,2 Millionen Schwarze. Schon 1754 hatte sich John Woolman in seinen Considerations on the Keeping of Negroes entschieden gegen die Sklaverei gewandt. Dieselbe Ablehnung findet sich 1835 in Alexis de Tocquevilles Schrift Über Demokratie in Amerika; im Kapitel über die »Stellung der schwarzen Rasse in den Vereinigten Staaten« kommt der Autor zu dem Schluss, dass »die Sklaverei inmitten der demokratischen Freiheit und der Bildung unseres Zeitalters als Einrichtung nicht fortbestehen kann. Sie wird entweder durch den Sklaven oder durch den Herrn ihr Ende finden. In beiden Fällen aber steht großes Unheil bevor.« Das Unheil, das de Tocqueville vorausgesehen hatte, war der Sezessionskrieg, der zwischen 1861 und 1865 Amerika in zwei feindliche Lager spaltete; er endete zwar mit dem Sieg der Nordstaaten und der Aufhebung der Sklaverei, doch der tief verwurzelte Glaube der Weißen an ihre Herrenrechte und ihre Verachtung für die Schwarzen ließen sich nicht einfach per Gesetz abschaffen.

Der einzige Bereich, in dem die Schwarzen (wenn überhaupt) toleriert und akzeptiert wurden, war die Musik; Gospel, Spiritual, Ragtime, Blues und andere Formen der schwarzamerikanischen Musik, vor allem aber der Jazz hatten im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts vom Süden aus ihren Siegeszug angetreten und waren in den Roaring Twenties überall in den Vereinigten Staaten verbreitet. Ihr Einfluss auf die »weiße« Musik war unüberhörbar, blieb aber in vielem oberflächlich. Gerade wenn man im Genre des Musicals – der ureigensten Form des amerikanischen Musiktheaters – der Adaptation schwarzamerikanischer Musik nachspürt, zeigt sich, dass diese oft nur als Klangkulisse fungiert, ähnlich wie Exotismen und Orientalismen in der französischen Musik der Jahrhundertwende. Lediglich zwei Werke heben sich von dieser Oberflächlichkeit ab: thematisch Kurt Weills »Musical Tragedy« Lost in the Stars (1949), eine bittere Anklage gegen die südafrikanische Apartheid, und musikalisch George Gershwins »American Folk Opera« Porgy and Bess. Gershwins Stoffvorlage bildeten der Roman Porgy (1925) von Edwin DuBose Heyward und dessen gleichnamige, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Bühnenfassung, die der Autor zwei Jahre später gemeinsam mit seiner Frau Dorothy eingerichtet hat.

Als der 35-jährige Gershwin Anfang 1934 mit der Vertonung von Porgy and Bess begann, gehörte er bereits zu den erfolgreichsten Broadway-Komponisten seiner Generation. Natürlich war Heyward von der Idee einer Zusammenarbeit mit Gershwin begeistert; er kürzte sein Theaterstück um fast die Hälfte, fügte aber – beraten von Gershwins Bruder Ira, der selbst einige Texte schrieb – eine Reihe von Songtexten hinzu. Ebenso wie Heywards Roman und Schauspiel ist das Libretto durchweg im Dialekt der Gullahs gehalten, der Nachfahren eines ursprünglich wohl in Angola ansässigen Bantustamms, die im 18. Jahrhundert als Sklaven in die Neue Welt deportiert worden waren und im Bundesstaat South Carolina die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung ausmachen. Schauplatz der Handlung ist die Küstenstadt Charleston, wo Heyward 1885 geboren wurde; Leben, Sprache und Gebräuche der Gullahs hatte der Romancier als Aufseher einer Baumwollplantage kennengelernt.

