Sa, 06. Juni 2009

Berliner Philharmoniker
Pierre Boulez

Pierre-Laurent Aimard

  • Béla Bartók
    Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta Sz 106 (35:40)

  • Maurice Ravel
    Klavierkonzert D-Dur für die linke Hand (27:22)

    Pierre-Laurent Aimard Klavier

  • Pierre Boulez
    Notations I - IV, VII für Orchester (20:54)

  • kostenlos

    Pierre Boulez und Pierre-Laurent Aimard im Gespräch mit Christoph Franke (16:19)

Fast wären es rein französische Abende geworden, und nur die Crème de la crème aus dem Nachbarland wäre aufgeboten. Doch dann entschied der Dirigent Pierre Boulez, dass eine Prise Ungarn dem Ganzen wohl zu Gesicht stünde. Eine gute Entscheidung. Denn nun stehen sich zwei sogenannte Schlüsselwerke aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegenüber: die Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta, die mit zu den meisterlichsten Schöpfungen von Béla Bartók zählt, sowie das Klavierkonzert für die linke Hand, welches Maurice Ravel einst für Paul Wittgenstein komponierte, jenen fantastischen Pianisten, der im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verloren hatte, und das auch an Pianisten, denen beide Arme zur Verfügung stehen, hohe Ansprüche stellt. Dem setzt Boulez ein Werk entgegen, das aus seiner eigenen Feder stammt und den Titel »work in progress« zu Recht trägt. Seit Jahrzehnten feilt er an seinen Notations, und er wird vermutlich noch eine halbe Ewigkeit weiter an diesem, seinem vielleicht bedeutendsten Opus feilen.

Möglichkeiten des Materials

Musikalische Ökonomie in Werken von Bartók, Ravel und Boulez

Wer 1958 in Fasquelles Encyclopédie de la musique den Eintrag zu Béla Bartók aufschlug, fand die Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta als »großen instrumentalen Glückstreffer« bezeichnet, deren erster Satz »zweifellos das schönste Beispiel und das bezeichnendste Probestück für die verfeinerte Schreibweise Bartóks« sei. Verfasser dieser Zeilen war ein 33 Jahre alter Komponist, der über Vorgänger und Kollegen nicht immer solch lobende Worte fand: Pierre Boulez. Doch jenes Werk hatte es ihm angetan. Wenn Boulez später ein Stück für drei Klaviere, drei Harfen und drei Schlagzeuggruppen schrieb (sur Incises, 1996–1998), hallte dort nicht aus der Ferne Bartóks »Glückstreffer«? In der Tat gehört Bartóks eigentümlich besetztes Werk zu den Höhepunkten der klassischen Moderne. Umso erstaunlicher, dass Bartók bei dieser unverwechselbaren Konzeption den Einschränkungen eines Kompositionsauftrages entsprechen musste.

1936 bestellte der schweizerische Mäzen und Dirigent Paul Sacher zum zehnjährigen Bestehen seines Basler Kammerorchesters bei Bartók ein Werk, das sowohl repräsentativ sein sollte als auch (mit möglichst wenigen Aushilfskräften) leicht spielbar. Bartók durchdachte die Gegebenheiten und legte nach kaum dreimonatiger Arbeit eine fertige Partitur vor. Sie besteht aus vier Sätzen, in denen Bartók schnellen Schritts durch die Geschichte der musikalischen Formen zu gehen scheint. Diese »Studienreise« beginnt mit einer chromatischen Fuge, deren geradzahlige Einsätze (Nr. 2-12) sich jeweils in steigenden Quinten, deren ungeradzahlige Einsätze (Nr. 3-11) sich jeweils in fallenden Quinten vom Ausgangston »a« entfernen, um sich nach diesem Modell schließlich spiegelbildlich wieder zurückzubewegen. Gewissermaßen einen historischen Schritt weiter (jenen vom Barock zur Klassik) stellt der zweite Satz als Sonatenhauptsatz dar. Dann folgt ein Adagio in Bartóks bevorzugter, streng symmetrischer »Bogenform« und schließlich ein rondoartiges Finale, das die eingeführten Elemente mit Hilfe der von Bartók erforschten Volksmusik zu einer neuen Sprache verschmilzt.

