Sir Simon Rattle dirigiert Mahler und Rachmaninow

Fr, 05. November 2010

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

  • Sergej Rachmaninow
    Symphonische Tänze op. 45 (39:39)

  • Gustav Mahler
    Symphonie Nr. 1 D-Dur (01:05:02)

  • kostenlos

    Eine Einführung von Sir Simon Rattle (10:24)

Mahlers Erste Symphonie ist derzeit eine Art Visitenkarte für die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle. Mit diesem Werk eröffneten die Musiker unter enthusiastischem Beifall die Saison 2010/2011, gefolgt von Gastspielen in Luzern und London. Am kommenden Wochenende präsentieren Orchester und Dirigent das Werk erneut dem Publikum der Philharmonie und der Digital Concert Hall, ehe sie zu einer Tournee nach Asien und Australien aufbrechen - wieder mit Mahlers Erster Symphonie im Gepäck.

Einen Eindruck der bisherigen Aufführungen kann man dem BBC Music Magazine entnehmen. Über das Londoner Konzert heißt es hier: »Die im Musikjournalismus allzu oft verwendeten Superlative sollte man für Abende wie diesen reservieren. Denn wenn es je eines Beweises bedurft hätte, dass die Berliner Philharmoniker eines der großartigsten Orchester der Welt sind: Mit diesem Konzert wurde er erbracht.« Die Interpretation der Mahler-Symphonie war für den Rezensenten »eine eindringliche Reise durch Dunkelheit und Licht, auf der Rattle mit kleinsten Gesten mühelose Änderungen von Tempo, Dynamik und Farbe erzeugte. Außergewöhnlich ist an dem Berliner Orchester nicht allein seine Transparenz, seine klare Artikulation, sondern die Freiheit, mit der die Musiker gemeinschaftlich vorwärtsdrängen, wie Schwalben im Flug.«

Mahler war erst Mitte 20, als er seine Erste Symphonie komponierte. Umso überraschender die Souveränität, mit der er die klanglichen Mittel eines gewaltigen Orchesters nutzte. Dem Ausdruck von Frische und Aufbruch stehen an diesem Abend die Symphonischen Tänze Sergej Rachmaninows gegenüber - das letzte Werk des Komponisten, mit dem er im amerikanischen Exil noch einmal die Tonsprache seiner Heimat heraufbeschwor.  

 

Intensität und Ausdrucksvielfalt

Symphonisches von Sergej Rachmaninow und Gustav Mahler

Im Januar 1910 kreuzten sich in der amerikanischen Musikmetropole New York die Wege von Gustav Mahler und Sergej Rachmaninow. Unter der Leitung des langjährigen Wiener Hofoperndirektors spielte der russische Klaviervirtuose mit den New Yorker Philharmonikern sein Drittes Klavierkonzert, das erst wenige Wochen zuvor in derselben Stadt uraufgeführt worden war. Im gemeinsamen Konzert in der Carnegie Hall spiegelt sich die künstlerische Doppelexistenz, die Mahler und Rachmaninow führten. Beide Musiker wirkten nicht nur als Komponisten, sondern traten in der Öffentlichkeit auch als Interpreten von Weltrang in Erscheinung.

Mahler war in nicht einmal zwei Jahrzehnten vom Operettendirigenten in einem kleinen österreichischen Kurort zum Künstlerischen Direktor der Wiener Hofoper aufgestiegen. Der außergewöhnliche Erfolg führte dazu, dass die meisten Zeitgenossen Mahler zumindest bis zur Jahrhundertwende eher als komponierenden Dirigenten denn als dirigierenden Komponisten wahrnahmen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits drei Symphonien und zahlreiche Lieder geschrieben hatte. Und auch der frühe Ruhm Rachmaninows basierte in wesentlichem Maße auf seiner Interpretenkarriere: Mit einer stupenden Technik und einem warmen, modulationsfähigen Ton begeisterte er das Publikum auf beiden Seiten des Atlantiks und wurde schon bald zu einem der begehrtesten und bestbezahlten Pianisten seiner Zeit.

Ein Alterswerk – Sergej Rachmaninows Symphonische Tänze op. 45

Unter dem Schock der Oktoberrevolution hatte Rachmaninow im Dezember 1917 seiner russischen Heimat für immer den Rücken gekehrt. Nach fast einem Jahr Aufenthalt in Kopenhagen war er schließlich nach Amerika übergesiedelt, wo er einen Großteil seines restlichen Lebens verbrachte. Während er seine Pianistenkarriere im Exil mit Erfolg fortsetzte, schrieb Rachmaninow dort bis zu seinem Tod Ende März 1943 lediglich noch sechs größere Werke. Beeinträchtigt wurde seine Schaffenskraft dabei vermutlich nicht nur durch den Verlust der kulturellen Heimat, sondern auch durch das Gefühl, einer vergangenen Zeitepoche anzugehören. Während viele Konzertgänger Rachmaninows expressive und klangsinnliche Musik liebten und den konservativen Musiker als einen der größten lebenden Komponisten bewunderten, erschien den Vertretern der Moderne seine im 19. Jahrhundert wurzelnde Tonsprache als hoffnungslos antiquiert.


Die Symphonischen Tänze op. 45, die in den Sommermonaten des Jahres 1940 entstanden, sind Rachmaninows letztes bedeutendes Orchesterwerk. In ihnen evoziert Rachmaninow mit musikalischen Mitteln noch einmal seine kulturelle und geistige Heimat. So folgt das die Mitte des Werks einnehmende Andante con moto (Tempo di valse) der Tradition des Symphonischen Walzers, die auf Berlioz’ Symphonie fantastique zurückgeht und unter anderem auch von Peter Tschaikowsky und Gustav Mahler gepflegt wurde. Rachmaninows Hommage an die populärste Tanzform des 19. Jahrhunderts ist eine expressionsgeladene Walzerfantasie. Bald düster-bedrohlich, bald leidenschaftlich vorwärtsdrängend oder melancholisch in sich gekehrt durchläuft sie unterschiedliche Klang- und Ausdruckswelten.

