Simon Rattle dirigiert Schostakowitschs Vierte Symphonie
Dmitri Schostakowitsch selbst beklagte, seine Vierte Symphonie leide an »Grandiosomanie« – ein sicherlich zu hartes Urteil, denn Kraft und Größe dieses Werkes bleiben brüchig, wenden sich immer wieder ins Surreale. Simon Rattle lotete hier die vielen Schichten des Werks aus und dirigierte darüber hinaus Werke von Alban Berg und Paul Dessau. Solist*innen des Abends waren die Sopranistin Angela Denoke und der Pianist Lars Vogt.
Am 30. Dezember 1936 hätte Schostakowitschs Vierte Symphonie in Sankt Petersburg uraufgeführt werden – doch der Komponist zog das Werk kurzfristig zurück. Ob er musikalische Bedenken hatte oder doch eher die stalinistische Zensur fürchtete, lässt sich heute nicht mit Sicherheit sagen. Tatsächlich ist die Vierte ein grandioses, um nicht zu sagen: gigantisches Opus. Aber die vermeintlich vaterländische Größe wird immer wieder unterwandert, Schostakowitsch wendet sie ins Surreale, mitunter auch in Tanz- oder Marschmotive. In diesem Sinne ist die Symphonie dem Stil Gustav Mahlers verwandt und ermöglicht eine faszinierende Spurensuche.
Auch das erste Werk des Konzertes mit Simon Rattle wird von Mahlers Geist durchweht: ein Adagio aus der Lulu-Suite von Alban Bergs. Eine Entdeckung ist zudem die Kantate Les Voix von Paul Dessau, mit Sopranistin Angela Denoke und Pianist Lars Vogt. Dessau (1894–1979) war einer der vielseitigsten Komponisten seiner Zeit und schrieb gleichermaßen zwölftönige Werke wie auch Filmmusik (u. a. für Walt Disney und Alfred Hitchcock). Bei den Konzerten der Berliner Philharmoniker war er bisher nur einmal – 1970 – mit einem kurzen Werk vertreten.
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