Marek Janowski dirigiert Bruckners Achte
Einen »barocken Romantiker« nannte Marek Janowski Anton Bruckner einmal. Genau diese Mischung bringt der Dirigent in seinen Interpretationen überzeugend zum Klingen: Er legt die komplexe Vielschichtigkeit der Musik offen und lässt zugleich ihre klangliche Farbenpracht erstrahlen. In dieser Saison widmet sich Janowski der monumentalen Achten Symphonie – einem Werk von großen Spannungsbögen und Steigerungswellen, schwankend zwischen Zweifel und dem Vertrauen auf spirituelle Erlösung.
»Halleluja!«, notiert Anton Bruckner 1887 auf der Partitur seiner Symphonie Nr. 8 nach dreijähriger Arbeit, und dazu: »Möge sie Gnade finden.« Seine Sorge ist berechtigt, denn der Dirigent Hermann Levi, dem er sein neues Werk schickt, zeigt sich unzufrieden – vor allem über Form und Instrumentation. Wie so oft verunsichert die Kritik Bruckner dermaßen, dass er seine Komposition einer gründlichen Revision unterzieht – über drei weitere Jahre hinweg. Das Ergebnis ist vor allem eines: groß! Mit einer Spieldauer von rund 80 Minuten präsentiert Bruckner die längste Symphonie, die die Musikgeschichte bis dahin gesehen hat. Die Holzbläser sind dreifach besetzt, das Blech durch Wagner-Tuben angereichert und überraschenderweise kommen drei Harfen zum Einsatz. Er kommentiert: »A Harf’n g’hert in ka Symphonie, aber i hab’ ma nöt helf‘n könna!«
Der Kopfsatz schlägt einen geheimnisvollen Ton an, der sich bald – unter Verwendung eines markant punktierten Motivs – ins Schicksalhafte wendet. Den versöhnlichen Kontrapunkt bildet ein Thema im für Bruckner typischen 2+3-Rhythmus. Zwischen diesen Polen ergießen sich gewaltige Steigerungswellen bis – und das ein einmalig im symphonischen Schaffen des Komponisten – der Satz leise ausklingt: »Dös is so, wie wenn einer im Sterben liegt und gegenüber hängt die Uhr, die immer gleichmäßig fortschlägt.« Das Scherzo zeigt sich anschließend voller vitaler Spannkraft, bevor mit dem Adagio das emotionale Zentrum erreicht wird: Ist es hier der Herzschlag, der in den Streichersynkopen sanft pulsiert? Unüberhörbar sind Zitate aus Wagners Siegfried und Parsifal »als Erinnerung an den Meister«. Überhaupt scheint der feierliche Satz mit seinen innigen melodischen Aufschwüngen gen Himmel zu streben – in Des-Dur notiert, hat der gottesfürchtige Bruckner ihn gegenüber der Grundtonart c-Moll tatsächlich »erhöht«. An seinem Schluss gemahnt die Totenuhr wieder an das irdische Schicksal, was der bedrohliche Bläserchoral, der das Hauptthema des Finales über präzise »tickenden« Streichern intoniert, zu untermauern scheint. Doch Bruckner erschafft immer wieder Inseln der Ruhe und am Ende scheint die Hoffnung zu siegen, wenn das Anfangsthema in majestätischem C-Dur erstrahlt.
Auch der Komponist hat Grund zum Strahlen: Das Publikum der Uraufführung 1892 klatscht ihn nach jedem Satz auf die Bühne, man überreicht ihm drei riesige Lorbeerkränze – die Achte hat mehr als »Gnade gefunden«, sie ist Bruckners größter Triumph.
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