In den beiden Rahmensätzen hingegen erklingen an prominenter Stelle Reminiszenzen an die russische Heimat und das eigene Schaffen. In der Coda des ersten Satzes stimmen die Streicher ein lyrisches Thema an, das in seiner melodischen Gestalt an ein ähnliches aus Rachmaninows Erster Symphonie erinnert. Ihre Begleitung durch Klavier, Harfe und Glockenspiel evoziert dabei das Läuten von Kirchenglocken, das der Komponist besonders liebte und mit seiner verlorenen Heimat verband: »Der Klang von Kirchenglocken beherrschte alle russischen Städte, die ich kannte – Nowgorod, Kiew, Moskau. Sie begleiteten jeden Russen von der Kindheit bis zum Tode, und kein Komponist konnte sich ihrem Einfluss entziehen.«

»... ein Erstlings-, aber kein Anfangswerk …« – Gustav Mahlers Symphonie Nr. 1 D-Dur

Ein halbes Jahrhundert vor der Entstehung von Rachmaninows Symphonischen Tänzen vollendete Gustav Mahler während des Frühjahrs 1888 in einem rauschhaften Schaffensprozess seine Erste Symphonie. Das großformatige Werk komponierte der 28-Jährige in einer Zeit, in der er neben Arthur Nikisch – dem späteren Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker – als Kapellmeister am Stadttheater Leipzig wirkte. Gelingen konnte diese schöpferische tour de force vermutlich nur, weil der Komponist an bereits vorhandenes musikalisches Material anknüpfte. So basieren wesentliche Teile des ersten und dritten Satzes auf den Liedern »Ging heut’ morgen über’s Feld« und »Die zwei blauen Augen« aus den Liedern eines fahrenden Gesellen (1884/85). Das an zweiter Stelle stehende Ländler-Scherzo hingegen verarbeitet thematisches Material aus dem frühen Lied Hans und Grethe.

Wie Paul Bekker einmal treffend formulierte, ist die Erste Symphonie »ein Erstlings-, aber kein Anfangswerk«. Der spezifisch mahlersche Ton und die künstlerische Physiognomie des Komponisten finden sich hier bereits in charakteristischer Weise ausgeprägt. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang insbesondere die Arbeit mit unterschiedlichen musikalischen Idiomen und Stilsphären, die extreme Intensität und ungeheure Vielfalt des Ausdrucks, die diskontinuierliche Gestaltung der musikalischen Form und die Annäherung von Symphonie und Lied durch die bereits erwähnten instrumentalen Liedzitate. Das Zusammenspiel dieser Aspekte begründet die Neuartigkeit der mahlerschen Symphonik und erklärt zugleich die Irritationen, die seine Musik nicht nur bei den Zeitgenossen auslöste.

Der Teil der Symphonie, der von den Zeitgenossen nach Auskunft der Mahler-Vertrauten Natalie Bauer-Lechner »am meisten missverstanden und geschmäht wurde«, ist der an dritter Stelle stehende Todtenmarsch. Hier zeigt sich die irritierende Originalität des mahlerschen Komponierens vielleicht am eindrücklichsten. Die Thematik der beiden Rahmenteile des Satzes kreist um den Kanon »Bruder Jakob«, eine populäre Melodie einfachster Bauart, die wohl kein zeitgenössischer Hörer aus eigenen Stücken mit symphonischem Komponieren in Verbindung gebracht hätte. Mahler, der die Liedweise schon im Kindesalter als »tief tragisch« empfunden haben soll, entwickelt den Kanon in seiner Symphonie nicht als unbeschwertes Studentenlied, sondern – nach Moll gewendet – als bizarren Trauermarsch. Wesentliche Mittel der ironischen Brechung sind dabei die Instrumentation und die Phrasierung. Über einem dumpfen Quartpendel in der Pauke erklingt der Kanon zunächst im gedämpften Solo-Kontrabass in gequälter hoher Lage und durch Zäsuren an jedem Taktende in seine melodischen Bestandteile aufgespalten. Er wird sukzessive übernommen von Fagott I, Cellogruppe und Basstuba, wobei der Tubist die Melodie gleichsam gegen die Natur des Instruments im Pianissimo blasen muss.

Am 18. November 1900 dirigierte Mahler seine Erste Symphonie als Novität in der österreichischen Hauptstadt. Die heftigen Reaktionen, die der dritte Satz elf Jahre nach der Budapester Uraufführung beim Publikum auszulösen vermochte, hat Karl Kraus in einer Glosse beschrieben: »Musikverständige begriffen die Parodie und begannen zu lachen. Darob heftiges Aergernis bei Herrn Mahlers Freunden, die der Ansicht waren, es sei unanständig, bei einem Trauermarsch zu lachen. Die Musikfreunde versuchten also, die Lacher zur Ruhe zu zischen. Das durften aber die Mahlerfeinde nicht dulden. Sie wollten zeigen, dass sie Herrn Mahlers Trauermarsch nicht für ernste Musik halten könnten, und lachten auch, um Herrn Mahler zu verhöhnen. Und so kämpften Spötter und Verehrer des Componisten wacker fort. Die Musikfreunde aber, die die ersten Lachenden gewesen, blieben nicht lang die lachenden Dritten. Denn im Lärm des Parteikampfes war von den komischen Orchesterklängen nichts mehr zu hören.«

Tobias Bleek

EMISir Simon Rattle tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von EMI Classics auf.

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