Nicht nur die Volksmusik des Balkans, auch die französische Moderne hatte bei Bartók einen »Kulturschock« ausgelöst. Zu Maurice Ravels erstem Todestag 1938 schrieb er, das Auftreten eines großen Komponisten (Debussy) könne Zufall sein; wenn diesem aber ein zweites Genie (Ravel) folge, erlebe man »eine Art Kristallisation eines Phänomens [...], hervorgegangen aus der Atmosphäre eines Landes«. Historische Nähe und verwandte Vorlieben Debussys und Ravels haben die Nachwelt dazu verführt, ihre Musik als zwei Seiten einer »impressionistisch« geprägten Medaille zu betrachten. Doch gerade Ravels Konzert D-Dur für die linke Hand ist von Debussy weit entfernt – weit indes auch von Ravels »beidhändigem« Klavierkonzert in G-Dur. Dieses hatte er Ende 1929 gerade begonnen, als ihn ein Auftrag aus Wien erreichte: Paul Wittgenstein, der im Ersten Weltkrieg den rechten Arm verloren hatte, bestellte ein Klavierkonzert für die linke Hand. Mit viel Disziplin und viel Geld verfolgte Wittgenstein eine »linkshändige« Pianistenkarriere, zu der unter anderem Britten, Prokofjew und Strauss Werke beisteuerten. Ravels Stück ist das einzige der 17 für Wittgenstein geschriebenen Konzerte, das sich einen festen Platz im Repertoire erobert hat – wohl, weil es am wenigsten wie eine Gelegenheitskomposition klingt.

Für Ravel war dieser ungewöhnliche Auftrag eine willkommene Ergänzung zum G-Dur-Konzert: »Gleichzeitig zwei Konzerte zu konzipieren, war eine interessante Erfahrung. [...] Das Konzert für die linke Hand besteht aus einem einzigen Satz und unterscheidet sich stark vom anderen. Es enthält eine nicht geringe Anzahl von Jazz-Wirkungen, und seine Schreibweise ist weniger leicht.« Tatsächlich gibt sich das »linkshändige« Konzert im Vergleich seinem »beidhändigen« Zwilling finster und schwer: Zu Beginn kriecht über Kontrabass-Arpeggien ein Kontrafagott-Thema nach oben. Nachdem das Orchester von dieser Bewegung erfasst worden ist, platzt das Klavier mit einer Kadenz herein: Die linke Hand des Solisten paraphrasiert die Einleitung. Ein schneller Mittelteil überwindet das zunächst unverbundene Nebeneinander von Solist und Orchester, indem Trompeten und Klavier in einen jazz-inspirierten Dialog treten. Der langsame Schlussteil bildet die Reprise, in der das Klavier – von einer virtuosen Kadenz abgesehen – ganz in das Orchester eingebunden ist.

Als Meister der Instrumentierung steht Pierre Boulez in der Tradition Ravels – sogar ganz unmittelbar: Boulez hat Ravels kuriosen Frontispice für zwei Klaviere zu fünf (!) Händen einer Orchesterbearbeitung unterzogen. Vor allem aber hat Boulez ebenfalls eigene Klavierstücke zu großen Orchesterwerken weiterentwickelt. Doch welch Unterschied im Detail! Bei Ravel ist die Frage, ob die Klavier- oder die Orchesterfassung zuerst da war, gelegentlich so schwer zu beantworten wie jene nach Henne oder Ei. Im Falle von Boulez’ Notations ist die Lage klar wie nur selten in der geheimnisvollen Geschichte seines Œuvres: Im Februar 1945 werden Douze Notations des damals 19-jährigen Komponisten in Paris uraufgeführt – zwölf Klavier-Miniaturen, die sich alsbald im Dunkel der frühen Jahre verlieren. Gut drei Jahrzehnte später taucht eine Fotokopie des verloren geglaubten Frühwerks auf – und fordert den inzwischen berühmten Musiker zu einer Orchesterbearbeitung heraus. Dieser Vorgang ist in Boulez’ verzweigtem Schaffen zunächst ungewöhnlich: Wie kaum ein anderer Komponist arbeitet er mit dem Begriff eines offenen, weiterführbaren Kunstwerks: »Prolifération« – »Wucherung« nennt Boulez das, wonach es seine Musik über Jahre hinweg (gleichsam ohne Zutun ihres Autors) drängt.

Die Orchester-Notations I – IV dehnen die jeweils zwölftaktigen Vorlagen vertikal und horizontal so weit aus, dass die ursprüngliche Reihenfolge hinfällig wurde. Wer das kleine Heft der Klavierausgabe neben die großformatigen Partituren legt, kann angesichts ihres rund 70-stimmigen Tonsatzes nur staunen. Und doch: Die den Partituren als Motto vorangestellten Vorlagen sind wiedererkennbar, wenngleich in ein völlig anderes Licht getaucht. Im Gegensatz zu der etwa noch von Anton Webern gepflegten Praxis, Strukturen durch Instrumentation zu verdeutlichen, widmet sich Boulez in den Orchester-Notations hingebungsvoll der Verschleierung. Die rhythmische Attacke der vierten Klavier-Notation etwa wird durch das vergleichsweise schwerfällige Orchester gezielt verschleppt. Doch diese Verzerrung löst eine formale Kettenreaktion aus, ohne dass dadurch das Original zerstört würde. In den zweiten Notations macht Boulez aus dem monoton hämmernden Klavier-Ostinato eine mitreißende Orchesterzugabe.

