Marek Janowski dirigiert Bruckners Sechste Symphonie

01. Feb 2019

Berliner Philharmoniker
Marek Janowski

Rundfunkchor Berlin

  • Anton Bruckner
    Messe Nr. 2 e-Moll (2. Fassung von 1882/1885) (43 Min.)

    Rundfunkchor Berlin, Gijs Leenaars Chor-Einstudierung

  • Anton Bruckner
    Symphonie Nr. 6 A-Dur (60 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Marek Janowski im Gespräch mit Rainer Seegers (18 Min.)

Die Musik von Anton Bruckner gehörte schon immer zum Kernrepertoire von Marek Janowski. Mit dem Orchestre de la Suisse romande hat der 1939 in Warschau geborene Dirigent zwischen 2007 und 2012 sämtliche Symphonien Bruckners auf Tonträger gebannt – und Presse und Fachkritik zu Lobeshymnen inspiriert: »Eine Meisterleistung« befand etwa die Berliner Morgenpost, »eine große Empfehlung« sprach die Fachzeitschrift Hifi & Records aus, in stereoplay war zu lesen: »Man könnte ins Schwärmen geraten.« Dass Janowskis Interpretationsansatz dabei durchaus Neues zu bieten hatte, attestierte u. a. das Fono Forum: »Von Verzärtelungen, von romantischen Kunstpausen hält Janowski nicht viel. Zum Glück. Denn so kann sich dieser Bruckner in seinem Wollen und Drängen ungehemmt ­entfalten.«

In diesen Konzerten musiziert Janowski, der u. a. ganze 14 Jahre dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin vorstand, mit den Berliner Philharmonikern die zwischen 1879 und 1881 entstandene Sechste Symphonie Bruckners, der – obwohl von ihrem Komponisten einmal als seine »keckste« bezeichnet – von Anbeginn ein Schicksal als Außenseiterin im Konzertbetrieb bestimmt war. Die erste integrale Aufführung des Werks – zu Bruckners Lebzeiten waren in einem Konzert der Wiener Philharmoniker lediglich die beiden Mittelsätze erklungen – fand erst zweieinhalb Jahre nach dem Tod des Komponisten statt. Gustav Mahler, der diese Aufführung leitete, hatte allerdings eine Fassung erstellt, die Bruckners ursprünglichen Intentionen nur bedingt gerecht wurde. Da der Erstdruck der Partitur überdies in einigen Stellen von Bruckners Handschrift abwich, dauerte es in der Folge bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, bis die hin und wieder als Bruckners »Pastorale« betitelte Sechste auf der Grundlage textkritischer Editionen in ihrer Originalgestalt gespielt wurde.

Der Aufführung von Bruckners Sechster geht Janowskis Interpretation der selten zu hörenden, 1866 entstandenen Messe Nr. 2 in e-Moll voran. Da dieses Werk 1869 anlässlich der Eröffnung der Votivkapelle des Mariä-Empfängnis-Doms in Linz unter freiem Himmel aufgeführt wurde, schrieb Bruckner aus praktischen Gründen einen auf Streicherstimmen vollkommen verzichtenden Orchesterpart. Wie fast alle seine Symphonien überarbeitete der Komponist auch seine Zweite Messe. In der 1885 abgeschlossenen 2. Fassung (wiederum ohne Streicher) bringt Marek Janowski sie nun an drei Abenden zur Aufführung. Die anspruchsvolle Chorpartie dieses klanglich überaus reizvollen Werks, das bei den Berliner Philharmonikern letzmals im März 1972 erklang, übernimmt mit dem Rundfunkchor Berlin ein langjähriger künstlerischer Partner der Berliner Philharmoniker.

Aus dem Dom in den Konzertsaal

Ein geistliches und ein weltliches Werk von Anton Bruckner

Legion und Legende sind die Verrisse, mit denen Anton Bruckners Symphonien zu Lebzeiten ihres Schöpfers geschmäht wurden. Dass Bruckners geistliche Musik dagegen auch von seinen Kritikern geschätzt wurde, gerät leicht in Vergessenheit, da sich die Verhältnisse fast zwei Jahrhunderte nach der Geburt des Komponisten umgekehrt haben: Während seine Symphonien heute in einer Reihe mit denen Beethovens stehen, werden seine Messvertonungen selten in einem Atemzug mit Beethovens Missa solemnis oder den entsprechenden Werken des großen Vorbildes Mozart genannt – ganz zu schweigen von den Gattungsbeiträgen aus Bruckners Frühwerk oder gar von seiner weltlichen Chormusik, die mit ihren einst populären Eckpfeilern Germanenzug und Helgoland kaum noch eine Rolle spielt.

