Kirill Petrenko dirigiert Smetanas »Má vlast« beim Prager Frühling
Das Festival Prager Frühling beginnt jährlich am 12. Mai, dem Todestag Bedřich Smetanas, mit einer Aufführung von dessen Má vlast (Mein Vaterland). Dank einer Klangsprache, in der folkloristische Elemente auf die westeuropäische Musiktradition treffen, gilt der Komponist als Begründer eines tschechischen Nationalstils. 2024 eröffneten die Berliner Philharmoniker und Chefdirigent Kirill Petrenko das Festival mit dem beliebten Zyklus – einem musikalischen Streifzug durch die Landschaft, Geschichte und Sagenwelt Tschechiens.
Für das Publikum, das im Prager Smetana-Saal einem Konzert beiwohnt, lohnt ein Blick nach oben, denn hier prangt ein Kronjuwel des Jugendstils: eine monumentale Glaskuppel, die von blattgoldverziertem Stuck und großflächigen Deckenfresken umrahmt wird. Das 1912 eröffnete Gemeindehaus, das den Saal beherbergt, wurde dem barocken Königshof nachempfunden. Als eines der ersten voll elektrifizierten Gebäude Prags vereint es damals modernste Technik mit architektonischer Eleganz. Die Konzerte im Rahmen des Festivals Prager Frühling finden hier und in den Konzertsälen des Rudolfinum am Moldauufer statt.
Jedes Kind lernt sie hierzulande im Musikunterricht kennen: Die Moldau, benannt nach dem längsten Fluss Tschechiens, zählt zu den bekanntesten Stücken der klassischen Musik. Mit ihrer bildstarken Tonsprache gilt sie als Paradebeispiel romantischer Programmmusik. Sie steht an zweiter Stelle des Zyklus’ Mein Vaterland, dessen sechs Symphonische Dichtungen Bedřich Smetana zwischen 1874 und 1879 schrieb. Das Erstaunliche: Er selbst konnte seine Musik nicht hören. Wie Beethoven ereilte auch Smetana 1874 das tragische Schicksal der Ertaubung: »Wenn meine Krankheit unheilbar ist, wünschte ich, von diesem leidvollen Dasein bald erlöst zu werden.« Dass Smetana unter diesen Bedingungen einen derart »unerschöpflichen Farbenreichtum« zu Papier brachte, bezeichnet Kirill Petrenko in unserem Auftakt zum Werk als »eine der herausragenden Leistungen der Musikgeschichte«. Vyšehrad, der erste Teil, erzählt in einem archaischen Legendenton von glanzvollen Zeiten der berühmten Burg und ist unüberhörbar von Wagners Walhall inspiriert. In der Moldau bahnen sich zwei Quellen, zunächst zaghaft, dann immer rauschender ihren Weg und vereinen sich schließlich zu einem reißenden Strom. Šárka zeichnet eine Legende nach, in der eine Kriegerin blutige Rache an der Männerwelt nimmt, und Z českých luhů a hájů (Von Böhmens Hain und Flur) ist eine atmosphärische Naturschilderung. Tábor erzählt in Marschrhythmen und mit düsteren Fanfaren vom Kampf um die gleichnamige Stadt und der letzte Teil, Blaník, triumphiert unter Wiederaufnahme des Vyšehrad-Motivs. Euphorischer Jubel brach bei der vollständigen Uraufführung 1880 aus, den Smetana – vollständig ertaubt – nicht mehr hören konnte.
© Česká televize / UNITEL 2024
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