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Brittens »War Requiem« mit dem Bundesjugendorchester

10. Apr 2018

Bundesjugendorchester
Thomas Neuhoff

  • kostenlos

    Benjamin Britten
    War Requiem für Soli, großen Chor, Kinderchor, großes Orchester und Kammerorchester (88 Min.)

    Banu Böke Sopran, James Gilchrist Tenor, Erik Sohn Bariton, Orchestre Français des Jeunes, Chor des Bach-Vereins Köln e.V., Polski Narodowy Chór Młodzieżowy, Agnieszka Franków-Żelazny Einstudierung, Coventry Cathedral Girls’ Choir, Kerry Beaumont Einstudierung, Les Pastoureaux, Philippe Favette Einstudierung, Jugendchor der Lukaskirche Bonn, Thomas Neuhoff, Daniel Spaw

Genau ein Jahrzehnt ist es her, dass es sich die Berliner Philharmoniker zur Aufgabe gemacht haben, regelmäßig einige der besten Jugendorchester aus aller Welt nach Berlin einzuladen. Das Bundesjugendorchester war seitdem bereits mehrfach zu Gast im Scharoun-Bau; 2013 übernahmen die Berliner Philharmoniker dann eine bis heute bestehende Patenschaft für das traditionsreiche Nachwuchsorchester. Seine rund 100 Mitglieder sind zwischen 14 und 19 Jahre alt. Die professionelle Ausbildung zum Berufsmusiker haben die meisten von ihnen daher erst noch vor sich – wenn sie sich denn überhaupt für eine solche entscheiden. Denn die Absicht, eine Musikerlaufbahn einzuschlagen, ist keineswegs Voraussetzung für die Aufnahme in das Orchester.

Hohes technisches Können, Liebe zur Musik und der Wunsch, ein Teamplayer zu sein, reichen aus, um Teil eines Klangkörpers zu werden, dem Sir Simon Rattle 2015 ins Gästebuch schrieb: »You are sensationally good!« Doch nicht nur deshalb tut man gut daran, keines der Berliner Gastspiele des Bundesjugendorchesters zu versäumen: Aufgrund der eng gesteckten Altersgrenzen ist die personelle Besetzung dieses durch ansteckend vitale Interpretationen begeisternden Klangkörpers einer ständigen Fluktuation unterworfen – wodurch jedes seiner Konzerte auch für das Publikum zu einem »einmaligen« Erlebnis im doppelten Wortsinn wird.

Auf dem Programm des Konzerts, welches das Bundesjungendorchester auf Einladung der Berliner Philharmoniker in dieser Saison gibt, steht mit Benjamin Brittens 1962 uraufgeführtem War Requiem ein singuläres Werk der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts: Das mit drei Gesangssolisten, einem Knabenchor, einem gemischten Chor, einem Kammerorchester und einem Symphonieorchester groß besetzte Werk stellt nämlich nichts weniger dar, als einen hoch komplexen, dabei unmittelbar anrührenden musikalischen Beitrag zum europäischen Gedanken der Völkerverständigung – und wer könnte für diesen besser einstehen, als ein Orchester junger, von einem international besetzten Vokaltrio unterstützter Musiker?

Krieg und Frieden

Benjamin Brittens War Requiem

Das War Requiem von 1961 zählt allein der Umstände wegen zu Brittens persönlichsten Werken; zudem ist es das einzige mit einer klar erkennbaren politischen Konnotation und einer politisch-gesellschaftlichen wie moralisch-religiösen Absicht. Die Hintergründe führen zurück in den Zweiten Weltkrieg. In der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940 zerstört ein zehnstündiges Bombardement der deutschen Luftwaffe das gesamte Zentrum der mittelenglischen Stadt Coventry; über 60.000 Gebäude, darunter auch die mittelalterliche St.-Michaels-Kathedrale, werden dem Erdboden gleichgemacht. Nach Ende des Kriegs geht man sogleich daran, das Gotteshaus wieder zu errichten. Am 25. Mai 1962 ist es dann so weit: In Anwesenheit der Königin Elisabeth II. und des Erzbischofs von Canterbury wird die nach Plänen von Basil Spence konstruierte Kathedrale eingeweiht; fünf Tage später erklingt dort erstmals Benjamin Brittens War Requiem.

Das War Requiem ist ein Auftragswerk. Gleichwohl dürfte die Abfassung seinem Schöpfer relativ leicht gefallen sein: Britten war nicht nur Christ und Humanist, er war auch erklärter Pazifist. Er komponierte dieses üppig besetzte Werk (neben dem großen Symphonieorchester und drei Gesangssolisten wirken zudem ein Kammerorchester, ein gemischter Chor, ein Knabenchor sowie eine Orgel mit) auch als eine ganz persönliche Anti-Kriegserklärung. Der ethisch-aufklärerische Gestus des War Requiem wird schon durch die Wahl der Texte evident: Britten vertonte nicht nur den überlieferten lateinischen Requiem-Text der römisch-katholischen Totenmesse, sondern verschränkte diesen mit melancholisch-tristen, den Krieg und seine Abgründe in den schwärzesten Farben malenden Versen des Dichters Wilfred Owen, der wenige Tage vor dem Ende des Ersten Weltkriegs gefallen war. Wie wichtig Owens Gedichte für Britten waren und wie sehr er ihn als Dichter des Humanum verehrte, bekundet die Tatsache, dass sich auf dem Titelblatt der Partitur ein Owen-Zitat findet, welches gleichsam als Memento mori des gesamten Werks verstanden werden darf: »My subject is War, and the pity of War. The Poetry is in the pity. All a poet can do today is warn.«