Über der Krypta: die Messe in e-Moll

Seit einigen Jahren ist wieder ein verstärktes Interesse an Bruckners nicht-symphonischem Schaffen festzustellen; vermeintliche Neben- oder Vorläuferwerke werden neu befragt, die Kontinuität seiner Arbeit an geistlicher Musik – von den ersten bis zu den letzten Werken – wird betont. Und schon lange erscheint der Komponist nicht mehr als »ein armer, verrückter Mensch, den die Pfaffen in St. Florian auf dem Gewissen haben« (Johannes Brahms) – einer, der Linz in Richtung Wien verlassen musste, um er selbst zu werden.

1855 gab Bischof Franz Josef Rudigier den Impuls zur Errichtung des neuen Doms in Linz, 1862 wurde der Grundstein gelegt, doch erst 1924 konnte Österreichs nunmehr größte, wenngleich immer noch nicht ganz fertiggestellte Kirche geweiht werden. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Vollendung des neogotischen Monumentalbaus war die Einweihung einer Votivkapelle über der Krypta – für diesen feierlichen Anlass schrieb Bruckner 1866 die e-Moll-Messe. Bis zur Uraufführung sollten aber noch drei Jahre vergehen; der Komponist reiste dafür aus der Hauptstadt an, da er seinen Lebensmittelpunkt inzwischen nach Wien verlegt hatte. Dass die Premiere auf – oder genauer gesagt: vor – einer Baustelle stattfand, erklärt die ebenso ungewöhnliche wie reizvolle Besetzung, mit der Bruckner den schwierigen Bedingungen Rechnung trug: Er verzichtete auf Streichinstrumente, Orgel und Solisten und schrieb ausschließlich für Chorsänger und ein kleines Blasorchester ohne Flöten.

Ihre majestätische Klangfülle bezieht die e-Moll-Messe vor allem aus dem achtstimmigen, oftmals a cappella singenden Chor, zudem berichten zeitgenössische Quellen von sehr breiten Tempi, die Bruckner bei der Uraufführung vorgeschwebt haben sollen. Das Ergebnis ist erhaben, streng, langsam schreitend, machtvoll anschwellend – wie eine Prozession, der sich immer mehr Menschen anschließen, so wie es in einer Vortragsanweisung zum »Sanctus« heißt: »Anfangs in gemäßigter Stärke, die sich später mehr und mehr steigert.« Ganz und gar modern ist in diesem Werk die chromatische, manchmal erstaunlich dissonante Harmonik, die den Komponisten als Zeitgenossen Richard Wagners ausweist.

Nicht opernhaft, aber durchaus theatralisch ist in der e-Moll-Messe die gleich zu Beginn hörbare Gegenüberstellung weiblicher und männlicher Stimmen, die sich durch das gesamte Werk zieht – wirkungsvoll nicht zuletzt im »Credo«, wenn sich die Stimmgruppen die Botschaft des »Et resurrexit« zurufen, wozu die Bläser ihre gestoßenen Töne in einem großen Crescendo unablässig bekräftigen. Andererseits kennt diese Messvertonung Momente größter Verinnerlichung, und so kommt die mehrstimmig bewegte Musik in den abschließenden Friedensbitten des »Agnus Dei« immer mehr zur Ruhe, zwischen den Tongeschlechtern schwankend, um dann in einem ätherischen E-Dur zu enden. Die Uraufführung der e-Moll-Messe wertete Bruckner als »herrlichsten meiner Lebenstage« und vermerkte stolz, welche Ehre im zuteil wurde: »Bischof u. Statthalter toastirten auf mich bei der Bischöfl. Tafel.«

Im Kreuzgang: die Symphonie in A-Dur

Im Gegensatz zu etlichen Komponisten des 19. Jahrhunderts konzentrierte sich Bruckner in seinen Großwerken auf wenige Grundtonarten. Während sich beispielsweise in Beethovens Symphonien nur eine Grundtonart wiederholt (die Sechste und Achte stehen beide in F-Dur), so ließ Bruckner jeweils dreimal einer c-Moll-Symphonie eine d-Moll-Symphonie folgen, und die Tonarten seiner drei großen Messen – d-Moll, e-Moll, f-Moll – könnte man sogar als Beginn einer imaginär alles überwölbenden d-Moll-Tonleiter deuten. Kreuztonarten findet man bei ihm vergleichsweise selten, und so ragt, neben dem E-Dur der Siebten, das A-Dur der Sechsten Symphonie aus seinem Schaffen heraus. Ein A-Dur mit solchen tonalen Schwankungen indes, dass es mit Beethovens Verwendung dieser lichten Tonart in dessen Siebter Symphonie kaum vergleichbar ist. Dass Bruckner die drei vorgezeichneten Kreuze dieser Tonart auch in einem religiös-bildlichen Sinn betrachtete, kann bei seiner obsessiven Genauigkeit in musikalischen wie spirituellen Angelegenheiten angenommen werden.

