Ein russischer Abend mit Gustavo Dudamel und Viktoria Mullova

07. Mär 2009

Berliner Philharmoniker
Gustavo Dudamel

Viktoria Mullova

  • Sergej Rachmaninow
    Die Toteninsel op. 29 (23 Min.)

  • Igor Strawinsky
    Concerto en Ré für Violine und Orchester (23 Min.)

    Viktoria Mullova Violine

  • Sergej Prokofjew
    Symphonie Nr. 5 B-Dur op. 100 (52 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Gustavo Dudamel im Gespräch mit Edicson Ruiz (18 Min.)

Die drei Komponisten dieses Konzerts der Berliner Philharmoniker vom März 2009 repräsentieren die stilistische Vielfältigkeit der russischen Musik im 20. Jahrhundert. Zugleich zeigen ihre Lebensläufe den Einfluss zeitgeschichtlicher Ereignisse. Sergej Rachmaninow musste sich zwar 1918 für immer von seinem Heimatland trennen, blieb aber seinem unverwechselbar spätromantischen, von tiefer Liebe zu russischer Kultur und Musik geprägten Idiom zeitlebens treu. Dieses prägt bereits seine schwelgerisch-düstere, im ungewöhnlichen 5/8el- Takt notierte Tondichtung Die Toteninsel von 1909, zu der sich der Komponist von Arnold Böcklins gleichnamigem Gemälde inspirieren ließ. Sergej Prokofjew hatte seine Karriere als genialer Bürgerschreck begonnen, lebte nach der Oktoberrevolution jahrelang in Amerika und Westeuropa, um dann ausgerechnet zur Zeit des schlimmsten stalinistischen Terrors in die Sowjetunion zurückzukehren. Seine klangmächtige, etwa im langsamen Satz aber auch lyrisch-romantische Fünfte Symphonie war schon in der Stalinzeit ein großer Erfolg, hat aber das damals herrschende fragwürdige Stilideal des »sozialistischen Realismus’« mühelos überlebt und gilt heute neben der Symphonie classique als gelungenster Gattungsbeitrag des Komponisten.

Igor Strawinsky schließlich entschied sich wie Rachmaninow für ein dauerhaftes Exil, nur einmal ist er für eine Reihe von Konzertauftritten 1962 in die russische Heimat zurückgekehrt. Sein einziges Violinkonzert, dessen Uraufführung der Komponist selbst 1931 in Berlin dirigierte, wird allgemein seiner neoklassischen Schaffensphase zugerechnet. Auffällig ist der Rückgriff auf barocke Stilmerkmale sowie ein viertöniger Akkord der Solovioline, der zu Beginn aller vier Sätze erklingt. »Virtuosität um ihrer selbst willen spielt in meinem Konzert keine große Rolle“, erklärte Strawinsky. Den gleichwohl immensen Anforderungen des Soloparts begegnet die Geigerin Viktoria Mullova mit souveränem Überblick und glasklarer Artikulation. Nachdem der venezolanische Dirigent Gustavo Dudamel beim Walbühnenkonzert 2008 sein erfolgreiches Debüt bei den Berliner Philharmonikern gefeiert hatte, überzeugte er bei seinem zweiten Auftritt mit dem Orchester durch Leidenschaft und Präzision.

Drei Facetten russischer Musik des 20. Jahrhunderts

Werke von Rachmaninow, Strawinsky und Prokofjew

Die Komponisten Sergej Rachmaninow, Igor Strawinsky und Sergej Prokofjew verbindet außer ihrer nationalen Herkunft wenig. Zu unterschiedlich waren sie als Charaktere, zu verschieden waren ihre musikalischen Wege. Rachmaninow sah sich zeitlebens einem Idiom verpflichtet, das am besten als spätromantisch charakterisiert werden kann. Strawinskys Œuvre durchziehen verschiedene Stilwechsel, Modernität sowie die Besinnung auf die (auch frühe) Klassik. Prokofjew musste vor allem in den letzten 20 Jahren seines Lebens eine Gratwanderung zwischen Experimentierfreudigkeit, Avantgarde, Klassizismus und den Anforderungen »sowjetischer« Ästhetik bewältigen. Insofern verkörpern diese Komponisten drei Facetten und die große Bandbreite russischer Musik im 20. Jahrhundert.

