Harrison Birtwistle
Komponist
Sir Harrison Birtwistle entwickelte frühzeitig eine eigenständige, dramatische und klar profilierte Musiksprache, die jenseits aller Schulen in ihrer physischen Präsenz von einer starken visuellen Vorstellungskraft ausgeht. Sein Schaffen reicht von Kammer- und Chormusik über Bearbeitungen und Gedichtvertonungen bis hin zu groß besetzten Orchesterwerken und Opern, die immer wieder für Aufsehen sorgten. »Wahrscheinlich«, so sein britischer Landsmann Sir Simon Rattle, »ist er unser originellster und individuellster Komponist«.
Harrison Birtwistle, 1934 in Accrington in der Grafschaft Lancashire geboren, studierte Klarinette und Komposition am Royal Manchester College of Music, wo er unter anderem mit Peter Maxwell Davies und Elgar Howarth zusammentraf. Neben dem Studium und regelmäßigen Auftritten in den Konzerten der New Music Manchester Group setzte sich Birtwistle intensiv mit mittelalterlichen Satztechniken auseinander, um sie für das eigene Schaffen nutzbar zu machen. Seine frühen Werke zeigen ein ausgeprägt lineares Denken: das »Spazierenführen einer Linie«, wie es Birtwistles schöpferisches Vorbild Paul Klee einmal formuliert hatte. Sein erstes offizielles Werk, das Bläserquintett Refrains and Choruses, gelangte 1959 beim Cheltenham Festival zur Uraufführung. Birtwistle, der für kurze Zeit Klarinette im Royal Liverpool Philharmonic Orchestra spielte, ging als Harkness Fellow nach Princeton (USA), wo er seine Oper Punch and Judy vollendete – ein Werk, das seinen Ruf als einer der führenden britischen Komponisten begründete. 1967 rief er mit Peter Maxwell Davies und Stephen Pruslin das Ensemble für zeitgenössische Musik Pierrot Players ins Leben. 1970 folgte gemeinsam mit dem Klarinettisten Alan Hacker die Gründung der Experimental-Gruppe Matrix. Nach dem Erfolg der Earth Dances, die Pierre Boulez unter anderem in der Reihe musica viva in München und beim Festival Wien Modern dirigierte, folgten zahlreiche Kompositionsaufträge internationaler Institutionen. Birtwistle lehrte am King’s College und war Director of Composition des Royal College of Music in London. Vielfach ausgezeichnet, starb er am 18. April 2022 in Mere, Wiltshire.