Für Bruckner war die Sechste ein Schritt auf dem Weg der stetigen symphonischen Vervollkommnung, hin zu einer Neunten, die würdig genug war, um »dem lieben Gott« gewidmet zu werden. Gott am nächsten stand in Bruckners Weltbild der Kaiser (Franz Joseph I. als Widmungsträger der Achten Symphonie), darunter der König (Ludwig II. als Widmungsträger der Siebten Symphonie), wiederum darunter der Ritter, dem in Gestalt des Anton von Oelzelt die Sechste gewidmet ist. Die wohl am meisten chevalereske Tat des Wiener Philosophieprofessors, der die Nobilitierung zu einem »Ritter von Newin« geerbt hatte, bestand darin, Bruckners Lebenssituation durch Überlassen einer Wohnung in der Nähe des Schottentores erheblich verbessert zu haben. Dort feilte Bruckner in den Jahren 1879 bis 1881 an seiner Sechsten Symphonie, die allerdings bis heute nicht aus dem Schatten des kontrapunktischen Hochgebirges der vorangegangenen Fünften hervorgetreten ist.

Es ist paradox: Einerseits wird Bruckner immer wieder schematisches Komponieren vorgehalten, andererseits wird dasjenige Werk vernachlässigt, das sich der angeblich verbindlichen Urform am wenigsten fügt. Demnach heben Bruckners Symphonien stets im »Urnebel« an, aus dem das erste Thema feierlich aufsteigt. Auf die Sechste trifft das nicht zu, die zwar leise, doch mit der Setzung eines beharrlich tickenden Rhythmus von mechanischer Präzision beginnt: Unablässig repetieren die Violinen ein cis, zehn Mal pro Takt, aber in jeweils drei verschiedenen Dauern – die Rhythmisierung unterscheidet zwischen Achteln, Achteltriolen und Sechzehnteln. Das entstehende Kontinuum wird von den hohen an die tiefen Streicher weitergereicht und entfaltet sich 46 Takte lang ohne jede Unterbrechung zwischen dreifachem Piano und zweifachem Forte. So werden 460 einzelne Klänge wie an einer Perlenschnur aufgereiht – ein für die Symphonik dieser Zeit exzentrischer Einfall.

Am ehesten kommt noch das Scherzo der Tradition entgegen, jener dritte Satz mit den Zither-ähnlichen Pizzicati und den pittoresken Jagdfanfaren des Trios. Das Finale bringt die erwartete A-Dur-Apotheose, wirkt ansonsten aber wie eine fortgesetzte Durchführung des Kopfsatzes, dessen Motive und vor allem Rhythmen es aufgreift. »Markig lang gezogen« spielen die Streicher das Thema des an zweiter Stelle stehenden Adagios – auch dies ein Satz, der dem Kopfsatz besonders verpflichtet ist. Hier wird ein Trauerhymnus mit einem idyllischen Gegenthema konfrontiert; die Entwicklung mündet in eine »Largo« überschriebene Klangfläche, die es in ihrer schwebenden, unbestimmbaren, scheinbar ziellosen Art nur bei Bruckner gibt.

Zu Bruckners Lebzeiten wurden nur die Mittelsätze der Sechsten aufgeführt; 1899, gut zwei Jahre nach dem Tod des Komponisten, spielten die Wiener Philharmoniker alle vier Sätze unter Leitung Gustav Mahlers, der das Werk allerdings gekürzt und uminstrumentiert hatte. Ungekürzt erklang Bruckners Sechste erstmals unter Karl Pohlig in Stuttgart 1901 – ins neue Jahrhundert passte diese Musik offenbar besser als in ihre Entstehungszeit.

Olaf Wilhelmer

x

Jetzt ansehen

Testen Sie die Digital Concert Hall

Testen Sie die Digital Concert Hall

Sehen Sie ein Konzert mit Symphonien von Ludwig van Beethoven, dirigiert von Sir Simon Rattle.

Kostenloses Konzert ansehen