Sergej Rachmaninow, als berühmter Pianist und Autor höchst virtuoser Klaviermusik anerkannt, wird als Komponist symphonischer Musik eher kritisch beäugt oder gar abgelehnt. Dabei war er ein Meister der Instrumentierung, verfeinerte den Klang des Orchesters höchst raffiniert, schuf Farben und Stimmungen, die manchmal einzigartig sind. Er stand in der Tradition der russischen nationalen Schule, war ein Konservativer, und mit der Tradition zu sehr verbunden, als dass er mit ihr hätte brechen können. Es scheint, als ob er in seinem Werk die Spannung zwischen einer spätromantischen und einer modernen Musiksprache aushalten würde, ohne sich dabei »falscher« Modernität zu beugen.

Beim Komponieren wurde Rachmaninow häufig von Literatur und Bildender Kunst angeregt. Arnold Böcklins Gemälde Die Toteninsel muss ihm eine ideale Inspirationsquelle gewesen sein. In einem Brief an die armenische Schriftstellerin Marietta Schaginjan, die ihn u. a. bei der Auswahl von Dichtern für seine Lieder op. 34 beriet, äußerte er: »Die Stimmung muss eher traurig als glücklich sein. Die helleren Töne fallen mir nicht so leicht.« So fand er in Böcklins Gemälde genau das, was er suchte: geheimnisvolle Atmosphäre, bedrohliche Schatten, die Präsenz des Todes und die Frage nach dem Jenseits; schließlich die geheimnisvolle Gestalt des Fährmanns Charon, der die Toten auf seinem Floß über die dunklen Wasser des Styx ins Jenseits transportiert. Den entscheidenden Impuls für seine Komposition Die Toteninsel op. 29 erhielt der Komponist durch eine Schwarz-Weiß-Reproduktion des böcklinschen Gemäldes, die er 1907 in Paris gesehen hatte. Als er später das farbige Original kennenlernte, war er einigermaßen enttäuscht: »Ich war von der Farbe des Gemäldes nicht besonders bewegt. Hätte ich das Original zuerst gesehen, hätte ich die Toteninsel womöglich nicht geschrieben.« Für Rachmaninow war das Thema, der antike Mythos und nicht seine Gestaltung durch Böcklin der maßgebliche Stimulus.

Das Sujet bot dem Komponisten zudem Gelegenheit, das »Dies irae«-Motiv zu verarbeiten, jenen alten gregorianischen Trauergesang, der ihn – und auch viele andere Komponisten –faszinierte. Rachmaninow hat dieses Motiv immer wieder in seinen Werken verwendet. In der Toteninsel benutzt er die Sequenz sehr diskret und sparsam, und obwohl sie nie vollständig zitiert wird, ist ihr Einfluss durchgehend unüberhörbar. Auch die Dramaturgie der Komposition ist sehr geschickt: Der dunklen Welt der Toten steht die freundliche des Lebens gegenüber. Am Ende freilich, nach zwei großen Steigerungen und einem heftigen Höhepunkt, gewinnt der Tod die Überhand. Charon legt von der Insel ab und überlässt die Toten ihrem Schicksal im Jenseits.

Die Toteninsel wurde Anfang 1909 in Dresden komponiert und im April des gleichen Jahres in Moskau unter Rachmaninows Leitung uraufgeführt. Sie fand in russischen und angelsächsischen Konzertsälen bald großen Anklang, in Mitteleuropa stieß sie wohl aufgrund ihrer morbiden Stimmung eher auf Skepsis oder Zurückhaltung.

Igor Strawinskys immer wieder intensiv geführte Auseinandersetzung mit der Form des Konzerts schlug sich eher in eigenwilligen denn »klassischen« Kompositionen nieder. Die Komposition des Konzerts in D für Violine und Orchester verdankt sich dem Zusammentreffen mehrerer glücklicher Umstände. In Auftrag gegeben wurde das Werk 1931 für den polnisch-amerikanischen Geiger Samuel Duschkin von dessen Förderer und Mäzen Blair Fairchild. Maßgeblich beteiligt am Zustandekommen der Komposition war zudem Willy Strecker vom Musikverlag Schott: »Er war einerseits mit Duschkin eng befreundet, andererseits war dies mein erstes Werk, das von Schott veröffentlicht werden sollte« berichtete Strawinsky. Der Komponist hatte zunächst noch Bedenken, weil er befürchtete, Duschkin könne ein effekthascherischer, nur auf Virtuosität und Brillanz bedachter Geigenvirtuose sein. Als er ihn dann aber kennenlernte, wurde Strawinsky rasch eines Besseren belehrt.