Damit auch Gershwin mit dem Milieu seiner Oper vertraut werden konnte, verbrachte er den Sommer 1934 auf Folly Island, einer kleinen Insel unweit von Charleston. Doch trotz der umfangreichen Skizzen, die hier entstanden, entschied sich der Komponist dafür, keine authentischen Materialien zu verwenden; »Porgy and Bess ist eine Volksoper«, schrieb er später in seinem Essay Rhapsody in Catfish Row; »ich habe ganz bewusst keine originalen Volksliedmelodien verarbeitet, um die Geschlossenheit der Musik zu gewährleisten. Aber die Spirituals und Songs sind Volksmusik, auch wenn ich sie selbst geschrieben habe.« Gershwins durchkomponierte, quasi veristische Vertonung orientiert sich an den verschiedensten musikalischen Stilrichtungen; expressionistische Symphonik steht neben Songs in der Tradition der Broadway-Revuen und Musicals (wie Crowns »Red-headed woman« oder Sporting Lifes »It ain’t necessarily so«), sentimentaler Lyrismus (wie in dem Liebesduett »Bess, you is my woman now« oder im berühmten »Summertime« Claras) neben Spirituals in teilweise höchst komplizierten Sätzen (»Where is brudder Robbins«, »Gone, gone, gone« oder »Oh, Doctor Jesus«). Die Jazzeinflüsse, die gleich zu Beginn im Klavierblues des ersten Aktes anklingen, sind dabei ebenso stilisiert wie die »Worksongs« der Fischer oder die afroamerikanischen Rhythmen des zweiten Akts.

Im Sommer 1935 war die Partitur von Porgy and Bess vollendet, und eine Vorpremiere am Bostoner Colonial Theatre erzielte am 30. September 1935 einen glänzenden Erfolg. Todd Duncan und Anne Brown sangen die Titelrollen, Serge Soudeikine (dessen Frau Vera 1940 Igor Strawinsky heiratete) hatte das Bühnenbild entworfen, Rouben Mamoulian zeichnete für die Regie verantwortlich. Doch die eigentliche Uraufführung, die am 10. Oktober am New Yorker Alvin Theatre stattfand, wurde ausgesprochen kühl aufgenommen; die Kritik, ohnehin voreingenommen aufgrund des »schwarzen Sujets«, verurteilte das Werk als »halbherzige Mischung aus Musical und Oper«, und nach nur 124 Vorstellungen – extrem wenig für eine Broadway-Inszenierung – wurde Porgy and Bess wieder abgesetzt. Gershwin versuchte zwar, durch eine Konzertsuite auch der Bühnenfassung zum Durchbruch zu verhelfen; aber es war ihm nicht mehr vergönnt, den Welterfolg seines letzten Bühnenwerks zu erleben, den erst Neuproduktionen in Maplewood/New Jersey (1941) und am New Yorker Majestic Theatre begründeten, wo Porgy and Bess vom 22. Januar 1942 an für acht Monate auf dem Spielplan stand. Am 27. März 1943 fand in Kopenhagen (trotz aller Versuche der Nazibesatzung, die »jüdische Negeroper« zu boykottieren) die europäische Erstaufführung statt, und spätestens seit der Welttournee der Everyman Opera Company (1952–1955, mit William Warfield und Leontyne Price in den Titelrollen) gehört Porgy and Bess zu den meistgespielten Opern des 20. Jahrhunderts.

Michael Stegemann


Latonia Moore, in Houston, Texas, geboren, studierte an der University of North Texas und wechselte später an die Academy of Vocal Arts in Philadelphia. Ihr umfangreiches Repertoire reicht von Donna Anna (Don Giovanni) und Lucrezia (Lucrezia Borgia) über Violetta (La Traviata) bis hin zu Tatjana (Eugen Onegin) und Marguerite (Faust). Große Erfolge feierte die junge Sopranistin, die bereits mit mehreren internationalen Preisen ausgezeichnet wurde, als Mimì (La Bohème) an der Dresdner Semperoper, als Micaëla (Carmen) an der New York City Opera und als Liù (Turandot) am Londoner Royal Opera House Covent Garden. Im März 2012 debütierte Latonia Moore an der New Yorker Metropolitan Opera: Für die erkrankte Violeta Urmana übernahm sie die Titelrolle in Verdis Oper Aida. Weitere Engagements führten die Künstlerin nach Mailand, Cincinnati, Philadelphia und an die Carnegie Hall in New York, wo sie in konzertanten Produktionen als Vivetta (L’Arlesiana) und Fidelia (Edgar) zu erleben war. Als Konzertsängerin hat Latonia Moore mit Dirigenten wie Lorin Maazel, Daniel Oren und Paavo Järvi zusammengearbeitet, u. a. in Aufführungen von Gustav Mahlers Zweiter und Vierter Symphonie; bei den Berliner Philharmoniker ist sie nun erstmals zu Gast.

