Iván Fischer und Lisa Batiashvili

  • Hans Werner Henze
    Epitaph für Violoncello solo (00:04:28)

    Olaf Maninger Violoncello

  • Igor Strawinsky
    Jeu de cartes (00:26:06)

  • Sergej Prokofjew
    Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 19 (00:27:31)

    Lisa Batiashvili Violine

  • Dmitri Schostakowitsch
    Aus Tanz der Puppen (arr. Tamas Batiashvili) (00:04:34)

    Lisa Batiashvili Violine

  • Antonín Dvořák
    Symphonie Nr. 8 G-Dur op. 88 (00:44:05)

  • kostenlos

    Iván Fischer im Gespräch mit Simon Halsey (00:20:36)

    Iván Fischer, Simon Halsey

 

Lisa Batiashvilis Spiel sei von einer - leuchtenden Innerlichkeit, zupackend und beseelt, virtuos und klug. So urteilte der Kritiker des Tagespiegels nach dem philharmonischen Debüt der Georgierin im Jahr 2004. Damals stellte sie sich mit dem Violinkonzert Ludwig van Beethovens vor, in dieser Saison spielt sie unter Leitung des ungarischen Dirigenten Iván Fischer auf ihrer Stradivari das Erste Violinkonzert von Sergej Prokofjew. Es ist ein heiteres, humorvolles Werk, das lyrische Elemente und virtuose Spielfreude in sich vereint.

Witzig und burlesk geht es auch in Igor Strawinskys Ballett Jeu de cartes zu. Der russische Komponist beschreibt auf ironische und parodistische Weise ein Pokerspiel in drei Runden, bei dem der eitle Joker am Ende feststellen muss: Nicht er, sondern Herz ist Trumpf. 1936/1937 in Zusammenarbeit mit dem Choreografen George Balanchine für das American Ballet in New York geschrieben, gilt das Stück als eines der Hauptwerke des Neoklassizismus.

Ungebrochene Heiterkeit und Beschwingtheit kennzeichnet das letzte Werk des Programms: In seiner Achten Symphonie schlägt Antonin Dvořák jenen böhmisch-folkloristischen Ton an, der ihn weltberühmt gemacht hat. In ihr reiht der Tscheche eine Folge poetischer Stimmungsbilder aneinander und rückt damit das Werk in die Nähe der Symphonischen Dichtung. Nach eigener Aussage wollte er eine Komposition schaffen, die sich von seinen übrigen Symphonien abhebt und sich durch eine individuelle, neuartige Weise der ausgearbeiteten Gedanken auszeichnet.

 

Spielertricks, lyrisches Konzertieren und Symphonik in höchster Vollendung

Orchesterwerke von Strawinsky, Prokofjew und Dvořák

Das heutige Konzert bietet drei Facetten des Komponierens im späten 19. und noch frühen 20. Jahrhundert. Igor Strawinsky verblüffte in seinem langen Leben verschiedentlich durch stilistische Wendungen: Mal gab er sich modern, ja avantgardistisch, provozierte mit wilden Rhythmen und scharfen Klängen, mal kehrte er zur Tradition zurück und erwies Barock und Klassik seine Reverenz. In Jeu de cartes blickt er biografisch und musikgeschichtlich zurück. Antonín Dvořák wird immer noch zu wenig seiner Bedeutung gemäß wahrgenommen. Für seine künstlerische Potenz steht exemplarisch die reife Achte Symphonie, ein Werk voller Überraschungen. Sergej Prokofjew schließlich machte wie sein Generationsgenosse Strawinsky verschiedene stilistische Wandlungen oder Phasen durch. In seinem Ersten Violinkonzert tritt er uns vor allem als Lyriker entgegen.