Strawinsky hatte aber auch grundsätzliche Skrupel, ein Violinkonzert zu schreiben, denn er befürchtete, »dass meine nur oberflächliche Kenntnis des Instruments nicht genügen würde, mich die vielen Probleme lösen zu lassen, die notwendigerweise bei der Arbeit an einem größeren Werk für dieses Instrument entstehen müssten.« Den letzten Ausschlag zur Komposition gab wohl Paul Hindemith, der Strawinskys Zweifel ins Positive wendete und den vermeintlichen Nachteil gerade als Vorteil sah. Das Werk entstand zwischen Frühjahr und Herbst des Jahres 1931 in Frankreich und in enger Zusammenarbeit mit Duschkin.

Das Violinkonzert stammt aus der Zeit der Beschäftigung mit der Musik des Barock, es ist von keinerlei Vorbild inspiriert oder beeinflusst worden, aber gleichwohl doch Ergebnis eines »Dialogs mit der Geschichte« (Stefan Kunze). An Bach erinnern die Satzbezeichnungen seines Konzerts – Toccata, Aria, Capriccio – und in gewissem Umfang auch die kompositorische Substanz. »Ich mag Bachs Konzert für zwei Violinen sehr, wie das Duett des Solisten mit einer Violine des Orchesters im letzten Satz meines eigenen Konzerts zeigen mag. Aber mein Violinkonzert enthält noch andere Duettkombinationen, und die Textur der Musik ist häufiger kammermusikalisch als orchestral.« Strawinsky war nicht an Geigenvirtuosität um ihrer selbst willen interessiert, sondern mehr an der Kombination der solistischen Geige mit den anderen Instrumenten. Gegenüber Willy Strecker soll er dann aber doch geäußert haben, er wolle ein echtes Virtuosenkonzert schreiben, eine Komposition, in welcher der Geist der Violine in jedem Takt spürbar sein solle. Die Uraufführung des Violinkonzerts mit Samuel Duschkin und dem Berliner Funk-Orchester unter Leitung des Komponisten fand am 23. Oktober 1931 in der Berliner Philharmonie im Rahmen eines »Strawinsky-Abends« statt.

14 Jahre nach Fertigstellung der Vierten schuf Sergej Prokofjew mit der Fünften Symphonie Nr. 5 B-Dur seine interessanteste und überzeugendste Auseinandersetzung mit der klassischen symphonischen Form. Er kehrte nicht nur zum symphonischen Genre zurück, sondern schloss zugleich einen Abschnitt seiner kompositorischen Entwicklung ab. Hatte er in früheren Symphonien auf Material aus Theater- und Ballettmusiken zurückgegriffen, wandte er sich nun der »reinen« Symphonik zu.

Im Sommer 1944 arbeitete Prokofjew gleichzeitig an der Fünften Symphonie und verschiedenen anderen Kompositionen. Im Herbst war die Symphonie vollendet und wurde am 13. Januar 1945 – jenem denkwürdigen Tag, an dem sowjetische Truppen in Polen die Weichsel überschritten und zur großen Gegenoffensive gegen das faschistische Deutschland ansetzten – unter der Leitung des Komponisten im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums uraufgeführt.

In der Sowjetunion und im sozialistischen Ausland wurde die Fünfte als »tief beeindruckendes Werk des sozialistischen Realismus« und als »symphonisches Epos von Kampf und Sieg« gefeiert. Der stellenweise pathetische Stil führte auch westliche Kritiker zur Auffassung, die Musik sei eng verbunden »mit den historischen Ereignissen der letzten Jahre in Russland«. Als schockierend empfand man in Amerika, dass sich die Symphonie »zu offen an die Massen wende«. Vor auch politisch-ideologischen (Miss-)Deutungen ist Prokofjew freilich in Schutz zu nehmen. Wenn überhaupt, hatte er ein allgemeines, jedoch kein politisches »Programm« im Sinn, sondern wollte »eine Symphonie von der Größe des menschlichen Geistes« komponieren, »ein Lied auf den freien und glücklichen Menschen anstimmen, seine schöpferischen Kräfte, seinen Adel, seine innere Reinheit«.