Warnen, das bedeutete für Owen, die grundsätzlich falsche Terminologie des Kriegs zu entlarven: dessen verfehlte Heroik, die verknüpft ist mit einem staatlich verordneten Patriotismusgedanken, der insbesondere im Ersten Weltkrieg zuweilen äußerst seltsame Züge angenommen hatte (man denke etwa nur an Thomas Mann und seine trüben vaterländischen Verirrungen), und schließlich die gewollte Ästhetisierung der Schlacht an und für sich. Britten überantwortete diesen moralisch-subjektiven Teil des War Requiem dem Tenor- und dem Bariton-Solisten. Diese beiden Partien reflektieren – in auffälliger Autonomie und begleitet vom zwölfköpfigen Kammerorchester als Stimmen der Gefallenen – das Grauen des Kriegs. Ihnen gegenüber stehen, ebenfalls separiert, Solo- Sopran, Chor und das gesamte, riesig besetzte (aber stets transparent gehaltene) Orchester für die allgemein klagende Menschheit, während die Knabenstimmen und die Orgel – gleichsam als eine dritte unabhängige musikalisch-semantische Instanz – jene ferne, beinahe entpersonalisierte, mystische Welt repräsentieren, die ihren Sitz weit über den Schlachtfeldern hat.

Gegensätze – kunstvoll verklanglicht

Aus diesen klanglichen wie strukturellen Gegensätzen bezieht Brittens rund eineinhalbstündiges Opus magnum seinen enormen Reiz, seine nervöse Spannung, seine Suggestivkraft. Als programmatische Grundkonstante erkennen wir jenes sich in den Glockenstimmungen realisierende Tritonus-Intervall Fis – C, das gleich zu Beginn des War Requiem die unauflösbare Antinomie aus Krieg und Frieden beschreibt – und diese bis zum Schluss des Werks auch nicht auflösen wird. Den Anfang (»Requiem aeternam«) bildet ein vom tiefen A ausgelöster und von Paukenschlägen unterlegter Trauermarsch, der zu den vom Chor intonierten Worten »Requiem aeternam dona eis, Domine / et lux perpetua luceat eis« mit schweratmigen Auftakten voranschreitet. Gegen diese Tristesse setzt Britten noch im ersten Teil den Knabenchor ein: als gewissermaßen überirdisch-kristalline Stimme, die eine Art Erlösungstranszendenz evoziert. Doch währt dergleichen Utopie nicht lange, womit ein wesentliches gestalterisches Prinzip des Werks früh installiert ist, das Prinzip der Antiphonen: Kaum ist das Gebet um ewige Ruhe und ewiges Licht verklungen, hebt ein ausgedehntes, expressives Tenor-Solo mit den desillusionierenden agnostischen Worten des Dichters Owen an: »What passing-bells for these who die as cattle?« – Was für Totenglocken gebühren denen, die wie Vieh sterben?

Auch im weiteren Verlauf des Requiems funktioniert diese dialektische Verschränkung: Während der lateinische Text die christliche Sphäre des Glaubens verkörpert und dementsprechend verklanglicht ist, definieren die von Britten vertonten Verse des Dichters Owen die Welt als Ort des Grauens, Irrens und des Tötens, aber auch als einen Ort der Besinnung, wie im Bariton-Solo, das auf den Dies-irae-Chor folgt (welcher mit seinem Siebenvierteltakt und seinen holprigen Synkopen eine angstvoll stotternde Menge beschreibt). Gleichsam als Signatur des ganzen Werks wird mit dem Einsatz des sich direkt an das Bariton-Solo anschließenden Sopran-Solos die strukturell dialektische Verfahrensweise des Komponisten deutlich: Der abstrakten Idee setzt Britten die konkrete Erscheinung entgegen, dem Apodiktischen einer Behauptung den direkten Ausdruck und der formalen Konstruktion den unvermittelten persönlichen Aufschrei. Hier wird der große Zusammenhang von Schuld und Sühne besungen; so als wolle der Komponist dem Hörer sagen: Es ist immer beides. Und immer beides zugleich.

Es verwundert kaum, dass ein solch bipolares und gigantisches Werk schon bei der Uraufführung eine enorme emotionale Wirkung erzielte. Und nicht nur die im Auditorium versammelten Gemüter waren ergriffen. Auch Dietrich Fischer-Dieskau, der am 30. Mai 1962 den Part des Bariton-Solos interpretiert hatte, erinnerte sich späterhin an diesen denkwürdigen Abend in der Kathedrale von Coventry und verlieh seiner tiefen inneren Rührung Ausdruck, als er meinte, »dass ich zum Schluss innerlich völlig aufgelöst war und nicht wusste, wo mein Gesicht verstecken«. Dass Brittens Werk aber nicht nur aristotelisch zu berührten wusste, sondern aufgrund seiner dialektischen Konstruktion noch ganz andere Reaktionen zeitigen konnte (und dies vielleicht auch beabsichtigt), belegt eine Aussage von Dmitri Schostakowitsch. In einem Brief an einen Freund schreibt der russische Komponist: »Ich habe eine Schallplatte mit dem Requiem von Benjamin Britten bekommen. Ich spiele sie und begeistere mich an der Genialität dieser Schöpfung. Das ist auf dem Niveau von Mahlers Lied von der Erde und einer Reihe anderer großer Werke der Menschheit. Wenn ich Benjamin Brittens Requiem höre, werde ich irgendwie heiterer und noch fröhlicher.« – Man nennt dergleichen wohl geglückte Dialektik.

Jürgen Otten