Musikalische Pokerpartie in drei Runden: Igor Strawinskys Jeude cartes

Das dreiteilige Ballett Jeu de cartes von Igor Strawinsky entstand 1936 auf ein Szenario des Komponisten in Zusammenarbeit mit Nikita Malajew. »Die Charaktere dieses Balletts sind Karten eines Pokerspiels, die am grünen Tisch des Spielsaals unter mehrere Spieler verteilt werden. Bei jedem Spiel wird der Ablauf durch die arglistigen Tricks des unzuverlässigen Jokers erschwert, der sich dank seiner Fähigkeit, jede beliebige Karte darstellen zu können, für unschlagbar hält.« So beschrieb Strawinsky die Handlung. In Jeu de cartes griff der Komponist, der das Kartenspiel liebte, ein ihn offenbar sehr beeindruckendes Kindheitserlebnis auf, den Besuch eines deutschen Spielkasinos mit seinen Eltern: »Das Posaunen-Thema, mit dem jede der Runden beginnt, imitiert die Stimme des Zeremonienmeisters in diesem Kasino. ›Ein neues Spiel, ein neues Glück‹ – trompetete oder besser posaunte er –, und das Timbre, der Charakter und die Pomphaftigkeit und Schwülstigkeit dieser Ausrufe finden ein Echo oder werden karikiert in meiner Musik.« Der Komponist hatte ein Kasino in Baden-Baden im romantischen Zeitalter im Sinn. Und zu dieser Vorstellung gehörte, »dass die Märsche und die Melodien von Rossini, Messager, Johann Strauß und aus meiner eigenen Symphonie in Es-Dur […] imaginiert werden können, wie sie aus dem städtischen Opernhaus oder dem Kursaal herüberklingen ins Kasino«. Eric Walter White hat neben den vom Komponisten genannten noch weitere »Fundstellen« für musikalische Anspielungen ausfindig gemacht: den zweiten Satz (Allegretto scherzando) aus Beethovens Achter Symphonie, eine Ouvertüre des italienischen Komponisten Jacopo Foroni aus dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts, Ravels La Valse und überdies weitere Kompositionen von Strawinsky.

Gleichermaßen kantabel und virtuos: Sergej Prokofjews Erstes Violinkonzert

Sergej Prokofjew war nicht nur ein bedeutender Komponist, sondern mindestens ein ebenso bedeutender Pianist: Das Klavier war sein Instrument. Auf den ersten Blick scheint die Geige für den Komponisten, der allein neun Sonaten und fünf Konzerte für Klavier schrieb, daher keine so große Bedeutung gehabt zu haben. Doch schon David Oistrach betonte 1954, Prokofjews geigerisches Schaffen und sein Verhältnis zur Geige seien ein umfangreiches Thema. »Allein eine Aufzählung seiner für die Violine geschriebenen Kompositionen genügt, um das von ihm auf diesem Gebiet Geschaffene gebührend zu würdigen – zwei Konzerte, beide im Repertoire der größten Geigenvirtuosen der Welt, zwei Sonaten, eine schöner als die andere, die Sonate für Violine solo op. 115, die als spezielles Unterrichtsstück geschrieben ist, aber auch im Konzert als Violinen-Unisono zum Vortrag gelangen kann (wie es sich der Komponist gedacht hatte).«

Das Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 19 entstand in den Jahren 1915 bis 1917, zeitgleich mit der Ersten Symphonie; beide Werke verbindet die Tonart D-Dur. Das Konzert ist laut Christoph Rueger »ein Bekenntnis zur Lyrik«, was schon der zarte, subtile Andantino-Beginn des Kopfsatzes bezeugt: »Die dramaturgische Bedeutung dieser betörenden Kantilene, die geradezu duftige Wirkungen bereithält, wird noch dadurch verstärkt, dass der Komponist sie wie einen Rahmen um das gesamte Werk legt, denn die Coda des Finalsatzes bringt, kombiniert mit dessen Hauptthema, in Vergrößerung eben diese zu Herzen gehende Melodie.« Der Satz lebt bei aller Ruhe von Kontrasten zwischen dem kantablen, schwelgerischen Hauptthema und dem bewegten zweiten. Das Rondo im Zentrum des Konzerts ist »Vivacissimo« bezeichnet und muss auch so gespielt werden: als ein musikalisches Perpetuum mobile mit zwei Haltepunkten. Das abschließende Moderato knüpft in der Gegenüberstellung zweier Themen an den Kopfsatz an und nimmt auch das lyrische Thema des Andantinos wieder auf. Für ein Finale endet dieser Satz ungewöhnlich verhalten – so wie das ganze Werk begann.