Mit diesem Opus 100 hat Prokofjew seinen reifen Stil als Symphoniker gefunden. Nur noch andeutungsweise sind die Experimente, die klangliche Aggressivität, die Ausbrüche der vorangegangenen Symphonien zu ahnen. Er verzichtet auf die weitere Verfolgung moderner oder gar experimenteller Wege und wendet sich dem Klassizismus zu. Das trug ihm den Vorwurf ein, er ziehe sich letztlich auf eine ästhetisch regressive Position zurück.

Helge Grünewald

Seit Gustavo Dudamel 2004 mit erst 23 Jahren den Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker gewann, löst er immer wieder Begeisterung in der internationalen Klassikszene aus. Der Dirigent, Geiger und Komponist wurde 1981 in Barquisimeto (Venezuela) geboren. Er war Schüler des Violinpädagogen José Francisco del Castillo an der latein-amerikanischen Akademie für Violine und absolvierte ein Dirigierstudium bei Rodolfo Saglimbeni sowie bei José Antonio Abreu. Seit 1999 betreut Gustavo Dudamel als Musikalischer Leiter das Simón Bolívar Jugendorchester aus Venezuela; zur Saison 2007.2008 wurde er außerdem Chefdirigent der Göteborger Symphoniker. Dudamel hat bereits mit Sir Simon Rattle, Claudio Abbado und Daniel Barenboim zusammengearbeitet. 2005 gab er sein USA-Debüt beim Los Angeles Philharmonic Orchestra; in der Folge gastierte er u. a. auch beim City of Birmingham Symphony Orchestra, beim Orchestre Philharmonique de Radio France, bei der Staatskapelle Dresden, beim Israel Philharmonic Orchestra sowie beim Philharmonia Orchestra London. Am Pult des Simón Bolívar Jugendorchesters war der junge Dirigent zwischen 2000 und 2008 bereits vier Mal in der Berliner Philharmonie zu erleben; bei den Berliner Philharmonikern gab er sein Debür beim Waldbühnenkonzert am 15. Juni 2008. Im September letzten Jahres wurde Gustavo Dudamel mit dem Würth-Preis der Jeunesses Musicales Deutschland ausgezeichnet.

Viktoria Mullova studierte in Moskau bei Leonid Kogan. Ihre außergewöhnliche musikalische Begabung zog die internationale Aufmerksamkeit auf sich, als sie 1980 beim Sibelius-Wettbewerb in Helsinki den Ersten Preis gewann und zwei Jahre später die Goldmedaille beim Tschaikowsky-Wettbewerb. Viktoria Mullova konzertiert auf den Podien der Musikmetropolen und Festspielorte in aller Welt, arbeitet mit den bedeutendsten Dirigenten und Orchestern wie auch Spezialensembles für historische Aufführungspraxis zusammen und zählt zu den Partnern ihrer kammermusikalischen Aktivitäten Künstler wie die Pianistin Katia Labèque, den Cembalisten Ottavio Dantone, den Fortepiano-Virtuosen Kristian Bezuidenout und den Cellisten Pieter Wispelwey. Das Repertoire der Geigerin spannt einen Bogen von barocken bis zu zeitgenössischen Werken und schließt Uraufführungen von eigens für sie geschriebenen Stücken ebenso ein wie Ausflüge in den Jazz oder die Traditionen der Zigeunermusik. Bei den Berliner Philharmonikern ist Viktoria Mullova seit ihrem Debüt im Dezember 1984 mit dem Violinkonzert e-Moll op. 64 von Felix Mendelssohn Bartholdy (Dirigent: Seiji Ozawa) wiederholt aufgetreten, zuletzt Mitte November 2001 unter der Leitung von Andrej Boreyko als Solistin in Beethovens Violonkonzert.

Deutsche GrammophonGustavo Dudamel tritt in der Digital Concert Hall mit freundlicher Genehmigung von Deutsche Grammophon auf.

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