Die Notations V-VI und VIII-XII liegen noch nicht in Bearbeitungen vor; die Notations VII wurden hingegen 1997 als separates Orchesterstück publiziert. Das schon im Original meditative Stück mit seinen charakteristischen Tritonus-Einwürfen mag Boulez mittlerweile verändertem Stil entgegengekommen sein. Wobei die Halbwertzeit solcher Einschätzungen noch kürzer sein kann als die Gültigkeit mancher boulezschen Werkfassung: Voreilige Kommentatoren hatten bereits nach Boulez’ Dritter Klaviersonate (1955-57) eine Abwendung des Komponisten von diesem Instrument prophezeit. Doch die eingangs erwähnten sur Incises beruhen auf einer materialreichen Klavierminiatur von 1994 (revidiert 2001), und seine Pages d’éphéméride (2005) hat Boulez ebenfalls für Klavier solo geschrieben. Wer mag ausschließen, dass uns eines Tages auch diese Musik orchestral umwuchern wird?

Olaf Wilhelmer

Pierre-Laurent Aimard, 1957 in Lyon geboren, studierte am Pariser Konservatorium bei Yvonne Loriod und Maria Curcio; mit dem Gewinn des Internationalen Messiaen-Wettbewerbs 1973 begann seine internationale Karriere. 18 Jahre lang Solo-Pianist des Ensemble Intercontemporain, wirkte Aimard während dieser Zeit bei einer Vielzahl von Uraufführungen mit und begründete seinen Ruf als einer der profiliertesten Interpreten zeitgenössischer Musik. Der immer wieder auch für seine ungewöhnlichen Sichtweisen auf vermeintlich bekanntes Repertoire ausgezeichnete Künstler engagiert sich überdies im Rahmen von Gesprächskonzerten sowie als Pädagoge an den Hochschulen in Paris und Köln für die Vermittlung von Werken aller Epochen und von neuen Strömungen. Pierre-Laurent Aimard wurde mit den Schallplattenpreisen Grammy und ECHO Klassik sowie von der Royal Philharmonic Society und von Musical America als Instrumentalist des Jahres (2005 bzw. 2007) ausgezeichnet. 2008 betreute er als Künstlerischer Leiter das Messiaen-Festival des Londoner Southbank Centre. Seit seinem Debüt im Rahmen der von den Berliner Philharmonikern veranstalteten Klavier-Recitals Mitte Dezember 1997 ist Pierre-Laurent Aimard wiederholt (während der Saison 2006/2007 als Pianist in residence) in Symphonie- und Kammerkonzerten des Orchesters wie auch mit Solo-Auftritten zu erleben gewesen. Zuletzt gestaltete er hier Ende Oktober 2008 im Kammermusiksaal gemeinsam mit Alfred Brendel einen literarisch-musikalischen Abend, bei dem er Brendels Lesung eigener Gedichte mit Klavierwerken von Kurtág und Ligeti kontrastierte.

Der französische Komponist, Pianist, Dirigent und Theoretiker Pierre Boulez wurde am 26. März 1925 in Montbrison an der Loire geboren. In Paris zunächst naturwissenschaftlich ausgebildet, entschloss er sich 1943 zum Kompositionsstudium. Unterricht erhielt er unter anderem von Olivier Messiaen, René Leibowitz und Arthur Honegger. Nach ersten Dirigiertätigkeiten Mitte der 40er-Jahre gründete er 1955 das Ensemble Domaine Musical und begann im selben Jahr, bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik zu lehren. Es folgten weitere Stationen als Dirigent, so beim Südwestfunkorchester, bei den Bayreuther Festspielen (wo 1966 sein Parsifal weltweites Aufsehen erregte) und beim Cleveland Orchestra; 1971 wurde Boulez zugleich Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra und des New York Philharmonic Orchestra. Mitte der 1970er-Jahre gründete er das Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique (IRCAM) in Paris und wurde Leiter des zur selben Zeit formierten Ensemble Intercontemporain. Pierre Boulez ist Autor mehrerer Bücher und Essays über Musik. Zu seinen zahlreichen hohen Auszeichnungen gehören der Ernst von Siemens Musikpreis (1977), der Große Französische Staatspreis (1980), der Berliner Kunstpreis und der Schwedische Polarpreis (beide 1996). Die Berliner Philharmoniker hat Boulez seit 1961 wiederholt dirigiert; im Oktober 2005 ehrte ihn die Stiftung Berliner Philharmoniker anlässlich seines 80. Geburtstages mit der Aufführung des Werkes Répons im Kammermusiksaal, bei der der Komponist die Klangregie übernahm. Anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Scharoun Ensembles Berlin wirkte Pierre Boulez in dessen Jubiläumskonzert Mitte April 2008 als Dirigent mit.

Deutsche GrammophonPierre-Laurent Aimard tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von Deutsche Grammophon auf.

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