Voller Überraschungen: Antonín Dvořáks Achte Symphonie

Die Symphonie Nr. 8 G-Dur op. 88 von Antonín Dvořák wird immer noch unterschätzt, steht jedenfalls zu Unrecht im Schatten der ungleich beliebteren, populäreren Neunten, der sie genau besehen mindestens ebenbürtig ist. Das Werk ist eine der schönsten, interessantesten und faszinierendsten Schöpfungen Dvořáks überhaupt. Sie zeigt den Komponisten auf der Höhe seines Könnens und seines Einfallsreichtums, belegt seine künstlerische Freiheit und Unabhängigkeit von klassischen Vorbildern oder zeitgenössischen Trends und markiert außerdem eine Wende in Dvořáks symphonischem Œuvre. Nach frühen Versuchen hatte er in den mittleren Symphonien gezeigt, wie gut er das Komponieren und die dominierende Form des Sonatensatzes beherrschte. Nun zog es ihn zu Experimenten mit Form und Tonsatz der Gattung. Er folgte zwar der klassischen Form, indem er sich an die gewohnte Zahl von vier Sätzen und deren Folge (Allegro – Adagio – Scherzo – Allegro) hielt, ging mit diesen Vorgaben aber flexibel um. Dvořák selbst schrieb im Herbst 1889, er arbeite an einer Symphonie, die anders werde als alle, die er bisher verfasst habe: »Es finden sich dort ganz individuelle, in neuer Weise ausgearbeitete Gedanken.«

Das Werk steckt voller Überraschungen – schon im Kopfsatz: Er beginnt nicht in der Grundtonart, sondern mit einem Thema in deren Variante g-Moll (präsentiert von Violoncello, Klarinetten, Fagott und Horn). Als Motto-artige Introduktion steht es jeweils am Anfang der zentralen Satzteile Exposition, Durchführung und Reprise. Das eigentliche Thema, ein Dreiklangsmotiv in der Haupttonart G-Dur, stellt die Flöte vor. Ihm kontrastiert das von den Holzbläsern vorgestellte h-Moll-Seitenthema. In dem an zweiter Position stehenden Adagio sind die »Freiheiten« am auffälligsten; hier finden sich Züge der Symphonischen Dichtung und der Rhapsodie. Dieser langsame Satz hat überraschende Wendungen und eine ungewöhnliche Instrumentation. Er hebt in c-Moll wie ein Trauermarsch an und wechselt später nach C-Dur; gleichwohl dominiert das ernste, dunkel getönte Hauptthema den Charakter. Der dritte Satz, nicht als »Scherzo«, sondern als »Allegretto grazioso« bezeichnet, ist ein stilisierter Walzer mit einem Trio in Dur, tänzerisch im Duktus, am ehesten in diesem Werk böhmisch-folkloristisch im Ton, aber zurückhaltend, fast introvertiert. Im Mittelteil greift der Komponist auf ein Lied aus seiner frühen Oper Die Dickschädel zurück. Für dieses Allegretto, ganz ohne tiefes Blech instrumentiert, mag der gleichnamige (dritte) Satz der Zweiten Symphonie von Johannes Brahms Vorbild gewesen sein. Im dreiteiligen Finale kombiniert Dvořák Sonatensatz und Variationenfolge. Er beginnt das Allegro ma non troppo wie schon den Kopfsatz mit einem Motto, einer Trompetenfanfare. Das Hauptthema, von den Celli eingeführt, wird vierfach variiert. In der Durchführung verwendet der Komponist nur Teile dieses Themas. Die Wiederkehr der einleitenden Fanfare (in Hörnern und Trompeten) markiert den Höhepunkt – und zugleich den Beginn der Reprise, in der neue Variationen des Hauptthemas zu hören sind, bevor eine effektvolle, ja turbulente Stretta das Werk beendet.