Sir Willard White, ein gebürtiger Jamaikaner, gab nach dem Studium an der Juilliard School in New York an der dortigen City Opera sein Bühnendebüt. Seither ist er in den USA wie auch in Europa an den renommierten Opern- und Konzerthäusern sowie bei zahlreichen Festivals aufgetreten (Glyndebourne, Aix-en-Provence, Salzburg, Last Night of the Proms in London). Sein Repertoire umfasst u. a. Werke von Monteverdi, Mozart, Mussorgsky, Wagner, Debussy und Gershwin, setzt mit Kompositionen von Strawinsky, Bartók, Messiaen, Ligeti , Henze und Adams aber auch deutliche Akzente in der Klassischen Moderne und der Neuen Musik. Großen Erfolg hatte der Sänger mit seinem Konzertprogramm An Evening with Willard White – a tribute to Paul Robeson, dem er Robeson Re-Explored folgen ließ. 1995 wurde der Bassbariton zum »Commander of the British Empire« ernannt und 2004 von Queen Elizabeth II. geadelt. Bei den Berliner Philharmonikern hat Sir Willard seit 1991 bereits mehrfach gastiert. In der Philharmonie war er zuletzt im Juni 2008 als Wanderer in der von Sir Simon Rattle dirigierten konzertanten Aufführung des ersten Aufzugs von Wagners Oper Siegfried zu hören. Anschließend begleitete er das Orchester nach Aix-en-Provence sowie 2009 zu den Salzburger Osterfestspielen, wo er im Rahmen der szenischen Produktion des zweiten Ring-Abends unter Sir Simons Leitung erneut den Wanderer bzw. Wotan sang.

Die Cape Town Opera ist eine gemeinnützige Organisation, die ihrem Publikum erstklassige Aufführungen und ihren Mitgliedern eine Vielzahl von Trainings- und Ausbildungsprogrammen bietet. Der Cape Town Opera Chorus bestreitet die großen Bühnenproduktionen dieser Institution, wobei die kontinuierliche Weiterbildung der rund 60 Akteure in Meisterklassen sowie in individuellem Gesangs- und Schauspielunterricht erfolgt. Den Kern des Chors bildet das Cape Town Opera Voice of the Nation Ensemble: 23 Sängerinnen und Sänger, die auch solistisch in Erscheinung treten. Der Cape Town Opera Chorus ist unter der Führung seines Chorleiters Albert Horne regelmäßig in ganz Südafrika zu hören und gastierte bereits in europäischen Städten wie Paris, München, Oslo und Malmö. Bei einer jüngst vergangenen Tournee durch Großbritannien war die Opernkompagnie zudem mit der Mandela Trilogy von Allan Stephenson, Mike Campbell und Péter Louis van Dijk im Wales Millennium Centre in Cardiff zu erleben sowie in mehreren britischen Städten mit Aufführungen von Gershwins Porgy and Bess. Weiterhin trat das Ensemble bei einem Chorkonzert im Sheldonian Theatre in Oxford auf. Anschließend folgte ein Konzert mit dem Orchestra Victoria und der Australian National Academy of Music anlässlich der Wiedereröffnung der Hamer Hall im Arts Centre Melbourne. Bei den Berliner Philharmonikern gibt der Cape Town Opera Chorus nun sein Debüt.

musikfest berlinIn Zusammenarbeit mit dem musikfest berlin 12

EMISir Simon Rattle tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von EMI Classics auf.

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Sehen Sie ein Konzert mit Mahlers Symphonie Nr. 1 und Beethovens Symphonie Nr. 4, dirigiert von Sir Simon Rattle.

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