Helge Grünewald

Iván Fischer ist seit Beginn dieser Saison Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin. Der gebürtige Ungar studierte Klavier, Violine und Violoncello in Budapest, ehe er in Wien die Dirigierklasse des berühmten Hans Swarowsky besuchte. Danach war er zwei Jahre lang Assistent von Nikolaus Harnoncourt. Iván Fischers internationale Karriere begann 1976 mit dem Sieg beim Dirigentenwettbewerb der Rupert Foundation in London. 1983 kehrte er in seine ungarische Heimat zurück und gründete zusammen mit Zoltán Kocsis das Budapester Festivalorchester, dem er bis heute als Musikdirektor vorsteht. Eine enge künstlerische Partnerschaft verbindet ihn außerdem mit der Wiener Staatsoper; hinzu kommen zahlreiche Produktionen an Opernhäusern wie denen in Zürich, London, Paris und Brüssel. Als Gast dirigiert Iván Fischer z. B. das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, das Cleveland Orchestra, das New York Philharmonic, das Orchestre de Paris, die Münchner Philharmoniker und das Israel Philharmonic Orchestra. Auch am Pult der Berliner Philharmoniker war er seit 1989 wiederholt zu erleben, zuletzt im Dezember 2011 mit Werken von Dohnányi, Hubay und Schubert. Der überdies als Komponist erfolgreiche Musiker ist Gründer der Ungarischen Mahler-Gesellschaft und Schirmherr der British Kodály Academy. Zu seinen Auszeichnungen zählen die Goldene Medaille des Präsidenten der Republik Ungarn und der Kossuth-Preis, die Ehrenbürgerschaft der Stadt Budapest sowie die Ernennung zum »Chevalier dans l’Ordre des Arts et des Lettres« der Republik Frankreich.

Lisa Batiashvili, in Georgien geboren, gewann mit 16 Jahren den Zweiten Preis beim Sibelius-Wettbewerb in Helsinki. Nach ihrem Studium bei Mark Lubotski (Hamburg) und Ana Chumachenko (München) begann sie eine steile internationale Karriere als Konzertsolistin sowie mit Violin-Recitals und Kammermusikauftritten. Spitzenorchester wie diejenigen in Dresden, Leipzig, Amsterdam, London, Birmingham, Tokio, New York, Boston, Chicago, Cleveland und Philadelphia haben Lisa Batiashvili – zum Teil wiederholt – eingeladen; bei den Berliner Philharmonikern gastierte sie zuletzt im Oktober 2007 als Solistin im Ersten Violinkonzert von Dmitri Schostakowitsch. Zu ihren Partnern am Dirigentenpult zählen Vladimir Ashkenazy, Thomas Hengelbrock, Yannick Nézet-Séguin, Sir Simon Rattle, Esa-Pekka Salonen und David Zinman. Im Bereich der Kammermusik arbeitet sie u. a. mit Adrian Brendel und Till Fellner als Klaviertrio-Formation sowie im Quartett mit dem Oboisten François Leleux, dem Bratscher Lawrence Power und dem Cellisten Sebastian Klinger zusammen. Die mit zahlreichen Preisen geehrte Geigerin (z. B. Bernstein Award des Schleswig-Holstein Musikfestivals, Beethoven-Ring des Beethovenfests Bonn, Premio »Accademia Musicale Chigiana« Siena) konzertiert regelmäßig bei den Festspielen in Edinburgh, Salzburg, Tanglewood und Verbier. Sie spielt die sogenannte Engleman-Stradivari von 1709 – eine Leihgabe der Nippon Music Foundation.

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